——
———
.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 6.
Seite 6. 8 O De— F 8 2 85 Unterhaltungs⸗CTeil. *
go singt Mirza gchaffy.
So singt Mirza Schaffy: wir wollen sorglos In der Gefahr sein—
Im Bunde mit Wein, mit Rosen und mit Frauen Des Kummers bar sein!
Mag Heuchelei und Hochmut sich verbünden, Bosheit mit Dummheit—
Wir aber wollen eine geisterles'ne Geweihte Schar sein!
Vorläufer der Erlösung, Tempelstürmer Des Aberglaubens—
Verkündiger der Wahrheit, die einst Allen Wird offenbar sein!
Ein Schwert ist unser, schärfer als das schärfste Schwert von Damaskus—
Und wo es trifft, da wird geheilt den Blinden Der schwarze Star sein!
Wir reißen Sonne, Mond und Sterne nieder, Es soll ihr Feuer
Im Liede glüh'n und Opferflammen auf der Schönheit Altar sein!
So wandeln wir einher mit froher Botschaft Und nichts hinfort Soll uns Verfängliches, als schöne Augen Und schönes Haar sein. Friedrich Bodenstedt.
vom Stamm gerissen.
51 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)
Herr Stern war dabei in seinem Element. War er auch ein Gegner der neuen Theorien, so konnte er doch eifern, poltern, seiner Suade freien Lauf lassen, und das war ihm schon Genuß. Während er, wenn der Produktenvetter da war, wie Valeska Rudolf nannte, schon um zehn Uhr seine dicke silberne Uhr herauszog, dem Gast pfiffig zublinzelnd, um ihm zu verstehen zu geben, daß es Zeit sei, sich zurückzuziehen— denn gerade weil der Neffe Geld besaß, war er gerne grob gegen ihn— brach Oettinger ihm stets zu früh auf, und niemals unterließ er es, ihn zum Wiederkommen zu nötigen.
Es blieb jedoch nicht allein bei diesen Be⸗ suchen. So lange die Jahreszeit schön war, ging die Familie nach dem Abendbrot oft ins Freie, gewöhnlich in einen der öffentlichen Gärten, die den mitten in der Stadt liegenden See, Schloßteich genannt, wie mit einem grünen Kranz umgeben und diesen Punkt des alten, sonst unschönen Königsberg zu einem überraschend lieblichen machen. Hierher begleitete Oettinger bisweilen die Damen, und bei einer solchen Ge⸗ legenheit war es, wo er, mit Valeska allein unter den alten, schattigen Bäumen auf⸗ und abwandelnd, während Frau Stern und Tussy eine Strecke vor ihnen gingen, seinen heißen Gefühlen für das Mädchen an seiner Seite Ausdruck gab. Valeska hatte das Geständnis längst in seinen Blicken gelesen und doch über⸗ flutete sie dasselbe mit berauschender Seligkeit, so wie der Mond draußen Wipfel und See mit Strömen von Silber übergoß. Es war ein Bund fürs Leben, still und ernst, nur mit stummem Händedruck, aber Blicken, die mehr sagten, als der beredteste Mund es vermag. Nur daß sie sich schreiben wollten, machten sie ab, und daß vorläufig alles ihr Geheimnis bliebe.
Wie erstaunte Valeska daher, als Tussy, an deren Bett Valeska trat, um ihr Gutenacht zu agen, nachdem beide sich stumm entkleidet hatten, eidenschaftlich ihren Hals umschlang und in
der hier geschlossen wurde,
Thränen ausbrach. Nur die Kenntnis des Vor⸗ gefallenen konnte der Grund dieser Aufregung sein. Aber wie hatte sie es erfahren?
„So weißt Du es?“ fragte Valeska leise. Tussy nickte stumm, indem sie die Schwester noch fester an sich drückte.
„Seltsames Kind!“ murmelte Valeska, jene wie ein solches beschwichtigend.„Ja, er hat es mir heute gesagt“, fuhr sie flüsternd fort und verbarg in holder Scham das Gesicht an dem knospenden Busen der Schwester.„Tussy, ich bin so glücklich!— Es bleibt aber unter uns. Nur Du darfst es wissen, Dir hätte ich es doch gesagt. Du wirst unsere liebe kleine Vertraute sein. Die Mutter dürfen wir nicht beunruhigen und der Vater— Du weißt selbst, wie thöricht es wäre. Wir müssen abwarten. Einstweilen, Tussy, geliebtes, treues Herz, einstweilen— laß uns glücklich sein!“ Sie sprach die letzten Worte mit sehnsuchtsvoll schwellender Brust, den Kopf in den Nacken gebogen. Tussy starrte sie an, wie sie im Doppellichte des Mondes und der Lampe, halb angekleidet, auf dem Rande des Bettes saß. Es war etwas Fremdes in der Schwester, und doch ging ein Schauer ahnenden Verständnisses durch die Brust des Kindes. Glücklich sein! Sie begriff auf einmal, was alles in diesen zwei Worten lag, und je tiefer sie darüber dachte, desto deutlicher trat das Bild Oettingers vor ihre Seele. Sie ward sich ihres Zustandes jedoch nicht bewußt. Zu jung, zu unschuldsvoll, zu unerfahren, hielt sie die Macht, die Oettinger auch über ihr Herz gewonnen, für den ihm gebührenden Anteil an ihrer schwester⸗ lichen Liebe. Erst viel, viel später sollte sie zur Erkenntnis der wahren Natur ihrer Neigung kommen Wie durch Intuition wußte sie, was sich heute hinter ihr zugetragen, und das ganze Chaos unklarer und unverstandener Empfindungen war in überwallende Bewegung geraten. Erst nachdem sie sich ganz beruhigt hatte, verließ Valeska sie, um sich in ihr junges Liebesglück zu versenken.
Oettinger war, nachdem er die Geliebte ver⸗ lassen, wie trunken durch die mondhellen Straßen gestürmt. Zuerst zum Schloßteich zurück, wo er ein Boot nahm und einer kleinen Flottille von Sängerbooten, die mit bunten Papierlaternen erleuchtet waren, in einiger Entfernung folgte. Doch bald verlangte es ihn nach Einsamkeit; er mußte allein sein mit ihrem Bilde, und die Schildwache, an der vorüber er durch das Thor nach dem Glacis stürmte, mochte sich über den eiligen Nachtwandler wundern.
Seine Zukunft stand klar vor ihm. Er hatte, seitdem er die politisch fortgeschrittensten Ideen zu den seinigen gemacht, auf eine Staatskarriere verzichtet. Er trug seine Meinung frei und offen zur Schau, wie hätte er daher unter den obwaltenden Zeitverhältnissen hoffen dürfen, jemals als Beamter eine Existenz zu finden? Er wollte nur sein Referendarexamen machen, zu welchem er sich vorbereitete, und sich dann der Journalistik zuwenden. Eine größere Zei⸗ tung in der Ostprovinz war zur Notwendigkeit geworden, und Oettinger als Leiter derselben ausersehen. War das Gehalt, welches ihm ge⸗ boten wurde, auch nur so beschaffen, daß es ihm die Notdurft des Lebens deckte, so ließ ihm die Beschäftigung doch noch freie Zeit genug, um national⸗ökonomische Arbeiten, zu denen sich allerhand Material in seinem Kopfe drängte, zu unternehmen und dadurch sein Einkommen all⸗ mählich auf den Standpunkt zu bringen, der ihm erlaubte, eine bescheidene Häuslichkeit zu gründen.
Er hatte von diesen seinen Plänen kein Hehl gemacht, sie im Gegenteil wiederholt in der Sternschen Familie entwickelt und völlige Zu⸗ stimmung gefunden. Auch bei Herrn und Frau Stern. Natürlich! Alles das war ja recht gut und schön für einen jungen kühnen Schwärmer, der seinen einmal gefaßten Ideen jedes Opfer zu bringen bereit war. Wenn er darin Be⸗ friedigung fand und ihm ein solches Leben ge⸗ nügte, so war es ja seine Sache. Was hätten Herc und Frau Stern dagegen einwenden sollen? Keinem von beiden kam es im entferntesten in
den Sinn, daß diese im Werden begriffene „katilinarische Existenz“ irgend etwas mit ihnen und ihren Verhältnissen zu thun haben könnte. Und das war abermals natürlich. Dickens schildert in David Copperfield einen Juristen,
der vorzugsweise mit Erbschaftssachen und Testa⸗
menten zu thun hat, einen alten, gewiegten, er⸗ fahrenen Praktiker, bei dessen plötzlichem Tode sich aber kein Testament vorfindet. Er hatte aus seinen Erfahrungen keinen Nutzen gezogen. Aehnlich erging es Herrn und Frau Stern. Sie hatten in ihrer Jugend sich heimlich geliebt, sich gegen den Willen der Eltern verlobt und ihren eigenen Willen durchgesetzt,— trotzdem, oder gerade darum, fiel es ihnen nicht ein, daß
Petinget n
sich dies bei ihren Kindern just so wiederholen u
könnte. Es war auch schon so lange her und ihr Ehebündnis so schlecht ausgeschlagen, daß sie sich kaum noch und dann höchst ungern daran erinnerten. Beider Ehrgeiz, wie der aller halb⸗ gebildeten Eltern, ging stillschweigend dahin, ihre schöne Tochter möglichst glänzend zu verheiraten. Die Chancen standen ja auch nicht übel. Valeska war von den Männern so gesucht und gefeiert, daß es nur einigen Entgegenkommens von ihrer Seite bedurft hätte, um das Netz. in dem sie ihre Verehrer wider Willen gefangen hielt, über irgend einem Goldfisch vollends zuzu ziehen. Hierbei zeigte sich jedoch ihre der gewohnlichen weiblichen Kleinkunst völlig abgeneigte Natur. Eine Heirat als solche lag außerhalb aller ihrer Gedanken und Zukunftsberechnungen, da ihr bis zur Bekanntschaft mit Oettinger noch kein Mann begegnet war, der die Sehnsucht nach einem höheren Glück, als das in der Liebe zur Mutter und Schwester, in ihr erregt hatte. Als kluges Mädchen, das mit offenen Augen um sich schaute, wußte sie natürlich, daß sie eines Tages jene Sehnsucht empfinden würde, aber nur diese sollte entscheinend über ihre Zukunft sein. Triumphe jener Art verschmähte sie, sogenannte Körbe aus⸗ zuteilen, sah sie ebenso peinvoll für sich wie für den betroffenen Empfänger an, und daher hatte sie es nie bis zu einer förmlichen Bewerbung kommen lassen. Ein großherziges, von niedriger weiblicher Eitelkeit freies Mädchen hätte dies, wie sie meinte, mit wenigen Ausnahmen in seiner Gewalt.
So leicht Valeska es sich in ihrem ersten Liebesrausch gedacht hatte, der Mutter ihr neues Verhältnis zu Oettinger zu verschweigen, so un⸗ möglich dünkte sie dies im nüchternen Tagesschein schon des nächsten Morgens. In der ersten Stunde, wo sie mit jener allein war, sagte sie ihr alles. Die Wirkung dieses Geständnisses auf Frau Stern war ungefähr dieselbe, die ein Mensch empfinden würde, der zum Sirius oder der Sonne aufblickend, diese plötzlich über den Himmel hinfahren und erlöschen sähe. Versteinert saß sie da, keines Wortes mächtig. Wie im Fluge zog ihr eigenes Schicksal an ihr vorüber, und dies sollte auch das dieses reich begabten
Mädchens werden, das in ihrer geistigen Ent⸗
wickelung so hoch über ihr stand, wie die Orga⸗ nisation der Blume über der des Blattes steht? Mochte auch Oettinger ein anderer Mann sein als der ihrige, ein Mann von wahrer Bildung und edlem Charakter, das Weib, welches ihr Los an das seine knüpfte, hatte nur Kämpfe vom Leben zu erwarten, vielleicht noch schwerere, als sie selbst durchgekämpft. Und ebenso klar, wie sie dies erkannte, sah sie auch, daß es bei dem Charakter ihrer Tochter kein Mittel gab, sie davor zu bewahren. erfaßte, das hielt sie fest fürs Leben.
„O mein Kind, mein armes Kind!“ alles, was sie sagte. a
Doch Valeska besaß eine wunderbare Gabe der Ueberredung, eine solche Mut und Vertrauen einflößende Art, die trübsten Dinge von einer
war
Was Valeska einmal
22
e:
Den! f vethilnif Dung. 8 inen u Bekriebve Stürmen nanen be geringen England
weise bis en gon Im Grun ideri kum am süchen A
. We
die Mar . Wir secblung losen e u feht m Eigenhei da Bo mal und 9 diem h . Den g bildete!
ibergeg Vohrge n Si emzäunt Garten mit che
erf a
lag die be v
1 10
hellen, freundlichen Seite darzustellen, daß es 1 1 8
ihr endlich gelang, die Mutter aus ihrer knirschung aufzurichten. Sie war ja so glücklich,
überglücklich, sollte es ihr Mütterchen nicht auch J
sein? Sähe sie nicht, welch eine Perle Oettinger unter den Männern wäre? Könnte sie ihrer
Tochter einen gewöhnlichen Mann wünschen, einen trivialen Bourgeois mit gar keinen oder verbrauchten Ideen? Sie gehörte der anbrechenden
Zer⸗
—


