Deite 4.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 1.
** den Beschluß des Darmstädter Parlaments außer Kraft gesetzt werden kann, demgemäß ihr Ver⸗ halten einrichten und das ebenso alberne wie demagogische Gebahren der Antisemiten nach Gebühr brandmarkten, deshalb rührt nach dem antisemitischen Denunzierblatt „für den Kern des Volkes ein Sozial⸗ demokrat keinen Finger.“
Eine erbärmliche Verleumdung! Sind denn die bürgermeisterlichen Ortsgerichtsvor⸗ steher der Kern des Volkes? Viele Hun⸗ derttausende haben unsere Genossen im hessischen Landtag für die Landwirtschaft b e⸗ willigt, weil sie überzeugt waren, daß diese Summen dem ganzen Lande zum Vorteil gereichen werden. Sie werden auch in Zukunft nicht Nein sagen, wenn Gelder verlangt werden, die dem Kern des Volkes, das heißt: den schaffenden Ständen in Dorf und Stadt, zu Gute kommen sollen. Nie aber werden sich unsere Genossen dazu herbeilassen, aus demagogischen Gründen Ja zu sagen, wo ihnen der klare Menschenverstand gebietet, mit Nein zu antworten. Ein solch schmieriges Verhalten überlassen die Sozialdemokraten den Antisemiten, die auf die Dummheit spekulieren. Wir appellieren an den Verstand der Massen und der Erfolg wird auf unserer Seite sein. Die Arbeiter in Dorf und Stadt werden nicht vergessen, daß das antisemitische Denunzierblatt die Arbeiter Schlammbeißer geschimpft hat. Diese Schlammbeißer werden der Antisemiten⸗ sippe noch viel zu schaffen machen. Gießener Krankenkassen⸗Idylle.
* In einer Vorstandssitzung der Gießener
Ortskrankenkasse wurde der Beschluß gefaßt, daß der Kassenbeamte Heydt einen Gehilfen an⸗ nehmen soll,„der der Behörde genehm ist“. Selbstverständlich haben diejenigen A r⸗ beiter im Vorstand ihre Unterschriften unter dieren protokollierten Beschluß ver⸗ weigert, die ihre Aufgabe nicht darin erblicken, irgend einer Behörde Gefälligkeiten zu erweisen. Inzwischen hat Herr Heydt den ihm bewilligten Gehilfen, der laut Vorstandsbeschluß„der Be⸗ Itrbe genehm“ sein soll, gefunden und zwar n der Person des Herrn Herm. Beppler, dem früheren Buchhalter des Herrn Heyligen⸗ städt.— Der ganze Vorfall ist eine hübsche Illustration der Verhältnisse im Gießener Kranken⸗ kassenvorstand. Hoffentlich machen die Arbeiter demnächst gründlich tabula rasa.
Einen entsetzlichen Tod fand in Gießen in der Weihnachtsnacht ein Kbstummer. Er hatte sich bekneipt und verübte den Straßen allerlei Unfug. Infolgedessen wurde er verhaftet und in den Polizeigewahrsam verbracht. Gegen 2 Uhr nachts wurde die Nach⸗ barschaft des Arresthauses auf einen schauderhaften Geruch ausmerksam, der dem Arrestlokal entströmte. Es wurde Lärm geschlagen und schließlich die Zelle geöffnet. Den Eindringenden bot sich ein entsetzliches Bild. Auf der verkohlten Pritsche fand man nur noch wenige Leichenreste des Un⸗ glücklichen vor, der lebendig verbrannt war. Es wird erzählt, daß sich Schwefelhölzer, die der Inhaftierte bei sich führte, entzündet und den Brand herbeigeführt hätten. Wir sind mit dieser Erklärung nicht zufrieden und erwarten, daß eine strenge Untersuchung Licht in die Sache bringt. Hätte der Unglückliche wirklich verbrennen können, wenn menschliche Hilfe in der Nähe gewesen wäre? Aus Marburg.
p. Die hier erscheinende„Hess. Landesztg.“ wird bekanntlich am 1. Januar national⸗ fozial. Die Zeitung, die stets mit uns die furchtbaren Lasten, die Militarismus und Mari⸗ nismus dem Volke auferlegen, bekämpfte, wird also Organ einer Partei, die kolonial⸗ und flotten begeistert ist und in der Zeit des Zuchthauskurses und der Majestäts⸗ beleidigungsprozesse noch von einem ozialen Kaisertum träumt. In der mit
roßer Vorsicht abgefaßten Abonnementseinladung, nie sich am Schlusse des redaktionellen Teils der „Hess. Landesztg.“ befindet, machen die Herren v. Gerlach und Erdmannsdörffer bekannt, daß
ihr Blatt für Deutschlands Macht und Größe eintreten wird. Das ist die Um⸗ schreibung für den Satz: Für Heer, Marine und Kolonialpolitik! Die seitherigen Leser der militär feindlichen Landeszeitung werden die Schwenkung jenes Blattes, welche mit dem Besitzwechsel eintritt, nicht mitmachen. In denselben Nummern der„H. Ldsztg.“, in denen die nationalsozialen Abonnementseinladungen stehen, machte sich übrigens die seitherige Redaktion noch lustig über die Nationalsozialen. Sie spricht u. a. von einer„Entrüstungs⸗Erbsenkanonade“ der⸗ selben im Falle Delbrück, nennt sie„naiv“, be⸗ zichtigt sie der Pflege des„nationalen Fanatis⸗ mus“ und redet in recht durchsichtiger Weise sogar von— Schlafmützen.—— Es liegt übrigens ein Stück recht grausamen Schicksals in der Thatsache, daß dasselbe Blatt, welches vor Jahr und Tag die vortrefflichen Artikel unseres Genossen Eisner über die„Grund⸗ irrtümer der Nationalsozialen“ ver⸗ öffentlichte, nun von Nationalsozialen aufgekauft wird. t n Weihnachtssegen.
* Eine schöne Christbescheerung wurde einer Maurersfamilie in Vilbel zu Teil, indem die Frau am ersten Feiertage mit Drillingen (zwei Buben und ein Mädchen) niederkam. Mutter und Kinder befinden sich den Umständen nach
wohl. Aus Weilburg.
Von hier erhält die„Köln. Ztg.“ folgende Zuschrift zur Illustration der Mittel, welche an⸗ gewandt worden sind, um den Grad der Be⸗ teiligung bestimmter Personen an der Bekämpfung der Wahl des deutsch-konservativen Landtags⸗ tagsabgeordneten und Landrats in Usingen festzustellen. Ein Brief vom 29. November, der in Weilburg vielfach kursiert hat, lautet in wört⸗ licher Abschrift:„Mein lieber Herr Kamerad! Ich habe eine vertraute Angelegenheit, welche ich im Auftrage unseres Herrn Land⸗ rats ermitteln soll. Im Monat Oktober ist von der dortigen(d. h. Weilburger) Buchdruckerei H. Zipper ein Wahlaufruf gedruckt worden mit der Ueberschrift„Wähler des Kreises Usingen!“ Da wir den Verfasser dieses Blattes gern kennen lernen möchten, so wollte ich Sie bitten, einmal in unauffälliger Weise Exrmitte⸗ lungen nach dem Verfasser oder Auftrag⸗ geber dieses Blattes anzustellen. Es kommen nur zwei Personen in Betracht, nämlich der Pfarrer.. aus.. und der.. von hier. Sie müßten sich vielleicht mit einem Ang e⸗ stellten der genannten Firma in Ver⸗ bindung setzen oder eine Zivilperson beauftragen; da Sie doch kein Interesse an unserem Landrat haben, so dürfte Ihnen das vielleicht gelingen. Wenn es Ihnen möglich wäre, mir bis zum 1. n. M. Auskunft zu geben, so wäre ich Ihnen zu großem Danke verpflichtet, da wir am 2. zur Kommunikation nach Usingen müssen. Besten Dank für Ihre Bemühungen im voraus sendend, zeichnet mit kammeradschaftlichem Gruß Ihr Fuß⸗Gendarm.“— Dieses Nachspüren hat Weil⸗ burg in große Entrüstung versetzt, denn bisher sind nationalliberale Männer noch nicht wie Anarchisten von Gendarmen belauert worden.
Es erscheint ganz unglaublich, daß ein Land⸗ rat so unvorsichtig sein könnte, mit einem so delikaten Auftrag einen Gendarmen zu betrauen. Man wird abwarten müssen, was der Usinger Landrat von sich hören läßt.
Zur Offenbacher Stadtverordnetenwahl.
Bei einer Besprechung des glänzenden Ergebnisses der Stadtverordnetenwahl in Offen⸗ bach a. M. hatte unser Elberfelder Parteiorgan, die„Freie Presse“, geäußert, wenn sich die Ver⸗ hältnisse in Offenbach so weiter entwickeln würden wie bisher, so stehe zu erwarten, daß diese Stadt in absehbarer Zeit ein ausschließlich sozia⸗ listisches Gemeinde⸗Kollegium erhalten werde. Dazu bemerkt unser Offenbacher Partei⸗ organ, das„Abendblatt“ u. A.:
„Die Linie, die hier gezeichnet, wird aller⸗ dings die Marschroute sein, auf der das Prole⸗ tariat Offenbachs voranschreitet. Um aber kein
Mißverständnis aufkommen zu lassen, sei hier von vornherein erklärt: Es gelüstet uns nicht danach, unsere Gegner durch die Masse unserer Anhänger zu erdrücken. Ge⸗ wiß: Thäten wir es, so würden wir nur mit gleicher Münze heimzahlen. Unsere Gegner haben, solange sie die Macht hatten, uns
brutal unterdrückt und vergewaltigt;
sie schlossen uns von jeder Vertretung aus, so lange sie es vermochten. listische Demokraten, demokratische Sozialisten. Wir verstehen die Demokratie nicht so, daß sie den andern knebelt und mundtodt macht. Und so erklären wir heute schon: So gewiß die nächste Stadtverordnetenwahl, die in drei Jahren statt⸗ findet, uns abermals den völligen, einen noch überwältigenderen Sieg brächte, so gewiß werden wir diese Macht nicht aus nützen, nicht mißbrauchen, um anderen Gesellschaftsklassen, anderen politischen Richtungen die Vertretung zu rauben. Die Mehrheit im Kollegium bean⸗ spruchen wir gemäß der Bedeutung unserer Partei, entsprechend dem numerischen Ueber⸗ gewicht unserer Parteigenossen. Mehr for⸗ dern wir nicht! Jede Partei, nenne sie sich, wie sie will, soll der Zahl ihrer Wähler entsprechend im Kollegium vertreten sein. Das vorhandene Wahlrecht werden wir benutzen, um proportionelle Vertretung der vorhan⸗ denen Parteien zu erzielen. Dabei leitet uns unsere Gerechtigkeitsliebe, es leitet uns unsere politische Einsicht. Unsere Gegner wollen wir haben im Kollegium. Im steten⸗ Kampf mit ihnen soll sich die Güte, die Wahr⸗ heit unserer Grundsätze erproben. Solchergestalt erhält unser Wahlsieg erhöhte, erhält er allge⸗ mein politische Bedeutung.“
Gegenüber diesen Ausführungen der prole⸗ tarischen Sieger mögen sich unsere Leser der Vor⸗ gänge bei der Gießener Stadtverord⸗ neten wahl erinnern. Mit weinerlichen Fistel⸗ stimmchen riefen die„Civis“- und—ch⸗Ein⸗ sender:„Nur keine Sozialdemokraten! Wir, in liberalen Klübchen als tugendhaft und fromm befundenen Recken sind die einzig berech⸗ tigten Vertreter der Bürgerschaft; wir Professoren, Fabrikanten u. s. w. haben die Weisheit in Erb⸗ pacht genommen, wir sind die wahren Ver⸗ treter der Stadt.“—
Mögen die Gießener Arbeiter sich an Offen⸗ bach ein Beispiel nehmen und dafür sorgen, daß unsere Talmi⸗Liberalen bei erster Gelegenheit zum Tempel hinausgejagt werden.
— Wie noch aus Offenbach berichtet wird, hatten nach dem sozialdemokratischen Siege bei der Stadtverordnetenwahl die nationallibe⸗ ralen Stadtverordneten anfänglich sämmtlich ihre Mandate niederlegen wollen; ausgeführt hat diesen Entschluß aber nur einer, der Kommerzien⸗ rat Stroh, vielfacher Millionär und Mitbesitzer der weltbekannten Schnupftabakfabrik Bernhard u. Co. Er will„nicht neben Tagelöhnern sitzen.“ Seine Klassengenossen aber fügen sich ins Un⸗ vermeidliche und hießen, ehe noch unsere ge⸗ wählten Genossen ihr Amt antraten, sogar mehrere sozialistische Forderungen gut.— Das werden sie in Zukunft noch öfter thun müssen.
Aus Eschwege. g
h. Teuere Legitimationen. Wie bei verschiedenen früheren Wahlen, so hatten wir auch bei der letzten Reichstags⸗Stichwahl vom Wahlkomitee Karten ausgestellt für jene Ge⸗ nossen, welche auf dem Lande die Kontrolle oder Ueberwachung der Wahllokale über⸗ nommen hatten. Diese Karte war indes mehr⸗ fach den Herrn Bürgermeistern nicht genügend. Sie verlangten die behördliche Bescheini⸗ gung, ob der Inhaber auch wirklich Wähler sei. Da nun diesesmal bei der Stichwahl mit besonderem Hochdruck von allen Seiten gegen uns gearbeitet wurde, betrachteten wir es als unsere doppelte Pflicht, die Wahllokale zu besetzen und ließen 66 Karten von der Behörde bescheinigen. Dieses kostete uns 13 Mark 20 Pfg. für den Stadtstempel. Jetzt nun, nach einem halben Jahre ist unser Bürgermeister von der höheren Behörde aufgefordert worden, nach dem Stempel⸗ steuergesetz noch weitere 99 Mark inner-
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