Seile 4.
Waitieldeuische Sonntags⸗Zeitung
Nr. 36.
Auch in Wetzlar wurde am Goethebrunnen ein be⸗ scheidener Huldigungsakt abgehalten.
In Gießen wurde am Eckhaus Neuenbäue⸗Sonnen⸗ straße am Montag eine Gedenktafel, die folgende In⸗ schrift zeigt, enthüllt:
In diesem Hause wohnte Goethes Freund LEudw. Tüll, Fries dr, Höpfner, Professor der Rechte. Geb. 1743, gest. 1797.
Volksversammlung.
* Nach längerer Pause wird am kommenden Montag, den 4. September, in Gießen eine öffentliche Volksversammlung stattfinden und zwar im großen Saale von Lonys Bierkeller. Der bekannte württembergische Landtags- und Reichstagsabgeordnete Stadtrat Karl Kloß wird referieren. Es ist wohl selbstverständlich, daß die Versammlung gut besucht wird.
Zwei ehemalige Freunde.
* Im Offenbacher Arizona-Kicker des von den Odenwälder Bauern zum Teufel gejagten Antisemiten Hirschel wird 1 über die Aus⸗ einandersetzungen berichtet, die die„M. S.⸗Z.“ mit der nationalsozialen„H. L.⸗Z.“ in Mar⸗ burg, resp. deren Redakteur Erdmannsdörffer hatte. Natürlich geschieht das in der dem Organ der geistig Armen eigenen Weise: feig⸗ hinterlistig⸗verdächtigend und witzlos. Wir über⸗ gehen das dröhnende Blech und stellen nur fest, daß das Hirschelblatt zugestehen muß, daß Scheidemann, dessen Name übrigens ängstlich verschwiegen wird, den ehemaligen Partei⸗ freund Hirschels, Herrn Erdmannsdörffer, heimgeschickt hat. Mit einem gewissen Be⸗ hagen sogar stellt das der Arizona⸗Kicker fest; kein Wunder übrigens, hat doch der ehemalige Architekt Hirschel Wut in der antisemitischen Heldenbrust, weil ihm Erdmannsdörffer vor Jahr und Tag den Vorwurf gemacht hat, er— der Judentöter Hirschel— habe an jüdische Berichterstatter Nachrichten verkauft und hat doch Erdmannsdörffer diesen Vorwurf kürzlich erst wiederholt, trotzdem Hirschel das un⸗ koschere Schachergeschäft in Abrede gestellt hat. Und die beiden wollten sich an uns reiben— die ehemaligen Parteifreunde Erdmanns⸗ dörffer und Hirschel. Gott, wie haißt!
Aus dem Reptilien reich.
»Die Kapitalisten⸗ und Amtsblätter finden Vergnügen daran, zu behaupten, daß in Solingen ein„sozialdemokratischer“ Stadtverordneter, den ste einen„königstreuen Genossen“ nennen, an der Begrüßung des Kaisers teilgenommen habe. Jene Blätter, die die Sozialdemokratie fort⸗ gesetzt ankläffen, weil sie zu dumm sind, sie sachlich zu bekämpfen, ergehen sich in Anknüpf⸗ ung an ihre Bemerkung in witzig sein sollenden Bemerkungen über den„unbotmäßigen Ge⸗ nossen“, der nun wohl„hinausfliegen“ werde usw.— Ein kindliches Vergnügen, das aber nur auf der kindischen Unterdrückung der be— kannten Thatsache basiert, daß der gemeinte Stadtverordnete, Herr Langenberg in Solingen, schon vor Jahr und Tag aus der sozial⸗ 18 Partei ausgeschlossen wor⸗ en ist.
Der klingende Lohn der Handwerker. Die amtliche Presse durchläuft gegenwärtig ein Artikel, in dem über das Handwerk— fabuliert wird. Es wird beklagt, daß keine Lehrlinge mehr für das Handwerk zu haben wären und heißt dann weiter:„Das Ver- trauen auf den goldenen Boden des Hand— werks ist in den Kreisen, aus denen früher seine Angehörigen hervorgegangen sind, leider ver— schwunden, obwohl gerade bei dem großen Mangel an Nachwuchs junge strebsame Hand— werker die allerbeste Aussicht auf eine gute Zukunft haben.... Das Handwerk lebt noch recht kräftig und wird niemals durch die Großin dustrie beseitigt oder ersetzt werden können, wohl aber sind die geisttigen und künstlerischen Anforderungen, welche an ein Handwerk gestellt werden, ge— wachsen, und ein Tischler oder Schlosser, der die Fortbildungsschule nicht mit Erfolg besucht hat, wird nur geringe Aussicht haben, weiter zu komwer. Das steht fest, ein Handwerker,
der sein Geschäft versteht und den Anfor⸗ derungen entspricht, welche die fortgeschrittene allgemeine Wohlhabenheit(19) und der ausgebildetere Kunstgeschmack stellen, wird stets in allgemeiner Achtung stehen und der klingende Lohn wird ihm nie fehlen...“ Für unsere Leser ist jede Erläuterung obiger Dummheiten überflüssig. Die vielen tüchtigen Handwerker aber, die trotz rastloser Thätigkeit kaum so viel verdienen, um sich und ihre Familien einigermaßen anständig über Wasser halten zu können, mögen sich noch einmal in den Redak⸗ tionen der Reptilienblätter auf ihre Tüchtigkeit und ihren Fleiß nachprüfen lassen. Denn wie hieß es doch oben: ein Handwerker, der sein Geschäft versteht, bekommt auch den klingenden Lohn! Demnach müßt ihr Schuster-, Schneider⸗, Schlosser⸗, Tischlermeister u. s. w., die hr jahraus jahrein von der Hand in den Mund lebt und froh sein müßt, wenn ihr keine Schulden zu machen braucht, wahrscheinlich alle Faulpelze sein oder ihr versteht nichts von eurem Geschäft! Nationalliberales.
K. Der Darmstädter Tägliche Anzeiger— im Volksmund richtig„Kläglicher Anzeiger“ ge⸗ nannt— sprach am diesjährigen Ludwigstage von einem„goldenen Jubiläum“, welches heute noch alle wirklich liberalen Hessen mit Bedauern erfüllen muß. Vor 50 Jahren habe der Großherzog Ludwig vog Hessen den hessischen Soldaten seinen Dank dafür ausge⸗ sprochen, daß sie sich bei der Niederwerfung der badischen Revolution, unter Führung des Prinzen von Preußen(nachmaligen Kaiser Wil⸗ helm J.) besonders hervorgethan hatten. 72 Orden waren verteilt worden. Dies Jubiläum nennt das liberale Blatt einen ganz beson⸗ deren Ehrentag der hessischen Armee und die Dienste der Armee um das Vaterland her⸗ vorragend. Also daß man die damaligen Liberalen nach allen Regeln der Kunst niederkartätschte, nennt ein liberales Blatt heute ein besonderes Ver dienst. — Erfreulich ist, daß dieser Schein-Liberalis⸗ mus an chronischer Schwindsucht unheilbar krankt; wer die eigenen Väter, die damals für die Einheit und Freiheit Deutschlands kämpften, in dieser Art beschimpft, verdient, daß sich alle wirklich liberalen Männer entrüstet von ihm abwenden. Genossenschaftsbrauerei in Frankfurt.
* In Frankfurt soll eine Genossenschafts⸗ brauerei gegründet werden. Anteil⸗ Scheine à 50 Mk. werden ausgegeben. Weil an dem Projekt auch einige bekannte Sozialdemokraten beteiligt sind, wird in der bürgerlichen Presse von einer„sozialdemokratischen“ Gründung ge— sprochen. Das ist natürlich Unsinn. Die Sozialdemokratie läßt klugerweise ihre Finger von derartigen Gründungen. In der Bier- brauerei wird heutzutage mit solchen Riesen⸗ kapitalien gearbeitet, und die meisten Wirte befinden sich in einer so großen Abhäugigkeit von den Brauereien, daß uns die Gründung einer Bierbrauerei auf genossenschaftlicher Grund— lage als ein ziemlich kühnes Unternehmen erscheint.
Aus Alsfeld.
b. Die am vergangenen Sonntag hier statt⸗ gefundene Konferenz des 3. oberhessischen Wahlkreises war trotz der wichtigen Tages⸗ ordnung sehr schlecht besucht. Vertreten waren nur die Genossen aus Lauterbach und Alsfeld. Die Versammlung stimmte für Beschickung der Landes-Konferenz. Delegiert wurde Genosse Leußler aus Lauterbach. Das Mandat für den Parteitag in Hannover soll dem Delegirten eines benachbarten Wahlkreises übertragen werden. Es ist dringend zu wünschen, daß sich die Genossen unseres Wahlkreises in Zu⸗ kunft an den Parteiarbeiten reger beteiligen und eifriger mitwirken zur Aufklä u ung jener Leute, die uns noch gleichgültig gegenüberstehen.
Aus Marburg.
o Vor der Ferienstrafkammer des hiesigen Landgerichts wurde am Dienstag ein Fall ver⸗ handelt, der von weiterem Interesse ist, weil hier eine Dienstbotenmißhandlung ein⸗
mal etwas strenger geahndet wurde, als es
sonst üblich ist. Angeklagt waren der Bau⸗ unternehmer Karl Münscher und dessen Sohn, der Lehrling Albert Münscher, wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und ver⸗ suchter Nötigung, begangen an dem Dienst⸗ mädchen Müller. Der Thatbestand war kurz folgender: Das Dienstmädchen hatte von ihrer Herrschaft, welche nach Berlin verzogen war, den Auftrag erhalteu, die von letzterer inne⸗ ehabte Wohnung zu reinigen. Nach der
einung des Angeklagten Albert M. hätte sie dies jedoch nicht in genügender Weise besorgt und schloß er sie in die Wohnung ein mit der Drohung, sie nicht früher wieder herauszulassen, bis die Wohnung gründlich gesäubert sei. Später hat denn Carl M. das Mädchen ge⸗ ohrfeigt und trotzdem sie sich in„anderen“ Um⸗ ständen befand, vor den Unterleib getreten. Der Angeklagte, welcher die erwähnten Strafthaten bestritt, wurde zu einer Gefängnisstrafe von drei Wochen verurteilt, sein Sohn, der Zimmerlehrling Albert Münscher, welcher ihm bei seinen Handlungen geholfen hatte, erhielt 2 Tage Gefängnis. Beantragt waren für Carl Münschen eine Woche, für Albert Münscher zwei Tage.— Diese Strafen erscheinen noch in recht mildem Lichte, wenn man berücksichtigt, daß das mißhandelte Mädchen wochenlang schwer krank war, furchtbar leiden mußte und eine Fehlgeburt erlitt.
Aus dem Kreis Wetzlar.
h. In einer Volksversammlung, die am 30. Juli in Krofdorf stattfand, führte Genosse Fauth⸗Wetzlar den Vorsitz und ließ über einen aus der Mitte der Versammlung gestellten An⸗ trag abstimmen, der dahin lautete, eine frei⸗ willige Tellersammlung zur Deckung der Kosten vorzunehmen. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen und dann auch die Sammlung vorgenommen. Dieser Tage ist nun dem Gen. Fauth ein amtsgerichtlicher Strafbefehl über 30 Mark wegen„einer ohne Erlaubnis veran⸗ stalteten Kollekte“ zugegangen. Der so Be⸗ glückte hat richterliche Entscheidung beantragt.
Für Ordnung, Religion und Sitte.
Bordelle für die Edelsten und Besten dürfen ohne Gefahr ganz offen ihre Reklamen verbreiten. Beispielsweise erläßt ein„Balletetablissement“ in Berlin folgende Einladung: Die unterzeich⸗ nete Jagd⸗Saal⸗Verwaltung, deren Direk- tion Sie, hochgeehrter Herr, als passionirter Jäger empfohlen worden, giebt sich die hohe Ehre, Ew. Hochwohlgeboren auf ein neuer⸗ schlossenes, herrliches Ja 5 terrain mit reichem, vorzüglichem Wild stan d aufmerksam zu machen und zur ersten Edel wild Jagd am 26. August a. c. in den Jagd⸗Sälen höflichst einzuladen. Ein besonderer Umstand läßt unser neues Forst⸗ revier in hervorragender Weise angenehm und bequem erscheinen: Die Jagdgründe befinden sich im Mittelpunkt der Residenz, das Wild ist keinerlei Schonung unterworfen.“ Ohue Zweifel werden die ordnungestützenden Ballgäste, deren sittliche Qualitäten in der originellen Form der Einladung richtig einge⸗ schätzt sein mögen, auf dem nächtlichen Ver⸗ nügen von Neuem die Gelegenheit wahrnehmen, ich zum Kampf für Ordnung, Religion und Sitte wider die Parteien des Umsturzes ge⸗ hörig zu präpariren.
Kleine Mitteilungen.
* Gießen. Ein furchtbares Unwetter hat am Montag Nachmittag in beiden Hessen ge⸗ wütet. Der Kreis Gießen kam noch ziemlich glimpflich davon, in Marburg ging es schon ärger her. Dort hat namentlich auch der Hagel großen Schaden angerichtet. Auch in Cassel wurde großer Schaden angerichtet.
M. K. e eee een Am Sonntag fand im Restauraut zur„Stadt Cassel“ in Gießen die zweite diesjährige Versammlung des Bezirks Gießen des Verbandes d. d. Buch⸗ drucker statt. Von den zum Bezirk gehörigen Orten war leider nur Fulda durch 2 Mitglieder vertreten. Der Vorstand hatte für die aus⸗ gesperrten Dänen in 2 Raten aus der Bezirks⸗ kasse 35 Mk. bewilligt; er wurde entlastet und als 3. Rate 35 Mk. bewilligt, außerdem dem
erleg 2 elmer bol. Verht Zuch
Urteil


