Ausgabe 
4.6.1899
 
Einzelbild herunterladen

Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 23.*

Pon Nah und Lern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürli 1 Gewissen⸗

haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Auf zum Waldfest!

* Am morgigen Sonntag giebt sich die ar beitende Bevölkerung von Gießen und Umgegend Rendez-vous im Stadtwald an der Licher Straße. Nirgends ist jetzt der Aufenthalt schöner als im duftigen Wald, der im herrlichsten Grün prangt. Da auch die Vorbereitungen zum Fest vom Comitee mit Sachkunde getroffen sind, so dürfte jeder Teil nehmer vollauf befriedigt werden. Für die Kinder sind allerlei Spiele vorgesehen, auch Caroussell ꝛc. Für die Erwachsenen giebts Preisschießen, Tanz u. s. w. Gesangs Vorträge der Eintracht, sowie gemeinsame Massengesänge werden dazu beitragen, das Fest zu einem recht würdigen zu machen. Der Abmarsch zum Stadtwald findet pünktlich um 2 Uhr von der Licher Straße aus statt. Es ist dringend zu wünscheu, daß sich zahlreiche Genossen und Genossinnen zum gemeinsamen Abmarsch zu sammenfinden. Auf zum Waldfest!

Es sei noch ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß auf dem Waldfest für Speisen und Getränke bestens gesorgt wird. Zum Ausschank kommt vorzügliches Bler à Glas 15 Pfg. und für die kleine Welt Milch in Gläsern à 10 Pfg.

Sturm auf die Steuerkassen.

* Daß vor Jahrzehnten Erstürmungen von Zeughäusern, Spar- und Steuerkassen vorge⸗ kommen sind, weiß heutzutage jedes Kind. Aber daß heutzutage Sturm gelaufen wird auf die Steuerkassen klingt doch ziemlich un⸗ glaublich. Und doch ist das buchstäblich wahr, soweit die Provinzialhauptstadt Gießen in Be⸗ tracht kommt. Allerdings hatten die früheren Erstürmungen den Zweck, die Kassen zu plün⸗ dern, während heutzutage die Leute Sturm auf die Steuerkassen laufen, um ihr Geld los u werden. Bis auf die Straße standen in

er letzten Woche die Steuerpflichtigen vor den Gießener Steuerkassenlokalen. Die Steuerzettel waren wieder so spät zur Verausgabung ge⸗ kommen, daß sich jederman beeilen mußte, zu zahlen, wenn er nicht zu den so schon in die Höhe geschraubten Steuerzetteln auch noch Mahn⸗ gebühren zahlen wollte. Wir sind der Ansicht, daß die Steuerbehörden, wenn durch ihr Ver schulden die Zettel erst zu spät zur Aus⸗ gabe gelangen, auch den Steuerzahlern eine gebührende längere Frist einräumen müßten, um ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Das ist um so mehr am Platze in solchen Städten, wo die Kassenlokale auch nicht den allerbescheidensten Ansprüchen ge nügen.

Ueber die Marx' sche Theorie

sprach am Samstag Abend Gen. Ed. Krumm im Gießener Wahlverein. Redner behandelte das Thema in so ausführlicher Weise, daß der weiter vorgesehene Vortrag überBernsteins Kritik, den Gen. Scheidemann halten sollte, für die nächste Versammlung vertagt werden mußte. Es wurde allseiteig der Wunsch aus gesprochen, daß die nächste Versammlung wieder so zahlreich, möglichst noch besser besucht sein möge, wie diejenige vom letzten Samstag. In der am Samstag, den 10. Juni stattfindenden Wahlvereinsversammlung wird die Diskussion über die beiden Referate der Genossen Krumm und Scheidemann eröffnet werden.

Zum Fall Küchler.

Die Affäre Küchler wächst sich immer schöner aus. DieFrankf. Ztg. hatte, wie wir in unserer vorigen Nummer bereits er⸗ wähnten, in scharfer Weise die Geschäfte des Landgerichtsdirektors Küchler in Darmstadt be⸗ sprochen. Darauf erhielt sie dann nicht nur eine Berichtigung, sondern der verantwortliche Redakteur Giesen wurde vor den Untersuchungs⸗ richter nach Darmstadt geladen, um über den Verfasser des betr. Artikels auszusagen. Giesen bestritt zunächst die Zuständigkeit des Darm⸗ städter Gerichts, da sem Wohnsitz in Frankfurt set und verweigerte jede Auskunft. Daraufhin wurde er in Haft genommen, da angeblich zu

befürchten sei, Giesen könne Beweismaterialien beiseite schaffen. Nun ist bei einem Zeitungs⸗ artikel das einzige Beweismaterial doch wohl das geschriebene Manuskript, dieses aber war, wie das in jeder Redaktion, die nicht nur den Be⸗ hörden Angenehmes veröffentlicht, üblich ist, längst verbrannt. Außerdem erklärte Giesen bestimmt, daß er den Verfasser des Artikels unter keinen Umständen nennen würde, vielmehr selbst die Verantwortung für denselben übernähme. Rechts⸗ anwalt Dr. Fuld in Darmstadt, den das Ge⸗ richt für den Verfasser gehalten und deshalb vernemmen hatte, bestritt entschieden die Thäter⸗ schaft. Unter diesen Umständen war die Inhaft⸗ nahme des Redakteurs geradezu unbegreiflich. Und auf erhobene Beschwerde hin hat denn auch das Landgericht beschlossen, daß die Haft auf⸗ zuheben sei, sodaß Giesen nach etwa 48stündiger Haft wieder auf freiem Fuß war. Am Montag Vormittag wurden die Nummern des klerikalen Mainzer Journals und derMainzer Neuesten Nachrichten, in welchen der Artikel derFrank⸗ furter Zeitung vom 21. d. M.Neues zum Fall Küchler abgedruckt war, beschlagnahmt. Gegen die verantwortlichen Redakteure beider Blätter wurde, wie dasMainzer Journal meldet, das Strafverfahren eingeleitet. Wir meinen, in diesem Fall sei etwas weniger Eifer weit mehr angebracht. Je schneidiger jetzt das Verhalten der Behörden, um so schneidiger später auch die Abrechnung in der hessischen Kammer, wo bekanntlich Redefreiheit herrscht. Unsere Ge⸗ nossen werden von dieser Freiheit den besten Gebrauch machen und der Regierung sagen, was nach den Fällen Dettweiler-Soldan⸗Ahlheim und Küchler unverblümt gesagt werden muß. Im Anschluß an vorstehehende Zeilen teilen wir noch folgende neueren Meld ungen mit.

Der Oberstaatsanwalt Dr. Schmidt hat der Redaktion desMainzer Journals die Mitteilung zugehen lassen, daß das Dis⸗ ziplinarverfahren gegen den Landgerichtsdirektor Küchler wieder aufgenommen worden sei.

Frankf. Ztg.

Dem Justizministerium ist im Fall Küchler behufs geeigneter Durchführung des neu eröff⸗ neten Disziplinarverfahrens aus f üherer Zeit datierendes, umfangreiches Belastungs material unter Angabe der Beweismittel übermittelt worden. Kleine Pr.

Gegen den verantwortlichen Redakteur der Wormser Volksztg., Willy Ruppel, ist wegen Veröffentlichung zweier Aktenstücke bei dem Fall Fall Küchler⸗Rapp ein Ermittelungsverfahren eingeleitet worden. Kleine Pr.

Zum Fall Dettweller.

* Wir teilten in voriger Nummer unsern Lesern eine der BerlinerVolksztg. zugegangene Zu schrift aus Hessen mit, in der das Verhalten der freisinnigen Landtagsabgeordneten gelegentlich des Dettweiler-Ahlheim-Skandals in der hessischen Kammer recht abfällig kritisiert wurde. Nament lich wurde streng verurteilt, daß es gerade ein freisinniger Abgeordneter, Rechtsanwalt Metz Gießen, fertig gebracht habe, für Dettweiler eine Lanze zu brechen. Daraufhin erschien einige Tage sräter in der Freis. Ztg. ein Artikel, der das Verhalten des Herrn Metz zu rechtfertigen ver sucht. Der Abg. Metz habe nicht entschuldigen wollen, sondern bis zu einem gewissen Grade menschlich zu erklären versucht. Es babe wohl Niemand das Gefühl gehabt, daß der Abg. Ulrich, den Abg. Metz in den Sand gestreckt habe. Diesen Eindruck haben doch wohl recht vie le Leute ge habt, als sie die Kammerberichte gelesen haben. Herr Metz soll doch das unkorrigierte Steno gramm seiner Rede veröffentlichen, dann wird die Rolle, welche er in jener denkwürdigen Kammer sitzung spielte, aller Welt offenkundig.

Reichstagsnachwahl.

Bei der Nachwahl in Straubing hat der Centrumskandidat Eschinger mit 13 Stimmen Mehrheit über den Candidaten des bayr. Bauern bundes gesiegt. Bei der Hauptwahl im Juni v. J. siegte der Bauernbündler mit 5000 Stimmen Mehrheit über den Centrumskandidaten. Die ewigen Reibereien der Bauern führer miteinander sind an der Niederlage schuld.

Aus Marburg.

* Am Montag Abend sprach in einer bffent⸗ lichen Holzarbeiterversammlung, die leider nun schwach besucht war, Redakteur Scheidemann⸗ Gießen überUnternehmer- und Arbeiterorganisa- Das Versammlungsbureau wurde be⸗ auftragt, geeignete Collegen zu ermitteln, die in den Gesellenausschuß zu wählen sind, sobald die Wahl seitens der Zwangsinnung ausgeschrieben Aus der Diskussion ging hervor, daß die

tionen.

wird. Verhältnisse im Tischlergewerbe zu Marburg ge⸗ radezu skandalöse find.

nichts seltenes.

Organisation beizutreten, ist wenig Hoffunng vor⸗ handen, bessere Löhne zu erringen. Aus Witzenhausen.

Ein blutiger Kampf zwischen Förstern und Wilderern hat in der Nacht zum Diens⸗ tag voriger Woche bei Witzenhaufen statt⸗ gefunden. Förster Fest von Kleinalmerode und

Forstsekretär Kreß von Witzenhausen stießen auf einem Patrouillengange auf mehrere Männer,

die Gewehre führten. Auf das:Halt, die

Waffen nieder! seitens der Beamten riß der vorderste Wildschütz die Flinte an die Backe

und feuerte. Im gleichen Moment schossen aber auch die Förster. Sämtliche dre Schüsse trafen. Die Kugel des Wilderers durchbohrte Kreß den Fuß, der Wilderer selbst brach, von zwei Schrotladungen getroffen, zusammen, raffte sich aber sogleich wieder auf und eilte blutend seinen zurückgebliebeuen Gefährten nach. Förster Fest mußte von einer Verfolgung vorerst ab⸗ sehen, da sein verwundeter Kollege des Beistands bedurfte. Tags daraufs ermittelten Gendarmen und Forstbeamte, daß die Wildschützen ange⸗ sehene Rostbacher Einwohner sind.

Die gebildete Jugend.

In Jena haben einzelne Studenten, die sich in ein Hotel einquartiert hatten, wie die Wilde gehaust. Sie demolierten in ihren Zimmern für 1800 Mk. Mobiliar, das sie zum großen Teil auf die Straße unter die dort versammelte Menge warfen und dadurch verschiedene Per⸗ sonen verletzten. In Meißen waren ca. 400 Studenten versammelt zum Verbandstag der akademischen Turnvereine. Selbst die kon⸗ servative Presse klagt über unerklärte Rüpeleien der jungen Herren. Sachbeschädigungen selbst an den Denkmälern sind vorgekommen. Aus

welcher Universitätsstadt könnte übrigens nichts

über studentische Rohheiten berichtet werden? Und diese buntbemützten Herrchen sind der Stolz und die Blüte der bürgerlichen Gesellschaft dazu berufen, durch ihre Bildung dereinst die Führung der Gesellschaft zu übernehmen. Und wie manch einer von diesen Zukunftsstützen wird einmal später sich nicht genug thun können in Entrüstung über die Verrohung und Unbildung der Arbeiter.

Die Heiligkeit der Ehe.

Folgende Annonce bringt der national⸗ liberaleHannoversche Kurier: Die Frau eines höheren pens. Offiziers, Mitte der Vierziger, von 90 0 Aeußern mit Baar⸗ vermögen von 90000 Mk. wünscht, da ihr jetziges Leben seit langem unerträglich, die Bekanntschaft eines höheren Offiziers oder hohen Beamten(Junggesellen) mit gleichem Vermögen, bez. Gehalt als Freund und Ratgeber behufs später Verheiratung. Nur Offerten mit Wohnort und voller Namens- unterschrift werden berücksichtigt. Diskretion unbedingt sicher.

Jedes erklärende Wort zu d'esem Inserat, das in einem nationalliberalen Blatt Aufnahme gefunden hat, ist überflüßig.

Schnell befördert.

Zu den glänzendsten Erscheinungen am Ber⸗ liner Hofe gehört auch so berichtet die Woche Fürstin Alfred zu Salm⸗Dyck, ein Ideal stolzester und doch reizendster Weiblichkeit. Der Zauber ihrer Persönlich⸗

keit vermag durchzusetzen, was sonst nicht so

leicht am Berliner Hofe erreicht wird. Als die Fürstin dem Kaiser auf einem Kostümfeste be⸗

merkte, daß ihr Gemahl wohl der Einzige sei,

Lohne von 12 Mark bei elf⸗ und sogar zwölfsftündiger Arbeitszeit sind gar Infolge der Gleichgültigkeit zahl⸗ reicher Collegen, die es nicht für nötig halten, der

lt

surt a. A Aleerheilige don zuei

waren, üb Nägeln m Beide Ve Der Ehen die Verb befreite se Thätern nachricht hat sich a Sie hat f aufgespiest hatte, sie! dieses ihr,

genommen

Ein

LAtägige wurden Abf. cha Meistesrn Lostindi nungen st au die! Erfolg n

Ju 4

stand ge denen die earbeite