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Seite 6.
Nitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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Nr. 23.
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Anterhaltungs⸗Ceil.
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Vor einem Erker.
Bei einem Antiquare hing Der Kurfürst wohlgeraten, Und Jeder, der vorüberging, Blieb stehen vor dem Laden.
Und ein Gewoge gab es bald,
Ein Drängen vor dem Erker,
Und stündlich ward von Jung und Alt Der Andrang immer stärker.
Früh Morgens bis zum Ladenschluß Ein Kommen war's und Gehen, Es hat's mit heimlichem Verdruß Der Antiquar gesehen.
Und wie sie wieder gaffend steh'n Da schrie er in den Haufen: „Ja, hängen will ihn Jeder sehn, Doch Keiner will ihn kaufen.“ Friedrich Stoltze.
Das Zeitungswesen in Tennessee.
Von Mark Twain.
Der Arzt riet mir, zur Stärkung meiner Gesundheit ein südliches Klima aufzusuchen, und so ging ich nach Tennessee hinunter und erhielt eine Stelle als Mitherausgeber der Zeitung „Morgenglanz und Kriegsgeschrei der Provinz Fohnson“. Als ich ins Büreau kam, fand ich den Chefredakteur in einen dreibeinigen Stuhl hingeräkelt, die Füße hatte er auf einem Tisch von Fichtenholz. Es war noch ein Fichtenholz⸗ tisch und noch ein invalider Stuhl im Zimmer, beide waren halb begraben unter Zeitungen, Papieren und Manuskriptbogen. Außerdem sah ich einen hölzernen Spucknapf, auf dem Zigar⸗ renstummel lagen und einen Ofen, dessen Thür nur noch an der oberen Angel hing. Der Chef⸗ redakteur hatte einen schwarzen Tuchfrack mit langen Schößen und weiße Leinwandbeinkleider an. Seine Stiefel waren zierlich und gut ge⸗ wichst. Er trug ein gefälteltes Hemd, einen großen Siegelring, einen Stehkragen von alt⸗ modischem Schnitt und ein gewürfeltes Halstuch mit herabhängenden Enden. Kostüm ungefähr aus dem Jahr 1848. Er rauchte eine Zigarre, wobei er über ein Wort nachdachte, und hatte seine Locken durch fortwährendes Hineinfahren arg zerdrückt. Nach seiner fürchterlich düstern Miene zu urteilen, war er eben damit beschäftigt, einen besonders schwierigen Leitartikel für sein Blatt zusammenzubrauen. Er hieß mich ver⸗ schiedene Zeitungen nehmen und überlesen und dann einen Artikel über den„Geist der Presse in Tennessee“ schreiben, in welchem alles, was ich Interessantes fände zusammengefaßt werden sollte.
Ich schrieb wie folgt:
Der Geist der Presse in Tennessee.
„Die Herausgeber des„Halbwöchentlichen Erdbebens“ stehen sichtlich unter einem Mißver⸗ ständnis betreffs der Ballyhack-Eisenbahn. Es ist nicht die Absicht der Gesellschaft, Buzzardville links liegen zu lassen. Im Gegenteil, sie betrach— ten es als einen der wichtigsten Punkte der Linie und können folglich nicht den Wunsch haben, es geringschätzig zu behandeln. Die Herren vom „Erdbeben“ werden natürlich gern die Sache be— richtigen.
„John W. Blossom, Esquire, der befähigte Redakteur des„Donnerkeil und Schlachtruf der Freiheit“ in Higginsville, kam gestern in der Stadt an. Er hat in van Burens Haus Woh⸗ nung genommen.
„Wir endecken, daß unser Kollege, der Re⸗ dakteur des„Morgengeheul“ in Mud Springs, irrtümlich vermutet die Wahl des van Werter sei noch nicht festgestellt, aber er wird ohne Zweifel sein Versehen bemerken noch ehe diese Mahnung an ihn gelangt. Er war zweifellos durch unvollständige Wahlberichte irregeleitet.
„Man hat mit Freuden davon Kenntnis ge⸗ nommen, daß die Stadt Blathersville sich be⸗ müht, mit einigen New⸗Yorker Herren einen Kontrakt abzuschließen behufs Pflasterung ihrer fast unwegsamen Straßen mit dem Nicholson⸗ pflaster. Das„Tägliche Hurra“ befürwortete diese Maßregel äußerst geschickt und vertraut auf schließlichen Erfolg.“—
Ich überreichte dem Chefredakteur mein Manuskript zur Annahme, Abänderung oder Vernichtung. Er sah es an, und seine Stirn umwölkte sich. Seine Augen überflogen die Sei⸗ ten, und seine Miene wurde unhelbro hen Ich konnte leicht sehen, daß etwas nicht in Ordnung war. Plötzlich sprang er auf und rief:„Himmeldonnerwetter! Denken sie denn, daß ich so von diesem Viehzeug rede? Denken Sie, meinen Abonnenten schmeckt solche Wasser⸗ suppe? Geben Sie die Feder her!“—
Nie sah ich eine Feder so boshaft ihren Weg scharren und kratzen oder jemandes Zeit⸗ und Eigenschaftswörter so unbarmherzig durchstreichen. Als er in der Arbeit mitten drin war, schoß jemand durch daß offene Fenster auf ihn und unterbrach das gleichförmige Geräusch.
„Ah“, sagte er,„das ist dieser Schurke Smith vom„Moralischen Vulkan“— er hatte gestern Zahlungstermin.“ Damit riß er einen Schiffs⸗ revolver aus seinem Gurt und feuerte. Smith fiel, am Scheukel getroffen. Dadurch verfehlte er natürlich das Ziel, auf das er eben zum zweitenmal angelegt hatte, und seine Kugel machte einen Fremden zum Krüppel; das war ich. Bloß ein Finger wurde mir abgeschossen. Dar⸗ auf fuhr der Chefredakteur fort mit Ausstreichen und Einschalten. Als er eben fertig war, kam eine Handgranate das Ofenrohr herunter und zerttrümmerte beim Exblodieren den Ofen in tausend Stücke. Weiter that sie jedoch keinen Schaden, außer daß ein umherfliegendes Stück mir ein paar Zähne einschlug.
„Der Ofen ist völlig ruiniert“, sagte der Chefredakteur.
Ich sagte, daß es mir auch so vorkäme.
„Ach, thut gar nichts— brauch, ihn ja nicht bei dem Wetter. Ich weiß wohl, wer's that. Will ihn schon kriegen. Sehen Sie so muß der Artikel geschrieben werden.“
Ich nahm das Manuskript. Es war so mit Strichnarben bedeckt, daß seine eigne Mutter es nicht gekannt haben würde, wenn es eine gehabt hätte. Es lautete jetzt so:
Der Geist der Presse in Tennessee.
„Die eingefleischten Lügner vom, Halbwöchent⸗ lichen Erdbeben' sind augenscheinlich bemüht, einem edlen und ritterlichen Volke eine andere ihrer gemeinen und rohen Lügen aufzudrängen hinsichtlich der ruhmvollsten Einrichtung des 19. Jahrhunderts, der Ballyhack-Eisenbahn. Die Idee, daß Buzzardville links liegen gelassen weden sollte, entstand in ihren eignen ekelhaften Gehirnen— oder besser, in der hefenartigen Substanz, die sie als Gehirn bezeichnen. Sie mögen nur ja diese Lüge wieder hinunterschlucken, wenn sie ihren verworfenen, scheußlichen Leich⸗ namen die Prügel ersparen wollen, die sie reich— lich verdienen..
„Dieser Esel Blossow vom„Donnerkeil und Schlachtruf der Freiheit“ in Higginsville schma— rotzt wieder einmal hier in van Burens Haus.
„Wir bemerken, daß der blödsinnige Lum⸗ penhund vom ‚Morgengeheul' in Mut Springs mit seiner gewohnten Neigung zum Lügen be⸗ hauptet, van Werter sei nicht gewählt. Der himmlische Beruf der Journalistik ist es, Wahr⸗ heit auszustreuen, den Irrtum auszurotten, den Ton der öffentlichen Sitten und Manieren zu erziehen, alle Menschen sanfter, tugendhafter, mild⸗ thätiger, in jeder Beziehung besser und heiliger und glücklicher zu machen; und doch entweiht dieser verworfene Schurke seinen großen Beruf beharrlich durch Ausstreuen von Falschheit, Ver⸗ leumdung, Tadel und Gemeinheit.
„Blathersville wünscht Nicholsonpflaster— ein Gefängnis und ein Armenhaus wären besser angebracht. An Pflasterung zu denken in einem jämmerlichen Neste, das aus zwei Schnaps⸗ brennereien, einer Schmiede und dem Senfpflaster von Zeitung, dem„Täglicheu Hurra,, besteht! Der alte Esel, der Buckner, welcher das„Hurra“, redigiert, haht um diese Sache mit seiner ge⸗
wohnteu Dämlichkeit und denkt dabei, er spricht Verstand.“—.
„Sehen Sie, so muß man sschreiben— ge⸗ pfeffert und zugespitzt. Euer Waschlappen⸗ journalismus verursachtz mir das Delirium tremens.“
Jetzt kam ein Ziegelsteinz mit fürchterlichem Getöse durch das Fenster geflogen und gab mir einen tüchtigen Stoß in den Rücken. Ich begab mich außer Schußweite— ich fing an, mich im Wege zu fühlen. Der Chef sagte:„Das ist wahrscheinlich der Oberst. Ich erwarte ihn schon seit zwei Tagen. Er wird gleich erscheinen.“
Das war richtig. Der Oberst trat einen Augenblick später zur Thür herein, einen Dra⸗ gonerrevolver in der Hand.
„Mein Herr“, sagte er,„habe ich die Ehre, mit der Memme zu reden, die dieses räudige Blatt herausgiebt?“
Die haben Sie. Setzen Sie sich, mein Herr. Nehmen Sie sich mit dem Stuhl in acht, er hat bloß drei Beine. Ich glaube, ich habe die Ehre, den verfaulten Lügner Oberst Blatherskite Tecumseh bei mir zu sehen?“
„Ganz recht, mein Herr. Ich habe ein kleines Hühnchen mit Ihnen zu rupfen. Wenn Sie Zeit haben, wollen wir anfangen.“
„Ich habe zwar einen Artikel über den Er⸗ mutigenden Fortschritt der moralischen und in⸗ tellektuellen Entwickelung in Amerika“ fertig zu machen, aber das eilt nicht. Fangen Sie an.“
Beide Pistolen gingen im selben Augenblick los. Der Chef verlor eine Haarlocke, und des Obersten Kugel endete ihre Laufbahn in dem fleischigen Teil eines Schenkels. Des Obersten linke Schulter war etwas verletzt. Sie feuerten wieder. Diesmal verfehlten beide das Ziel, aber ich bekam mein Teil, einen Schuß in den Arm. Beim drittenmal Feuern wurden beide Herren leicht verwundet, und mir wurde ein Knöchel abgesprengt. Darauf sagte ich, ich glaubte, es wäre besser, wenn ich ein wenig spazieren ginge, da das eine Privatsache wäre und mein Zart⸗ gefühl mir nicht erlaubten, länger zu bleiben. Aber beide Herren baten mich, sitzen zu bleiben und versicherten mich, daß ich nicht im Wege sei. Während sie dann wieder luden, sprachen sie über Wahlen und Ernten, und ich fing an, meine Wunden zu verbinden. Aber plötzlich eröffneten sie neubelebt das Feuer wieder, und jeder Schuß traf— aber ich muß hier bemerken, daß fünf Sechstel auf meinen Teil kamen. Der sechste Schuß verwundete den Obersten tödlich; dieser bemerkte mit feinem Humor, daß er nun wohl guten Morgen sagen müsse, da er in der Stadt Geschäfte habe. Dann fragte er, wo der Leichenbesorger wohne und ging. 172
Der Ches wendete sich darauf zu mir und sagte:„Ich erwarte Gesellschaft zum Mittags⸗ essen und muß mich fertig machen. Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie die Korrektur⸗ bogen lesen und die Kunden bedienen wollten.“ Mir graute ein wenig bei dem Gedanken, die Kunden zu bedienen, aber ich war noch zu sehr durch das Pistolenschießen, das ich noch in den Ohren hörte, verwirrt, als daß ich an irgend eine Erwiderung hätte denken können. Er fuhr fort:„Jones wird um 3 Uhr hier sein— bläuen Sie ihn durch! Gillespie wird vielleicht früher kommen— den werfen Sie zum Fenster hinaus! Ferguson will ungefähr um 4 Uhr kommen töten Sie ihn! Das genügt für heute, glaube ich. Wenn Sie irgend überflüssige Zeit haben, können Sie einen Blasen ziehenden Artikel gegen die Polizei schreiben— schimpfen Sie tüchnig auf den Oberinspektor. Die Knüttel zum Durch⸗ prügeln liegen unter dem Tisch— Waffen im Tischkasten— Schießbedarf ist dort in der Gcke — Scharpie und Verbandzeug dort oben in dien kleinen Behältern. Im Fall etwas passieht, gehen Sie hinunter zu Herrn Lancet, dem Wun d⸗ arzt. Der inseriert bei uns— helfen uns gegezn⸗ seitig, verstehen Sie!“— Und fort war ef. Mir schauderte. Nach Verlauf der nächstenn drei Stunden hatte ich so furchtbare Gefahreln durchlebt, daß aller Seelenfriede und alle Heitser⸗ keit des Geistes von mir gewichen waren. Gillespie hatte vorgesprochen und hatte m uch zum Fenster hinausgeworfen. Jones kam pünktlich an, und als ich ihn durchpriß geln wollte, nahm er mir das Geschäft ab. Ju einer
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