Ausgabe 
3.9.1899
 
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Nr. 36.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

weit über den Platz hinweg. Vergebens rief der Junker Wenzel, indem er sich aus dem Tumult rettete, den Rittern zu, seinem Vetter beizuspringen; ehe sie noch einen Schritt dazu gethan hatten, waren sie schon von dem Andrang des Volks zerstreut, dergestalt, daß der Kämmerer, der sich den Kopf beim Fallen verletzt hatte, der ganzen Wut der Menge preisgegeben war. Nichts als die Erscheinung eines Trupps berittener Lands knechte, die zufällig über den Platz zogen, und die der Officier der kurfürstlichen Trabanten zu seiner Unterstützung herbeirief, konnte den Kämmerer retten. Der Officier, nachdem er den Haufen verjagt, ergriff den wüthenden Meister und während derselbe durch einige Reiter nach dem Gefängniß gebracht ward, hoben zwei Freunde den unglücklichen mit Blut bedeckten Kämmerer vom Boden auf und führten ihn nach Hause. Einen so heillosen Ausgang nahm der wohlgemeinte und redliche Versuch, machte dem Roßhändler wegen des Unrechts, das man ihm zugefügt, Genugthuung zu verschaffen. Der Abdecker von Döbel, dessen Geschäft abgemacht war, der sich nicht länger aufhalten wollte, band,

des nächstfolgenden Tages den Kämmerer krank wie er an seinen Wunden darniederlag, in seinem Zimmer besucht hatte. Der Kämmerer, mit einer durch seinen Zustand schwachen und rührenden Stimme fragte ihn, ob er, nachdem er sein Leben daran gesetzt, um diese Sache seinen Wünschen gemäß beizulegen, auch noch seine Ehre dem Tadel der Welt aussetzen, und mit einer Bitte um Vergleich und Nachgiebig⸗ keit vor einem Manne erscheinen solle, der alle nur erdenkliche Schmach und Schande über ihn und seine Familie gebracht habe. Der Kurfürst, nachdem er den Brief gelesen hatte, fragte den Grafen Kallheim verlegen: ob das Tribunal nicht befugt sei ohne weitere Rücksprache mit dem Kohlhaas auf den Umstand, daß die Pferde nicht wieder herzustellen wären, zu fußen, und demgemäß das Urtheil, gleich als ob sie todt wären, auf bloße Vergütigung derselben in Geld abzufassen? Der Graf antwortete:gnädigster Herr, sie sind todt: sind in staatsrechtlicher Be⸗ deutung todt, weil sie keinen Werth haben, und werden es physisch sein, bevor man sie aus der Abdeckerei in die Ställe der Ritter gebracht

Eigensinn gemäß durchzusetzen und zu beschleu⸗ nigen. Ja, der Mundschenk, Herr Hinz, ging so weit einigen Jagdjunkern und Hofherren, die sich nach der Tafel im Vorzimmer des Kurfürsten um ihn versammelt hatten, die Auf⸗ lösung des Räuberhaufens in Lützen als eine verwünschte Spiegelfechterei darzustellen; und indem er sich über die Gerechtigkeitsliebe des Großkanzlers sehr lustig machte, erwies er aus mehreren witzig zusammengestellten Umständen, daß der Hunter nach wie vor noch in den Wäldern des Kurfürstentums vorhanden set, und nur auf den Wink des Roßhändlers warte, um daraus von neuem mit Feuer und Schwert hervorzubrechen.(Fortsetzung folgt).

Sprüche zur Lebens weisheit. Von Wolfgang Goethe.

Du mußt herrschen und gewinnen, Oder dienen und verlieren, Leiden oder triumphieren, Hammer oder Ambos sein.

*.

ar n da sich das Volk zu zerstreuen anfing, die Pferde] hat; worauf der Kurfürst, indem er den Brief

daun an einen Laternenpfahl, wo sie den ganzen Tag einsteckte, sagte, daß er mit dem Großkanzler 21 515 157 eic be

künm über, ohne daß sich jemand um sie bekümmerte, selbst darüber sprechen wolle, den Kämmerer, Kopf und Arm mit heitern Kräften

1 ein Spott der Straßenjungen und Tagediebe der sich halb aufrichtete und seine Hand dank⸗ Ueberall sind sie zu Haus;

finn stehen blieben; dergestalt, daß in Ermangelung bar ergriff, beruhigte, und nachdem er ihm noch Wo wir uns der Sonne freuen

f a aller Pflege und Wartung die Polizei sich ihrer[empfohlen hatte für seine Gesundheit Sorge zu Sind wir jeder Sorge los;

5 enn annehmen mußte, und gegen Einbruch der Nacht tragen, mit vieler Huld sich von seinem Sessel Daß wir uns in ihr zerstreuen,

lter ben den Abdecker von Dresden herbeirief, um sie bis] erhob, und das Zimmer verließ. Darum ist die Welt so groß.

hen auf weitere Verfügung auf der Schinderei vor. i 2

istpfüz, der Stadt zu besorgen. So standen die Sachen in Dresden, als J 1

zu den f g sich über den armen Kohlhaas noch ein anderes, Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen; Halfte Dieser Vorfall, so wenig der Roßhändler ihn bedeutenderes Gewitter von Lützen her zusammen⸗ Verziertes aber spricht der Menge zu.

er hin, in der That verschuldet hatte, erweckte gleichwohl zog, dessen Strahl die arglistigen Ritter ge⸗ 8 f

fend auch bei den Gemäßigtern und Bessern, eine dem schickt genug waren auf das unglückliche Haupt Frei will ich sein im Denken und im Dichten; dib Ausgang seiner Streitsa he höchst gefährliche] desselben herabzuleiten. Johann Nagelschmidt Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein. leudert. Stimmung im Lande. Man fand das Verhält⸗ nämlich, Einer von den durch den Roßhändler*

Schr niß desselben zum Staat ganz unerträglich, zusammengebrachten, und nach Erscheinung der Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende,

mere. und in Privathäusern und auf öffentlichen Plätzen kurfürstlichen Amnestie wieder abgedankten Was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt. zit, erhob sich die Meinung, daß es besser sei ein Knechten, hatte für gut befunden wenige Wochen 4

delle offenbares Unrecht an ihm zu verüben und die nachher an der böhmischen Grenze einen Teil Falchibb l eng n

Denn ganze Sache von Neuem niederzuschlagen, als dieses zu allen Schandthaten aufgelegten Gesindels. ene

Mud ihm Gerechtigkeit durch Gewaltthaten ertrotzt, von neuem zusammenzuraffen, und das Gewerbe, 55

bl in einer so nichtigen Sache zur bloßen Befriedigung auf dessen Spur ihn Kohlhaas geführt hatte, Willst du genau erfahren, was sich ziemt, ebe feines rasenden Starrsinns zukommen zu lassen. auf seine eigene Hand fortzusetzen. Dieser So frage nur bei edlen Frauen an.

ben h Zum völligen Verderben des arwen Kohlhaas nichtsnutzige Kerl nannte sich, teils um den*

die V mußte der Großkanzler selbst, aus übergroßer][Häschern von den er verfolgt ward, Furcht ein⸗ Der Feige droht nur, wo er sicher ist.

Of, Aechtlichkeit und einem dabon herrührenden zuflößen, teils um das Landvolk auf die ge⸗ 1

15 den Haß gegen die Familie von Tronka beitragen] wohnte Weise zur Teilnahme an seinen Spitz⸗ 3 1 be diese Stimmung zu befestigen und zu verbreiten. bübereien zu verleiten, einen Statthalter des ein kluger Streiter hält den Feind gering. lich Es war höchst unwahrscheinlich, daß die Pferde, Kohlhaas; sprengte mit einer seinen Herrn ab⸗ f 8 ö

dt l die der Abdecker von Dresden jetzt besorgte, je⸗ gelernten Klugheit aus, daß die Amnestie Nur die Lumpe sind bescheiden,

imb mals wieder in den Stand, wie sie aus dem mehreren in ihre Heimat ruhig zurückgekehrten Brave freuen sich der That.

1 f Stall zu Kohlhaasenbrück gekommen waren, her⸗] Knechten nicht gehalten, ja der Kohlhaas selbst*

Ml 10 gestellt werden können; doch gesetzt, daß es mit himmelschreiender Wortbrüchtigkeit bei seiner Edel sei der Mensch,

1 15 durch Kunst und anhaltende Pflege möglich ge-] Ankunft in Dresden eingesteckt, und einer Wache Hilfreich und gut.

an, wesen wäre: die Schmach, die zu Folge der be⸗ übergeben worden sei; dergestalt, daß in Plakaten, 4

5 1 stehenden Umstände dadurch auf die Familie die den Kohlhaasischen ganz ähnlich waren, sein Auch die Gerechtigkeit trägt eine Binde

el* des Junkers fiel, war so groß, daß bei dem Mordbennerhaufen als ein zur bloßen Ehre Und schließt die Augen jedem Bleudwerk zu. dung 0 staatsbürgerlichen Gewicht, welches sie als eine[Gottes aufgestandener Kriegshaufen erschien, be⸗ 4

r Han der ersten und edelsten im Lande hatte, nichts stimmt über die Befolgung der ihnen von dem Ich kann mich nicht bereden lassen

bebe billiger und zweckmäßiger schien, als eine Ver⸗ Kurfürsten angelobten Amnestie zu wachen; Alles, Macht mir den Teufel nur nicht klein: hebe gütigung der Pferde in Geld einzuleiten. Gleich⸗ wie schon gesagt, keinesweges zur Ehre Gottes, Ein Kerl, den alle Menschen hassen,

nen n wohl auf einen Brief, in welchem der Präsident noch aus Anhänglichkeit an den Kohlhaas, Der muß was sein.

11 an 1 des een er den dessen Schicksal 175 u cn 1

nach Ui, eine Krankheit abhielt, dem Großkanzler einige sondern um unter dem Schutz solcher Vor⸗ gen lt Tage darauf diesen Vorschlag machte, erließ spiegelungen desto ungestrafter und bequemer met A eee een ei die derselbe zwar ein Schreiben an den Kohlhaas za sengen und zu plündern. Die Ritter, sobald Das Stenogramm des Dreyfus Prozesses e worin er ihn ermahnte einen solchen Antrag, die ersten Nachrichten davon nach Dresden kamen, das vom Verlage derSächs. Arb. 31g. herausgegeben Aufl wenn er an ihn ergehen sollte nicht von der konnten ihre Freude über diesen dem ganzen wird, erscheint in acht Lieferungen zu vier Bogen, zum ) Hand zu weisen; den Präsidenten selbst aber[Handel eine andere Gestalt gebenden Vorfall[ Preise von 20 Pf. die Lieferung. Die erste Lieferung den 10 bat er, in einer kurzen wenig verbindlichen Ant⸗ nicht unterdrücken. Sie erinnerten mit weisen ist bereits erschienen. Der Preis des Ganzen beträgt

Hüchel wort, ihn mit Privataufträgen in dieser Sache] und mißvergnügten Seitenblicken an den Miß⸗ demnach 1,60 M. Sollte die angenommene Bogenzahl

ch, 110 zu verschonen, und forderte den Kämmerer auf, griff, den man begangen, indem man dem Kohl⸗ nicht ausreichen, so wird das Ueberschießende den

1 sich an den Roßhändler selbst zu wenden, den haas, ihren dringenden und wiederholten War- Abonnenten des Werkes gratis nachgeliefert. Bestellungen N 0 uh er ihm als einen sehr billigen und bescheidenen] nungen zum Trotz, Amnestie ertheilt gleichsam nimmt jede Buchhandlung entgegen. bell Mann schilderte. Der Roßhändler, dessen Wille[als hätte man die Absicht gehabt Bösewichtern l.

it u, durch den Vorfall der sich auf dem Markt zu- aller Art dadurch zur Nachfolge auf seinem

get getragen in der That gebrochen war, wartete Wege das Signal zu geben; und nicht zufrieden Beschwerden wegen unregel⸗

hebe auch nur, dem Rat des Großkanzlers gemäß,[mit dem Vorgeben des Nagelschmidt, zur bloßen 8. mäßiger Zu⸗

pia auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers Aufrechthaltung und Sicherheit seines unter⸗ stellung derM. S. ⸗Ztg. bitten wir an die

1 oder seiner Angehörigen, um ihnen mit völliger[drückten Herrn die Waffen ergriffen zu haben, Expedition, Sonnenstraße 25, Buchhandlung)

90 Glauben zu schenken, äußerten sie sogar die be⸗ zu richten. In Gießen muß dieM. S.⸗Ztg.

10% Bereitwilligkeit und Vergebung alles Geschehenen 0 entgegenzukommen; doch eben diese Eröffnung zu thun war den stolzen Rittern zu empfindlich; 1. und schwer erbittert über die Antwort, die sie

bis spätestens Samstag Abend in den Händen unserer Abonnenten sein, da die Drucklegung und Ausgabe an unsere Austräger bereits Freitag

stimmte Meinung, daß die ganze Erscheinung desselben nichts, als ein von dem Kohlhaas angezetteltes Unternehmen sei, um die Regierung

00 110 von dem Großkanzler empfangen hatten, zeigten in Furcht zu setzen, und den Fall des Rechts- Nachmittag erfolgt. 150 sie dieselbe dem Kurfürsten, der am Morgen spruchs Punkt vor Punkt seinem rasenden

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