Nr. 40.

Gießen, Sonntag, den 1. Oktober 1899.

. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

kit

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Zur Landtagswahl in Gießen Land.

Laut amtlicher Bekanntmachung findet die Wahl der Wahlmänner im Gießener Landkreis statt am

Mittwoch, den S8. November.

Die Wahlstunden werden spätestens am Samstag, den 4. November, in jeder Gemeinde ortsüblich also durch die Schelle oder Anschlag beim Bürgermeister bekannt gemacht.

Die Wählerlisten liegen drei Tage lang zu jedermanns Einficht auf und zwar Montag, den 23., Dienstag, den 24. und Mittwoch, den 25. Oktober. Ueberzeuge sich jeder Wähler, ob sein Name in der Liste steht. Be⸗ sonders muß in jedem Ort nachgesehen werden, ob die von uns aufgestellten Wahlmänner in der besonderen Wahlmännerliste vermerkt sind.

Zu jeder Auskunft in Sachen der Land- tagswahl sind jederzeit bereit Stadtv. Car! Orbig in Gießen, Rittergasse 17, und die Redaktion der M. S.⸗Ztg.

Warum organisieren sich die Arbeiter?

Auf diese Frage giebt der bekannte sozial⸗ demokratische Pfarrer Pflüger in Zürich im Züricher Anzeiger folgende Antwort:

Organisieren heißt sich vereinigen, sich ein⸗ gliedern. Es handelt sich um eine Vereinigung zu Vereinen und Gewerkschaften; die Vereine und Gewerkschaften gliedern sich wieder zu⸗ sammen zu großen Verbänden und bilden mit⸗ einander einen großartigen Organismus, d. h. Leib, Gliederbau.

Warum sollen sich die Arbeiter organisieren? Weil die Organisation, die Vereinigung allein das Mittel ist für die Befreiung der Arbeiter

aus Abhängigkeit und Not, für die Besser⸗ stellung und Hebung des arbeitenden Volkes. Der einzelne für sich allein ist machtlos, aus⸗ geliefert auf Gnade und Ungnade seinen mäch⸗ tigen Arbeitgebern, ausgesetzt der Gefahr der Arbeits⸗ und Eristenzlosigkeit; die Arbeiter⸗ schaft in ihrer Vereinigung ist unüberwindlich: Alle Räder stehen still, wenn ihr starker Arm es will.

Warum kann die Organisation allein den Arbeitern helfen? Die Arbeiterorganisationen vermögen höhere Arbeitslöhne für die Arbeiter zu bewirken und die Herabsetzung der bestehen⸗ den Löhne zu verhindern. So lange ein Ar⸗ beiter allein mit seinem Arbeitgeber unterhandelt, ist er der bei weitem schwächere Teil. Unter dem Zwang der drohenden Arbeitslosigkeit ver⸗ richtet er die Arbeit um einen geringeren Lohn, ja läßt er sich die Herabsetzung seines Lohnes gefallen. Verweigert er die Arbeit, so tritt ein anderer Arbeiter an seine Stelle ein; keine Rede davon, daß der Arbeitgeber sein Geschäft ein⸗ stellen müßte, wenn ein oder mehrere Arbeiter vereinzelt die Arbeit einstellen. Ganz anders stellt sich die Sachlage, wenn die Arbeiter eines

Gewerbes oder eines Geschäftes zu einer Gewerk⸗ schaft organisiert und also solidarisch verbunden

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2 8 sind. Dann steht dem Yrbeitgeber die ganze Gewerkschaft beim Abschluß eines Vertrages über den Lohn der Arbeit gegenüber. Wenn die organisierte Arbeiterschaft mit Arbeitsein⸗ stellung droht, dann entsteht für den Arbeit⸗ geber die Gefahr der Geschäftseinstellung. Und den durch Geschäftseinstellung erwachsenden Schaden, vielleicht sogar drohenden Ruin fürchtet der Arbeitgeber noch mehr als der Arbeiter die Arbeitslosigkeit. In der Arbeiterorganisation tritt dem Arbeitgeber ein gleichstarker Kontrahent entgegen und man kann dann von einem freien Vertragsabschluß reden, während der einzelne Arbeiter nicht frei, sondern in einer Zwangs- lage der Gefahr des Verhungerns seine Arbeitskraft an den Arbeitgeber verkauft.

Der einzelne Arbeiter hat in gewissen Fällen keine Ahnung, daß seine Arbeit einen hohen Wert hat und daß der Arbeitgeber im Ernstfall ihm eher den Lohn verdoppeln als ihn entlassen würde. Aber wenn und weil der einzelne diese Sachlage meist nicht kennt, so kann er sie auch nicht ausnützen und mit Nachdruck seine Forde⸗ rungen stellen. Das ändert sich im Lohnkampf, den die gesamte Arbeiterorganisation führt; denn an deren Spitze befinden sich Männer, die die einschlägigen Arbeits⸗ und Lohnverhältnisse gründlich kennen. Diese Männer können auch besser als der einzelne Arbeiter beurteilen, welcher Zeitpunkt der richtige und günstige ist, um Forderungen zu stellen und in die Lohn⸗ bewegung zu treten. Ueberhaupt ist nicht der einzelne, sondern bloß die organisierte Arbeiter⸗ schaft im stande, menschenwürdige Arbeits⸗Be⸗ dingungen zu erlangen. Die Organisation widersetzt sich mit Erfolg einem Uebermaß der Arbeitszeit, das mit der sittlichen Würde des Menschen nicht vereinbar ist; sie setzt hygienische Forderungen durch; sie stem⸗ t sich gegen die Beeinträchtigung staatsbürgerlicher Rechte, wie z. B. gegen die Entlassung von Arbeitern, die von ihrem Vereinsrecht Gebrauch gemacht haben; sie weist rohe Behandlung oder unsittliche Zu⸗ mutungen seitens brutaler und sittenloser Auf- seher und Vorarbeiter(Meister) energisch zurück.

Was für weitere Vorteile bieten die Organi- sationen den Arbeitern? In den Arbeitervereinen und Gewerkschaften findet der Arbeiter Beleh⸗ rung durch Lektüre, Vorträge und Diskussionen; er wird aufgeklärt über die Ursachen und Wir⸗ kungen der sozialen Not, über das Verhältnis von Besitz und Arbeit, über seine eigene Lage und über die Mittel zur Hebung der Not und Armut. In den Arbeitervereinen findet der Arbeiter treue Freunde und Genossen; die Or⸗ ganisation bietet ihm in der Not eine Stütze, im Fall der Arbeitslosigkeit oder Krankheit Hilfeleistung. Nicht zu Trinkgelagen und zu leichtfertiger Verschwendung verleiten die Ar⸗ beitervereine, sondern zu treuer Freundschaft und zu solider, charakterfester Lebensführung halten sie an.

Die Arbeitgeber sollten eigentlich das Ge⸗ deihen der Arbeiterorganisationen begrüßen und begünstigen. Denn die organisierten Arbeiter sind im allgemeinen tüchtig und solid; Trunk⸗ sucht und Blaumachen vertragen sich nicht mit der Vereinsehre, ja es gibt Arbeitervereine, welche liederliche Elemente statutarisch ausschließen.

Bauern und Handwerker haben an der Organisation der Arbeiterschaft ein direktes

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Interesse. Ihr Los ist davon abhängig, ob die Arbeiter guten Lohn haben, also kaufkräftig sind oder nicht. Handwerker sollten nicht bloß daran denken, daß ihre eigenen Gesellen nach ordentlicher Löhnung streben, sondern auch er⸗ wägen, daß Schuhe, Kleider, Möbel, Brot, Fleisch, Holz und soviel andere Gegenstände des Haushalts um so mehr Absatz finden, je bessere Löhne die gesamte Arbatterschaft erhält. Von dem Verbrauch der reichen Leute allein könnten die Handwerker auch nicht leben. Sie gedeihen um so besser, je mehr die Arbeiter Anschaffungen machen können, während arme schlechtbezahlte Arbeiter weder dem Handwerkerstand, noch dem Bauernstand Verdienst geben können. Auch die Vermieter, Krämer und Milchverkäufer haben weniger Verluste zu riskieren, wenn die Ar⸗ beiterschaft ordentlichen Lohn hat.

Ist es recht und billig, das Streben des Arbeiters nach Besserung seiner Lage zu ver⸗ urteilen? Was beim Handwerker und Geschäfts mannstrebsam heißt wird beim Arbeiter unzu frieden genannt; was dort als Trieb zum Vorwärtskommen gelobt wird, wird beim Arbeiter nicht selten als Begehrlichkeit und Leidenschaft gebrandmarkt. Man messe doch mit gleicher Elle! Die Beamten erstreben bessere Stellen, die Lehrer höheren Gehalt, die Ge⸗ schäftsleute größeren Umsatz die Lohnar⸗ beiter mit gleichem Recht besseren Lohn. Daß der Arbeitgeber das Recht habe, sein Geschäft zu schließen, wenn es ihm zu wenig einbringt, gilt als selbstverständlich; ebenso hat niemand etwas dagegen einzuwenden, wenn der Handels- mann seine Waren nicht auf den Markt bringt, so lange die Preise ihm niedrig erscheinen wer wollte bezweifeln, daß die Arbeiter das gleiche Recht haben, ihre Ware, die Arbeits- kraft, zu anständigem Preise loszuschlagen und ihre Arbeit einzustellen, wenn die Arbeitsbe⸗ dingungen unwürdige sind!

Die Arbeitgeber haben sich schon längst or⸗ ganisiert, wollt ihr Arbeiter zurückbleiben? Die Fabrikanten schließen mächtige Unternehmer gebäude, die Großhändler bilden Ringe und Kartelle, die Handwerksmeister organisieren sich in Meisterverbäuden, Lehrer und Pfarrer haben ihre Kapitel und Gesellschaften. Die Starken erhöhen also durch Vereinigung ihre Kraft und die Schwachen sollten sich selbst durch Verein⸗ zelung zur Ohnmacht verda nmen? Wer besser organistert ist, ist im Vorteil. Darum tritt in eine Organisation ein, Arbeiter und Ar⸗ beiterin, du bist es deiner Familie und deinem Stande schuldig.

Nicht bloß euer eigenes Interesse, die Wohl⸗ fahrt der ganzen Gesellschaft, die Moral und Bruderliebe verflicht en euch zur Organisation. Darum: Tretet bei zur Organisation!

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