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Nr. 38.
Gießen, den 23. September
Mevbaktion:
Mirchenplatz 11, Schloßgasse.
Mitteldeutsche
1906.
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Zum Parteitag.
Aus allen Gau'n, aus Süden und aus Vorden. Von Ost und Westen zoget ihr herbei
Heut' an des Rheines und des Neckars Borden Zu ernstem Tun im Dienste der Partei.
In manchem Streit zu schlichten und zu richten, Heerschau zu halten über unsre Macht,
Mit klarem Blik zu prüfen und zu sichten
Die reiche Ernte, die das Jahr gebracht.
Denn nicht umsonst war unser Kampf und Mühen; Wohin das Auge rückwärtsschauend späht: Allüberall ein fruchtverheißend Blühen—
Rasch reift die Saat, die hoffend wir gesät.
Doch nicht zur Rückschau seid ihr berufen:
Su neuem Wirken heißt's gerüstet sein! Dem Sukunftsbau, den unsre Bände schufen, Fehlt mancher Balken noch und mancher Stein.
Fest steht der Grund, auf dem wir ihn errichten, Doch, wie im Gang der Seit der Würfel fiel, Ruft jede Stunde uns zu neuen Pflichten
Und jeder Tag zeigt uns ein neues Siel.
Nur frisch voran! Auf selbstgeschaffnen Bahnen Aufwärts zum Licht durch Nacht und Finsternis! Nur frisch voran! Wir folgen euren Fahnen, Sum Mampf gerüstet und des Siegs gewiß!
Mannheim.
Das diesjährige deutsche Arbeiterparlament tritt diesen Sonntag in Mannheim, der großen süddeutschen Handelsmetropole, zusammen. Aus allen Teilen Deutschlands werden dort zahlreiche Delegierte unserer Partei zusammenströmen, um ernste Beratung über die Fragen zu pflegen, die die Partei und das arbeitende Volk bewegen. Wir wünschen ihrer Arbeit den besten Erfolg und entbieten ihnen unsern frohen und herzlichsten
Gruß!
Stets lenkt der sozialdemokratische Parteitag die allgemeine Aufmerksamkett auf sich. Das ist erklaͤrlich, denn auch die Gegner interesstert, was die stärkste Partei Deutschlands verhandelt und beschließt. Und ste kommt nicht nur als solche in Frage, sondern als die Repräsentantin einer gewaltigen Volksbewegung, die mit neuen, großen Zielen auf den Plan tritt, die an Stelle der heutigen Ordnung mit ihrer Unfreiheit und Ungerechtigkeit eine bessere setzen will, in der Freiheit und Wohlfahrt herrscht für alles, was Menschenantlitz trägt. Die Sozialdemokratie ist der politische Ausdruck dieser größten Kultur⸗ bewegung, die es jemals auf der Erde gegeben hat und es ist natürlich, daß ste das allgemeine Interesse in ihren Bann zwingt. i N
Aber auch äußerlich unterscheiden sich die sozlaldemokratischen Parteitage von denen bürger⸗ licher Parteien. Während diese meist hinter verschlossenen Türen verhandeln und sorgfältig bemüht sind, nach außen hin Eindruck zu machen und keinen Mißton aufkommen zu lassen, herrscht bei uns freieste Aussprache, wird im vollsten Lichte der Oeffentlichkeit beraten und auch die Auseinandersetzungen über Meinungs⸗ verschiedenheiten wickeln sich fret vor aller Welt
ab, nichts wird vertuscht oder verheimlicht! Solche freie und rückhaltslose Besprechung aller Gegeastände der Tagesordnung und auch der inneren Parteifragen kann sich keine andere Partei leisten; und dieser Umstand ist mit ein Beweis für die Güte unserer Sache und die Festigkeit der sozialdemokratischen Grundsätze.
Unsere Delegierten finden in Mannheim eine reichhaltige Tagesordnung vor und sie werden sich etlen müssen, das Peusum in den 6 Tagen aufzuarbeiten. Die geschäftlichen Punkte— Berichte des Vorstandes, der Fraktion ꝛc.— werden ohnehin viel Zeit in Anspruch nehmen, da hierbei möglicherweise der Vorwärtsstreit einen breiten Raum einnehmen wird. Dann dürfte aber die Frage des Massenstreiks wieder eine ausgiebige Debatte hervorrufen. Bebel hat das Referat für diesen Gegenstand und Legien ist als Korreferent bestimmt. Die über diese Frage zwischen dem Partei⸗ vorstand und der Generallommisston der Gewerk⸗ schaften ausgebrochenen Differenzen haben in letzter Zeit die Partei-, wie auch die bürgerliche Presse lebhaft beschäftigt. Und natürlich hoffen die Gegner, daß es hierüber zu großem Krach und womöglich zum Zerfall der Partei kommen möge. Bebel hat in der Neuen Zeit bereits einen Artikel veröffentlicht und er sagt dazu:
„Unsere Gegner werden zum so und so vielten Mal entdecken, daß sie wiederum die Rechnung ohne den Wirt machten und das Endresultat der Aussprache nicht eine Entfremdung der beiden die moderne Arbeiterbewegung beherr⸗ schenden Faktoren ist, sondern ein besseres Ver⸗ stehen und Zusammengehen. Der Selbstmord, den unsere Gegner von Partei und Gewerkschaften erwarten, wird ausbleiben und eine sichere Lebensbetätigung beider die Folge sein. Oder glauben unsere Gegner, daß im Angesicht der immer schärfer werdenden Klassengegensätze und Klassenkämpfe, der immer brutaler auftretenden Klassenjustiz und Poltzeiwillkür, unter der die Gewerkschaften mit am meisten leiden; gegen⸗ über der immer größer werdenden Reaktion auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, der wachsenden materiellen Not der Arbeiterklasse durch eine wahnsinnige Zoll⸗ und Abschließungs⸗ politik und daraus folgender unerträglicher Verteuerung aller Lebensmittel, die Arbeiter, die unter all diesen Uebeln zu leiden haben und darüber aufs höchste erbittert sind, sich gegen⸗ seitig zerfleischen und das Trennende, statt des Einigenden suchen werden 20
Was Bebel hier ausgesprochen hat, ist die Meinung und Ueberzeugung der ganzen Partei.
Zwei außerordentlich wichtige Verhandlungs⸗ punkte bilden außerdem„Sozialdemokratie und Volkserziehung“, sowie„Strafrecht und Strafvollzug“. Bei dem letzteren werden die Rechtszustände in Deutschland ge⸗ schildert und aller Welt gezeigt werden, daß der sogenannte Rechtsstagt ein Klassenstaat in des Wortes arbeiterfeindlichster Bedeutung ist und der Klassengesetzgebung sich die heutige Rechtsprechung berständnisinnig anschließt.— Auf dem Gebiete der Volkserziehung herrschen bei uns die schwersten Mißstände, steckt Deutsch⸗ land noch im tiefsten Dunkel. Man kann tat⸗ sächlich nicht von Volkserzlehung, sondern eher von Volksverdummung reden. Die Sozial⸗
demokratie wird zeigen— die von den Refe⸗
renten Schulz und Frau Zetkin zu diesem Tages⸗ ordnungspunkt veröffentlichten Thesen, die wir leider noch nicht abdrucken konnten, beweisen es — daß sie auf diesem Gebiete den Fortschritt vertritt.
Unsere Delegierten werden wissen, was ste u tun haben, der Parteitag wird auf der Höhe a Aufgabe stehen. Alle Fragen werden, wie Bebel sagt,„in dem Geiste erledigt werden, der bisher die Partei beherrschte, der die Partei groß gemacht hat und ste auch in Zukunft zu 11 neuen Fortschritten und Siegen führen wird.“
Hoch die Sozialdemokratie!
Die Teuerung in Hessen.
Die Hausfrau merkt genau: ob sie zum Metzger oder Bäcker geht oder zu Markte, alles ist teurer geworden. Und die Preissteigerung macht nicht nur Pfennige aus, sondern Mark⸗ stückel müssen in jeder Woche mehr ausgegeben werden. Oder Schmalhans ist Küchenmeister! Das Letztere ist die Regel, schreibt das Offen⸗ bacher Abendblatt, denn die Herren Hausväter, die in gerechter Entrüstung aufbegehren ob der Bierverteuerung, stopften sich beide Ohren voll Watte, wenn die Hausfrau mehr Wirtschafts⸗ geld verlangte. In welchem Maße seit Jahres⸗ frist die notwendigen Bedarfsartikel verteuert worden sind, das lassen die amtlichen Publi⸗ kationen über die Preise in 16 Orten des Groß⸗ herzogtums erkennen. Wir geben sie nachstehend wieder und bemerken dazu, daß immer Mittel⸗ preise gemeint sind. Es kosteten
1905 1906 Juni Juli Juni Juli per Doppelzentner Weizen 18,72 18,18 18,93 18.93 Roggen 16,40 15,57 17,59 17,44 Gerste 16,96 16,50 16,94 17,18 Hafer 16,81 16,82 18,52 18,93 Kartoffeln i 5,84 6,74 Erbsen 25,63 25,65 27,37 25,50 Bohnen 30,91 30,85 33,.— 38,00 Linsen 33,11 33,10 46,16 45,95 per Kilogramm
Ochsenfleisch mii Beilage. 1,49 1750 158 8 1 ohne„ 8 17944 19 Kuhfleisch mit„. 1,39 1,38 1½45 157 1 ohne„ i J 1779 Kalbfleisch mit„. 1,52 1,51 1,64 164 70 ohne„„ 2,03 2,03 2,26 2,22 Hammelfleisch mit„ e 1,52 1.53 1 ohne„ 172 1.93 1.98 Schaffleisch mit„. 0,80 0,80 1,35 1,35 15 ohne„ 120 120 1,60 1,60 Schweinefleisch mit„ 144 1/50 1,66 168 1 ohne„ 1,82 6 2,05 2.10 Weißmehl 4 0.34 0% 8% 0085 0,35 Roggenmehl. 0,25 0,25 0,27 0,26 Gemischt Brot 0,26 0,27 0,28 O, 28 Roggenbrot„0.28 0,23 9,24 2 Pe e 2.39 1 Liter Milch ee ene e 0,18 e 0,71 0,68 O, 73 Gebr. Kaffee p. Kllogr.. 2,74 2,73. 1 Liter Petroleum 0,19 0,19 0,19 0,19 1 Doppelzentner Steinkohl. 2,35 2583 207 237 1 55 Braunkohl. 1,58 1,58 1,58 1,58
Wie man sieht, ist lediglich der Preis für Kartoffeln gefallen, für Braunkohle und Petro⸗ leum hielt er sich auf alter Höhe, dagegen alle


