Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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halb 10 Tagen von uns einzukassieren. Wir
haben Einspruch dagegen erhoben.— Es muß mehr als je zuvor darauf hingearbeitet werden, selbstständige, das heißt: selbst denkende und selbst handelnde Genossen auf den Dörfern zu erziehen, damit eine Kontrolle am Wahltag durch städtische Genossen überflüssig wird. Das beste
Mittel zur Heranziehung fähiger Genossen auf dem Lande ist die Verbreitung unserer Partei⸗
presse.
Eine schmeichelhafte Wahl.
Ueber die Gemeinderatssitzung in Gro ß⸗ Gerau vom 24. ds. Mts. bringt der„Groß⸗ Gerauer Anzeig.“ folgenden interessanten Bericht: „Der Verkauf der ausrangierten Ziegenböcke wurde genehmigt und der Verkauf der Fassel⸗ ochsen Nr. 1 und 2 beschlossen, ebenso die An⸗ schaffung zweier neuer Fasselochsen, wozu die Herren Gemeinderäte H. und St. gewählt wurden.“ Wie man hört, beabsichtigen die Erwählten gegen diese Aus⸗ zeichnung Protest zu erheben.
Die Polizei im Kapitalistendienst.
Vor kurzem wurde vor dem Schöffengericht in Düsseldorf ein Prozeß verhandelt, der für dieses Kapitel sehr lehrreich und interessant ist. Angeklagt war der Tischler Erbert, weil er die Polizei beleidigt und in der öffentlichen Meinung herabgewürdigt haben soll. Diese Delikte wurden darin erblickt, daß Erbert in verschiedenen öffentlichen Holzarbeiterversamm⸗ lungen behauptet hatte, die Düsseldorfer Polizei habe während des dortigen Tischler⸗ streiks den Unternehmern schwarze Listen übermittelt. Der Angeklagte hat die Klage provoziert, um vor Gericht den Wahrheitsbeweis antreten zu können. Es waren sechs Zeugen, darunter einige Unternehmer und ein Polizeikommissar geladen. Nachdem letzterer Zeugnis abgelegt, wurde ein Unternehmer ver⸗ nommen. Dieser erwiderte auf die Frage des Vorsitzenden, ob ihm von der Polizei schwar ze Listen zugestellt worden seien: jawohl. Der Zeuge erklärte dann auf weiteres Befragen, daß eines Tages ein Herr zu ihm gekommen sei, welcher sich als geheimer Polizeibeamter legiti⸗ miert habe. Dieser habe ihm dabei eine Liste mit einer Reihe von Namen übermittelt mit dem
Bemerken, wir sollten die darauf verzeichneten
Arbeiter nicht einstellen, das seien Sozial- demokraten und Aufwiegler. Nach dieser Auskunft des Zeugen verzichtete das Gericht, jedenfalls, um die Polizei nicht noch mehr bloß zu stellen, auf die Vernehmung der übrigen Zeugen. Der Verteidiger beantragte zwar die Vernehmung derselben, man folgte aber dem Antrage nicht, weil die Ermittelungen für den Prozeß nicht mehr erheblich seien. Der Staats⸗ anwalt beantragte 150 Mark Geldstrafe, das Gericht sprach aber den Angeklagten frei. Dieser habe den Wahrheitsbeweis für seine Behauptungen erbracht, und es könne dann von einer Beleidigung keine Rede mehr sein. Die Kosten des Verfahrens wurden der Staats⸗ kasse auferlegt. Wie oft mögen sich gleiche Vor⸗ gänge bei Streiks abspielen, ohne daß jemand etwas davon erfährt. Nur dem Umstande, daß in diesem Falle die Polizei jedenfalls nicht an die richtige Adresse gekommen ist, ist es zuzu⸗ schreiben, daß diese unqualifizierbare Handlungs⸗ weise öffentlich bekannt wurde und bewiesen werden konnte. Der Düsseldorfer Fall ist übrigens ein trefflicher Beitrag zur Zucht⸗ haus vorlage. Unsere Genossen im Reichs⸗ tage werden nicht versäumen, der Düsseldorfer Polizei das nötige zu sagen.
Eine schöne Gegend. Der Marburger Bürgerverein hat dieser Tage das dortige Hygienische Institut be⸗ sucht und zwar unter Führung von Prof. Wernicke. In einem Bericht über die interssante Besichtigung
heißt es u. A.: a
„.... Nun öffnete Professor Wernicke eeinen Dunkelschrank, in welchem auf drei Etagen aufgestellt Reihen von Gläsern mit fest ver⸗ schlossenen Glasröhren standen, welche fein säuberlich etilettiert jene unheimliche Klein- welt enthielten deren— dem Umfang nach—
minimale Quantität genügt hätte, die Mensch— heit unseres Planetensystems— voraus- gesetzt, daß auf sämtlichen Planeten Menschen wohnen— zu verseuchen. Hier befanden sich Diphtheritis-, Beulenpest-, Tuber⸗ kulose, Wundrose-, Cholera-, Wechselfieber⸗, Milzbrandbazillen usw. Prof. Wernicke beruhigte indessen seine aufmerksamen und aufs höchste ge— spannten Zuhörer mit der Versicherung, daß ein Entweichen der gefährlichen Lebewesen nicht zu befürchten sei....“ Wir wollen das beste hoffen!
Ein gemeiner Denunziantenstreich
kam am 19. Dezember vor der Strafkammer in Mainz zur Verhandlung. Der Zs8jährige Handelsmann Heinrich Kempf aus Ganthen, zu— letzt in Frankfurt wohnhaft, ist der Erpressung angeklagt. Der Beschuldigte hatte im Sommer einige Zeit bei einem hiesigen 70 jährigen Privatmann gewohnt und diesen um ein Darlehen von Mark 500 ersucht. Als ihm dies verweigert wurde, zog er von hier fort, schrieb aber von Frankfurt aus einen Brief an den Privatmann, worin er diesen beschuldigte, daß er in seiner Gegenwart schwere Beleidigungen gegen den deut⸗ schen Kaiser und den Großherzog ausgestoßen habe. Er werde die Sache der Staatsanwalt— schaft anzeigen; bevor er jedoch diesen Schritt unternehme, könne er ihn am Bahnhof zu Kastel zu einer näher bezeichneten Zeit sprechen. Der alte Mann ging aber nicht auf den Leim und zeigte den Brief der Polizeibehörde vor. Nun wurde der Spieß umgedreht und der Handels- mann wegen Erpressung verhaftet. Der Ange— schuldigte blieb bei seiner Anschuldigung bestehen, er habe den alten Mann nur an den Bahnhof nach Kastel bestellt, damit er dort vor Zeugen seine Beleidigungen wiederholen würde. Der als Zeuge vernommene Privatmann bestreitet ganz energisch, daß er jemals Beleidigungen ausge⸗ stoßen habe. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Dr. Bockenheimer, bemerkte dem Angeklagten, daß eine derartige Denunziation nicht allein verächtlich sondern auch ganz abscheulich sei. Der Staats⸗ anwalt beantragte 6 Monate Gefängniß und Ehr⸗ verlust, das Gericht erkannte auf 3 Monate Gefängnis. Bergsturz am St. Gotthard.
Aus Airolo, einem am Fuße des St. Gott⸗ hard gelegenen schweizerischen Ort mit annähernd 2000 Einwohnern, wird vom 28. Dezember be⸗ richtet:
Die hiesigen Einwohner waren seit längerer Zeit in großer Unruhe, da der Sassorasso die Ortschaft zu zerstöbren drohte. Ingenieure hatten kürzlich an Ort und Stelle Untersuchungen an⸗ gestellt. Die angesammelten Schnee⸗ und Eis⸗ massen beschleunigten die Katastrophe. Gestern früh trat der erste Bergsturz ein. Die Be⸗ wegung der Massen dauerte bis Mittag fort und richtete erheblichen Schaden an. In ver⸗ gangener Nacht verließen die Bewohner ihre Wohn ungen. Gegen 2¼ Uhr früh lösten sich große Felsmassen, stürzten herab und zerstörten das Hotel in Airolo und einige benachbarte Gebäude.— Vom 29. Dezember wird weiter gemeldet:
Das Dorf bietet einen erschreckenden Anblick. Ein Gebiet von zwei Quadratkilometern ist von Schuttmassen überdeckt. Acht Wohnhäuser und vierzehn Ställe sind zerstört und bilden wüste Trümmerhaufen. Eine Anzahl anderer Häuser ist schwer beschädigt. Die Festungstruppen des Gotthard und die ganze Bevölkerung arbeiten ununterbrochen an der Wegräumung der Schutt⸗ massen. Aus den Trümmern wurden drei Leichen hervorgezogen. Man glaubt zwar, daß die Gefahr eines neuen noch größeren Berg⸗ sturzes ausgeschlossen sei, immerhin sind alle Vorsichtsmaßregeln getroffen.
Kleine Mitteilungen.
— Unfall in Lollar. Am Mittwoch war ein Heizer auf dem Rangiergeleise der Strecke Lollar⸗Wetzlar mit dem Oelen der Ma⸗ schine beschäftigt, als sich letztere in Bewegung setzte, und dem Heizer einen Teil des Fußes total abquetschte.
— Abermals ein Grubenunglück. Am Dienstag ereignete sich eine Explosion schla⸗ gender Wetter auf der Zeche„Friedrich der Große“ bei Herne. Acht Bergleute wurden schwer verletzt. Als Ursache der Explosion wird von der Verwaltung verbotswidriges Oeffnen von Wetterlampen angegeben. Wir wollen ab⸗ warten, was die Untersuchung feststellt. Da die Verunglückten lebend gerettet wurden, so kann man wohl einmal genaueres ermitteln.
— Der Reichstags⸗Alterspräsident Dieden ist am Mittwoch, 88 Jahre alt, gestorben. Dieden gehörte der Zentrumspartei an. Seit 1873 war er ständig Mitglied des Reichstags und des preußischen Abgeordnetenhauses und wiederholt Alterspräsident des Reichstags. An seine Stelle als Alterspräsident trat das letzte Mal, da er leidend war, der Abg Lingens.
— Die Trauer⸗Toilette eines Häft⸗ lings. Am 15. Dezember wurde in Beuthen der Nachtwächter Nowack beerdigt. Einen eigen⸗ tümlichen Eindruck machte es, daß hinter dem Sarge der Sohn des Verstorbenen in Gefäng⸗ niskleidung und geschlossen in Beglei⸗ tung eines Gefangenenaufsehers schritt. Der Sohn, der zu drei Jahren Gefängnis verurteilt ist, hat noch zehn Monate zu verbüßen. Er äußerte den Wunsch, der Beerdigung seines Vaters beizuwohnen, was ihm auch gestattet wurde, jedoch nur unter Begleitung eines Ge⸗ fangenenaufsehers und geschlossen.
— Oberstlieutenant von Egidy, der bekannte Politiker, ist am Samstag früh nach nur stundenlanger Erkrankung gestorben. v. Egidy ist sehr bekannt geworden durch seine vielen Vorträge. Er anerkannte die meisten Forderungen der Sozialdemokratie, verwarf je⸗ doch den Klassenkampf.
Partei⸗ Nachrichten.
Erwerbt die hessische Staats zugehörig keit! Unsere in den Landtagswahlkreisen Gießen⸗Land
und Vilbel ansässigen nichthessischen Genossen müssen die hessische Staatszugehörigkeit erwerben!
Wegen der Abhaltung von Volksversamm⸗ lungen im Kreise Gießen wenden sich die Ge. entweder an den Kreisvertrauensmann A. Be Gießen, Dammstraße, oder an den Vorsitzende Kr.⸗W.⸗Vereins: Ph. Scheidemann, Gießen.
Für Agitationszwecke bei der Red. d. M. S.⸗ eingegangen und an den Vertrauensmann weiter⸗ gegeben 50 Pfg. von zwei Buchdruckern.
Gemeindevertreter Tag. Ein sozialdemo⸗ kratischer Gemeindevertretertag für die Provir Brandenburg hat am Dienstag in Berlin getagt Gemeindevertreter Thomas-Rixdorf begründete dos von der Einberufungskommission vorgeschlagene munalprogramm, welches u. a. für die Wahl zu Gemeindevertretungen die Einführung des allgemeine direkten geheimen und gleichen Wahlrechts fordert sowie daß das Wahlrecht durch den Empfang irgend welcher Unterstützung aus Gemeindemitteln nicht auf— gehoben oder beschränkt werden darf. Die Gemeinde⸗ wahlen sollen am Sonntag stattfinden.
Warnung. In Parteikreisen wird, wie der„Vor⸗ wärts“ schreibt,„ die Ansicht verbreitet, die Sozialdemokratie stehe zu der Volksversicherungsgesellschaft„Viktoria“ in Beziehungen und unterstütze die Gesellschaft in ihren ge⸗ schäftlichen Unternehmungen. Diese Behauptungen beruhen auf Un wahrheit. Die deutsche Sozialdemokratie hat zu der Volks ver sicherungsgesellschaft„Viktoria“ gar keine Beziehungen, und Agenten dieser Gesellschaft, die es ver⸗ suchen solltes, unter Vorspiegelung des Gegenteils in Parteikreisen Geschäfte zu machen, würden sich eine be⸗ trügerische Handlung zu Schulden kommen lassen“.
—(Wir werden gelegentlich den Versicherungsunsug, dem viele geringe Leute zum Opfer fallen, einmal gründ⸗ lich beleuchten Red. d. M. S.⸗Z.).
Versammlungs⸗Kalender.
Samstag, den 31. Dezember:
Metallarbeiter bei Orbig, Rittergasse.
Samstag, den 7. Januar:
Gießener Wahlverein bei Orbig. Tages⸗ ordnung: 1. Vortrag des Stadtverordneten Gen. Ed. Krumm: Rückblick auf das verflossene und Ausblick auf das neue Jahr. 2. Diskussion.— Zahlreich erscheinen!
Briefkasten der Medoktion. W.⸗B. Wenn keine besonderen Abmach.. troffen sind, muß die Kündigungsfrist mit den Z Terminen übereinstimmen. Erkundigen Sie sich, wie es ortsüblich ist in B.


