Ausgabe 
3.9.1899
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche SonntagsZeitung.

Nr. 36.

glanz, Lösest endlich auch einmal meine Seele ganz, und der Achtzigjährige widmet tief⸗ empfundene Versedem aufgehenden Vollmonde. In der Einsamkeit des Thüringer Waldes schreibt er auf dem Höhepunkte seines Lebens an die Wand des Vorkenhäuschens die tief empfundenen Worte:

Ueber allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde

Ruhest du auch.

Wer die Schauer der Sturmesnacht und des Waldesspukes, wer die schmeichelnde Lockung des strömenden Wassers empfinden will, der lese den Erlkönig:Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? und den Fischer:Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll, oder besser er höre sie singen! Denn so viele der Goethe⸗ 17. Lieder haben ihre Melodien gefunden,

ie besten Komponisten: Beethoven, Schumann, Schubert haben sich beeilt, ihren Zauber mit den Tönen der Musik zu erhöhen.

Tiefe sittliche Gedanken liegen Goethes groß⸗ artigen Balladen:Der Gott und die Bajadere undDie Braut von Korinth zu Grunde. In der ersteren läßt er durch die Unsterblichen selbstein verlorenes schönes Kind, durch wahre Liebe von den Schlacken seines sündigen

Lebens gereinigt,zum Himmel emporheben:

Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder. In letzterem stellt er an dem dämonischen Schicksal eines jungen, durch dasfalsche Ge⸗ lübde seiner Mutter der Lebensfreuden be⸗ raubten und in klosterliche Entsagung gebannten Mädchens ergreifend den Uebergang der alten griechisch⸗römischen, auf heiteren Lebensgenuß ruhenden Kultur zu den stren gen, düsteren An⸗ schauungen des Christentums dar:Keimt ein Glaube neu, wird oft Lieb und Treu, wie ein böses Unkraut ausgerauft.

In Schauspielen hat zweifellos Schiller Größeres und Kraftvolleres geleistet als Goethe; der letztere war eine zu weiche, zu subjektive d. h. dem eigenen Ich, seinen Forderungen und seinen Fragen zugekehrte Natur, als daß ihm das große historische Schauspiel mit seinem straffen Aufbau und seiner tragischen Wucht in demselben Maße wie dem hochfliegenden Genie Schillers hatte gelingen können. Aber trotzdem stammen von Goethe Dichtungen in dramatischer Form, die als höchste Leistungen zu betrachten sind. Zunächst sein Jugend⸗ drama:Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Hierin giebt er das muster⸗ hafle Gemälde eines ganzen Zeitalters, das Absterben der alten Kaiserherrlichkeit am Aus⸗ gange des Mittelalters; den Stoff nimmt er teils aus einer Selbstbiographie des genannten Ritters( 1562), ieils aus den eigenen An⸗ schauungen seiner Zeit, insbesondere des kläg⸗ lichen Zustandes des Reichskammergerichts, an dem er selbst in Wetzlar gearbeitet hatte. Schon in diesem seinem ersten Hauptwerke, seinem durchaus volkstümlichen Schauspiele, zeigt Goethe seine hohe Meisterschaft in der Zeich⸗ nung der Charaktere, die durch die Wirkung des Gegensatzes ins rechte Licht gestellt wurden: auf der einen Seite der biedere, treuherzige Gotz, der letzte, edle Reichsritter, sowie seine treue, schlichte Hausfrau Elisabeth, auf der anderen der eitle, schwache Weislingen und die rankevolle, sittenlose Weltdame Adelheid.

DerEgmont führt uns in die Nieder⸗ lande, in die Zeit, wo sich der große Be⸗ freiungskampf des Volkes und des zu ihm hehenden einheimischen Adels gegen die spanische Gewaltherrschaft vorbereitet. Meisterhaft sind die lebendigen Volksscenen in Brüssel. Dem finsteren, gewaltthätigen Statthalter des spani⸗ schen Königs, Herzog von Alba, tritt arglos und unbesorgt der edle Graf Egmont, innerlich gehoben und gestützt durch die reine Liebe eines einfachen Madchens aus dem Volke, als freimütiger Verteidiger der Rechte und Freiheitien seines Volkes entgegen. Verhaftet und zum Tode verurteilt, sieht er im Traume

die Göttin Freiheit in Klärchens Gestalt, die ihm andeutet, daß sein Tod den Provinzen die Unabhängigkeit verschaffen wird. Iphigenie, des Dichters reifstes Schau⸗ spiel, was Trefflichkeit der Anlage, Einfachheit der Handlung, scharfe Durchführung der Charak⸗ tere und Hoheit der Sprache anlangt, ist dem Kreise der altgriechischen Sagen entnommen.

DerFaust ist das tiefsinnigste und der Anlage nach großartigste Gedicht(in dramatischer Form) nicht nur der deutschen, sondern der ge⸗ sammten neueren Litteratur. Schon in feiner frühesten Jugend(1774) beschäftigt sich Goethe mit ihm, und der zweite, geheimnißvollere, mehr reflektirende, und dann auch dichterisch schwächere Theil wurde erst 1831 abgeschlossen. Der Dichter vereinigt in ihm den großen Reichtum seiner gesammten Lebensanschauungen. Er läßt zunächst seinen Helden, den Schwarzkünstler der deutschen Sage, der sich, um mehr Wissen und Genuß zu erlangen, dem Teufel verschreibt, aus ungestilltem Wissensdrang nach einem vorübergehenden Ver⸗ suche des Selbstmordes in seiner Verzweiflung einen Vertrag mit dem Teufel eingehen. Des Teufels Füinstaer Geist Mephistopheles, führt ihn zuerst auf die Bahn sinnlichen Genusses, der ihm aber nur für kurze Zeit Befriedigung verschafft, ihn vielmehr nach dem von ihm ver⸗ schuldeten Untergange Gretchens, das er verführt hat, mit Gewissensqualen erfüllt. Der zweite Theil gipfelt darin, daß Faust nunmehr in der Thätigkeit und zum Schlusse vor allem in dem praktischen Wirken für das Wohl der Mensch⸗ heit ein höheres Lebensziel sieht und findet, das ihn die Unzulänglichkeit des menschlichen Denkens gegenüber den großen Welträtseln verschmerzen und die Gefahren des menschlichen Genießens bezüglich der überwältigenden Leidenschasten vermeiden läßt. Die Hauptidee des Ganzen ist die, daß der edle Mensch in seinem idealen Ringen nach Wahrheit nicht verloren gehen könne, da er nach allen Verirrungen stets doch wieder auf den rechten Weg zurückkehre, und daß auch das Böse den Zwecken der göttlichen Weltordnung dienen müsse, indem es den Menschen durch den beständigen Kampf gegen dasselbe vor Erschlaffung bewahre. Dieses großartige Gedicht hat nach mehreren Seiten hin eine dauernde Bedeutung für jeden höherstrebenden Menschen. Einmal erfreuen uns seine wunderbaren poetischen Schön⸗ heiten; der Zauber z. B., der auf der reizenden Gestalt des glücklich⸗ unglücklichen Bürgermäd⸗ chens Gretchen ruht, ist unvergleichlich und unvergänglich. Sodann bildet die Summe hoher Lebensweisheit, die sich namentlich in zahlreichen einzelnen tiefsinnigen Sprüchen offen⸗ bart, einen lebendigen Quell, aus dem denkende Menschen noch lange schöpfen werden. Endlich findet sich in jedem tieferen Menschen ein Stück Faustnatur wieder. Wer also je in seinen Ge⸗ danken an dieGrenzen der Menschheit stößt oder in seinen Leidenschaften den ewigen Wider⸗ spruch zwischen Begierde und Genuß fühlt, kurz, wer bei der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur die Bitterlichkeit innerer Lebensnot kennen lernt, der wird sich gern zuFaust flüchten und ausFaust drei goldene Lebensregeln schöpfen, Verzichtleisten, Maßhalten und Ar⸗ beiten. Denn die Arbeit, die soziale Thätigkeit des Goethe'schen Helden ist es zu allerletzt am aller meisten, die ihn zu einem Träger moderner Ideen stempelt, und die klare Erkenntniß, daß nur treues, stätes Wirken für das Wohl der Gesellschaft, dem Einzelnen wirkliche Befriedigung gewährt, verleit der Dichtung den geradezu prophetischen Charakter eines bedeutsamen Zu⸗ kunftsausblickes.(Schluß folgt.)

Michael Kohlhaas.

Historische Erzählung von H. von Kleist. (7. Fortsetzung.)

Der Kämmerer Herr Kunz, der inzwischen den Vorstellungen mehrerer Freunde, die sich um ihn eingefunden hatten zum Trotz, seinen Platz dem Abdecker von Döbel gegenüber unter dem Volke behauptet hatte, trat, sobald der Freiherr mit dem Roßhändler erschien, an letzteren heran

und fragte ihn, indem er sein Schwert mit Stolz und Ansehen unter dem Arm hielt: ob die Pferde, die hinter dem Wagen stünden, die seinigen wären? Der Roßhändler, nachdem er mit einer bescheidenen Wendung gegen den die Frage an ihn richtenden Herrn, den er nicht kannte, den Hut gerückt hatte, trat ohne ihm zu antworten im Gefolge sämmtlicher Ritter an den Schinderkarren heran; und die Thiere, die auf wankenden Beinen die Häupter zur Erde gebeugt dastanden, und von dem Heu, das ihnen der Abdecker vorgelegt hatte, nicht fraßen, flüchtig aus einer Ferne von zwölf Schritt, in welcher er stehen blieb betrachtend: gnädigster Herr! wandte er sich wieder zu dem Kämmerer zurück, der Abdecker hat ganz recht; die Pferde, die an seinen Karren gebunden sind, gehören mir! Und damit, indem er sich in dem ganzen Kreise der Herren umsah, rückte er den Hut noch einmal und begab sich von seiner Wache begleitet, wie⸗ der von dem Platz hinweg.

Bei diesen Worten trat der Kämmerer mit einem raschen seinen Helmbusch erschütternden Schritt zu dem Abdecker heran, und warf ihm einen Beutel mit Geld zu; und während dieser sich, den Beutel in der Hand, mit einem bleiernen Kamm die Haare über die Stirn zurück kämmte und das Geld betrachtete, befahl er einem Knecht die Pferde abzulösen und nach Hause zu führen! Der Knecht der auf den Ruf des Herrn einen Kreis von Freunden und Verwandten unter dem Volke verlassen hatte, trat auch in der That ein wenig rot im Gesicht über eine große Mistpfütze, die sich zu ihren Füßen gebildet hatte, zu den Pferden heran; doch kaum hatte er ihre Halfter erfaßt um sie loszubinden, als ihn Meister Him⸗ boldt, sein Vetter, schon beim Arm ergriff und mit den Worten: du rührst die Schindmähren nicht an! von dem Karren hinwegschleuderte. Er setzte, indem er sich mit ungewissen Schritten über die Mistpfütze wieder zu dem Kämmerer, der über diesen Vorfall sprachlos dastand, zurück⸗ wandte, hinzu: daß er sich einen Schinderknecht anschaffen müsse, um ihm einen solchen Dienst zu leisten. Der Kämmerer, der vor Wuth schäumend den Meister auf einen Augenblick betrachtet halte, kehrte sich um, und rief über die Häupter der Ritter die ihn umringten hin⸗ weg nach der Wache; und sobald auf die Be⸗ stellung des Freiherrn von Wenk ein Officier mit einigen kurfürstlichen Trabanten aus dem Schloß erschienen war, forderte er denselben unter einer kurzen Darstellung der schändlichen Aufhetzerei, die sich die Bürger der Stadt er⸗ laubten auf, den Rädelsführer Meister Himboldt in Verhaft zu nehmen. Er verklagte den Meister, indem er ihn bei der Brust faßte: daß er seinen, die Rappen auf seinen Befehl losbindenden Knecht von dem Karren hinweggeschleudert und miß⸗ handelt hätte. Der Meister, indem er den Kämmerer mit einer geschickten Wendung die ihn befreite zurückwies, sagte: gnädigster Herr! einem Burschen von zwanzig Jahren bedeuten was er zu thun hat, heißt nicht ihn aufhetzen! Befragt ihn, ob er sich gegen Herkommen und Schicklichkeit mit den Pferden, die an den Karren gebunden sind befassen will; will er es nach dem was ich gesagt thun: sei's! Meinetwegen mag er sie jetzt abludern und häuten. Bei diesen Worten wandte sich der Kämmerer zu dem Knecht herum und fragte ihn: ob er irgend Anstand nähme, seinen Befehl zu erfüllen, und die Pferde, die dem Kohlhaas gehörten, loszubinden und nach Hause zu führen? Und da dieser schüchtern, indem er sich unter die Bürger mischte, er⸗ widerte: die Pferde müßten erst ehrlich gemacht werden, bevor man ihm das zumuthe, so folgte ihm der Kämmerer von hinten, riß ihm den Hut ab, der mit seinem Hauszeichen geschmückt war, zog, nachdem er den Hut mit Füßen getreten, von Leder und jagte den Knecht mit wüthenden Hieben der Klinge augenblicklich vom Platz weg und aus seinen Diensten. Meister Himboldt rief: schmeißt den Mordwüthrich doch gleich zu Boden! und während die Bürger von diesem Auftritt empört, zusammentraten und die Wache hinwegdrängten, warf er den Kämmerer von hinten nieder, riß ihm Mantel, Kragen und Helm ab, wand ihm das Schwert aus der Hand, und schleuderte es in einem grimmigen Wurf

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