Ausgabe 
25.3.1906
 
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wurden vom Militär 18 Personen 621 ersch hüben 9

1 ebäude, 22 städtische Häuser und 3 Klub

Seite 6.

Mitteldeuische Sonutags⸗Zeuung.

Nr. 12.

Von Nah und Fern. Ein agrarischer Skandal

Gegen die Mitglieder des Vorstandes und Auffichtsrates des Neustettiner landwirtschaft⸗ lichen Ein⸗ und Verkaufsvereins ist auf Grund des§ 147 des Genossenschaftsgesetzes Anklage erhoben worden, weil mehrere falsche Bi⸗ lan zen und Geschäftsberichte aufgestellt und veröffentlicht worden sind, um die großen erlittenen Verluste der vom Verein verwalteten genossenschaftlichen Kornhäuser in Neustettin und in Grammen zu verschletern. Zu den Angeklagten gehören unter anderen das Herren⸗ hausmitglied Landschaftsrat v. Hertzberg⸗ Lottin, der Landrat des Neustettiner Kreises v. Bonin⸗Vangerow und das Reichstags⸗ und Abgeordnetenhausmitglied v. Bonin⸗ Bahrenbusch. Auf Antrag des letzten ist vom Reichstag in der Sitzung vom 10. Januar die Einstellung des Verfahrens während der Dauer der Session ohne Diskusston beschlossen worden. Die spätere Verhandlung vor der Strafkammer in Neustettin verspricht recht in⸗ teressant zu werden. Die beiden aus Staats; mitteln mit Mk. 253 700 Kosten erbauten Korn⸗ häuer stehen seit dem 1. Juli 1904 auf Kosten der Steuerzahler unbenutzt da und werden wohl auf Abbruch verkauft werden müssen, da sich bisher keine andere Verwendung hat finden lassen. Angesichts solcher, nicht selten vorge⸗ kommener Skandale steht es den Agrariern und der konservativen Presse sehr hübsch zu Gestcht, wenn ste über die Konsumvereine der Arbeiter schimpfen und geifern.

Unschuldig im Zuchthause gesessen.

Vom Dortmunder Schwurgericht wurde im Wiederaufnahmeverfahren ein Mann freige⸗ sprochen, der seinerzeit wegen Straßenraubes zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt war, wovon er schon Jahre verbüßt hat. Es gelang ihm, seine völlige Unschuld nachzuweisen. Es hat der größten Anstreugungen bedurft, um endlich das Wiederaufnahme verfahren zu erzielen. Das geht nicht so schnell wie die Verur⸗ teilung.

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MNevolution in Rußland.

Ein neuer Ausbruch der Revo⸗ lution steht, wie allseitig zugegeben wird, bevor. Die militärischen Garnisonen werden in allen russischen Städten durch politisch ver⸗ läßliche Truppen verstärkt. Sämtliche Eisen⸗ bahnlinien werden ununterbrochen von Kosaken bewacht, um Anschläge auf Brücken und auf den Schienenweg zu verhindern. In vtelen Städten werden Straßenbahnwagen zu Kriegs⸗ zwecken hergerichtet. Man glaubt, daß die neuen Kriegswagen gute Dienste bei den bevor

stehenden Straßenkämpfen leisten werden. In

den Schwarzemeerhäfen bereiteten die Ma⸗ trosen der russischen Kriegsmarine eine neue Meuterei vor. Eine Verschwörung unter den Matrosen, die den Zweck hatte, die Land⸗ befestigungen von Sewastopol zu besetzen und als Festung gegen dieObrigkeit zu halten, wurde rechtzeitig entdeckt und vereitelt. Der Fan hat befohlen, daß 100000 Mann aus

harbin nach Rußland zurückgebracht werden sollen, um au der Unterdrückung der bevor⸗

stehenden Revolution teilzunehmen. Die werden

wohl gerade darauf gewartet haben. arische Mordtaten. Leutnant Schmidt,

der; ührer der Matrosen⸗Erhebung in Otschakow,

wurde dort am Montag mit noch drei Matrosen erschossen. Der Admiral Tschuknin hatte dem Kassattonsgesuche Schmidts keine Folge

ten die Zeitungen über die furchtbaren Unter⸗

be e den baltischen Provinzen be⸗ drückungsmaßregeln der russischen Regierung.

In der Zeit vom 14. Dezember bis 14. 5 ehäng en, 320 bei bewaffneten Zu ammen⸗ tet, 251, darunter zwei Frauen 97 Bauernhäuser, 2 Rathäuser, 4

häufer niedergebrannt. Unter den Hingerichteten

befinden sich 13 Schullehrer und 29 Bauern- gutsbesitzer. Die Hinrichtungen während des Monats Januar im ganzen Reich werden auf 397 angegeben. Für jeden der Gemordeten müßten tausend Rächer erstehen!

In Tschita wurden vorige Woche wieder 7 Personen zum To de verurteilt, darunter der Professor des dortigen ethnographischen Museums, Kusnezwo, der sich un die Er⸗ forschung Transbaikaliens viel Verdienste er⸗ worben hat.

Parte i-Nachrichten.

Rosa Luxemburg

ist in Warschau, wo sie sich schon seit Monaten aufhielt, verhaftet worden. Die Ordnungspresse forderte sie ja schon des Oefteren auf, doch nach Rußland zu gehen und sich an der Revolution dort aktiv zu beteiligen, statt in. Deutschland revolutionäre Agitation zu treiben. Während Genossin Luxemburg so be⸗ geifert wurde, hatte ste schon getan, was, um sie herabzusetzen, spottweise von ihr verlangt wurde. Sie war in Polen und war dort unermüdlich und, ohne die Gefahr zu scheuen, unter den Arbeitern tätig. Nun ist ste ein Opfer ihres revolutionären Elfers geworden.

Wie der Vorwärts aus einem ihm von Genossin Luxemburg zugegangenen Briefe mit⸗ teilte, war diese im Warschauer Stadtgefäng nis untergebracht, wo schauderhafte Zustände herr⸗ schen. Sie teilte ihre Zelle mit 16 anderen Personen Männer und Frauen zeitweilig befanden sich in derselben Zelle nicht weniger als 60 Personen. Nach späteren Nachrichten soll ste in der Zitadelle untergebracht sein. Der Vorwärts bemerkte dazu noch, daß er aus leicht begreiflichen Gründen es unterlassen habe, bekanntzugeben, daß Genossin Luxemburg schon lange in Polen weile.Als im Dezember die Reaktion im Zarenreich mit vehementer Gewalt einsetzte, als die Freiheitskämpfer von den Schergen Nikolaus des Blutigen niedergemetzelt und massenweise ins Gefäuguts geworfen wurden, als überall in die Reihen der Revolutionäre blutige Breschen gerissen wurden, da lttt es ste nicht mehr in unserer Mitte, da hielt sie es für ihre Pflicht, ihre Person einzusetzen für ihre Ideale. Während die Tintenkulis der bürger⸗ lichen Presse, von denen keiner unter diesen Umständen den gleichen Mut bekundet haben würde, in ihren Zeitungen und Witzblättern über sie höhnten und sie aufforderten, in Ruß⸗ land ihreblutigen Tiraden anzubringen, setzte ste dort ihr Leben ein. Wir konnten und wollten damals auf das Gegeifer der Gegner nicht antworten; sehr oft ist uns aber der Zolasche Ausspruch eingefallen:Quels gredins que les honnétes gens!(Was für Lumpen find doch diese anständtgen Leute!)

Das ist ganz richtig gesagt. Es muß noch hinzugefügt werden, daß auch angeblichvor⸗ nehme Blätter in der Verhöhnung der Genossin Luxemburg das Möglichste leisteten. Auch in dem Ableger derFrkftr. Ztg., derKl. Presse, konnte man wiederholt von derblutigen Rosa lesen. Mag man immerhin mit diesem oder jenem nicht einverstanden sein, was diese Frau gesagt oder geschrieben hat soviel steht aber fest: 7 90 in Bezug auf Kenntnisse, wie in Bezug auf persönlichem Mut ist sie den bürger⸗ lichen Zeitungsschreibern hundertmal über.

Johann Most

ist in Amerika gestorben. Mit ihm sinkt ein Stück Parteigeschichte ins Grab, obwohl er unsere Reihen schon längst verlassen hatte und unsere Partei seit Erlaß des Sozlalistengesetzes stets auf das Schmählichste angriff und 0 e Er war 1846 in Augsburg geboren. Als Buchbindergeselle durchreiste er Deutschland, Oesterreich, die Schweiz und Italien. Er kam zur Sozialdemokratie und wurde einer ihrer elfrigsten und unerschrockensten Vorkämpfer. Der Wahlkreis Chemnitz wählte ihn 1874 in den Reichstag, 1878 bet der Sozialistenhetze fiel er aber zurch. Darauf ging er nach London, wo er dieFreiheit herausgab, mit der er

immermehr ins anarchistische Fahrwasser geriet. Das Blatt wurde eine Zeit lang von der preußischen Pollzei finanziell unterstützt, wovon aber Most stcher nichts gewußt hat. Der erste sozialdemokratische Kongreß unter dem Sozialistengesetz auf Schloß Wyden schloß Most aus der Partei aus. Das Bombenattentat egen den russtschen Kaiser Alexander II. ver⸗ herrlichte er in derFreiheit und forderte zur Vernichtung auch der übrigen Fürsten auf. Wegen dieses Artikels verurteilte ihn ein eng⸗ lisches Gericht zu 18 Monaten Zwangsarbeit. Er stedelte, nachdem er die Strafe verbüßt hatte, 1882 nach den Vereinigten Staaten von Amerika über, wo er wegen seiner auarchistisch⸗ publiztstischen Tätigkeit(er hatte die Herausgabe

der Freiheit fortgesetzt) wiederholt die Bekannt⸗

schaft mit den Gefängnissen machen mußte. Für seine Ueberzeugung hat er stets tapfer gekämpft und Opfer gebracht; er wird deshalb auch bei den deutschen Arbeitern nicht vergessen werden.

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b Anterhaltungs-CTeil.

Die Freiheit! das Aeeht!

O, glaubt nicht, sie ruhe fortan bei den Toten, O, glaubt nicht, sie meide fortan dies Geschlecht, Weil mutigen Sprechern das Wort man verboten Und Nichtdelatoren verweigert das Recht! Nein, ob ins Exil auch die Eidfesten schritten; Ob, müde der Willkür, die endlos sie litten, Sich andre im Kerker die Adern zerschnitten Doch lebt noch die Freiheit, und mit ihr

das Recht!

Die Freiheit! das Recht!

Nicht mach' uns die einzelne Schlappe verlegen Die fördert die Siege des Ganzen erst recht; Die wirkt, daß wir doppelt uns rühren und regen, Noch lauter es rufen: die Freiheit! das Recht! Denn ewig sind eins diese heiligen Sweie! Sie halten zusammen in Trutz und in Treue; Wo das Recht ist, da wohnen von selber schon Freie Und immer, wo Freie sind, waltet das Recht!. Die Freiheit! das Recht! Ferdinand Freiligrath.

Am 18. März waren es 30 Jahre, daß Ferdinand Freiligrath die Augen für immer schloß. Der Dichter war mit Fr. Engels und anderen Redakteur der von Marx geleitetenRheinischen Zeitung in Köln. Infolge des Erstarkens der Reaktion mußte das Blatt sein Erscheinen 1849 einstellen. In der letzten Nummer veröffentlichte Freiligrath folgendes Gedicht:

Abschieds wort der Neuen Rheinischen Zeitung. Mai 1849. Kein offener Hieb in offener Schlacht Es fällen die Nücken und Tücken, Es fällt mich die schleichende Niedertracht Der schmutzigen West⸗Kalmücken! Aus dem Dunkel flog der tötende Schaft, Aus dem Hinterhalt fielen die Streiche Und so lieg' ich nun da i meiner Krast,

Eine stolze Rebellenleiche!

Auf der Lippe den Trotz ind den zuckenden Hohn, In der Hand den blitzendm Degen,

Noch im Sterben rufend:Die Rebellion! So bin ich mit Ehren erkgen. f

O, gern wohl bestreuten nein Grab mit Salz Der Preuße zusamt dem Care

Doch es schicken die Ungern, es schickt die Pfalz Drei Salven mir über de Bahre!

Und der arme Mann im zerrisseuen Gewand,

Er wirft auf mein Haup die Schollen;

Er wirft sie hinab mit dr fleißigen Hand,

Mit der harten, der schwilenvollen.

Einen Kranz 5 belngt er aus Blüten und Nen, ein, 5

Zu ruh'n auf meinen Wuden; Den e Weib und sein Töchterlein

Nach der Arbeit für mich ewunden. Nun ade, nun ade, du kämfende Welt, Nun ade, ihr ringenden Here! Nun ade, du pulvergeschwürfes Feld, Nun ade, ihr Schwerter un Speere!