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Nr 27.

Mitteld eut sche Sountags- Zeitung.

Seite 3.

Jebenslagen geschützt ist. Und dann wissen die Buchdrucker sehr wohl, daß der von ihnen gezahlte Beitrag in ganz hervorragendem Maße eine Mindestlohn⸗Versicherungsprämie ist. Wür⸗ den die Buchdrucker auf ihre Organisation ver⸗ zichten und die Beiträgesparen, so würden innerhalb weniger Monate die Löhne um den doppeltea und dreifachen Betrag der jetzigen Wochensteuer gesunken sein.

DieFrommen für die Zuchthaus⸗ vorlage.

* Es ist selbstverständlich, daß die im Interesse des Unternehmertums begründeten frommen Sonntagsblättchen für die Zucht⸗ hausvorlage eintreten. Die Arbeiter zu ver⸗ dummen und zu vermuckern, damit die Unter⸗ nehmer ihnen ganz nach Belieben das Fell über die Ohren ziehen können, ist der einzige Zweck dieser sichchristlich nennenden Blätter, die sich nicht schamen im Namen des Christentums die Kleinen zu Gunsten der Großen knebeln zu helfen. Und in allen Dörfern werden diese Lügen⸗ und Schandblätter verbreitet. Vielfach agitieren Geistliche und Lehrer direkt für diese Muckerblätter. Sie beweisen dadurch, daß sie keine Arbeiterfreunde sind, sondern es mit den Großen halten, sie thun das Gegenteil dessen, was der Stifter der christlichen Kirche gethan hat, der es mit den Kleinen hielt. Pastor Hülle, berühmt durch den von ihm herausge⸗ gebenenArbeiterfreund, spricht in einer seiner Flugschriften von der Zuchthausvorlage: Man kann sich nichts Maßvolleres, nichts Be⸗ sonneneres, nichts Gerechteres vorstellen als den Inhalt dieses Entwurfs. Wer wird sich nun noch wundern, daß die Fabrikanten das vom Pastor Hülle herausgegebene BlattDer Ar⸗ beiterfreünd ihren Arbeitern aufzwingen?

Die unbefleckte Fahne!

Die Nummer 143 der Sonneberger Zeitung

enthält folgende köstliche Anzeige: Warnung!

Wir warnen hiermit jedermann für das Weiter⸗ verbreiten des fulschen Gerüchts, daß unsere Fah n en⸗ trägerin Fräulein Rosa H.... in anderen Um⸗ ständen ist. Nicht diese, sondern die Begleiterin Emma A... ist es. Da dieselbe die Fahne nicht in die Hand bekommen hat, so ist unsere Fahne als unbe⸗ fleckt zu betrachten. Diejenigen Personen, welche sich wiederholt der unverschämten Lüge bedienen und uns mit unserer Fahne beleidigen, werden wir gerichtlich belangen.

Der Vorstand des Turnvereins Hönbach.

Gut Heil! Heil! Heil!

Kleine Mitteilungen.

* Am Mittwoch Abend ist der vor 7 Wochen so plötzlich und stillschweigend von Gießen abgereiste Schlacht⸗ hausverwalter Möhl in das Gießener Gerichtsgefängnis eingeliefert worden. Welcher großen Beliebtheit sich der Mann erfreute, geht daraus hervor, daß er nachts gegen 12 Uhr von ca. 100 Metzgern, Gesellen und Meistern, freudig am Bahnhof in Empfang genommen wurde.

* Schützen⸗Fest in Gießen. Vom 1. bis zum 9. Juli findet in Gießen das 17. Verbandsschießen des Badischen Landesschützenvereins, des Pfälzischen und Mittelrheinischen Schützenbundes statt. Großartige Vor⸗ bereitungen sind zu diesem Fest getroffen. Viele Tausende sind für den Bau der Festhalle, der Schützenstände usw. verausgabt worden. Am vorletzten Tage des Festes, den 8. Juli, soll ein großes Kinderfest stattfinden.

Am Donnerstag erlitt ein junger Grünberger Einwohner in der Nähe des Schützenfestplatzes in Gießen ein schwerer Unfall, dem er nach kurzer Zeit erlag. Der Verunglückte hatte ein Möbelwagen nach Gießen gefahren und geriet unter die Räder. Sofort in die Klinik ge⸗ schafft, verstarb er noch in der ersten Stunde.

In Bad Nauheim b läuft sich die Zahl der vom 1. April bis 22. Juni angekommenen Badegäste auf 9556. Verabfolgt wurden in dieser Zeit 92606 bezahlte Bäder und 4586 Freibäder.

Ein 25 Jahre alter Kaufmann von Worms entführte am Samstag in Gießen ein 14 Jahre altes Waisenmädchen. Die Tour ging vorerst nach Frankfurt. Die Pflegeeltern des Kindes benachrichtigten die Polizei, die gleich nach der Ankunft des Zuges die Ver⸗ haftung des Pärchens vornahm. Das Mädchen wurde später von seinen Pflegeeltern in Em⸗ pfang genommen.

Mainz. In einer sehr zahlreich besuchten Protestversammlung gegen die von der Regierung geplante Fahradsteuer wurde einstimmig eine Resolution angenommen, die sich gegen diese Steuer ausspricht. Prügel pädagogik. In der Montags⸗ Sitzung des Schulvor⸗ standes erregte die Mitteilung des Ober- bürgermeisters Dr. Gaßner, daß Herr Kreisarzt Dr. Balser in einem Schreiben an die Bürgermeisterei mitgeteilt habe, in den hiesigen Volksschuhen werde zu viel ge⸗ prügelt, großes Aufsehen. Herr Stadtver⸗ ordneter Schäfer erinnerte daran, daß er be⸗ reits vor einem Jahre auf diese Zustände auf⸗ merksam gemacht habe, daß seine Mitteilungen aber bestritten worden seien. Herr Oberbürger⸗

meister Dr. Gaßner versprach eine strenge Unter⸗

suchung. In der Sitzung wurde u. a. die Mitteilung gemacht, daß der Sohn eines Stadtverordneten von einem Lehrer 10 Hiebe hintereinander in das Gesicht erhalten hätte. Arbeiterbewegung.

* Die Gießener Glasergesellen sind am Montag in den Streik eingetreten. Nur die Firma Scherff Ww. hat die Forderungen bewilligt. Die übrigen Meister haben die Ge⸗ sellen nicht einmal einer Antwort gewürdigt. Insgesamt legten 10 Glaser die Arbeit nieder, J reiste ab, 1 wurde wiederarbeitswillig, gehört also nach der Denkschrift der Regierung zur Zuchthausvorlage zu denfür den Staat besonders nützlichen Elementen. In 2 Werk⸗ stätten wird mit 4 Mann zu den alten Be⸗ dingungen weitergearbeitet. Wenn die aus⸗ stehenden 8 Mann treu zusammenhalten, muß ihnen in kürzester Zeit der Sieg zufallen.

Die Berliner Bauhandwerker und Bauunternehmer haben Frieden gemacht. Sie einigten sich in vielstündiger Sitzung auf folgende Punkte:

1. Am 27. Juni früh wird überall die Ar⸗ beit wieder aufgenommen und die von den Ar⸗ beitgebern verhäugte Aussperrung aufgehoben. 2. der Stundenlohn beträgt vom 27. Juni 1899 bis 31. Dezember 1899 einschließlich 60. Pf., vom 1. Januar 1900 bis 30. September 1900 einschließlich 62½ Pf., vom 1. Oktober 1900 bis 31. März 1901 einschließlich 65 Pf. Der Lohnsatz der durch Unfall, Alter, Invalidität minder leistungsfähiger Gesellen, sowie für Junggesellen im ersten Gesellenjahr, soweit die⸗ selben bei ihrem Lehrherrn thätig sind, unter⸗ liegt der freien Vereinbarung. 3. Es wird eine Kommission gebildet, welche aus 9 Arbeiter⸗ gebern und 9 Arbeiternehmer besteht. Die Wahl der Mitglieder dieser Kommision erfolgt durch die Arbeitergeber bezw. die Organisationen der Arbeitnehmer. Unter den Arbeitnehmermit⸗ gliedern soll mindestens je ein Mitglied der Centralorganisation, der Lokalorganisafiou und der Gewerkschaftskommision angehören. Die Geschäftsordaung der Kommission wird von dieser festgestellt. 4. Der unter Nr. 3 bezeich⸗ neten Kommission liegt die Regelung der Ar⸗ beitszeit, Pausen, Lohnverhältunisse Einrichtung der Arbeitsstätte und ähnlicher Punkte, sowie die Schlichtung der Streitigkeiten zwischen Ar⸗ beitgebern und Arbeitern ob.

Ein Bergarbeiterausstand ist im Westfälischen Kohlenrevier ausgebrochen. Un ser Parteiblatt, sowie die sämtlichen Ver⸗ sammlungsredner haben die Bergleute dringend gewarnt, jetzt in den Streik einzutreten. Der Vorw. berichtet: Die Streikenden sind junge unorganisierte Polen, die nur durch den Zorn über die hohen Abzüge bei den geringen Löhnen zu dem Mittel des Ausstandes gegriffen haben und sich über Möglichkeiten und Voraus⸗ setzungen des gewerkschaftlichen Kampfes gar keine Rechenschaft zu geben vermögen. Die orga⸗ nisierten Arbeiter raten dringend von dem Aus⸗ stande ab. In Herne ist es am Dienstag Abend zu ernstlichen Zusammenstößen zwischen den Ausstehenden und Gensdarmerie gekommen. Mehrere Bergleute wurden durch Schüsse schwer verwundet, mehrere sind an den Wunden bereits verstorben. Neuesten Nachrichten zufolge sind an dem Ausstand und den Ausschreitungen thatsächlich nur Polen beteiligt. Die Polizei verbietet alle Versammlungen, das ist das

allerungeschickteste, was gemacht werden kann. Denn wie und wo soll denn jetzt den unerfahrenen und unorganisierten jungen Polen das Thörichte ihres Verhaltens klar gemacht werden? Die bürgerlicheFkft. Ztg. schreibt:

5Obgleich es demnach klar ist, daß lediglich die pol⸗ nische Arbeiterschaft, ein kulturell tief stehendes und jeder⸗ zeit unruhiges Element, an dem thörichten Ausstand und den verdammendwerten Ausschreitungen die Schuld trägt, und obgleich es ferner klar ist, daß solche Exzesse nicht durch verschärfte Strafbedingungen, sondern nur durch Poli⸗ zei, eventuell mit militärischer Hülfe, verhindert werden können, entblödet sich die Scharfmacherpresse nicht, aus den Vorgängen in Herne die Notwendigkeit der Zucht⸗ baus vorlage abzuleiten Weit entfernt, daß die Vorgänge in Herne für die Zuchthausvorlage sprechen, find gerade sie dazu angethan, Material gegen die Vorlage zu bilden Es zeigt sich hier wieder, daß die organi⸗ sierten Arbeiter, denen die Vorlage an den Leib gehen will, die rubigen, besonnenen Elemente sind, und daß es weder zum Streik noch zu Exzessen gekommen wäre, wenn die Organisierten bereits genügenden Ein luß hätten. Das Einzige also, das man in dieser Hinsicht aus den Unruben im westfälischen Kohlenrevier lernen kann, ist: Stärkt die Organisationen der Arbeiter! Und wer das Gegenteil behauptet, wer diese Unruben so für die Zuchthausvorlage verwertet, wie es gewisse Blätter thun, ist entweder unwissend oder unehrlich. Sehr richtig.

0. 0 Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Dienstag, den 4. Juli:

Kartellsitzung bei Orbig, abends 9 Uhr. Samstag, den 8. Juli: Lauterbach. Wahlverein. Abends 9 Uhr bei Wöllfinger.

Briefkasten der Expedition. Quittungen. Bch. Ptwl. 9.60. M. Obsch. 5.. Kch. Kfd. 7.20. G. Dyfz. 6.60. Z. Adh. 6.20. Sch. Verb. Ins. 2. Frch. Gog. 3.. Gb.

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V. G. Ins..50. Z. Noh. 5.. Wb. Afd. 16.20. Wtzb. Pf. 4.80. Ad. Kdhm. 8.. Mllr. Mbg. 140.. Vlz. G. Ins. 1.. E. G. Jus. 22.50. M. G. 4.50. Lg. Kl. .80. Rch. Kohn. 10.. Hbr. Dbrgn. 9.60. Gge. Hdbgn. 8.40. A. Sg. H. 2.20. R. G. 60. Fr. G. Ins. 1.50. N. Fr. 1.80. H. Cbch. .20. Dth. Lgst. 4.40. Kch. G. 25.. Fth. Wtzlr. 25.. Mhl. G. 58.. Sch. Schnck. 15.. Wzl. gd. 3.20. Frd. G. Ins. 60.. M. Nbch. 1.. Gew. K. G. 10.. Hzl. Ob..70. H. G. Juf⸗

Fr. Gbg. 3.. Sg. Wek. 26.60.

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15.. B. G. Ins. 18.60. M. A. B. 31.. Sg. Wek. 26.40. Schm. Hch. 27.. Kl. Rdgn. 8.. Bd. G. 17.. Gge. Hdbgn. 8.60. B. G. 2.40. Kch. Ndfl. 6.20. L. Krk. 2.24. Marktbericht. Gießen, 24. Juni.(Marktbericht). Auf dem

heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter p. Pfd. 0.80 bis 1.00 Mk., Hühnereier p. St. 56, 2 St. 0-00 Pfg., Enteneier 2 St. 11 12 Pfg., Gänseeier p. St. 10 bis 11 Pfg., Käse 1 St. 56 Pfg., Käsematte per St. 3 Pfg., Erbsen p. Ltr. 22 Pfg., Linsen p. Ltr. 32 Pfg., Tauben per Paar Mt. 0.70 1.00, Hühner per Stück Mk. 1.10 1.50, Hahnen per Stück Mk. 1.20 1.80, Enten per Stück Mk. 2.00 2.20, Gänse per Pfund Mk. 0.00 0.00, Ochsenfleisch per Pfund 68-74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch per Pfd. 6264 Pfg., Schweine⸗ fleisch per Pfd. 60 72 Pfg., Schweinefleisch, ge⸗ salzen, per Pfd. 76 Pfg., Kalbfleisch per Pfd. 60 bis 66 Pfg., Hammelfleisch ver Pfd. 5070 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 4.50 6.00, Weißkraut per St. 0000, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.50 00.00, Milch per Liter 16 Pfg., Kirschen per Pfd. 3545 Pfg⸗

eee Letzte Nachrichten.

Paris. Es erscheint nunmehr als festehend, daß Dreyfus sicher bis zum Samstag den 1 Jult, in Brest ankommen wird. Um Manifestationen zu vermeiden, wird der Gefangene wohl nicht nach dem Bahnhof von Brest verbracht werden, sondern ein Kanonenboot wird ihn auf See vom Bord derSfax abholen und nach einem von der Stad entfern en Punkte der Rhede führen. Nach demSfax sollte die Regierung eine Depesche erhalten haben, daß Dreyfuß an Bord derSfax gestorben sei. Waldeck-Rosseau, der im Elyséee einem Diner beiwohnte, das Präsident Loubet den Pariser Künstlern gab, eilte sofort nach dem Ministerium des Junern, um ein kategorisches Dementi zu veranlassen.

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