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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 40.

Ein mutiger Pfarrer.

Die Existenzberechtigung der Sozialdemo kratie erkennt mit einem anerkennenswerten Muthe der Diakonus Liebster in Leipzig⸗Volk⸗ marsdorf in einem Artikel imSächs. evangelischen Kirchenblatt ausdrücklich an. Er beschäftigt sich darin mit den Auf⸗ gaben der evangelischen Arbeitervereine und läßt sich u. A. folgendermaßen aus:

Man hat wohl hier und da gedacht, es könnte durch unsere Vereine der Sozialdemo kratie der Boden abgegraben werden. Das ist aber eine reine Unmöglichkeit. Selbst wenn wir die reichsten Mittel zur Verfügung hätten, wären wir nicht im Stande, die Massen herüber zuziehen.

Aber wenn sie auch möglich wäre, würde eine Aufsaugung der Sozialdemokratie garnichtgutsein. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist eine star ke, einheitliche S o⸗ zialdemokratie notwendig als Hort der Freiheit und der sozialen Ent⸗ wickelung. Darüber kann seit der Wahl⸗ rechtsverschlechter ung ein Zweifel nicht mehr bestehen, und eine auf Zerstörung der Sozialdemokratie gerichtete Politik der Vereine ist ganz verkehrt.

Deßwegen gehen wir nicht zur Sozialdemo kratie über. Es wäre ein trauriges Zeichen für die deutsche Arbeiterschaft, wenn man alle ihre Glieder über einen Leisten schlagen könnte. Gerade das ist der gesunde Zustand, daß ver schiedene geistige Richtungen nebeneinander her gehen. Die sollen sich nicht bekämpfen bis aufs Messer, sondern sollen sich gegenseitig in ihrer Entwickelung fördern. Wir haben schon viel, sehr viel von den Sozialdemo⸗ kraten gelernt, das kann nur der blinde Haß leugnen, und sind verpflichtet, auch unser seits zu geben, was der Sozialdemokratie dienlich ist.

Wir sind der Meinung, daß der evangelische Arbeiterverein in der Beeinflussung der Sozial demokratie sich auf das Religiöse zu beschränken habe. Es thäte zwar Not, daß ihren Anhängern auch etwas Liebe und Vertrauen zur staatlichen Ordnung beigebracht werden würde. Aber das steht nicht in unserer Macht. Das mögen die Regierung und ausschlaggebenden Parteien be⸗ sorgen durch die Erneuerung des allgemeinen gleichen Wahlrechts und durch weitesgehende Arbeiterfürsorge.

Einer Erläuterung bedürfen diese Aus führungen nicht. Herr Liebster steht hoch über jenen Pastoren, und andereneinflußreichen Personen, die bei jeder Gelegenheit in Zu sammenkünften der evangelischen Arbeitervereine in allen Tonarten auf die Sozialdemokratie schimpsen.

Politische Kundschau.

Gießen, den 29. September. Die Stichwahl in Pirna.

Die Entscheidung in der Stichwahl im 8. säch. Reichs- tagswahlkreise hat einen Ausgang genommen, den man nach der ganzen Konstellation kaum erwarten durfte. Der Autisemit Lotze hat mit 13 240 Stimmen den Sieg erfochten über unseren Genossen Fräßdorf, der 12 560 Stimmen erhielt einen Sieg, auf den die Reak tionäre aller Schattierungen wahrlich nicht stolz sein können. Wenn je, so muß es ihnen nach dem Ausfall dieser Wahl klar geworden sein, daß es der letze Sieg war, den der konservativ⸗änationalliberal⸗ kammerfortschrittlich⸗freisinnig⸗anti⸗ semitische Klüngel im 8. Wahlkreise errungen. Noch einen solchen Sieg, und ich bin verloren! mag 75 Lotze beim Bekanntwerden des Resultats ausgerufen

aben.

Bei der Hauptwahl erhielt Fräßdorf 11571, Lotze 10 692, der Freisinnige Strohbach 1852 Stimmen. In der Stichwahl erhielt Fräßdorf rund 1 00 Stimmen, Lotze 2500 Stimmen mehr. Cs unterliegt keinem Zweifel, daß die Freisinnigen in ihrer über⸗ wiegenden Mehrheit für den Vertretter der schäbigsten Partei, diesespolitischen Mißgebildes, wie sie die nationalliberaleMagdeburger Zeitung nannte,

gestimmt haben. Wie sagte doch die freisinnige Zittauer Morgenzeitung angesichts des Buhlens der bürgerlichen Blätter um die freisinnigen Stimmen?

Es wird natürlich vor der Stichwahl Sache jedes einzelnen Wählers sein, zu erwägen, wo er nunmehr das kleinere Uebel zu erblicken hat, oder ob er sich jetzt der Stimme enthalten soll, aber das eine erscheint uns als eine Unmöglichkeit, daß ein wahrhaftig freisinniger und gerecht denkender Mann einen Kandidaten wie den Antisemiten Lotze wählen kann, einen Kandidaten, der sich sogar im Princip für die Zuchthaus vorlage ausgesprochen hat! In der That, es wäre würdelos und unwahr und eine Verleugnung der Ueberzeugungen und Grundan⸗ schauungen der freisinnigen Volkspartei, wenn mit ihrer Hilfe der Auserwählte der schwärzesten sächsischen Reak⸗ tion, der Antisemit Lotze, in den Reichstag gelangen würde!

Trotzdem haben die Freisinnigenwürdelos und un wahr dieUeberzeugungen und Grundanschauungen der freisinnigen Partei verleugnet und für Lotze, denAuserwählten der schwärzesten Reaktion, gestimmt. Auch der Rest der sächsischen Freisinnigen ist nunmehr abgeschwenkt ins Lager der schwärzesten Reaktion, hat sich in den Dienst gestellt der Feinde aller politischen und wirtschaftlichen Freiheiten, der Brotverteuerer, der Militär⸗ und Flottenenthusiasten.

Der Vorteil dieser Wahl aber ist, daß sie wieder einmal auf das eindringlichste gezeigt hat, daß die Angst vor der Sozialdemokratie das Bürgertum bis herab

zum wasserstieflerischen Freisinn in eine Phalaux treibt,

und daß die Sozialdemokratie im Kampfe um die sozialen Freiheiten sich nur auf sich selbst verlassen darf.

Der Leipz. Volksztg. wird noch aus Pirna berichtet: Das freisinnige Wahlkomitee von Neustadt erließ noch gestern Abend in den Amtsblättern einen Aufruf, in dem die freisinnigen Wähler aufgefordert wurden, geschlossen für Lotze zu stimmen. Auch diesbezüg liche Plakate waren angeschlagen. Die gesamte Gegner⸗ schaft hat mit verzweifelter Anstrengung den Kreis noch ein letztes Mal behauptet.

Wahljammer der Nationalliberalen Hessens.

Kürzlich hat dieFrkf. Zig. die völlige That⸗ und Ratlosigkeit der Nationalliberalen unseres Landes den bevorstehenden Wahlen gegen über geschildert und den Herren weitere Verluste an Mandaten in Aussicht gestellt. Diese Schil⸗ derung wird nun selbst von der national⸗liberalen Wormser Zeitung als zutreffend anerkannt. Das Blatt gesteht, daß dieFrkf. Ztg. ihm niemals so aus seinem tiefgedrängten Herzen gesprochen, wie mit dieser wahrheitsgetreuen Schilderung des Niederganges der Partei, der dieWorms. Ztg. selbst dient. Die Voraus⸗ sagen über neue Verluste der Nationalliberalen seiennur zu begründet. Schwermütig schreibt das Blatt sodann:

Es ist überaus traurig, daß eine Partei sich mangelnden Opfermut vom Gegner nach sagen läßt, ohne daß dieser zu fürchten brauchte, daß nun eine allgemeine Erhebung zur politischen Arbeit statifinden würde. Weit über den Rahmen der Parteiinteressen hinaus berührt die Regungslosigkeit der National⸗ liberalen unsere inneren Verhältnisse. Gerade die Geschlossenheit und Einmütigkeit der Gegner hat unserer Zerfahrenheit gegenüber zu der unumstößlichen Thatsache geführt, daß zwar nicht eine Partei, wohl aber das Zentrum und die Sozialdemokratie zusammen, denen dann auch die Stütze der Antisemiten meistens nicht fehlt, Trumpf in Hessen geworden sind! Dieser Zustand würde sofort ein Ende nehmen, wenn die Nationalliberalen entschieden zur politischen Arbeit zurückkehren und wenn sie vor allen Dingen in der Kammer nicht das lächerliche Bild bieten wollten, daß mindesteus soviel Sinne wie Köpfe vorhanden sind.

Boshaft meint dieFrankf. Ztg. zu diesen Jammertönen:Wie stellt sich das Blatt wohl diese Rückkehr der Nationallikeralen zur politi schen Arbeit vor? Und auf Grund welchen Programms soll sie geschehen? Die Partei als solche hat bekanntlich kein Programm in den Fragen, die gegenwärtig das Volk bewegen nämlich in den wirtschaftlichen. Die Voraus⸗ setzung der Rückkehr zur politischen Arbeit wäre doch die Einigkeit und Geschlossenheit der Partei; wo soll diese aber herkommen, wenn in der

Fraktionso viel Sinne wie Köpfe vorhanden sind? Jeder Versuch eines engeren Zusammen⸗ schlusses kann da nur die Brächigkeit der ganzen Gesellschaft in Erscheinung bringen. Die Worms. Ztg. kann also noch ein Uebriges thun und auch die Aussichtslosigkeit des hessi⸗ schen Liberalismus zugestehen! Uns amüsiert der Jammer der ehemals alleinherrschenden Partei im Landtag. Was an unseren Genossen liegt, wird sicher gethan werden, um die Dreh scheiben⸗Partei weiter zu schwächen. Vom roten Sigl.

Im Münchener Arbeiter-Wahlverein der Zentrumspartei hielt der bekannte Heraus⸗ geber desVayr. Vaterland, Dr. Sigl, eine recht vergnügliche Rede, in der er bekennt: Das vom Zentrum mit den Sozialdemokraten eingegangene Kompromiß thue nichts zur Sache. Er(Dr. Sigl), habe bereits bei der ersten Wahl sozialdemokratisch gewählt, ich habe das gethan seit 15 Jahren, ich habe es

gethan, weil ich es von jeher liebte, ganze Arbeit

zu machen.(Rufe: Aha!) Ich hatte anfangs noch religiöse Bedenken als Katholik, aber ein Mitarbeiter von mir, Ober⸗Landes⸗ gerichtsrat Glaser, ein tüchtiger Jurist und sehr guter Katholik, sagte mir einmal: ich wähle sozialdemokratisch. Auf mein erstauntes Gesicht hin erwiderte er:ich wähle deshalb sozialdemokratisch, weil ich kein anderes Mittel weiß, num meinem Zorn und Aerger über die ekelhaften Zust nde im Deutschen Reiche Ausdruck zu geben. Ich habe es des halb gethan, weil ich glaube, daß in gewissen Gegenden ein roter Zettel mehr Wirkung aus übt, als ein anderer.

Der Umfall des Centrums.

In Mainz haben die Zentrumsleute ihre Generalversammlung abgehalten. Bei dieser Gelegenheit hat der Abg. Lieber, bekanntlich bei den Centrumskuhhändeln der Oberschacherer, auch einegroßt Rede geredet. DerVor⸗ wärts unter der Voraussetzung, daß der ihm vorliegende Bericht richtig ist berichtet darüber, daß Herr Lieber unter dem heuchlerischen Vorgeben, sei en früheren Erklärungen über die Zuchthausvorlage im Reichstage treu bleiben zu wollen, den Umfall unzwei deutig angekündigt habe:

Wir stehen heute auf demselben Standpunkte, den ich im Namen der Fraktion bei der ersten Lesung darzulegen die Ehre hatte. Wir werden dieselben Verhaltungs maßregeln innehalten und sind bereits an der Arbeit, positive Vorschläge zum Schutze der Arbeitswilligen gesetzlich zu finden, ohne die der Mißbrauch des Koalitionsrechtes nicht getroffen werden kann. Hier kündigt also Herr Lieber nicht die

Ablehnung, sondern dieVerbesserung der Zuchthausvorlage an. Das ist mit nichten der alte Standpunkt, soudern ein elender Rückzug. Denn dei der ersten Lesung hatte Lieber als Vorbedingung die völlige Koalitionsfreiheit gefordert. Damals er⸗ klärte Lieber wörtlich:

Wir fordern als unerläßlich, wenn unsere Zustimmung verlangt werden will: auf dem Boden des gemeinen Rechtes gemeine Koalitions⸗ freiheit für alle, die dem deutschen Reichsrechte unterstehen, gemeine Koalitkonsfreiheit für alle Zwecke, zu denen sich deulsche Neichspürger ver⸗ einigen wollen. Und wir verlangen diese Koa⸗ litionsfreiheit außerdem nicht nur für den Ein⸗ zelnen, inbezug auf sein Recht, sich zu koalieren mit anderen Individuen, sondern wir verlangen sie auch für die Koalitionen untereinander.

Uns wundert dies Verhalten des Centrums⸗ mannes nicht. Wer hat sich je auf das Centrum verlassen können? In bezug auf die Zuchthaus vorlage kann sich das arbeitende Volk lediglich auf seine ureigenste Vertretung, die Sozial demokratie, verlassen.

Gutbezahlter Agitator. 8

Freiherr v. Zedlitz⸗Neukirch, ein Regierungs⸗ beamter, Präsident der Seehandlung u. s. w. war schon läugst verdächtig, der eigentliche Politikmacher in dem Stummschen Scharsmacher⸗ blattDie Post zu sein. Die Post selbst

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