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Gießen, den 29. April 1906.
13. Jahrgang.
Redaktion:
Klochenplatz 11, Schloßgasse.
Sonnt
Nedaktiensschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr
Mitteldeutsche
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as wir wollen?— Wir wollen lernen denken, Wie es dem freien ilenschengeist gebührt,
Der nie sich bon der Undernunft läßt lenken,
Dem Jugtier gleich, das an den pflug geschnürt. Wir wollen suchen, forschen und erkennen lit freiem Geist der Menschheit heilig Recht,
Wir wollen von betörenden Sirenen
Befrei'n das ganze menschliche Geschlecht.
Was wir wollen?— Wir wollen lernen liebe n, Was nicht der Wahrheit und des Rechts entbehrt, Wir wollen lernen Brudertreue üben n jedem, dessen Herze ist beschwert.
Wir wollen jedes Ilenschen Brust durchdringen Hit Flammen einer heil'gen Ciebesglut,
Ruf daß den Haß wir siegreich niederzwingen, Huf daß der Neid, die Mliffgunst ewig ruht.
Zumsfllaientag derfirheit⸗
bernehmen mag es eines jeden Ohr, Den leiten falschen Wahn soll es zerstören, Geöffnet sei der Wahrheit Tür und Tor!
Wir wissen, was wir wollen, was wir müssen,
lind was wir konnen in vereinten Reih'n, Das spendet uns den eh'rnen, sieg'sgewissen Mut, die Stärke, dem Kampfe uns zu weih'n!
Das Weltfest der Arbeit.
Wieder ist der erste Mai herangekommen, den sich die internationale Arbeiterschaft als ihren Feiertag eingesetzt hat. Er wird in diesem Jahre begangen inmitten heftiger wirtschaftlicher
Kämpfe, die wir besonders in Deutschland sich abspielen sehen. Und gerade diese Kämpfe be⸗
weisen uns die Richtigkeit dessen, für was wir alljährlich die Kundgebung am 1. Mai veran⸗ Die zahllosen Aussperrungen zeigen uns den klaffenden Gegensatz zwischen Kapital
und Arbeit. Wir sehen aber auch diesen Gegen⸗
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satz sich täglich verschärfen, immer schroffer stehen sich die Klasse der Besitzenden und die arbeitende,
Aber besitzlose Masse einander gegenüber. Nicht hloß in wirtschaftlicher, sondern auch in poli- lischer und geistiger Beziehung. Die Menschen sind sich einander fremd geworden, sie ver stehen sich nicht mehr, das Denken, Fühlen, Streben der Arbeitenden und Armen ist ein dle anderes als das der Reichen.
Dabei sind
ie letzteren im Besitze der politischen Macht und ste benützen diese in ausgiebigster Weise Unterdrückung der minderbemittelten und besitzlosen Bevölkerung, deren Rechte in eder Weise beschnitten werden und deren Ein⸗
uß auf die staatlichen und öffentlichen Dinge duf den Nullpunkt herabgedrückt wird. Für
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Was wollen wir?— Wir wollen lernen hassen Die Lüg', die hinterlist und den berrat, Wir wollen stets mit starker Faust erfassen Den argen Freoler auf der frischen Tat. Wir wollen jeglicher Dersöhnung fluchen, lit der heimtückische Derrãter nah'n, Um mit der Hrglist Schwerte Zu bersuchen, uns zu behindern auf der Kampfesbahn.
Was wollen wir?— Wir wollen heil und Glũcke Für jeden auf dem weiten Erdenkreis, Wir wollen, daß als höchste Zierde schmücke jedweden slann der Hrbeit Corbeerreis; Wir woll'n die firbeit triumphieren sehen Im Staate, oon dem Dolke selbst regiert, Wo überall der Freiheit Banner wehen, Die Liebe und bernunft das Zepter führt.
Das wollen wir!— wer's wissen will, mag's hören,
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die Arbeltsbienen wird die Lage daher immer unerträglicher, und sie kann dauernd nur ge⸗ bessert werden durch Befreiung vom kapitalisti⸗ schen Druck, durch Besettigung des Kapi⸗ talismus und damit der Klassenherr⸗ schaft! Und dies liegt im Interesse der ganzen Menschheit! Darum liegt in der Maifeier der großartigste Kulturgedanke. In der Tat hat es im ganzen Verlauf der Geschichte noch niemals ein Fest gegeben, dessen ideelle und kulturelle Bedeutung mit der verglichen werden könnte, die diese Feier charakteristert. Ursprünglich handelte es sich nur um eine Kund⸗ gebung für eine große soziale Reform, für den internationalen gesetzlichen Arbeiterschutz und den Achtstundentag. Damit aber war leichwohl die Parole gegeben, dempolitischen Klassen kampf des Proletariats einen demon⸗ strativen Ausdruck zu geben, und zwar ent⸗ sprechend all den hohen und schönen Idealen, die diesen Kampf bestimmen und ihm seine feste, sichere Richtung geben. Schon das erste Maifest im Jahre 1890 ging weit hinaus über seine vorgesehenen Ziele und Zwecke; es verband sich ihm ganz logisch die Manifestatton der Idee des Völkerfriedens und der Völkersoli⸗ darttät, deren Verwirklichung nur durch die Beseitigung der Klassengegensätze und der Klassen⸗ herrschaft erreicht werben kann, und die alles
das in sich faßt, was jedes Kulturvolk für stch nach Maßgabe seines unverjährbaren Selbst⸗ bestimmungsrechtes an politischer Freiheit, sowie an wirtschaftlicher Neuordnung und so zi⸗ aler Wohlfahrt zu erstreben hat.
So hat die Maifeier einen großen und er⸗ hebenden Inhalt gewonnen und bedeutet mehr als die Feste der Kirche. Diese gelten der Verherrlichung religiöser Vorstellungen, welche von der Vernunft längst abgetan sind. Der Glaube an sie, das Vertrauen zu ihrer Heil⸗ kraft ist geschwunden; die Massen erwarten nichts mehr vom Himmel, nichts mehr von der vausgleichenden christlichen Gerechtigkeit“; sie haben erkannt, daß sie den rein menschlichen Heilswahrheiten folgen müssen, wenn sie zum wirklichen Heil gelangen wollen, daß alle Erlösung vom Uebel nur die Frucht echter humanitärer Erkenntnis und eines dieser Er⸗ kenntnis genügenden selbstbewußten und selbst⸗ ständigen Handelns, des solidarischen Wirkens auf der Grundlage politischer und gewerkschaftlicher Organisation sein kann.
Allerdings steht für die kämpfende Arbeiter- schaft die Forderungen nach Arbeit, Lohn und Brot; nach Schutz gegen die Lebensgesundheit zerstörende kapitalistische Wirtschaft; nach Siche⸗ rung und Hebung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Existenz im Vordergrunde. Aber wer
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