Ausgabe 
1.10.1899
 
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Scite 4.

Witieldeutsche Sonntags⸗Zeitung

Nr. 40.

wurden und eine Phantasielandschaft, sowie das Bild Naumanns zeigen. Das wäre an sich nichts besonders auffälliges. Aber wenn das Sekretariat der Nationalsozialen sich erbietet, an jeden der es wünscht, für 15 Pfg. vom Parteitag in Göttingen aus eine beschriebene

Karte zu senden, so verulkt eben dieses Sekre⸗

tariat seine eigne Partei doch in kaum zu über⸗ treffender Weise. Die Naumannschen gehen nach Göttingen zu ihremParteitag und schreiben an Hinz und Kunz Stück für Stück 15 Pfg.! Ansichtspostkarten! Es wird nicht mehr lange dauern, bis von der national⸗ sozialen Partei nur noch ein Ansichtspostkarten⸗ sammelklübchen übrig geblieben ist.

Herr Erdmannsdörffer veröffentlicht in der MarburgerHess. Landesztg. folgende Notiz über Pirna:

Pirna ist ein sehr hübsch gelegenes Städtchen in der sächsischen Schweiz. Nicht weit davon erheben sich der Königstein und der Lilienstein und die Bastei, lauter Lieblings⸗ plätze sämtlicher Sachsen und anderer Leute, die nur für Natur schwärmen. Die politische Vertretung dieses freundlichen Erdenwinkels im Reichstage war bisher weniger schön. Jetzt wird sie sich nun ändern, ohne dadurch an Anziehungskrafi sonderlich zu gewinnen. An die Stelle eines unfähigen Antisemiten wird ein sozialdemokratischer Dutzendmensch treten.

Meint Herr Erdmannsdörffer vielleicht, Fräßdorf hätte, um den Beweis zu erbringen, daß er mehr als Durchschnitts mensch ist, erst eine Cholerabroschüre schreiben müssen?

Uebrigens hat ja auch der nationalsoziale Prophet falsch prophezeiht.

Krieg im Frieden.

* Aus zahlreichen Orten sind uns bittere Beschwerden zugegangen wegen der vielen Ein⸗ quartierungen. Aus der für Gießen angesagten Noteinquaxtierung ist schließlich gar nichts ge worden, da die Kriegsubungen die Truppen zu weit von Gießen fo tgefühet hätte.. Am schlimmsten ist es wohl den Wetzlarern ergangen, bei denen nicht weniger als 11900 Mann und 100 Pferde untergebracht werden mußten. Aber auch aus vielen Dörfern wird uns versichert, daß die Leute nicht r'ehrHerr im eigenen Hause waren. Die meisten haben trotzdem ihr bestes für die Soldaten, die unter dem schlechten Welter viel zu leiden hatten, gethan. Aller⸗ dings haben sogenanntebessere Herrschaften auch diesmal wieder ihren sonst zur Schau ge tragenen Patriotismus im hellsten Lichte gezeigt. Namentlich wird in Wetzlar von einem bekaunten Militärschwärmer ein arges Stücklein erzählt. Die alte Geschichlen patriotisch bis an den

Geldbeutel.

Gießener Stadttheater.

a. Am Sonntag, den 1. Oktober öffnet das Gießener Stadttheater wieder seine Pforten. Als Eröffnungsvorstellung wirdMadame Sans Gene(Frau Ungeniert) gegeben, Dienstag geht das neueste Zugstück:Der Schlafwagen Controleur über die Bretter. Dieser heiteren Einleitung der Saison folgt am Mittwoch Goethes TragödieEgmont. Goethe kommt also auch bei uns nicht zu kurz. Er wird auch hier eine 150. Geburtstagsfeier haben, wenn auch etwas spät. Mit einem Prolog, den Frl. Hammer spricht, wird der Goetheabend eingeleitet. Den Egmont wird der hier bestens bekannte Helden darsteller am Kölner Stadttheater, Herr Oskar Bohnée spielen. Wir wäuschen aufrichtig, daß das Theater recht gut besucht sein möge. Volksvorstellungen mit ermäßigten Eintritts preisen Gallerie 20, das ganze Parterre pro Platz 40 Pfg., Logenplatz 1 Mk. finden min destens 12 in der beginnenden Saison statt. Die Direktion hat eine größere Anzahl Theaterstücke einer besonderen Commission der Stadtverordneten unterbreitet, die nunmehr 12 Stücke auszuwäslen hat. Beim Billetverkauf für die Volksvorstellungen sollen in allererster Linie die Arbeiterorganisationen und Krankenkassen berücksichtigt werden. Das emefehlenswerteste dürfte sein, nummerierte Karten zu verkauzen, die jedem einen bestimmten Platz

sichern. Es würde dann das im Vorjahr mitunter lebensgefährliche Gedränge ror dem Theater auf hören.

Vom Pferde gepurzelt.

* Im Mai d. J. hielt der nationalsoziale Herr v. Gerlach unseres Erachtens der ehr⸗ lichste und anständigste unter jener gemischten Gesellschaft in Gießen eine Versammlung ab. Sein von Herrn Erdmannsdörffer in Marburg nedigiertes Blatt, dieHess. Ldsztg., berichtete über jene Versammlung unter der Ueberscrift:Ein nationalsozialer Vorstoß nach Gießen. Der Artikel selbst begann mit den Worten:Einen fröhlichen Ritt in un⸗ bekanntes Feindesland machten wir am Vorabend vor Himmelfahrt. Natürlich wurde auch von demErfolg der Versammlung für die nationalsoziale Sache gesprochen die Hess. Landesztg. hatte riesig große Rosinen im Sack. Jetzt, nach wenigen Monaten, fordert dasselbe Blatt seine Leser in Gießen wieviel Dutzend sind es denn wohl? auf, das Blatt bei der Post zu bestellen, angeblich wegen der mehrfachen U regelmäßiakeiten. Flunkerei! nichts anderes. Die Billetkosten für den Expreßboten derHess. Ldsztg. werden nicht mehr herauskommen. Mit anderen Worten also: Bei dem fröhlichen Ritt der National sozialen in dasunbekannte Feindesland Gießen sind die politischen Sonntagsreiter vom Pferde gepurzelt.

Unentgeltlichkeit der Lehrmitlel.

*Die Forderung der Unentgeltlichkeit der von den Kindern im Unterricht gebrauchten Lehrmittel wird m ist mit dem Hinweise auf die bedeutenden Kosten, die den Gemeinden dadurch erwachsen, bekämpft. Wie sich diese Aufwendungen selbst bei hohen Ansprüchen stellen, zeigt der soeben veröffentlichte Geschäfts⸗ bericht der Zentralschulpflege der Stadt Zürich für 1898. Die durchschnittlichen Kosten betrugen für den Schüler der Volksschule für Schul⸗ bücher 1.20 Franken, für Schreib- und Zeichen⸗ materialien 2.44 Frauken und für Arbeits⸗ materialien beim Handardeitsunterricht 1.83 Franken. In der Sekundarschule(Mittelschule) waren die Kosten erheblich höher. Für Schul⸗ bücher wurden hier für den Schüler 4 Frankeu, für Schreib- und Zeichenmaterialien 7.22 Franken und für Arbeitsmaterialien 2.95 Franken aus⸗ gegeben. Für die Schulmaterialien eines Schülers der Züricher Volksschule wu den also, abgesehen vom Handaubeitsunterricht, 3.65 Franken gleich 2.92 Mk. ausgegeben. Mit einer Summe von rund 3 Mark so be- merkt dazu dieLeipziger Lehrerzeitung würde auch in unseren Schulen die volle Unentgeltlichkeit der Lehrmittel durchgeführt werden können.

Anlisemitische Lügen.

* Das Hirschelblatt beschäftigt sich in zwei verschiedenen Artikeln auch mit der Versammlung, die Gen. Liebknecht jüngst in Kleinlinden ab gehalten hat. Die Flegeleien über Liebknecht lassen uns kalt. Liebknecht gegen einen Hirschel oder Köhler in Schutz nehmen das wäre geradezu eine Beleidigung unseres verehrten Genossen. Wenn aber gesagt wird, trotzdem wir drei Mann hoch der große Kläffer Liebknecht und die kleinen Möpschen, die bissigen Hündlein Krumm und Scheidemann über die Antisemiten hergefallen wären, hätten wir die Versammlung, die am 9. September stattfand,erst am 9. September abends im Gießener Wochenblatt das ist die althergebrachte Bezeichnung für den Gieß. Anz. bekannt gemacht, so müssen wir das wieder als Lüge zurückweisen. Die Versammlung war im Gieß Anz. dreimal bekannt gegeben, war in der M.⸗S.⸗Z. inseriert, die in Klein-Linden verbreitet wurde, und außerdem waren nach Klein-Linden vier Tage vor der Versammlung die Plakate geschafft. Mehr konnten wir nicht thun. Es ist übrigens zum Totlachen, wenn die antisemitische Gesellschaft den Anschein zu erwecken sucht, als hätten wir Furcht vor einer Diskussion mit ihren Schlechtschwätzern. Als wenn nicht alle Welt wüßte, daß derrote Philipp den Antisemiten Köhler direkt in Langsdorf aufsuchen

mußte, um ihn einmal stellen zu können und

daß Köhler die Ermahnung Scheidemanns

befolgte und sich für den in der M.-S.⸗Z. an⸗ gekündigten Versammlungstag extra von Offenbach alsRedestütze den Architekten Hirschel kommen ließ! Nein, de Gläubigen der Hirschel und Köhler

mögen auf allen Schwindel hineinfallen, der in

dem Lügen- und Denunzierblatt der hessischen Autisemiten verzapft wird, aber daß ein Sozial demokrat vor einer Diskussion mit Gegnern Furcht hätte, das glaubt der glaubensstärkste Antisemit nicht. Die neueste Lüge der Volkswacht dürfte also ihren Zweck gänzlich verfehlen.

Gewerbegerichtswahl in Gießen.

n. Eine gut besuchte Arbeiterversammlung beschäftigte sich am Montag Abend mit der bevorstehenden Gewerbegerichtswahl in Gießen. Redakteur Scheidemann hielt ein kurzes ein⸗ leitendes Referat über die Bedeutung der Ge werbegerichte. Er beleuchtete die Vorteile und Mängel derselben und forderte zum Schluß auf, Beisitzer zu wählen, die nicht nur Verständnis für das wichtige Amt, sondern auch die Be⸗ fähigung hätten, ihre Rechtsauffassung im Be⸗ ratungszimmer energisch zu vertreten. Redner schilderte einige Vorkommnisse vor dem hiesigen Gewerbegericht, zu denen die Beisitzer hätten entschieden Stellung nehmen müssen. Auf den Vortrag folgte eine interessante Diskussion, an der sich verschiedene Gewerbegerichtsbeisitzer be⸗ teiligten. Allseitig wurde anerkannt, daß es dringend notwendig sei einen regelmäßigen Meinungsaustausch unter den Gewerbegerichts⸗ beisitzern herbeizuführen. Ein Antrag wurde dann auch einstimmig angenommen, nur solche Arbeiter als Kandidaten aufzustellen, die bereit sind, an regelmäßig alle 3 Monate einmal ab⸗ zuhaltenden Beisitzer-Zusammenkünften teilzu⸗ nehmen. Die vom Gewerkschafts-Kartell der Versammlung in Vorschlag gebrachte Kandidaten⸗ liste wurde von der Versammlung acceptiert. Es handelt sich um Arbeiter, die von ihren betr. Gewerkschafts-Organ sationen dem Kartell als zu Gewerbegerichtsbeisitzern qualifiziert bezeichnet worden sind. Für die organisierte Arbeiter⸗ schaft kandidieren nunmehr:

.A. Hensel, Buchdrucker. . H. Baum, Glaser. . G. Dahmer, Spengler. A. Bock, Drechsler. H. Mäuyche, Tischler. 5 Krüger, Metallarbeiter. 7. Grätzig, Tapezierer. 8. Chr. Petersen, Schneider. 9. Holtberg, Bierbrauer. 10. Rudolph-⸗Wieseck, Cigarrenarbeiter. 11. Laucht⸗Gleiberg, Maurer. 12. Schäfer⸗Steinberg, Weißbinder.

Verkrachte antisemi k ische Blätter.

* Laut derAntisemitischen Korresp. vom 7. Oktober 1897 sind innerhalb 7 Jahren 36 antisemitische Zeitungen gegründet und davon wieder 25 verkracht. Bis heute, also nach weiteren 2 Jahren, sind noch 7 Zeitungen ein⸗ gegangen, so daß von den angeführten 36 antisemitischen Blättern jetzt noch sage und schreibe 4 bestehen. Nun haben wir im August b. J. berichtet, daß auch das Münchener Deutsche Volksblatt eingegangen sei, reprodu⸗ zierten aber zwei Monate später eine schäbige Auslassung desselben Blattes über die Dreyfus⸗ affaire. Daraus will uns jetzt der Sachsen⸗ häuser Architekt Hirschel einen Strick drehen; er spricht von Lügen. Der gute Mann möchte gar zu gern Kollegen haben. Die Sache klärt sich sehr einfach auf. Nicht das Münchener Deutsche Volksbl. war eingegangen, wie wir der Kleinen Presse entnommen hatten, sondern das Breslauer Blatt gleichen Namens. Und deshalb Räuber und Mörder. Wie ärmlich, Herr Architekt!

Aus Wetzlar.

* Un bewußte Strafthat eines Bürger- meisters und bewußte strafbare Handlung eines Schneiders. Wir lesen in einem Wetzlarer Blatt folgende Notizen:

Nr. 1. Strafkammer Wetzlar. Der Bürgermeister G. aus Rodenberg(Wester⸗ wald) wird beschuldigt, im Jahre 1898 einen

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