Ausgabe 
27.5.1906
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗geunng.

. 21

Arbeiters Beimkehr.

In Staub und Stank und giftigem Hauch Ist uns der frische Tag versunken,

Es hat der Schlote schwarzer Rauch Das Sonnenlicht uns weggetrunken.

Nun hat der schrille Glockenklang, Den Feierabend eingeläutet,

Die dämmergrauen Straßen lang, Die Sorge uns zur Seite schreitet.

Auch dann daheim, im engen Simmer, Verweilt sie und verläßt uns nie Es bannt auf Augenblöcke sie Nur eines Vinderlächelns Schimmer. Josef Barbolani.

Das Kind.

Skizze von Ernst Preczang.

Mitten im Walde, eine gute Stunde von der nächsten Stadt, lag die große Restauration mit dem weiten Garten.Urwaldkneipe hieß sie, denn der Garten bestand nur aus einem großen Stück gesäuberten Waldes ohne Kies⸗ anschüttung und Blumenbeete. Die schatten⸗ gebenden Bäume, alte Eichen und Buchen, waren zum größten Teile stehen geblieben. Hölzerue Tische und Bänule Bretter auf eingerammte Pfähle genagelt bildeten das Mobiliar dieses Gartens und standen verein⸗ zelt noch an seiner Grenze zwischen verwilderten, dichtbelaubten Gebüschen. Das Ganze war primitiv wie zu einem vorübergehen Zwecke ein⸗ gerichtet. Aber für den an eine luxuslose 1 Gewöhnten saß sichs doch recht gut.

ier.

Insbesondere die Arbeiter aus der Fabrik⸗ stadt wußten sich bei ihren Familienausflügen am Sonntag kein schöneres Ziel als dieUr⸗ waldkneipe. Hier war vom höchsten Schlot nicht einmal der Blitzableiter zu sehen; hier versank unter kühlendem Waldeslaub auf Stun⸗ den das Andenken an die heißen Tage der Woche

Auch heute, an einem schwülen Sommer⸗ sonntag, gings lustig hier zu. Die Frauen schleppten riesige Kaffeekannen daher; die Män⸗ ner spielten Karten oder politisterten; die Kin⸗ der jauchzten, lärmten und wälzten sich balgend auf den nahen Rasenplätzen. Ein Gewirr von Stimmen, Geschirrgeklapper und anderen Ge⸗ räuschen erfüllte die sonst so lebenverlorene Waldeinsamkeit. Es war, als breche das Ge⸗ fühl seltener Freiheit mit Macht aus seinen alltäglichen Ketten

In einem abgelegenen Winkel, von über⸗ hängenden Zweigen fast völlig verdeckt, saß ein junges Paar, das nicht mit einstimmte in die allgemeine Lebhaftigkeit. Das harte, knoch⸗ ige Gesicht des Mannes war tiefgebräunt. Auch über den Zügen des jungen Weibes lags wie ein Schatten. Die eckigen, schwerfälligen Be⸗ wegungen der Beiden deuteten auf anstrengende Körperarbeit.

Der Mann saß den Kopf in die Hand ge⸗ stützt, vor einem halbgeleerten Glase Bier und sah seinem Weibe zu. Das hatte aller let Näh⸗ ulensilien vor sich auf dem Tische liegen, dazu Leinenzeug, Bänder und Knöpfchen. Es ar⸗ beitete an niedlicher Wäsche, die ihrer Kleinheit nach für ein ganz, ganz junges Kindchen be⸗ stimmt sein mußte.

Die Frau hob hie und da den Kopf, reckte sich im Kreuz und blickte wie besorgt auf den Mann, der stumm und wie gebannt auf ihre Hand starrte. Das ging nun wohl schon eine Stunde so. Er nippte nur hin und wieder an dem schalen Bier; über seine Lippen kam kein

Wort. Seine Hand fuhr öfter, als wollte si

schwere Gedanken verdrängen, über Stirn und Haare. Dabei atmete er tief, daß die breite Brust sich sichtbar hob.

Die junge Frau sah wieder auf. Einen den gedankenvollen Zügen des Mannes. Dann sagte sie leise, fast vorwurfsvoll:Freuste Dich

den nich' n bischen, Karl? Er schrak wie auf einem sündigen Gedaaken ertappt, zusammen. wicht auf jedem Worte, sagte er:Freu'n? Warum? Wzeil wir noch'ne ordentliche Sorge zukriegen? Weil wir dann, wenn es soweit mit Dir is und Du Schonung haben mußt und doch nichts verdienen kannst, überhaupt nicht mehr wissen, wie wir's machen sollen? Dadrüber komm' ich nich weg, Emma. Gestern hat's mir doch der Vorarbeiter für bestimmt gesagt: gerade um die Zeit is die Bahn fertig und ich hab' keine Arbeit mehr. Na, und es is auch gar keine Aussicht, was anders zu kriegen. Hab' schon genug bei den Bekannten rumgefragt. Ich will ja gern in die Fabrik geh'n, aber es ist doch nichts. Du weißt's Alle Samstag müssen ste

doch am besten.. dutzendweise springen. Na, und Du wirst doch Deine Arbeit dann auch los. Was soll'n dann werden? Was? 5

Die junge Frau griff wieder zur Näharbeit. Wart's doch man ab, Karl. Wir haben ja en paar Spargroschen.

Er lachte grell auf:Die paar Kröten! Davon kannste knapp die Hebamme bezahlen. Und was so noch dazu gehört!

Du verdirbst einem die Freude.

Ja! Er nahm einen heftigen Schluck. Was ist'n das für'ne Freude, wenn man denken muß: Nu kommt so'n Dingelchen auf die Welt, und man weiß nich, wovon man's futtern soll. Und man weiß nich, ob man's überhaupt groß kriegt und wie!... Emma! er legte seine Hand auf ihren Arm, der Ton seiner Simme wurde milder,ich red' ja nich von uns Beiden. Ich halt schon was aus, das weißte. Und Du na, Du arbeit'st und arbeit'st und lachst noch dabei, wenn Du nu auch nich mal mehr'n freien Sonntag hast. 125 Andern amüsieren sich, und Du flickst und ickst

Sie unterbrach ihn schnell:Ich hab' schon meine Freude, Karl. Darum!

Ja, ja! Er sah finster vor sich hin: Aber das Kind, Emma, das Kind!

Laß doch, mein Karl. Es ist ja alles nich so schlimm wie's aussleht. Wir werden uns schon helfen. Und als ste sah, daß er unbeweglich blieb, bat sie:Trink' doch noch

eins. Ich kann nich. Es schmeckt mir

Nee! nich. Ich muß immer denken, ich stehl' dem armen Wurm was. Er stand und reckte die kräftigen Glieder:Schuften und schuften und immer auf'm selben Fleck. Und daun wieder: gar nichts. Rumlungern, bummeln, weil Du mußt! Und dann heißt's: der Faullenzer! Ja! Faullenzer! In seinen Augen glomm der Haß auf.Komm, sagte er kurz.

Frau Emma packte ihre Arbeit in ihre Tasche.

Dann gingen sie.

Durch das Laub und Gezweig der Bäume drangen in spielenden Lichtern die Strahlen der sinkenden Sonne auf den Waldweg, der zur Stadt führte.

Eine zeitlang gingen die jungen Leute schwetgend neben einander dahin. Dann unter⸗ brach der Mann plötzlich die wilden Gedanken: Und kriegte man's wirklich groß, was ist'n denn? Dieselbe Geschichte wie mit uns! Schuft⸗ ten und schuften, blos daß es nich verhungert. Haha! Lohnt sich, so'n Leben! Und da hilft man selber noch'n Menschen in dies Leben. 'ne Sünde ist's!

Was? Frau Emma sah erschreckt zu ihm auf. Ja! Er machte eine heftige Bewegung:

ine Sünde!

Sowas mußte nich denken, Karl. Sowas darfste nich denken. Nee! Das darfste nich!

Nich dürfen! Er lachte wieder grell auf. Mal muß es doch n Eude haben!

72 8 0 dringlich:

Es muß mal n Ende haben.

Schwer, als laste ein Ge⸗

immer gesagt? Moment hafteten die Blicke fast angstvoll auf

1

und strich sich die heiße Strue.

Unsere Kinder soll'n's mal besser haben als wir. Sie werden's fertig bringen, wenn wir nich mehr damit zu Rande kommen daß kein's mehr zu hungern braucht und die Kinder ordentlich aufwachsen können. Und nu, wo die Not noch gar nich mal recht da ist, da redste so zag!

Zag? Er besanz sich. Wie ein Erwachen kam's über ihn. 5

Er blieb stehen, nahm den Hut vom Kopfe g Da sah er um sich. Da kamen sie an, die Familien: Vater, Mutter und eins, zwei, drei, ja auch bier und fünf Kinder!

Mancher Arbeltskamerad war unter den Vä⸗ tern. Mancher, mit dem er seit Monaten in Regen und Sonnenglut am Bahndamm ge⸗ schafft hatte; mancher, der gleich ihm nicht wußte, was werden würde, wenn die Arbeit zu Ende. Und die auderen gar! Die, welche in den Fabriken arbeiten, was wußten die von ihrer Zukunft? Konnten sie nicht schon am nächsten Sonntag ohne Brot sein? Oder schon übermorgen, schon morgen?! 5

Und sie Alle, Alle zogen helter und gelassen daher, als wüßten sie nichts von den drohenden Nöten des Alltags. Ueber ihnen in den Wip⸗ feln splelte der Schein der Abendsonne, und in den Mienen der Dahinwandernden lag's wie ein froher Abglanz. Einige sangen. Und nebenan aus den Büschen klang wie ein Lob⸗ 15 auf das Leben die Weise vieler Vogelkeh⸗ en.

Plötzlich brauste es hinter den Sinnenden 1

auf.

Ein großer Trupp junger, frischer Gesellen kam daher. Ste schwangen Hüte und Stöcke und ließen ein Marschlied in den Abend er⸗ i Lied der freien Arbeit und Zu⸗ unft.

In den Augen des jungen Mannes leuch⸗ tete es auf:Komm Emma! Er richtete sich empor und legte halb den Arm um sie. Alle Bitternis schien plötzlich von ihm gewichen.

Emma lächelte froh auf:Siehste, Karl, Du freust Dich doch! Es klang fast wie ein Triumph durch.

Er nickte uur. 5

Dann schritten ste der Stadt zu, gefaßt den Tagen der Sorge entgegen.

..

Humoristisches.

Wenigstens etwas. v. T.: Der junge Baron von Blödhausen ist tatsächlich der dümmste Mensch auf Gottes Erdboden. v. Y.: Bitte eine Fähigkeit können Sie ihm wenigstens micht absprechen!

v. X.: Und die wäre?

v. N: Die Satisfaktionsfähigkeit.

Vom Kasernenhofe. Unteroffizier: Meier, was sind Sie in Ihrem Zivilverhältnis? Meier: Diätist! Unteroffizier: Schafskopp! Drücken Sie sich doch deutsch aus und sagen Sie: Reichstagsabge⸗ ordneter.

Vom Obotritenland. Ede: Wie steht et denn nu eijentlich? Ick denke, Mecklenburj sollte'ne Verfassung kriejen? Lude: J wo! Wat so'n richtijer oller jediejenerOchsenkopp is, der is nich aus seine Verfassung zu bringen!Südd. Postillon.

Moderner Haushalt. Dienstmädchen: Bitt' schön, gnä' Frau, heut' abend möcht' ich zum Ausgang wieder meine Uhr, die ich Ihnen geliehen hab'.

Konfirn 5 5 uber r Konfirmationsgeschenke ider deen Preislagen und in großer Auswahl in dem Ichren⸗, Gold- und Silberwarengeschäft von F. Kaminla, Markt⸗ platz 11, am Kriegerdenkmal. Man verl. Rabattmarken.

Gef chichtskalender.

27. Mai. 1877 Letzter Partelkongreß vor dem Soziallstengesetz in Gotha.

28. 1871 Massenmord der Kommunarden durch die Soldateska in Paris.

29. 1862 Th. Buckle, engl. Kultuchistoriker, F.

30. 1824 Pariser Finden. 1525 Thomas Münzer,

hingerichtet. 1431 Jungfrau v. Orleans als Hexe ver⸗ brannt. 31. 1817 Georg Herwegh,*. 1817 Wilh. Tölke,

soz. Agitator,*.

Sie holte tief Atem und sagte ein⸗ ö 6 Aber nich so'n Ende. Was haste mir denn sonst

1. Juni. eingebracht.

2. 1902 Internat, Textil⸗Arbeiter⸗Kongreß. 1878 Nobiling⸗Altentat auf Wilhelm I.

1899 Zuchthausvorlage im Reichstage