Ausgabe 
22.7.1906
 
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Agrarier entrüsten sich über die Chicagoer

Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung⸗

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Nr. 29.

Von Uah und Fern. Appetitlicher Schmierkäse.

Eine tote Katze war in einem Faß der Posener Molkerei, das 400 Liter Buttermilch enthielt, entdeckt worden. Der Obermeier Nöske gab Anordnung, diese Buttermilch in Quark (Schmierkäse) zu verarbeiten, was auch geschah. Das Schöffengericht verurteilte den Oberquark⸗ meier nur zu 300 Mk. Geldstrafe. Und die

Schweinereien!

vierzig Jahre Preußenherrschaft. 1

Am 3. Juli 1866 wurde die Schlacht von Königgrätz geschlagen. Im Streite mit Oesterreich um die deutsche Vorherrschaft hatte sich Preußen gegen halb Deutschland mit Italien verbündet. Erlitten auch die Italiener zu Wasser und zu Lande schwere Niederlagen, so konnte sich Oesterreich doch nur mit ge⸗ schwächter Kraft seiner Hauptaufgabe, der Ver⸗ teidigung Böhmens, zuwenden. Sie mißlang, und am Abend des 3. Juli hatte das Schick⸗ sal für Preußen entschieden. Oesterreich trat als⸗ bald aus dem deutschen Bunde aus; Preußen annektierte Hannover, Kurhessen, Nassau, Schleswig⸗Holstein und Frankfurt am Main. Es erweiterte seinen ausschlaggebenden Ein⸗ fluß über sein neues Staatsgebtet hinaus durch die Einrichtung des norddeutschen Bundes, der nach dem glücklichen Krieg gegen Frankreich im deutschen Reiche in seiner heutigen Gestalt em⸗ porgedieh. So hatte die neue nationale Aera des heiligen Throns und des heiligen Eigen⸗ tums begonnen durch einen Bund Deutscher mit Fremden gegen Deutsche, sie wurde geweiht durch den Umsturz von Thronen und gefestigt durch die gewaltsame Einziehung fremden Eigentums. Auch das neue Preußen, das Land der Untertanentreue, der Gottesfurcht und frommen Sitte ist emporgewachsen auf dem vulkanischen Boden revolutionärer Entwickelung.

Kein Umsturz gelingt allein durch rohe Ge⸗ walt; auch das revoluttonäre preußische Gottes⸗ gnadentum hat seinen Kampf nicht bloß mit Pulver und Blei geführt. Vielmehr trat es in Deutschland als der Verfechter bürgerlicher Interessen auf den Plan, es scheute sich auch nicht, außerhalb und innerhalb seiner Grenzen die stets ausschlaggebenden Massen des Volkes zu umschmeicheln und den Strom demokratischer Entwickelung auf das Schwungrad seiner Mühle zu leiten. Es reizte deutsche Untertanen zu Eidbruch und Hochverrat wider ihre ange⸗ stammten Landes väter auf.Se. Majestät der König von Preußen hat das Schwert gezogen, um Deutschland vor dem Unglück zu bewahren, aus der Bahn einer glänzenden materiellen und geistigen Entwickelung zurückzufallen unter die entnervende Herrschaft dynastischer JIuteressen und einseitiger Sonderbestreb⸗ ungen.... Ich hoffe um des nassauischen Landes willen, daß die Haltung seiner Bewohner keinen Zweifel darüber lassen wird, daß sie nicht Teil haben an dem verblendeten Beginnen ihrer Regierung. So hieß es in der Proklamation, die das hohenzollernsche Gottesgnadentum an die Nassauer erließ. Ein Beipiel für viele, welches beweist, daß das revo⸗ lutionäre Hohenzollerntum nicht bloß die Ziele zur Revolution Verfassungsumsturz, Mo⸗ narchenvertreibung, Expropriation mit hand⸗ festem Eifer verfolgte, sondern auch unbedenklich alle Mittel der Revolution Gewaltan⸗ wendung, Aufreizung zum Hochverrat und Widerstand gegen die Staatsgewalt für sich in Anspruch nahm, die ste freilich, um auch in so verkehrter Zeit ihre christlich⸗nationale

Eigenart zu bewahren, noch durch ein weiteres ergänzte, das sonst nicht zu den revolutionären

Mitteln zählt, nämlich zum Mittel der Be⸗ stechung. Denn Bismarck war wie in so vielem auch ein Meister in der Preßkorruption;

das nichtpreußische Deutschland wimmelte vor

dem Kriege wie nach ihm von preußischen

hirten nannte, da ja. dochkein anständiger Mensch für ihn schrieb.

Solche abstoßende Züge, die der Hohen⸗ zollern⸗Revolution in reicherem Maße zu eigen sind als irgend einer anderen, können uns doch nicht daran irre machen, daß auch diese in Blut und Schmutz sich vollziehende Umwälzung der Ausdruck einer geschichtlichen Notwendigkeit gewesen war. Der alte deutsche Bund war der überlebte Rest einer vorkapitalistischen Ent⸗ wickelungsperiode, den vorwärtsschreitenden Kapitalismus war er nur die Kette, an der er sich den Fuß wundscheuerte. Preußen, ein⸗ heitlicher als Nationalstaat, vorgeschrittener als Industriestaat, überlegen daher durch einheitliche Führung, Intelligenz und Beweglichkeit der Massen, durch bessere Verkehrseinrichtungen und höher ausgebildete Technik der Bewaffnung, zerrüttet durch innere Kämpfe zwar, doch immer noch stärker als das morsche Oesterreich errang den Siegespreis unter den modernen Feldzeichen des Kapitalismus und der Demokratie.

2 Die kapitalistische Mühle.

Menschen, tausend, hunderttausend, Millionen, welch Gewühle!

Dampfend, stampfend, sausend, brausend Mahlt die mitleidslose Mühle.

Welch ein Cärmen, welch ein Toben, welch Gedränge, dicht und dichter, Quirlend bald emporgehoben,

Bald zerstäubt im großen Trichter.

Immer neue schwarze Massen, Atem fordernd, Platz erheischend, In verzweifeltem Amfassen

Sich begehrend, sich zerfleischend. Alle hoffend, alle wähnend

Des Geschickes Lauf zu zwingen, Und der Riesenabgrund gähnend Schon bereit, sie zu verschlingen. Jeder nur im Meer ein Tropfen, Nur ein Staubkorn, windgetragen Aber ach, die Pulse klopfen,

Und das Herz will nicht entsagen.

Will die Täuschung, will den Glauben Wichtig sei der Welt sein Trachten Und die Mühlenräder schnauben, Ohne seines Traums zu achten. Ludwig Fulda.

Der Dieb. Von Karl Zielke.

(Schluß.) f

Ich erbot wich, gar meine Kleider durch⸗ suchen zu lassen, wenn man mir nicht glauben wolle. Die Fleischerin reichte mir zögernd die Leber, die ich an mich riß, um davon zu stürzen. Aber man machte Miene, mich nicht gehen zu lassen. Ich war völlig umringt.

O, diese empörten Blicke, die auf mich fielen. Einige der Weiber schlugen die Hände zusammen und wiegten den Kopf; und das sollte heißen: Wie müsse man die Eltern eines solchen Spitz⸗ buben doch bedauern wie auständig er ge⸗ kleidet geht man hält es kaum für möglich.

Die Tränen stürzten mir aus den Augen. Tränen der Wut. Ich hatte die Empfindung, daß ich ein Recht gehabt hätte, dem be⸗ stohlenen Weibe, das mich anschuldigte, etwas bitterböses ins Gesicht zu schreien. Aber meine Stimme erstickte.

Es kauu ja auch heruntergefallen sein, rief plötzlich ein junges Mädchen mit nackten roten Armen, und dabet nickte sie mir zu. Alles wich einen Schritt zurück und begann mit den Blicken auf dem Boden herumzusucheu.

Mit einigen wütenden Ellbogenstößen machte ich mich frei und sprang aus dem Laden. An

Agenten, jenen Leuten, die der Begründer des neuen preußischen Reiches liebevoll seineSau⸗

Ich ballte die Faust und wollte schreien im Gefühl meiner Ohnmacht einer so gemeinen Be⸗ leidigung gegenüber; aber ich brachte keinen Laut hervor, und von neuem kamen die Tränen.

Ich schlug die Augen nieder vor jedem, der mir begegnete. Ich glaubte, alle Welt müßte sehen, welchen Schimpf man mir angetan, und ich ging schnell, denn ich koante mich nicht be⸗ ruhigen. Ein klatschendes Weib, das nicht Acht Oe dapsese sein Geld, hatte mich tief beleidigt.

diese f Ich ballte meine Kinderfäuste.

Und dann sah ich vor mir einen Schlingel gehen. Er trug Papier mit Schmalz in der linken Hand und hatte merkwürdig geformte Ohren. Den rechten Daumen hatte er in die Westentasche gebohrt.

Er pfiff laut und falsch.

Mein erster Gedanke war, daß er das ge⸗ stohlene Geld in der Westentasche haben müsse. Das Geld um das man mich einen Dieb ge⸗ scholten! Und dieser Gedanke peitschte mich. Wie ein Panther sprang ich auf den Bengel zu und umkrallte sein Ohr.

Verfluchter Spitzbube, die Mark her, die Du gestohlen hast!

Ich schrie laut und im Zorn riß ich ihn hin und her. Ich hätte ihm diese Ohren aus⸗ reißen können! Aber er ließ das Schmalz auf den Boden fallen und reichte mir stumm die Mark hin, die er aus der Westentasche hervor⸗ gezogen. Aber seine kleinen Augen liefen an mir herum, als er mit den Fingern die Sand⸗ körner aus seinem Schmalzklumpen strich.

Endlich machte er den Mund auf und sagte:

Straßenräuber!

Voller Verachtung gab ich ihm einen tüchtigen Stoß und lief zurück in dem Verlangen, das Geldstück im Fleischerladen wieder abzuliefern. Jawohl, das wollte ich. Sie sollten schon sehen, daß ich kein Dieb sei. Und ich würde sagen:Hier liebe Frau, Sie haben mir schweres Unrecht getan, ich habe es dem Spitzbuben ab⸗

Ihnen wieder

3 Du gibst das Geld nicht zurück! rief es.

Erschrocken blieb ich stehen. Nein, wenn Du das Geld jetzt zurückbringst, wird das häßliche Weib glauben, Du brächtest es aus kindlicher Reue über die begangene Tat. Sie wird Dir sagen, daß das böse Gewissen Dich niemals wieder zu stehlen. Niemals wird Dir volle Genugtuung werden.

Dieb hat man mich gescholten und Lügner! Straßenräuber! Gut, so will ich ein Dieb sein und ein Straßenräuber. Und nun erst recht, denn man kann mir keine Genugtuung geben. Niemals!

Und ich behielt das Geld voller Trotz und ging nach Hause.

Die Mutter schalt, da ich so lange ausge⸗

nicht auch die Entschuldigung, die ich vorbringen konnte, so wuchtig, daß ich sogar noch auf ihr Bedauern rechnen konnte? Ich erzählte vollen

ich wurde ein Gefühl der Unruhe und des Un⸗ behagens nicht los, als ich zum Schluß eilte

Geld wiedergegeben. es sehr gut gemacht hätte.

nur behalten sollen.

mich nicht selber der Lüge zeihen.

war erschüttert. Und die Folge war, daß ich ste noch öfter belog und später gar bestahl, wenn ste mich zu Unrecht schalt oder gar kränkte, denn auch Eltern können ihre Kinder beleidigen.

Ich bin dem Jungen, der dies ganze Un⸗ glück angerichtet hatte, im Leben später begegnet. Ich erkannte ihn an den Ohren. Er machte

der nächsten Ecke wischte ich die Tränen aus den Augen. In meiner Kehle quoll etwas.

Karriere und heute besitzt er ein vornehmes Haus. Seine Mitbürger rühmen seinen Wo

genommen, hier ist es, das Geld, ich gebe es

zurückgetrieben und sie wird Dich ermahnen.

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blieben; und konnte es anders sein? Aber war 4

kindlichen Ingrimms, was geschehen. Ich er⸗ 1 zählte wahrheitsgemäß bis aufs kleinste aber

und ich log und sagte, ich hätte der Frau das f Und ich glaubte, daz ich

Die Mutter aber rief:Junge, das war sehr dumm von Dir, Du hättest das Geldstück

Ich schwieg, denn wenn sie mir auch recht 4

gegeben, falls ich die Wahrheit gesagt, so mußte sch doch das Geld vor ihr berhehleu, sollte ich Aber mein Vertrauen zu der Rechtlichkeit meiner Mutter