Ausgabe 
2.7.1899
 
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Sette 4.

Mitteldeusche Sonntags- Zeitung.

Nr. 27.

gesetz gegen die Arbeiterklasse ablehnen wird. Nicht eine Einschränkung, sondern vielmehr eine Erweiterung des Koalitionsrechts thut den deutschen Arbeitern Not. Die Ver⸗ sammlung fordert den Reichstag auf, für die bessere Ausgestaltung des Koalitionsrechts und die gesetzliche Anerkennung der gewerk⸗ schaftlichen Organisationen einzutreten.

Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie fand die denkwürdige Versammlung ihren Abschluß.

Protestierende Veteranen.

* Die Rede des Genossen Scheidemann in der Pulvermühlen-Versammlung vom vorigen Sonntag hat in den Augen des Berichterstatters der natibnal⸗sozialen Marburger Hess. Ldsztg. einigermaßen Gnade gefunden. Nur gefällt es dem Herrn nicht, daß verschiedentlich doch der sozialdemokratische Pferdefuß zum Vorschein gekommen. Der nationalsoziale Berichterstatter scheint den Pulvermühlengarten in der Hoffnung betreten zu haben, daß sich Scheidemann ange⸗ sichts des am Garten vorüberflutenden gewal⸗ tigen Lahnstromes plötzlich für die Zukunft, die auf dem Wasser liegen soll, begeistern und so nebenbei für Naumanu⸗Sohmesche Ueber⸗ seepolitik, für neue Kanonen, Kriegsschiffe und afrikanische Sandwüstenkolonisation Propaganda machen würde. Aber noch etwas weiß der Berichterstatter zu vermelden, was ihm schier unerhört vorgekommen scheint. Man höre:

Ein Ereignis soll nicht unerwähnt bleiben; wir sahen plötzlich zu unserem Er⸗ staunen einen alten Veteranen daherkommen, dessen Brust mit militärischen Ehrenzeichen geschmückt war!

Er sah ihn daherkommen! Welch schreckliches, welch schauderbares Ereignis; ein ordenge⸗ schmückter Krieger in einer sozialdemokratischen Protestversammlung!Hilfe! Naumann, hilf!

Akademisch gebildet.

* Es wird uns geschrieben: Das glänzende Ballfest, das ein Gießener reicher Privatmann während einer Sommernacht der vergangenen Woche in Steins Garten gab, sollte am frühen Morgen in der Oeffentlich⸗ keit eine eigenartige Nachfeier finden. Der studentische Teil der Festgesellschaft fühlte nämlich den Trieb in sich, dem Gastgeber und seiner Familie noch unter dem Ein⸗ flusse des Tanzes, der Speisen und der Getränke seinen Dank abzustatten. Daß dies aber in den bekannten Lebensformen dergebildeten akademischen Jugend sich vollzog, ist nicht weiter zu verwundern. Um 6 Uhr also, als gerade Arbeiter und Arbeiterinnen ihrem Tage⸗ werk zueilten, Bäckerjungen und-Frauen ihre Körbe aus⸗ trugen und Realschüler von den Frühzügen an ihrer Schule ankamen, torkelte Ludwigs⸗ und Bismarck⸗ straße⸗Ecke ein wüster Haufe weiß bemützterfeiner Herren herum, untermischt von einigen Grün⸗ und Rot⸗ kappen, sowie mehreren schiefen Zylinderhüten. Die Heldenbrüste geschmückt mit glitzernden Cotillonorden, die Coien schlotternd und eingeknickt, nervenzerrüttendeGe⸗ sänge, unablässig wiederholte Hochs aufMariechen, das seinen Verehrern vom zweiten aus zuzuschauen schien, meist aber ein Gejohl und ein Gebrüll, das die ganze Nachbarschaft aus ihren Betten scheuchte. Brotbeutel wurdeu hin- und hergeschleudert, eine Fensterscheibe klirrt wieder, von einem Bierglas zerschmettert. Ein tapferer Vaterlandsverteidiger, den Helm auf dem schwankenden Haupt, die weiße Mauer des Hauses als Stützpunkt im Rücken, leitet die Schlacht, der nach über halbstündiger Dauer die schließlich hinzukommende Polizei dadurch ein Ende macht, daß sie zwei der am meisten unterstützungs⸗ bedürftigen Fräcke vom Felde der Ehen teilnehmend hin weggeleitet. Wären wir Berichterstatter der gutge⸗ sinnten Presse, so würden wir nicht verfehlen, mit dem Ausdrucke unserer unterthänigen Hochachtung vor unseren zukünftigen Richtern, Geheimräten u. s. w. die üblichen Phrasen vonüberschäumender Jugendlust undkeckem Studentenulk auf das geduldige Papier hinzustammeln, dankbar entzückt, die Blüte der Nation in schwarzer und zweifarbiger Gala in ihrer verzeihlichen Ausgelassen heit haben schauen und hören zu dürfen. Schade, wir fühlen keinen Beruf in uns, für das, was bei den privilegierten Mitgliedern unserergebildeten a ademischen Jugend alsOrdnung und Sitte gilt, einzutreten. So müssen wir unserer wirklichen Empfindung folgen und uns darauf beschränken, über die geschilderten Vor gänge das kurze Wörtchen auszusprechen, das jüngst im Reichstage als unparlamentarisch bezeichnet wurde, näm⸗ lich ein kräftiges Pfui! Endlich wollen wir auch dem unmittelbaren, frischen Urteile desungebildeten, niederen Volkes das Wort verleihen: Von dem Gerüste eines Hauses in der Nachbarschaft, wo fleißige Tüncher hoch

über dem widerlichen Schauspielegebildeter Be.

heit schon geraume Zeit ihr Tageswerk betrieben, erscholl

plötzlich mitten in den Höllenlärm der durche inander⸗

taumelndenSöhne der besseren Gesellschaft hinein der

scharfe, gellende, vernichtende und wahre Ruf: Faullenzer!

Gebildeter Rowdy.

Man ist auch in Hessen gewöhnt, daß die von Studentenin überschäumender Jugend⸗ kraft begangenen Rohheiten meist recht milde beurteilt wurden. Die Darmstädter Straf⸗ kammer hat ber kürzlich einmal fest zuge⸗ griffen. Sie verurteilte den Studiosus Kopf, Mitglied der Burschenschaft Teutonia, zu 8 Monaten und 2 Wochen Gefängnis, weil er in geradezu bestialischer Weise, ohne jede Veranlassung, einen jungen Arbeiter nachts angegriffen hatte und mit dem Stock ein Auge derart verletze, daß der Bedauerns⸗ werte dauernd die Sehkraft auf dem betrefenden Auge verlor. Die BurschenschaftTeutonia ist nachträglich suspentiert worden, weil die Mitglieder in demonstrativer Weise mit ihrem ehemaligen ersten Chargierten Kopf, nach seiner vorlläufigen Haftentlassung in der Stadt herum⸗ gezogen sind.

Aus Lauterbach.

g. Im großen Saale des Herrn Kreutzer fand am Samstag Abend eine sehr gut besuchte Volksversammlung statt. Der Redakteur Ph. Scheidemann aus Gießen sprach über die Zuchthaus vorlage. Er kennzeichnete dieselbe als ein Glied jener Kette, durch die das arbei⸗ tende Volk in Dorf und Stadt mehr und mehr in Banden geschlagen werden soll: Sozialisten⸗ gesetz, Umsturzvorlage, Vereins⸗ und Versamm⸗ lungsrechts-Verschlechterung in Preußen, Unter⸗ stellung des Versammlungsrechts unter die Polizeistunde in Hessen, Wahlrechtsverschlechte⸗ rung in Sachsen u. s. w. und nun das abscheu. liche Attentat auf das Koglitionsrecht, die Zuchthausvorlage. Weitere Einschränkung der bescheidenen Rechte des Volkes und als Eat⸗ schädigung dafür mehr Lasten. Auf Seiten der herrschenden Klassen lautet die Parole: Rück⸗ wärts! Das arbeitende Volk dagegen dränge nach vorwärts. Es könnte kein Zweifel darüber bestehen, wer den Sieg davon tragen würde, wenn die Kleinen in Stadt und Land ein⸗ mütig zusammenstehen. Das Verständnis für diese Interessen-Gemeinschaft aller Kleinen zu wecken, Aufklärung zu schaffen über die Ursachen der bestehenden Mißstände das sei mit die vornehmste Aufgabe der Sozialdemokratie. Lebhafter allgemeiner Beifall wurde dem Redner gespendet. Der Vorsitzende ließ über eine Protestresolution gegen die Zucht⸗ hausvorlage abstimmen, die einstimmig ange⸗ nommen wurde.

Aus Schlitz.

S. Am Sonntag Nachmittag fand in der Brauerei Gundrum hierselbst eine öffentliche Protestversammlung gegen die Zuchthausvorlage statt, in welcher unser Reichstagskandidat Genosse Schmidt aus Preunges⸗ heim das Referat übernommen hatte. Redner besprach die schädigende Einwirkung, welche dieses neue Aus⸗ nahmegesetz gegen das ohnehin schon beschränkte Koa⸗ litions-(Vereinigungs-) Recht für das werkthätige Volk bedeute. Nicht Beschränkung, sondern Erweiterung des Vereiuigungsrechts, auch für landwietschaftliche Arbeiter, sei dringend erforderlich. Um jedoch bessere Lebens⸗ und Arbeitsverhältnisse herbeiführen zu können, sei es not⸗ wendig, sich der sozialdemokratischen Partei anzuschließen, deren Zeitungen und Broschüren zu lesen, um sich da⸗ durch aufzuklären. Nur der Sozialismus kann die Befreiung aus dem Joche des Kapitals bringen. Allge⸗ meiner Beifall bekundete die Zustimmung der Versamm⸗ lung. Eine energische Protestresolution fand einstimmige Aunahme.

Aus Angersbach.

t. Hier fand am Sonntag Abend im Lokale des Gastwirts Reining eine sehr zahlreich besuchte Versamm⸗ lung statt. Genosse Schmidt aus Preungesheim be⸗ sprach in seinen ca. Astündigen Ausführungen die Zucht⸗ hausvorlage und verwies auf die Schäden, welche dieses neue Ausnahmegesetz auch für die Kleinbauern bedeute. In der Diskussion meldete sich Herr Pfarrer Licht zum Wort. Derselbe war gerade von einem Kindtaufschmaus gekommen und suchte die Versammlung vor den Sozial⸗ de nokraten gruselig zu machen. Seine auffällige Auf⸗ regung erzeugte allgemeinen Unwillen der Versammlungs⸗

besucher. Genossen Schmidt war es ein Leichtes, die ganz nebensächlichen Ausführungen des Herrn Geistlichen

klarzulegen, worauf eine gegen die Zuchthausvorlage ge⸗ f richtete Protestresolution, welcher auch der Herr Pfarrer zustimmte, einstimmig zur Annahme gelangte. Die Ver⸗

sammlungsbesucher, welche ihre größte Zufriedenheit über

die Ausführungen des Genossen Schmidt aussprachen,

blieben noch mehrere Stunden mit den auswärtigen Be⸗ suchern beisammen.

Aus dem Kreis Wetzlar.

f. Auf der Bahnstrecke zwischen Katzenfurt und Sinn hat am Freitag ein Zusammenstoß zwischen zwei Züge stattgefunden. Morgens gegen Uhr war von Katzenfurt ein Güterzug nach Sinn abgelassen worden, dem alsbald ein aus leeren Wagen bestehender zweiter Zug folgen sollte. Leider wartete der Diensthabende Beamte auf Station Katzenfurt die Rückmeldung nicht ak, sondern ließ den Wagenzug fahren. Die Fol ge davon war, daß der Wagenzug auf den Güter⸗ zug auffuhr. Hierbei wurden ein Heizer schwer und ein Bremser leicht verletzt. Außerdem ist ein nicht unbeträchtlicher Materialschaden ent⸗ standen. Eine Beriebsstörung ist durch den Unfall nicht verursacht worden. Die Schuld an dem Unfall schreibt man dem in Katzenfurt den Dienst versehenden Rottenarbeiter zu, welcher den Arbeiterzug nicht hätte durchfahren lassen dürfen, ehe der Güterzug in Sinn angekommen war. Die eingeleitete Untersuchung wird das Nähere wohl ergeben.

Organisation der Buchdrucker.

* Auf der Rückkehr von Maiuz nach Berlin erstatteten am Montag Abend zwei Delegierte zur Generalversammlung des Verbandes der deutsche! Buchdrucker, Massini und Siewert, in Marburg und Gießen Bericht über die stalt⸗ gefundenen Verhandlungen. Es dürfte wohl für alle unsere Leser von Interesse sein, etwas Näheres zu erfahren über die verschiedenartigen Unterstützungszweige, welche diese deutsche Ge⸗ werkschaftsorganisation als Mittel zum Haupt⸗ zweck, Erringung besserer Lohn- und Arbeits⸗ bedingungen, seit langen Jahren eingeführt hat. Wie wir schon in voriger Nummer auf Grund von schriftlichen Berichten mitteilten, zahlte der Verb. d. d. Buchdr. in den letzten vier Jahren für Unterstützungszwecke an seine Mit⸗ glieder 3 202 865,14 Mk. Die Unterstützungs⸗ sätze selbst sind nach den Berichten der oben er⸗ wähnten Delegierten jetzt wie folgt festgesetzt: Arbeitslosenunterstützung auf der Reise: Pro Tag 75 Pfg. resp. 1.25 Mk., nach der Dauer der Mitgliedschaft. Arbeits⸗ losenunterstützung am Ort: Je nach der Dauer der Mitgliedschaft pro Tag 1.25 resp. 1.50 Mk. Gezahlt werden diese Arbeitslosen⸗ unterstützungen auf die Höchstdauer von 40 Wochen. Um zugskosten für Verheiratete, die ihre Stellung wechseln müssen: 15100 Mk. je nach der Entfernung. Krankengeld(Zu⸗ schuß zu den dem Gesetz entsprechenden freien Hilfs⸗ oder Ortskrankenkassen): pro Tag 1.40 Mk. bis zur Dauer eines Jahres. Invaliden⸗ geld: Nach fünfjähriger Mitgliedschaft pro Tag 1 Mk., nach 20jähriger Mitgliedschaft pro Tag 1.25 Mk. bis zum Tode. Sterbegeld wird gezahlt an die Hinterbliebenen eines Mitgliedes je nach der Verbandszugehörigkeit in Höhe von 100 resp. 150 Mk. Streik- und Gemaß⸗ regelten-Unterstützung wird aus der Ver⸗ bandskasse in Höhe von 2 Mk, pro Tag ge⸗ zahlt. Erwähnt sei noch, daß in den meisten Gauen oder auch in den einzelnen Bezirks⸗ u. Ortsvereinen noch besondere Zuschußkassen be⸗ stehen, so z. B. innerhalb des Ortsvereins Gießen eine Krankenzuschußkasse, für den Gau Frankfurt⸗Hessen eine neu begründete Witwen⸗ und Waisenkasse u. s. w. Es ist selbstverständ⸗ lich, daß diesen hohen Leistungen entsprechend auch die Beiträge sind. Für die Mitglieder in Gießen beträgt der Wochenbeitrag für diejenigen, die auch der fakultativen Witwenkasse angehören, pro Woche 1.60 Mk., für die dieser Kasse nicht Zugehörigen Mk. 1.45. Mancher wird diese Beiträge ungewöhnlich hoch finden, man darf aber nicht außer Betracht lassen, daß ein dem Verband d. d. Buchd. angehörendes Mitglied thatsächlich vor der äußersten Not in allen

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