Ausgabe 
28.1.1906
 
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Gießen, den 28. Januar 1906.

13. Jahrgang.

Redaktion: Mirchenplatz 11. Schloßgasse.

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Kampf und Sieg!

Der vergangene Sonntag ist ein Ehren⸗ tag, ein Tag des Kampfes nnd des Sieges für die deutsche, für die internationale Sozial⸗ demokratie. Sie hat in einer Kundgebung, wie sie gewaltiger die Welt noch kaum gesehen hat, ihren Willen ebenso ruhig, eindrucksvoll kundgetan. Sie hat gezeigt, daß sie über ein nach Millionen zählendes Heer zuverlässtger, wohldisziplinierter und was die Hauptsache ist denkender Kämpfer verfügt, die sie für Recht, Freiheit und Wohlergehen des Volkes in den Kampf stellt. Und das Volk sieht sehr wohl, wer für seine Interessen ein⸗ tritt; es lernt immer mehr die Richtigkeit der soztaldemokratischen Grundsätze und Ideen er⸗ kennen. Auch amRoten Sonntag, wie die Scharfmacherpresse unsern Domonstrationstag taufte, welche Bezeichnung wir übrigens gerne annehmen, sind wieder diele Tausende unserer Sache gewonnen worden. Das maßlose Geschimpfe der kapitalistischen Sold⸗ schreiber und ihre gemeinen Verdächtigungen unser Partei machen nur höchstens noch auf un⸗ wissende, rückständige Leute Eindruck, jeder ver⸗ ständige und gebildete Mensch verachtet die un⸗ sinnigen, verleumderischen Hetzereien des charak⸗ terlosen Zeitungsgesindels von der Reptil- und Ordnungspresse.

Aus welchem Grunde diese Vorbereitungen? Daß die Sozialdemokratie keine Ausschreitungen, keine Gewalttätigkeiten begeht, weiß man nur zu genau. Man wird also keinen Grund, wenigstens keinen vernünftigen dafür anführen können. Allerdings, die Scharfmacher⸗ und Reptilpresse hat es an gemeinen Denunziationen und schamlosen Verhetzungeg nicht fehlen lassen. In zahllosen spitzelmäßigen Artikeln und Notizen und Ratschlägen an die Polizei suchle diese charakterlose Sippe der kapitalistischen Sold⸗ schreiber eine Stimmung zu erzeugen, die zu blutigen Megeleien führen sollte. Man watete förmlich in Arbeiterblut!! Was nebenbei noch für Unsinn zu tage gefördert wurde, beweist der Gieß. Anz., der fast die Hälfte der groß⸗ städtischen Bevölkerung als zum Gesindel und Lumpenzeug gehörig bezeichnete!!

Und wenn es trotz dieser unerhörten Hetze nicht zu blutigen Konflikten gekommen ist, so ist das einzig der kühlen Ruhe und der ge⸗ festigten Disziplin der deutschen Arbeiter zu danken. Der Kaiser soll den Berliner Poli⸗ zisten den Dank dafür ausgesprochen haben, daß der Sonntag dort ruhig verlief. Dieser Dank ist an die falsche Adresse gerichtet, die Poltzet ist an dem guten Verlauf ganz un⸗ schuldig; im Gegenteil, überall, wo Polizei in dieser Weise auftritt, stört sie höchstens die Ruhe. Der Dank gebührt den Berliner Sozial⸗ demokraten, die d rauf allerdings keinen An⸗ spruch erheben.

Für die ungeheuerlichen Maßnahmen gibt es nur zwei Erklärungen. Entweder man wollte einen Zusammenstoß mit einem darauf folgenden Gemetzel, man wollte mit Flinten und Kanonen aufs Volk schießen, oder man hat in den oberen und regierenden Kreisen eine fürchterliche Angst vor dem Volke. Diese ist aber ganz unnötig; selbst wenn unsere Portel in der Lage wäre, die Republik zu pro⸗ klamieren, so würde noch keinem Fürsten ein

Haar gekrümmt werden; wir sind überzeugt, daß man sich mit ihnen in aller Gemütsruhe auseinandersetzen würde, wenn sie nur so ver⸗ nünftig sind, dem Volke sein gutes Recht nicht streitig zu machen.

Das Volk wird aber den Kampf um sein Recht nicht aufgeben. Es wird ihn mit ver⸗ doppelter Kraft fortsetzen, bis die Dreiklassen⸗ schmach beseitigt und das Volk in der Lage ist in seinen eigenen Angelegenheiten mitbe⸗ stimmend zu wirken. Der 21. Januar hat uns die wahren Volksfeinde gezeigt. Die Junkerkaste und Geldsacksklasse sind für das deutsche Volk schlimmere Feinde, als alle auswärtigenFeinde zusammengenommen!

K*

Unsere Demonstration verlief im ganzen Reiche musterhaft. Nirgends kam es auch nur zur geringfügigsten Ausschreitung. Die Arbeiter massen hielten eine geradezu bewunderns⸗ werte Disziplin. Ueberall ist der Aufforderung des Parteivorstandes, der Polizei keinen An⸗ laß zum Einschreiten zu geben, pünktlich Folge geleistet worden. Trotz der unerhörtesten Pro⸗ bokation der Gegner! Trotz der Erbitterung über das Dreiklassenwahlrecht und trotz auch der verrückten kriegerischen Vorbereitungen, die überall von den Behörden getroffen wurden! Wahrlich, Verückteres hat die Welt nock nicht gesehen als diese Kriegs vorbereitungen!

Am imposautesten war die Demonstration in Berlin, obwohl die Parteigenossen anderer Orte auch nicht zuröckblieben. Eine unerhört gewaltige Beteiligung und trotzdem absoluteste Ruhe! Es waren nicht weniger als zwei und neunzig Massenversamm lungen die in den sechs Berliner und in den zwet vor⸗ gelagerten Reichstagswahltreisen am Sonntag zwischen 12 und 2 Uhr abgehalten worden: sowohl in der Stadt selbst als auch in den Vororten wurden diese Versammlungen noch lange vor ihrem Beginn, zum Teil schon in den frühen Vormittagsstunden wegen Ueber⸗ füllung polizeilich abgesperrt. Nach oberfläch⸗ licher Schätzung sind es über hundert tausend Arbetter gewesen, die auf diese Weise in der Hauptstadt gegen die schwarz⸗ weiße Dreiklassenschande protestiert haben.

Wer zählt aber die Massen, die überdies noch vergeblich Einlaß suchten und mit be⸗ wunderungswürdiger Ausdauer in losen Gruppen verstreut straßab, straßauf zogen, freilich alle mit dem nämlichen Erfolg, vor dem Tor des nächsten Versammlungslokals abermals zurückgewiesen zu werden? Da sich indes diese Bewegung auf zeitlich drei Stunden, räumlich auf ein ungeheures Ausdehnungsge⸗ biet erstreckte, und überdies jede demonstrative Zusammenballung streng vermieden wurde, kam es nirgends zur Bildung geschlossener Züge. Die Arbeiter haben ihr Wort gehalten und den Scharfmachern die Freude verdor⸗ ben; sie haben auf der Straße nicht demonstriert.

Ueberhaupt scheint die Berliner Polizei die nervösen Befürchtungen, die in den höheren Kreisen herrschten, im allgemeinen nicht geteilt zu haben. Vielfach überließ sie die Aufrecht⸗ erhaltung der Ordnung den Ordnern der Ar⸗ beiterschaft, die, mit roten Rosetten geschmückt, an den Toren der Versammlungslokale postiert waren und ihre Tätigkeit gelegentlich auch auf die Straße erstrecken durften. Die behelmten

Hüter der klassenstaatlichen Ordnung wissen sehr gut, daß die Männer mit der roten Rosette die Ordnung besser aufrechtzuerhalten wissen als sie selber es imstande sind. Sie wissen auch sehr genau, daß ein geschlossener Zug jener Hunderttausende durch die Straßen unter Führung ihrer eignen Ordner nicht die geringste Gefahr für die öffentliche Ruhe und Ordnung bringen würde.

Eine merkwürdige und zugleich wirksame Straßendemonstration konnte man in Berlin allerdings nicht verhindern. Unter den Lin den, wo sich die höfische Pracht der Auffahrt zum Ordensfeste entfaltete, demonstrierte ganz Ber⸗ lin durch seine Abwesenheft! Wo sonst bei derartigen Gelegenheiten die Straßen voll hurraschreienden Menschen stehen! Aber die Elemente, aus denen sich diese zusammen⸗ setzen, fürchteten jedenfalls für rote Demon⸗ stranten gehalten zu werden und mit dem herr⸗ lichen Kriegsheer in unangenehmen Konflickt zu geraten. Deshalb mußte der Kaiser durch ver⸗ ödete Straßen fahren!

Der Abmarsch der vielen Tausende aus den Versammlungen vollzog sich in vollster Ruhe und Ordnung. Während aber die Ar⸗ beiter nach Hause gehen durften im Bewußt⸗ sein, einer gewaltigen Volkskund⸗ gebung zu gutem Gelingen geholfen zu haben, und in fester Absicht wreder zukommen und immer zahlreicher, immer lauter und dringender den Ruf nach dem gleichen Recht in Preußen zu erheben, dürfte sich in den Kreisen ihrer Gegner der Katzen⸗ jammer gar bald einstellen. Man spielt nicht ungestraft mit dem trockenen Pulver und dem geschliffenen Schwert, man dürfte es vielleicht schließlich einsehen, welche Torheit es war, die Garnison in marschbereiter Ausrüstung in den Kasernen ihren Gedanken zu über⸗ lassen. Mancher königstreue Soldat wird nach diesem nachdenklichen Sonntag, wenn er den Rock des Königs auszieht, ein guter Soztal⸗ demokrat werden.

Von den Versammlungen können wir natür⸗ lich nicht im einzeln berichten. Wir müssen uns mit ganz kurzen Notizen begnügen. In dem eigentlichen Berlin fanden 31 Versamm⸗ lungen statt. Unter den Rednern befanden sich u. a. die Reichstagsabgeordneten Bebel, Singer, Heine, Robert Schmidt, Richard Fischer, Lede⸗ bour, Dietz, Herzfeld ꝛc.

Bebel sprach im Moabiter Gesellschafts⸗ hause vor einer ungeheueren Menschenmenge, die den Redner mit nicht endenwollendem Bei⸗ fall begrüßte. Er führte u. a. aus:

Die russische Revolution datiert ihren Ge⸗ burtstag vom 22. Januar v. J., damals, als der friedliche Arbeiterzug, man möchte sagen die Prozession des Priester Gapon mit blauen Bohnen empfangen wurde. Seitdem gibt es keinen Frieden mehr zwischen dem Zarismus und dem russischen Volke.(Stürmischer Bei⸗ fall.) Redner schildert, oft von lautem Beifall unterbrochen, die Phasen der russischen Revo⸗ lution. Wenn sich jetzt das lettisch⸗estnische Landvolk gegen seine Dränger erhebt, so erntet das deutsch⸗baltische Junkertum nur, was es gesäet hat.

Das offizielle Preußen widersetzt sich der Wahlrechtsbewegung, die die ganze zivilisterte Welt ergriffen hat. Hier wird noch das Wahl⸗