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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 23.
Aus all den vorstehenden Ausführungen werden unsere Leser mit uns ersehen haben, daß die Menschheit der Schwindsucht gegenüber gar nicht so machtlos dasteht, wie vielfach ge⸗ glaubt wird. Die Schwindsucht könnte auf der ganzen Linie besiegt werden, wenn die Grund⸗ ursache beseitigt würde, das Elend.
Dazu ist aber die heutige kapitalistische Ge⸗ sellschaft unfähig. Das ist die Aufgabe der Sozialdemokratie.
Politische Rundschau.
Kongreß der Krankenkassen Deutsch⸗ lauds.
Im Anschluß an den Tuberkulose-Kongreß hat in Berlin ein Kongreß von Vertretern der deutschen Krankenkassen stattgefunden. Zweck des⸗ selben war, eine Einigung aller Krankenkassen zu erzielen, um für die Kassen möglichst große Ersparnisse machen zu können. Es waren ca. 300 Krankenkassen durch ebenso viel Delegierte vertreten. Gegen etwa fünf Stimmen wurde beschlossen:
Die Delegierten verpflichen sich, dahin zu wirken:
„Die Krankenkassen Deutschlands vereinigen sich zu einem losen, im wesentlichen agitatori⸗ schen Zwecken dienenden, namentlich für die Beeinflussung der Gesetzgebung stets bereit zu haltenden Verbande. Die Aufgabe, die jede Kasse resp. jeder Kassenverband seiner besonderen Struktur nach hat, sollen dadurch in keiner Weise beeinträchtigt werden.“
Schlaft weiter!
Die Evangelischen Arbeiter⸗Vereine(E. A. V.) haben vorige Woche in Altona ihre Generalver— sammlung abgehalten. Schon der erste Tag zeigte allerlei Differenzen, die darauf beruhen, daß die größere Zahl der Vereinsleiter— meistens Pastoren— die Vereine böllig im Schlepptau der konservativen oder national⸗ liberalen Partei und als Waffe gegen die Sozialdemokratie halten wollen, wogegen sich einige Mitglieder denn doch sträuben, so besonders Pfarrer Naumann. Eine dieser kleinen, aber charakteristischen Plänkeleien bezog sich auf das allgemeine, gleiche Wahlrecht. Pfarrer Naumann führte aus: Das Organ des Gesamtverbandes, der„Evangelische Arbeiterbote“, sei für Aende⸗ rung des allgemeinen Wahlrechts eingetreten. Er stelle daher den Antrag:„Die Generalver— sammlung erklärt: Der Gesamtverband der evangelischen Arbeitervereine Deutschlands hält an dem allgemeinen, gleichen, direkten und ge⸗ heimen Wahlrecht fest.“ Pfarrer Thimm⸗Stettin: Er ersuche, diesen Antrag zurückzuziehen, denn er müsse bemerken, daß er das jetzige Wahlrecht einer Aenderung für dringend benötigt halte. Graveur Haag-Frankfurt a. M.: Diese Be⸗ merkung des Herrn Vorredners mache es er— forderlich, den Antrag des Herrn Pfarrers Naumann erst recht aufrecht zu erhalten. Pfarrer Weber: Er müsse doch den Pfarrer Naumann ersuchen, den Antrag zurückzuziehen, da doch der„Evangelische Arbeiterbote“ nur Anzeigeblatt der evangelischen Arbeitervereine sei. Pfarrer Naumann: Wenn erklärt wird: Der Gesamt⸗ verband übernimmt für den politischen Teil des „Evang. Arbeiterboten“ keine Verantwortung, dann wolle er seinen Antrag zurückziehen. Die Versammlung stimmte einer derartigen, von Pfarrer Weber beantragten Erklärung zu, da⸗ nach erklärt, Pfarrer Naumann, daß er seinen Antrag zurückziehe. Das Organ des Verbandes darf also ruhig weiter Seite an Seite mit den Stumm und Kardorff gegen das Reichstags⸗ Wahlrecht wühlen. Aehnlich legte ein Aus⸗ spruch des Redakteurs des„Rheinisch-Wests. Tagebl.“, Herrn Quandel, Zeugnis von der Art dieser Arbeitervereine ab; er sagte in einer Polemik gegen die„Hilfe“:„Auch er wolle die soziale Frage behandelt wissen, aber nicht in einer Weise, daß die Arbeitervereine wach werden und in das sozialdemokratische Lager abschwenken.“ Wie man aus diesen Worten ersehen kann, sind die evangelischen und katholischen Frommen in gleicher Weise die Schildträger der Reaktion. Als gute evangelische Christen sollten die Schlafpulverfabrikanten doch der Wahrheit die Ehre geben und die„Evang.
Arbeiter⸗Vereine“ Schlafmützen-Gesell⸗ schaft nennen.
Köller' sche Staatsretterei.
Die Ausweisungspraxis in Schleswig zei⸗ tigt doch auch einmal ein lustiges Stückchen. Kürzlich war ein dänisches Dienstmädchen über die Grenze gebracht worden, weil sein Dienstherr, ein preußischer Staatsbürger, eine dänische Ver⸗ sammlung besucht hatte. Der Aufenthalt in „Feindesland“ sollte nicht lange dauern. Das Mädchen war die Braut eines preußischen Tischler⸗ gesellen, der sich dieser Tage in den dänischen Grenzort Sem begab und sich in der dortigen Kirche mit dem Mädchen trauen ließ. Selbander überschritten sie danach die Grenze und begaben sich nach Spandet, dem Wohnort des Tischlers. Am Tage danach erhielt der Gendarm Meldung, daß die 1 sich wieder im meerum⸗ schlungenen Lande aufhalte. Er erschien, um das Mädchen, von dessen Verheiratung er noch nichts erfahren hatte, aufs neue über die Grenze zu spedieren. Dieses Bemühen war jedoch ver⸗ geblich, denn jetzt war die ausgewiesene Person durch ihre Verheiratung preußische Unterthauin geworden. Sie wird nun fortan den preußischen Staat ebenso mit starkem Arm stützen, wie sie ihn vor ihrer Vermählung gefährdet hatte. Das Deutschtum ist unter allen Umständen gerettet.—
Herr v. Stumm, der Patriarch.
In Neunkirchen fand kürzlich eine Bau⸗ handwerkerversammlung zwecks Gründung einer Zahlstelle des Verbandes statt. Das wurde Herr von Stumm, der große Arbeiterfreund, gewahr und am anderen Tage ließ er an sein Neunkirchener Eisenwerk folgenden Thoranschlag anbringen:
„Bei dem Wirt Johann Herrmann am oberen Marktplatz hat eine sozialdemokratische Versammlung stattgefunden. Wir machen infolgedessen darauf aufmerksam, daß auf Grund des Werkanschlages vom 4. April 1893 jeder Arbeiter die Kündigung zu ge⸗ wärtigen hat, welcher das Herrmannsche Lokal besucht.
So was darf sich der König von Saarabien erlauben. Er bedroht seine Arbeiter mit der Hungerpeitsche und erklärt den Wirt Herrmann in Verruf.
Onkel Chlodwig.
Ueber des Reiches höchsten Beamten werden die despektierlichsten Sachen erzählt. So wird z. B. der„Frankf. Ztg.“ aus Berlin geschrieben:
„Es wird niemand im Ernst erwarten, daß der alte Staatsmann, der jetzt Reichskanzler und Ministerpräsident ist, dem beamteten und unbeamteten Junkertum imponiert und ein— schüchternd auf die Konservativen wirkt. Der gilt längst für politisch tot und es war der parlamentarische Träger eines historischen Namens, der kürzlich auf die Frage, wie er über den Reichskanzler denke, witzig antwortete: „Der hat ja schon vor sechs Wochen seine Entlassung genommen; man sagt's ihm nur nicht, damit sich der alte Herr nicht aufregt.“—
Onkel Clodwig versteht Spaß. Der„große“ Bismark ist wegen viel unschuldigeren Witzen zum Richter gelaufen und hat sogar Dienst⸗ mädchen verklagt.
Ein liebenswürdiger Staatsanwalt.
„Der Reichstagskandidat der Halleschen ver⸗ einigten konservativen und nationalliberalen Partei bei der letzten Reichstagswahl, Geh. Reg. Rat Paul Dugend, ist in Berlin im Alter von 43 Jahren gestorben. Im Wahlkampfe that sich Dugend dadurch besonders hervor, daß er mit den ausgesscht raffiniertesten und kleinlichsten Mitteln unsere Partei zu bekämpfen suchte, dabei aber wenig Geschick entwickelte und durch die Plumpheit dieser Angriffe uns mehr nützte als schadete. Unvergessen ist auch sein Ausspruch in einer Wählerversammlung in Leistners Wald— haus, der dem Sinne nach lautete: Als ich (Dugend) noch Staatsanwalt war, gewährte es mir besonderes Vergnügen, wenn ich auf der Anklagebank sitzende Sozialdemo— kraten tüchtig hineinlegen konnte! Die Niedertracht und Bosheit, die sich in diesem Ausspruche widerspiegelt, hat den Reaktionären
damals manche Stimme 1 Sie bildet aber auch einen recht klassischen Beweis für das
Märchen von den unparteiischen Richtern. Dr. Brehmer Sozialdemokrat.
Bei der Eröffnungsfeier des Kongresses zur
Bekämpfung der Tuberkulose wurde rühmend zuf Dr. Brehmer⸗Görbersdorf hingewiesen, der die erste Lungenheilanstalt großen Stils er⸗ öffnete und schöne Erfolge damit erzielte. Heute,
wo Dr. Brehmer tot ist und auch sein einziger
Sohn ihm schon im Tode folgte, kann es ruhig gesagt werden, daß Dr. Brehmer ein stiller Anhänger unserer Partei war. Als in den ersten Jahren unter dem Sozialistengesetz die materiellen Anforderungen für die vielen Hilfsbedürftigen sehr große, die Mittel aber kleine waren, hat Dr. Brehmer, wie der„Vorw.“ berichtet, so oft er darum angegangen wurde, und das geschah nicht selten, sich mit namhaften Beiträgen beteiligt. Nie gab er unter 300, öfter 500 und 600 Mark. Auch hat er mehr⸗ fach unbemittelte lungenkranke Parteigenossen unter den günstigsten Bedingungen in seine Anstalt aufgenommen.
Ein sozialdemokratischer Obermeister.
Aus Flensburg wird berichtet: Hier konsti⸗ tujerte sich unter dem Vorsitz des ersten Bürger⸗ meisters eine Zwangsinnung für das Schneider⸗ gewerbe. In den Vorstand wurden durchweg Gegner der Zwangsinnung und als Ober⸗ meister unser in schleswig⸗holsteinischen Partei⸗ kreisen wohlbekannter Genosse Heinrich Mahlke, der schon zwei Mal im hiesigen Kreise als Reichstagskandidat aufgestellt war, gewählt. Mahlke war bis Anfang dieses Jahres Haupt⸗ kassierer des Centralverbandes der deutschen Schneider und ist gegenwärtig noch Bevoll⸗ mächtigter der hiesigen Zahlstelle des Verbandes. Man sieht, die Leitung der neuen Zwangsinnung ist in den besten Händen!
Geborstene Ordnungsstütze.
Aus Dresden wird gemeldet, daß der Kommerzienrat Hopfe, der jüngst eine Unterschlagung beim Albertverein begangen hat, eine sehr illustre Persönlichkeit war. Seine Brust ist geschmückt mit dem Albrechtsorden 1. Klasse und anderen Orden. Erst kürzlich wurde er vom Kaiser mit der Medaille vom Roten Kreuz ausgezeichnet. Die Unterschag⸗ ungen sollen teilweise in deu interessierten Kreisen schon längst bekannt sein. Man suchte die Sache aber zu vertuschen, um den nunmehr unausbleiblichen Skandal zu vermeiden, und weil man glaubte, H. werde Deckung leisten, daran ist aber, wie einem Dresdener Blatte mit⸗ geteilt wird, wahrscheinlich gar nicht zu denken, umsoweniger, als die unterschlagene Summe viel höher sein dürfte, als jetzt angegeben. Hopfe wurde verhaftet.
Junkerkniffe.
Die„Tilsiter Allg. Ztg.“ erzählt ein artiges Stückchen vom Bunde der Landwirte. Diese edle Körperschaft hat bekanntlich auch eine „Preßabteilung“, die den Zeitungen Artikel zu⸗ schickt, um für volksausbeuterische Bestrebungen des Bundes Reklame zu machen. Ein solcher Artikel ging auch dem genannten Blatte zu und zwar mit dem folgenden Anschreiben:
„Einer verehrlichen Redaktion
sehr ergebenst übersandt mit der Bitte um geneigte Gratis⸗ aufnahme im redaktionellen Teile. Belagsexemplar freundlichst erbeten; hierzu bitten wir des beiltegende frankierte Streifband zu benutzen. Im Interesse einer besseren Wirksamkeit bitten wir bei Berücksichtigung unseres Wunsches Quellenangabe zu unter lassen. Hochachtungsvoll Bund der Landwirte, Berlin. Abteilung: Presse.“
Das beweist allerdings ein sehr geringes Maß von Selbstbewußtsein, wenn der agrarische Bund schon vorher weiß, daß die unter seiner eigenen Flagge segeluden Artikel beim Publi⸗ kum keine Wirkung haben, vielleicht sogar als Schund und Spiegelfechterei betrachtet werden.
Eine neue Kolonie.
Während sich Deutschland seither darauf be⸗ schränkte, afrikanische Sandwüsten zu kolonie⸗ sieren, in denen das tötliche Fieber unter den Weißen, die Zivilisatoren Peters, Wehlan und ähnliche Uebermenschen unter den Schwarzen
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