Ausgabe 
2.4.1899
 
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Seite 4

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 14.

und international. Das Revolutio⸗ näre schließt nicht aus, für Reformen ein⸗ zutreten, und unsere Internationalität

bedingt durchaus nlcht, die vaterländ ischen

Interessen hintanzusetzen. Unter Reformen verstehen wir keine Wassersuppengesetze à la Altersversicherung und unter Wahrung vater⸗ ländischer Interessen verstehen wir nicht Geld⸗ bewilligungen für Mordwerkzeuge oder afrikanische Sandwüften.

Lassen wir die Feinde zetern oder frohlocken thun wir unsere Pflicht. Unterm Zucht⸗ 5 kämpft es sich gut für Freiheit und

echt.

Von Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Seserkreise find jederzeit willkommen

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkert

bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Die Bahn wird frei!

* Die seither in Gießen erschieneneOber⸗ hessische Landes-Zeitung, ein auch von vielen unserer Genossen gern gelesenes Blatt, hat mit Ende März ihr Erscheinen ein⸗ gestellt. DieO. L.⸗Ztg. war ein ehrlich demokratisches Organ und hatte nächst derM. S.⸗Ztg. in den Gießen benachbarten Dörfern die meisten Abonnenten. Daß das Blatt trotz seiner verhältnismäßig hohen Abonnentenzahl dennoch eingeht, ist auf die geringe Unterstützung zurückzuführen, die es seitens der Gießener Ge⸗ schäftsleute gefunden hat. Ein Tageblatt kann sich bei den heutigen niedrigen Abonne⸗ mentspreisen nicht auf die Dauer halten, wenn es nicht eine erhebliche Einnahme für In⸗ serate zu verzeichnen hat. Diese Einnahme fehlte derO. L.⸗Ztg.. Zwischen dem Amts⸗ blatt und dem Organ der sozialdemokratischen Partei kann sich in Gießen kein weiteres Blatt halten. Der demokratischen Landes⸗Zeitung sind im Tode schon vorausgegangen ein frei⸗ inniges, ein nationalliberales und ein unparteiliches Blatt. Gewachsen ist dagegen ständig dieMitteld. Sonntags⸗Ztg.. Und es ist nur eine Frage der Zeit, wann für die Wahl⸗Kreise Gießen und Marburg außer derM. S.⸗Ztg. noch ein täglich erscheinendes sozialdemokratisches Organ herausgegeben wird. Durch das Eingehen der O. L.⸗Ztg. ist für uns die Bahn frei geworden. Jetzt werden die bürgerlichen Blätter der ver⸗ schiedensten Kouleur über den Kreis Gießen herfallen, um die Abonnentenerbschaft derO. L.⸗Ztg. anzutreten. Da jedoch die Mehrzahl der Leser derO. L.⸗Ztg. Mitglieder unserer Partei waren, so erwarten wir, daß diese kein gegnerisches oder sogenanntes unparteiisches Blatt bestellen werden. Es heißt jetzt für uns selbst arbeiten. Noch 1000 Abonnenten für dieM. S.⸗Ztg. und wir haben ein eigenes Tageblatt. Wem bis dahin dieM. S.⸗Ztg. allein nicht genügt, der mag sich bei dem Brief⸗ träger unser Frankfurter Parteiblatt, dieVolks⸗ stimme, bestellen. Da in den Sommermonaten ohnehin auf dem Lande vielfach die Tage⸗ blätter abbestellt werden, weil zu deren Lektüre angeblich die Zeit fehlt, ist es Pflicht unserer Parteifreunde, dafür zu sorgen, daß die EEE

ueberall Freunde

erwirbt sich dieMitteld. Sonntags⸗Ztg. schnell. Frisch und leichtverständlich geschrieben appelliert sie an Verstaud und Herz des Lesers im Gegensatz zu den gegnerischen Blättern, die auf die Dummheit und den Geldsack ihrer Abnehmer spekulieren.

Jedermann aus dem Volte ist im Stande, sich durch das Lesen derMitteld. Sonntagsgtg. auf dem Laufenden zu erhalten, obgleich sie

5 5 9 0 wöchentlich nur einmal erscheint. Frei von*

allem unnützen Ballast, bringt dieMitteld. S.⸗Ztg. nur das, was wirklich für das schaffende Volk von Interesse ist und was jedermann wissen muß.

Man benütze diesen Zettel zur Anmeldung neu gewonnener Leser.

eee dazu bekennen müsse,

seitherigen Leser derO. L.⸗Ztg., soweit sie noch nicht Leser derM. S.⸗Ztg. waren, für letztere gewonnen werden. Nutzt die Ostertage tüchtig aus! Religion zu wenig Privatsache.

* In einer zum Palmsonntag erschienenen Nummer veröffentlicht das Gießener Amtsorgan einenBuß- und Bettag betitelten Aufsatz, in dem wir folgende Sätze fanden:

Man möchte wohl dem Volke die Religion erhalten, aber für sich selbst hält man sie für unentbehrlich. Der Glaube ist zu wenig Privatsache und Herzenssache. An offizieller Religion ist nicht gerade Mangel, aber an religiös durchdrungenen Persönlichkeiten.

Wie wird uns! Das klingt ja ganz sozial⸗ demokratisch. Auch wir behaupten ja, daß man die Religion dem Volk erhalten will, selbst aber zugebildet ist, umso was noch zu glauben. Von diesem Gesichtspunkt aus haben wir und mit uns alle sozialdemokratischen Blätter z. B. das Glaubensbekenntnis des nationalliberalen Abgeordneten Professor Paasche im Reichstage beleuchtet. Aber weiter: Der Glaube ist zu wenig Privatsache das ist ja ganz und gar im Sinne der Sszial⸗ demokratie gesprochen, die die Religion zur Privat⸗ sache erklärte. Wir gratulieren dem Amts⸗ organ zu den vernünftigen Sätzen.

Der Graf muß brummen.

* Das Reichsgericht verwarf die Revision des Grafen Friedrich Ruprecht Franz von Alt⸗ Leiningen⸗Westerburg, der am 16. November v. J. vom Landgerichte Gießen wegen Ehebruchs zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Im Prinzip handelt es sich um die Frage, ob die Standes herrn eigenschaft des edlen Grafen dadurch beeinflußt sei, daß in die blau⸗ blütige Familie dereinst eine Bauers frau hineingeheiratet hat nämlich die Groß⸗ mutter des Grafen Friedrich Ruprecht Franz von und zu Altbringen⸗Westerburg. Das Reichs⸗ gericht bejahte die Frage, andernfalls hätte der Revision stattgegeben werden müssen und der Graf wäre dann vor ein Extragericht gestellt worden, das aus hessischen Standesherrn gebildet worden wäre.

Bauernlegen in Hesseu.

Wie dieGroßen ihren Besitzabrunden, zeigt eine in derDarmst. Ztg. veröffentlichte Aufforderung des Amtsgerichts Grünberg. Hiernach sollen dem Fideikommiß der frei⸗ herrlichen Familie von Riedesel zu Eisen⸗ bach 35 333 Ar neu einverleibt worden. Dieser Grundbesitz liegt in vier Gemarkungen. Ver⸗ käuflicher Grundbesitz sollte von den Gemeinden gekauft werden.

Aus Wetzlar.

t. Vor der hiesigen Strafkammer hatte sich der Direktor der Niederschelder Hütte wegen Uebertretung mehrerer Arbeiterschutz⸗ bestimmungen der Gewerbeordnung zu verant⸗ worten. Es wird ihm zur Last gelegt, jugend⸗ liche Arbeiter unter 14 Jahren länger wie 6 und Arbeiter von 14 bis 16 Jahren länger wie 10 Stunden, also über die gesetzlich zulässige Arbeitsdauer hinaus beschäftigt zu haben. Der Staatsanwalt beantragt eine Geldstrafe von zu⸗ sammen 520 Mk., der Gerichtshof erkannte auf 215 Mk. Wenn alle Gerichtshöfe die Unter⸗ nehmer derart streng verurteilen würden, so würden die Arbeiterschutzbestimmungen wohl besser respektiert. Strafen von 3 oder 5 Mk., die häufig verhängt werden, lassen die Unternehmer ziemlich kalt.;

Die Taktik der Fälschungen empfiehlt dieDeutsche Tageszeitung das Organ des Bundes der Landwirte, wenn sie schreibt:

Tem Genossen Karl Kautsky ist es höchst unbequem gewesen, daß seine häßlichen Aus⸗ sprüche über die Bauern und über die Gebet⸗ bücher wieder ausgegraben und niedriger gehängt worden sind. Wahrscheinlich hat ihn die Partei⸗ leitung aufgefordert, zu erklären, ob er diese taktischen Entgleisungen verschuldet habe. Er erklärt denn auch imVorwärts, daß er sich die erwähnten Aussprüche

r verbrochen zu haben. Er erzählt dabei nur, daß diese Aussprüche vor zwanzig Jahren(das stimmt nicht ganz, Herr Kautsky!) gefallen seien, und macht uns zum Vorwurfe, daß wir unseren Lesern nicht mitgeteilt hätten, daß er heute auf

einen Standpunkte stehe der dem damaligen nicht entspreche. Gleichwohl fügt er hinzu, daß er sich des Gesagten nicht zu schämen brauche. Wann Herr Kautsky die Sätze verbrochen hat, ist ziemlich gleichgültig; denn der Herr scheint

seine Anschauungen so häufig und so gründlich 0

zu wechseln, daß es nicht leicht festzustellen ist, welches denn seine gegenwärtige Anschauung sei. Wir empfehlen nach wie vor unsern Freunden die taktische Verwertung dieser Kautsky⸗ schen Aussprüche; sollte ihnen dabei entgegen⸗ gehalten werden, daß Kautsky sie vor 20 Jahren gethan habe, so möge man hinzufügen, daß dieser heute noch offen ausgesprochen habe, sich ihrer nicht zu schämen. Das genügt!

Wenn die Bündler diesen empfohlenen Zitaten⸗ schwindel in öffentlichen Versammlungen treiben werden, wie das z. B. die Antisemiten stets ge⸗ than haben, so werden sie ebenso auf die Finger geklopft werden, wie jene. Man wird ihnen sofort nachweisen, daß sie mit Fälschungen und Unterschlagungen hausieren, weil sie den Zusammenhang der Aeußerungen nicht wiedergeben. DieDeutsche Tageszeitung hütet sich weislich, ihren genasführten Lesern mitzu⸗ zuteilen, in welchem Sinne Kautsky damals jene Wendungen gebraucht hat, daß er gerade damals für eine bäuerliche Agrarpolitik eingetreten sei und aus dieser Gesinnung heraus jene Sätze geschrieben habe.

Was sind das für armselige Gesellen, die, weil sie zu beschränkt sind, von prinzipiellen Gesichtspunkten aus die politische Agitation zu betreiben, Land auf Land ab ihre seit Jahren gesammelten Zitate natürlich aus dem Zu⸗ sammenhang gerissen hersagen, um so dem Gegner meuchlings eins auszuwischen.

Auch eine Osterbescherung.

Wegen Majestätsbeleidigung wurde der poli⸗ tische Redakteur der FrankfurterVolksstimme, Genosse Dr. Quarck zu 4 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Genosse Quarck hatte die Thronrede abfällig besprochen, ohne den Kaiser auch nur zu nennen. Der Staatsanwalt hatte nur 3 Monate beantragt. Es wird von Tag zu Tag schwieriger, den Be⸗ rufspflichten als Redakteur nachzukommen. Aeußerungen, an denen der Verfasser sowohl wie die Leser absolut nichts Straffälliges finden, führen heutzutage ins Gefängnis.

Anständige, ehrliche Gegner!

Einsozialdemokratischer Mörder ist endlich nach langem erfolglosem Suchen von der ultramontanen Presse entdeckt worden. Der in Straßburg erscheinende Elsässer, das leitende Organ des reichsländischen Klerikalismus, erfrecht sich, den Bericht über die Hin⸗ richtung eines Mädchenmörders Jakob Gier mit fol⸗ genden Worten einzuleiten:

Wie Gier gelebt, so ist er gestorben. Bis zum letzten Augenblicke blieb er ein verstockter Sünder, der von Gott nichts wissen wollte und nur den irdischen Genüssen fröhnte.Ein Sozialdemokrat, erwiderte er jedesmal höhnisch auf die Zusprüche des Priesters,bin ich, und als solcher will ich auch sterben. Und in der That, er ist als solcher, treu den Lehren seiner Meister, gestorben. Seine letzten Worte, als schon das Fallbeil niedersauste, waren: Es lebe die internationale Sozialdemokratie!

Die Niedrigkeit der Gesinnung, welche aus diesen Zeilen des klerikalen Blattes spricht, muß in noch schlimmerem Lichte erscheinen, wenn man berück⸗ sichtigt, daß das fromme Verleumder⸗Organ in Straß⸗ burg selbst erscheint, also über die Ergebnisse des Gier⸗Prozesses genau unterrichtet sein muß. Welcher Art sind nun aber die Ergeb nisse des Prozesses? Durch die Untersuchung wurde festgestellt, daß der Mörder mie ein Mitglied unserer Partei ge⸗ wesen, daß derselbe nie eine sozialdemokratische Ver⸗ sammlung besucht, nie ein sozialdemokratisches Blatt gelesen und wahrscheinlich nie ein sozialistisches Druck⸗ erzeugniß zu Gesicht bekommen. Es wurde aber fest⸗ gestellt, daß der Mörder das Kind einer geistes⸗ kranken Mutter und eines der Trunksucht im hohen Grade ergebenen Vaters war und daß er ohne jede Erziehung aufgewachsen und nahezu die ganze Zeit zwischen dem 15. Lebensjahre und seiner

letzten grauenvollen That abwechselnd in Irren⸗ und

Gefangenen⸗Anstalten zugebracht, nirgends dauernd in Arbeit gestanden hatte und ein von

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