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Nr. 11.
Witteldentsche Sonuntags⸗Zeitung.
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Seite 7.
mit Kleidern, denen er längst entwachsen war. Lon jener Zeit sprachen die Werners nicht mehr, damals sollten ste an die Luft gesetzt werden und waren aller Welt schuldig. Wie sie sich geholfen, blieb den meisten ein Rätsel, aber— Werner war ja Beamter und wer an der Quelle sitzt wird schon für sich sorgen. Ste waren übrigens bald wieder auf demselben Fleck und ob Taubermann jemals Geld für seine Wohnung mit allen Bequemlichkeiten er⸗ hielt, dafür konnte auch Niemand seinen Kopf zum Pfande setzen.
Solch ein kostbares Pfand wurde denn auch für Niemand verlangt, wenngleich auch Niemand dabei etwas gewagt hätte, denn der Hausherr erhielt jedes Quartal seine Miete, die Franz ihm von seinem Honorar bezahlte und die er in jedem Quartal zurückerhielt, als Lohn für außergewöhnliche Dienste, die er Taubermann in seinen Geschäftsangelegenheiten erwies. So erhielt Taubermann seine Miete, behielt Franz seine volle Einnahme und wohnte Werner für nichts, eine merkwürdige Auflösung von drei
roblemen, die sonst fortwährend miteinander
Konflikt geraten wären.
Werner wohnte für nichts, und daß er da⸗ durch viel besser gestellt war, konnte man ihm und den Seinigen sehr wohl ansehen, als sie an jenem heißen Juliabend der Einladung des Krämers nachkamen, um den Geburtstag seiner Frau zu feiern. Aber trotzdem blieb er, wie die Welt von ihm sagte, ein armseliger Beamter, der seine Rechnungen nur sehr langsam und pach langem Zögern bezahlte.
Von Morsen, der kurz nach der Familie Werner mit seiner Frau eintrat, konnte man dies nicht sagen. Er war ein fashionabler Mann und seine Frau hatte immer eine reizende Toilette. Ste war eine hübsche gesellige Frau, die Morsen zu einem anderen Mann gemacht hatte. Er fühlte sich aufs neue jung, wenn er mit ihr und seinen Kindern öffentlich erschien und seine vierundvierzig Jahre wurden vergessen durch seine vierjährige Verheiratung mit einer jungen Frau wie Malvine.
Für die Familie Taubermann war Malvine noch immer dieselbe, als welche sie sich gezeigt hatte, während sie im Hause Gouvernante war; und die Prinzeßchen verehrten ste noch eben so wie damals und fühlten nun erst recht, wie viel sie ihr zu danken hatten. Das bessere Element, welches Malvine in das Taubermann⸗ sche Haus gebracht hatte, war für keine Schätze zu kaufen, eben so wenig, als es zu vergelten war, was sie in der elterlichen Wohnung getan
atte, oder nach vollem Werte geschätzt werden onnte, was sie für Morsens Leben war. Zwar blieb dessen Lebensweise in mancher Hinsicht dieselbe; er ging noch jeden Morgen nach seinem Bureau und blickte dort noch immer auf die vierhundertvierundvierzig blauen Steine, aber er war aus einem alten Junggesellen ein Mann in den besten Jahren geworden und konnte mit Verachtung auf die jungen Leute blicken, die ihn früher hatten fallen lassen und auf die Familien, denen er weniger willkommen ge⸗ worden war. Er konnte fetzt auf seinen eigenen Herd deuten, wo er, dank seiner Frau! einen stillen gewählten Kreis fand, wo Geselligkeit wohnte und Liebe herrschte und wo Malbine selbst viel mehr Nutzen stiften konnte, als in der großen menschlichen Gesellschaft, an deren Bildung seit Jahrhunderten durch Tausende mit wenig Erfolg gearbeitet wird. Wenn jede Frau in ihrem eigenen Kreise wirkt wie Malbvine, so hat die Menschheit im e mehr Gewinn davon, als durch jene Versuche, welche die Welt im ganzen zu verbessern streben.
Aber kehren wir zu der Gesellschaft im Taubermaunschen Hause zurück. Es waren bereits von allen Seiten Toaste ausgebracht worden; den ersten hatte Herr Morsen auf die Hausfrau ausgebracht und als die Laune der Auwesenden schon ziemlich hoch gestiegen war und Franz hinter einer großen Blumenvase zwischen zwei Prinzeßchen vor aller Augen verborgen saß, brachte der Hausherr selbst einen etwas schwulstigen Trinkspruch auf die Familie Werner aus und so sehr seine Frau ihm auch zuwinkte und ihn anstiez, er endigte mit den
Worten, daß es ihm ein außerordentliches Ver⸗ nügen sein werde, wenn er jemals mit der Familie Werner in Verwandtschaft treten sollte.
„Nun,“ sagte Morsen leise zu Malvine, „das geht für Franz schneller als bei mir, ich 11 zwanzig Jahre darüber nachgedacht und
ann—
„Still— das sind vergangene Zeiten, Lieber!“ flüsterte Mal vine.
„Es ist wahr, Frauchen, und ich habe es auch noch nicht bereut, daß ich es mir zwanzig Jahre überlegt habe.“
Werner, der die letzten Worte gehört hatte, sagte:„So viel habe ich immer gesagt, Malvine war bei Taubermanns ausgezeichnet versorgt,“ und er trank danach sein Glas langsam aus.
Allerlei.
Das vorläusige Ergebnis der Volkszählung vom 1. Dezember 1905 im Deutschen Reich.
1 Ortsanwesende Bevölkerung Staaten am 1. Dezember 1905 und Landesteile 5
männlich 5 weiblich zusammen
Könfgresch Preußen mit Hohenzollern 18 39113518 88768537278 820
Königreich Bayern mit Pfalz.. 3192 257 3320 567] 6512824 Königreich Sachsen 2176 255 2325795] 4502 350 Württemberg... 1121657 1178 673 2300 330 Deden 996 624 1012 6960 2009 320 Gen 604685 605419] 1210 104 Mecklenb.⸗Schwerin 309023] 3158580 624881 Sachsen⸗Weimar.. 189305 198587] 387892 Mecklenburg⸗Strelitz 51355 518960 103 251 Oldenbie ß 219463 218732] 438 194 Braunschweig... 239005] 246650 485655 Sachsen⸗Meiningen 132048 136815] 268 859 Sachsen⸗Altenburg. 101426] 105074] 206 500 Sachs.⸗Koburg Gothaf 117237 125055] 242292 Anhalt,. 159603] 168404] 328 007 Schwarzb.⸗Sondersh. 41424 43 753 85177 Schwarz.⸗Rudolstadt 47243 49587 96830 eee, 28792 30343 59 135 Reuß älterer Linie 33 683 36 907 70590 Reuß jüngerer Linie 69 439 75131 144570 Schaumburg⸗Lippe 22 437 22 555 44992 ple 70791 74819 145 610 Sub?nü 51922 53935 105857 D 131811 131615 263 426 Gambng 433875 441215 875090 Elsaß⸗Lothringen. 935305] 879 32101814626 Deutsches Reich 29 868 09630737087 60 605 183
Die Mutter als Erzieherin. Gehe mit deinen Kindern spazieren! Daß du dafür nicht viel und nicht häufig Zeit hast, weiß ich wohl. Aber gelegentlich, vielleicht am Sonntag, kannst du eine Stunde für deine Kinder er⸗ übrigen. Dann nimm deine Kinder an die Hand, jubelnd werden sie mit dir gehen. Aber folge nicht dem Schwarm auf der breiten Herr⸗ straße, sondern suche Wege, auf denen du mit deinen Kindern allein bist. In der freien Natur wird auch Herz und Gemüt freier. Die drücken⸗ den Gedanken des be fallen von dir ab. Du stehst dich und deine Kinder in einem auderen Lichte. Du kannst ihr Geplauder und Fragen weit besser ertragen als in der Enge der Stube. Dann lenke den Blick deiner Kinder auf die Dinge der Umgebung, sprich mit ihnen darüber, beantworte ihre Fragen, so aut du kannst. Ein solcher Spaziergang erquickt dich und er bildet deine Kinder. Der Frühling naht und mit ihm kommen die schönen Tage. Be⸗ nutze sie, gehe mit deinen Kindern spazieren!
Ueberbleibsel aus dem Mittelalter. Aus Zwickau i. S. wird berichtet: Ein altes Lehnsrecht steht dem Grafen zu Wildenfels an unsere Vorortgemeinde Wildenfels zu. Die Gemeindeschmiede ist seit Jahrhunderten ver⸗ pflichtet, jährlich 13 Schock Spindnägel an die Grafen zu Wildenfels unentgeltlich zu liefern. Dies ist seit 1836 unterblieben. Das Gräflich Reutamt fordert dafür auf 70 Jahre je 3 Mark 25 Pfg. Ersatz. Die Gemeinde will nun feststellen lassen, ob die aus der Ritterzeit stammende Verpflichtung noch zu Recht besteht. Den Grafen von Wildenfels steht auch das Lehnsrecht an den Gotteswald zu Lößnitz
zu. Der Stadtrat zu Lößnitz muß seit Jahr⸗ hunderten am Michaelistage vor Sonnenauf⸗ gang einen alten Silbergroschen als Lehnsaner⸗ kennung dem Grafen von Wildenfels überreichen. Interessant ist, wie heute noch der Adel an solch vermoderten Einrichtungen festhält. Aber das ist ja verständlich; der Adel ist ja selbst ein konserviertes Ueberbleibsel aus dieser Zeit.—
Humoristisches
Aus Leipzig. Zivilist: Sie, Herr Wacht⸗ meister! Ich gloowe, dort leeft d'r Raubmörder Hennig! Schutzmann: Quatsch! Mir hamm jetzt keene Zelt! Mir hamm genug mit de Redakdäre von d'r„Volks⸗ zeitung“ zu duhn!(Südd. Postill.)
Heine⸗Denkmal. Der Mumm und auch der Stöcker, Die tragen schwarze Röcker, Drum gilt den Herrn Freund Heine Als schlimmstes aller„Schweine“. Ein Denkmal ihm zu richten, Das wünschen sie mit nichten, Sie speien Gift und Galle In tollem Redeschwalle. Seht, wie die Pfaffen sprudeln, Und wie sie ihn besudeln! Das sind die„wahrhaft“ Frommen, Die einst in'n Himmel kommen. O Heine, welche Ehre, Daß sie dich schmähen sehre, Denn lobte dich die Bande, Das wär die größte Schande
(Südd. Postill.)
Anzüglich. Mutter Gu ihren sämtlichen un⸗ verheirateten Töchtern):„... Kinder, das wollen wir lieber sein lassen, heute alle zusammen ins Theater zu gehen, wo die Operette„Zehn Mädchen und kein Mann“ gegeben wird!“(Fl. Bl.)
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Literarisches.
Gemeinde⸗Steuern und Gebühren. Dieses wichtige Thema behandelt Hugo Lindemann in dem Heft J der im Vorwärts⸗Verlage erscheinenden Samm⸗ lung kommunalpolitischer Abhandlungen. Gerade dieser Frage ist bisher nicht genügende Beachtung geschenkt worden. Diese Lücke in unserer Literatur füllt das neue, drei Bogen starke Heft aus.(Bei der beschränkten Steuerautonomie der Gemeinden ist die Kenntnis der einschlägigen landespolizeilichen Bestimmungen unbedingte Voraussetzung für ein ersprießliches Wirken in der Kommune. Auch nach dieser Richtung hin hat Linde⸗ mann die ihm gestellte Aufgabe gelöst. Die Broschüre ist fesselnd geschrieben und gibt in gemeinverständlicher Weise Aufschluß über eine ganze Reihe von Fragen. die fast läglich an die in der Praxis stehenden Genossen herantreten. Wir empfehlen ihre Anschaffung vor allem jedem Gemeindevertreter. Für den Preis von 30 Pfg. ist die Broschüre in jeder Parteibuchhandlung, auch in der Expedition der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung zu haben.
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Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.
Marktbericht.
Auf dem Wochenmarkt in Gießen kosteten am 13. März: Butter per Pfund Mk. 1,00— 1,05, Hühnereier 1 St. 7—8 Pfg., Käse pr St. 6—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 5,50— 6,00 Mk., Weißkraut pr. Stck. 10— 30 Pfg., Zwiebeln per Ztr. Mk. 6,00— 8,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,00—1,60 Mk. Hahnen per St. 0,80— 1,80 Mk., Enten per St. 1,80 bis 2,20 Mk., Gän se per Pfd. 00— 00 Pfg.


