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Nr. 23.

Gießen, Sonntag, den 4. Juni 1899.

5. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

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Von der Proletarierkrankheit.

* Auf dem Kongreß zur Bekämpfung der Tuberkulose, der in der Woche nach Pfingsten

geboten worden. Es waren ausnahmslos her⸗ vorragende Vertreter der medizinischen Wissen⸗ schaft, die die Ergebnisse ihrer Forschungen vortrugen und auf Grund ihrer Erfahrungen Vorschläge machten, wie der schrecklichen Krank⸗ heit am besten zu begegnen sei.

Die Ausführungen einzelner Gelehrten, die sich über die meist umstrittenen Fragen äußerten, wollen wir in gedrängter Form hier wieder⸗ geben. Schon aus diesem Wenigen werden unsere Leser erkennen, wie erfolgreich der Prole⸗ tarierkrankheit entgegengetreten werden könnte, wenn die kapitalistische Mißwirtschaft abge⸗ löst würde durch den Sozialismus, der aller wirtschaftlichen Not ein Ende machen und allen Menschen erst Gelegenheit geben würde, wahr⸗ haft menschenwürdig zu leben. So lange Mil⸗ lionen in tiefstem Elend leben, sich ungenügend nähren können, übermäßig lange arbeiten und in ungesunden, des Lichts und der Luft er⸗ mangelnden Wohnungen hausen müssen, so lange wird die Tuberkulose furchtbare Opfer heischen.

Freilich kann auch heute schon manches gegen die Tuberkulose gethan werden. Das geht deut⸗ lich aus den Referaten der Sachverständigen hervor. Und so weit die Arbeiterschaft inbe⸗ tracht kommt, wird sie stets und gern bereit sein, mitzuhelfen. Das haben speziell die Ver⸗ treter des arbeitenden Volkes im hessischen Land⸗ tag bewiesen, als sie schon vor Jahr und Tag den Autrag stellten, Lungenheilstätten zu errichten. Das haben unsere Genossen im Reichstag von jeher gethan, indem sie einen wirk⸗ samen Arbeiterschutz und den gesetzlich fest⸗ gelegten Achtstunden-Arbeitstag ver⸗ langten.

Die Gewährung der letztgenannten Forderung würde gegen die Schwindsucht mehr helfen, als alle Tuberkulin⸗Einspritzungen und Medizin⸗ Verabreichungen zusammengenommen.

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Die Schwindsucht als Volkskrankheit.

Der Direktor des Kaiserl. Gesundheitsamts, Dr. Köhler, führte u. a. aus: Die Sterblichkeit an Tuberkulose ist im allgemeinen unter dem männlichen Geschlecht größer als unter dem weiblichen. Die größte Zahl der Todes⸗ fälle im Alter von 2030 Jahren wird ver⸗ hältnismäßig durch die Lungenschwindsucht ver⸗ ursacht. Nach dem Durchschnitt der vier Jahre 1894 bis 1897 starben in Deutschland jährlich 87600 Menschen im Alter von 15 60 Jahren an Lungentuberkulose, ein gewaltiger Verlust an werbendem Volkskapital.

Die Tuberkulose tritt in den Industrie⸗ bezirken weit stärker auf, als auf dem Lande. Von 10000 Lebenden starben im ländlichen Ost⸗ preußen 15 an der Tuberkulose, in der indu⸗ striellen Rheinprovinz 29, in der hauptsächlich Ackerbau treibenden Provinz Sachsen 19, im industriellen Westfalen 31. Dasselbe ergiebt ein Blick auf die Zahlung von Invalidenrente an Tuberkulöse. Im Königreich Sachsen er⸗

kostet durch unseref nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Direkt durch die Expeditien unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

Bestellungen

Druckeret, Schloßg. 13, sowie j de Postanstalt und jeder Land briefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.)

Invalidenrente wegen Lungenschwind ucht!

Der Direktor der Hanseatischen Versicherungs austalt für Invaliditäts- und Altersversicherung, Gebhardt aus Lübeck, trug folgendes vor: Die Tuberkulose steht allen anderen Invalidi⸗ täts⸗Ursachen voran. Von allen männlichen Arbeitern, die bis zum 30. Lebensjahre invalid werden, leidet mehr als die Hälfte, in manchen Bezirken 6070 Prozent an der Tuberkulose. Mannigfache statistische Untersuchungen bestätigen, daß, je niedriger das durchschnittliche Ein⸗ kommen, desto höher die Sterblichkeit an Tuberkulose ist.

Die Lungenschwindsucht scheut zwar auch vor dem Hause des Reichen nicht zurück, aber dies Haus gleicht einer Burg, die mit allen Mitteln verteidigt wird. Die minder bemittelten Volksschichten sind am ungünstigsten daran. Jede Verbesserung der Lebenslage des arbeitenden Volkes bedeutet eine Ein⸗ schränkung der Lungentuberkulose! Da die Tuberkulose in so weitem Umfang die Ursache der Invalidität bildet, erwächst den Versiche⸗ rungsanstalten die Aufgabe, in der Bekämpfung 11 schwersten aller Volksseuchen voranzu⸗ gehen.

Ueber die Ansteckung

von Person zu Person sprach Professor Fränkel⸗ Halle: Fest stehe, daß nur in menschlichen und tierischen Körpern die Tuberkelbacillen gedeihen und jeder, in dessen Ausscheidungen Bacillen vorhanden seien, zur Verbreitung Anlaß gebe. Trotzdem seien übertriebene Befürchtungen und mutlose Verzagtheit nicht am Platze. Nicht jede Art der Tuberkulose, so die Bauchfell-Tuber⸗ kulose, sei für die Uebertragung geeignet. Es müssen äußerliche Ausscheidungen hinzukommen. Aber selbst der ruhig erfolgte Auswurf Lungenkranker sei tuberkelfrei, nur der mittels Husten aus den Tuberkelhöhlen her vorgestoßene Stoff trage die Fähigkeit der An⸗ steckung in sich. Von den Tuberkelbacillen sei unzweifelhaft erwiesen, daß das Licht sie leicht tötet, Sonnenstrahlen besonders leicht, aber auch schon intensiveres Tageslicht. Die Uebertragung kann auf die verschtedensten und merkwürdigsten Arten geschehen. Besondere Bedeutung hat der Staub und die in ihm liegende Ansteckungs gefahr für Kinder, welche auf dem Boden herum⸗ rutschen oder spielen. Aus solchen Ursachen resultiert häufig die Kinderskrophulose, welche in den meisten Fällen tuberkulösen Charakter hat. Während andere Bazillen durch die Säure des Magens getötet werden, sind die Tuberkel⸗ bazillen widerstandsfähiger, sie trotzen der Magensäure und gelangen durch den Magen hindurch in die Därme des menschlichen Körpers. Die Darmtuberkulose entsteht bei Kranken durch verschluckten Auswurf, bei Gesunden durch den Genuß von tuberkulösem Fleisch und tuber⸗ kulöser Milch. Der Vortragende wandte sich hier in überzeugenden Ausführungen gegen den Genuß von rohem Fleisch und roher Milch..

Ueber die Verhütung der Tuberkulose in Bezug auf Nahrungsmittel sprach Professor Ru d. Virchow: Es sei nicht wahr, daß ein Ochse, bei dem sich Tuberkeln

alten von 1000 Versicherten der Landwirt⸗ chaft 77, von 1000 Versicherten der Industrie 245

sHHierzu eine Beilage,

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setzt sei. Die Bacillen blieben auf Lungen und gewisse Regionen beschränkt und das Fleisch sei nach Ausmerzung der kranken Teile deshalb durchaus genießbar. Anders wie beim Fleisch stehe es mit der Milch, hier könne eine ei n⸗ zige Kuh mit ihrer Milch ganze Dorf⸗ schaften verseuchen. Die Radikalkur wäre in solchen Fällen die Tötung des Tieres. Alles andere seien nur Palliativmittel. Selbst die gewiß sehr nützliche Sterilisierung der Milch gewähre keinen absoluten Schutz. Er blicke trotzdem nicht pessimistisch in die Zukunst. Wie der Kampf gegen die Trichine siegreich durchgeführt sei, so werde auch der Kampf gegen die Tuberkulose mit einem Siege zum Heile der Menschheit enden. Die Gesetzgebung müsse natürlich helfend eingreifen. Virchow trat für strenge Fleischschau, auch bei Privatschlachtungen ein. Erblichkeit und Aulage

lautete das Thema, über welches Geh. Rat Prof. Löffler ⸗Greifswald sprach. Ange⸗ boren so führte der Referent aus kommt die Schwindsucht fast gar nicht vor; auch für das Vorhandensein einer angeborenen oder er⸗ erbten Anlage zur Tuberkulose haben sich bis⸗ her keine sicheren Anhaltspunkte erbringen lassen, dagegen können Krankheiten der Atmungs⸗ und Verdauungswege, sowie Ernährungs- störungen eine Ansteckung begünstigen. Wirklich unempfanglich(immun) ist nach den bisherigen Untersuchungen niemand.

Ueber Verhütung der Tuberkulose sprach Professor Rubner-Berlin. Hier einige der wichtigsten Ausführungen des berühmten Hygienikers:

Die Tuberkulose ist eine Krankheit der Minderbemittelten, schiebt aber ihre Fortsätze auch in die bemittelte Klasse hinein. Sie ist im eigentlichen Sinne des Wortes eine Stubenkrankheit. Besonders ist die Ueberfüllung der Wohnräume für ihre Ausbreitung günstig. Die Mehrheit des Volkes lebt in den ungesun⸗ desten Wohnungen. Solche Zustände müssen die Verbreirung der Tubeckulose rie sig fördern.

Ein Woh nungsgesetz sei dringendes Er fordernis. Seit dreißig J hren ist von einer Wohnungsreform die Rede, aber sie rückt nur auf dem Papier weiter. Vor allem muß gesorgt werden, daß gute Wohnungen auch für die Minderbemittelten bezahlbar sind! Hier müssen Gemeinde und Staat eingreifen. Es ist widersianig, daß ein Teil der Bevöl⸗ kerung noch in solchem Notstande lebt, daß der Einzelne nicht einmal eine eigene Lagerstatte hat!

Die Arbeitsräume der Hausindustrie und des Kleingewerbes müßten bestimmten gesetzlichen Anforderungen genügen. In den Fabriken müßten die Schutzgesetze strenger durchgeführt werden. In den Arbeitsordnungen sollte ein Verbot, auf den Boden zu spucken, Platz finden. Generalbedingung sei eine gründliche Woh⸗ nungsreform, wenn die Tuberkulose auf der ganzen Linie bekämpft werden solle.

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Mehrere Redner traten dann für die Er⸗ richtung von Lungenheilstätten ein; mit den bereits bestehenden wären recht gute Erfahrungen

gemacht.

enthaltend einen Artikel über die Zuchthaus vorlage. 2