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Witteldeuische Sountags⸗Zerung.
Von Nah und Fern.
Auch einer.
In Ansbach(Bayern), wurde vor etwa zwei Monaten der Opferstock in einer Kirche erbrochen. Einige Handwerksburschen, die man als der Tat verdächtig verhaftet hatte, erwiesen sich als unschuldig. Nun fiel der Verdacht auf den Vorsitzenden des Hirsch⸗Duncker⸗ schen Gewerkvereins, Kirchendiener und Gewerbegerichtsbeisitzer Walz. Er kam dadurch in den Verdacht, daß er außergewöhn⸗ lich viel Kupfergeld in den Verkehr brachte und wurde infolgedessen verhaftet.
Im Lande der ganz Frommen.
In Lünen bei Dortmund wurde vor kurzem der Bergmann Wagner begraben. Sein Leben war so, daß sich au demselben mancher Lüner Ueberchrist hätte ein Beispiel nehmen können. Trotzdem machte jeder Lüner ein
Kreuz, wenn er dem Wagner auf der Straße
begegnete. Dieser Wagner gehörte nämlich— in Lünen etwas Haarsträubendes!— keiner Religionsgemeinschaft an. Wagner war kein Katholik, ja, nicht einmal Protestant. Merkwürdigerweise verlief sein Leben, wie das jedes im Kirchenbuch stehenden Menschenkindes. Jetzt stirbt der Mensch. Jetzt mußte es kommen. Es geschteht nichts! Wagner wird begraben und wenn man davon absteht, daß ihm ein mächtiges Trauergefolge das letzte Geleit gab und man am Grabe einem Menschen das Reden verbieten mußte(das Gefolge eines Geistlichen hatte sich der Wagner auf dem Sterbebette extra noch verbeten!) ging die Bestattung des Heiden ohne Beschwerde vor sich. Aber umsonst hatte man im frommen Lünen diesen Menschen nicht begraben. Am Tage nach dem Begräbnis hört eine Frau unten in seinem Sarge drohen⸗ des Klopfen. Wo konnte das anders sein als bei dem gottlosen Heiden, der hier neben ehr⸗ samen Christenmenschen der Ruhe pflegen wollte, und der— natürlich!— nicht zur Ruhe kommen konnte. Die Frau geht zum Herrn Pfarrer. Der Herr Pfarrer meint, es wäre wunderlich gewesen— wenn es anders gewesen wäre, wenn der Wagner nicht geklopft hätte. Und ohne die Hinterbliebenen zu fragen, wird die für die Ewigkeit gemachte Behausung des 11K erbrochen. Der Sozialdemokrat, der roh war, daß er endlich lag, mußte heraus. Aber der Brave hat sein Lebtag so viel geredet und soviel gehämmert, daß er dies jetzt alles sein ließ. Ruhig und friedlich lag er in seinem Sarge. Ja, er protestierte nicht mal gegen die 8 angetane Unbill. Das war man von dem agner gar nicht gewöhnt, daß er sich so be⸗ handeln lie. Und weil der Wagner das erste Mal, seit ihn die Lüner kannten, eine christliche Verunglimpfung hinnahm, glauben jetzt die Lüner, daß er kot ist. Der Gottlose ist aber doch nicht so ganz glatt zur Ruhe gekommen.
Kinder-Kultur.
(Schluß.)
Wie es sich im Leben zeigt, daß allzu williges Gehorchen meist zum Schaden der Betreffenden ausfällt, zeigt es sich auch in der geistigen Ent⸗ wicklung des Kindes. Durch strengen Gehorsam wird das Kind wohl lenksam, aber es wird auch 1 und urteilslos. Und Unterwürfigkeit und Urteilslostgkeit lassen kein freies Geschlecht erwachsen.
Eltern und Erzieher, gebt dem Kinde ver⸗ nünftige Bewegungsfreiheit in seinem Denken und in seinem Handeln, damit folgt eine Generation stark an Körper und Geist 0*
Wodurch soll ein Kind erzogen werden, wenn nicht durch Gehorsam? fragt stcherlich mauche Mutter. Wohl ahnt sie ihre schwere Verantwortung, die ihr mit der Erziehung ihrer Kinder übertragen ist, aber leider hat sie nur in seltenen Fällen auf diesem Gebiete etwas gelernt, und daher sucht sie zögernd und zagend das 1 zu treffen. Die überlieferte An⸗ sicht und Meinung, daß jede Mutter auch die
natürliche Befähigung zur Erzieherin habe und haben müsse, geht dabei sehr häufig in die Brüche. Jede vernünftige Frau kann das körperliche Wachstum der kleinen Menschen⸗ kinder durch geeignete Nahrung, nötige Ruhe und Reinhaltung fördern, aber zur Entwicklung geistiger Kräfte gehören mehr Kenntnisse, als ewöhnlich die Frauen besitzen, denen die Pflege leiner Kinder übertragen wird.
Der Zustand der Kindheit besteht gerade darin, daß das Kind nur nach äußeren Im⸗ pulsen, nie aus Ueberlegung und innerer Willens⸗ kraft handelt; da gilt es, das Kind vorsichtig und behutsam zu leiten und allmählich zum logischen Denken und Handeln vorzubereiten; denn nur eigenes Handeln fördert geistige Selb⸗ ständigkeit und Reife. Impulstve Aeußerungen des Kindes werden sehr häufig als Unarten angesehen und mit Strafen bedroht. Dadurch werden Handlungen in dem Kinde gehemmt, die die Folge eigener Ueberlegungen sind, und Handlungen werden erzwungen, die dem kind⸗ lichen Verständnisse vollständig fern liegen.
In unserer Erziehungspraxis spielt die Rute, die dunkle Kammer und der Hunger eine verhängnisvolle Rolle. Solche Strafmittel werden angewandt, um die elterliche Autorität zu verteidigen und die häusliche Ordnung gegen die kleinen Wilden aufrecht zu erhalten. Die Strafarten sind schon deshalb verwerflich, weil ste je nach Laune, Temperament, je nach dem Bildungsgrade des Erziehers über die kleinen unwissenden Sünder verhängt werden. Durch die Furcht vor Strafe wird das Kind in seiner Bewegungsfreiheit gehemmt; es wird einge⸗ schüchtert und bleibt geistig beschränkt. Ein solches System ist barbarisch und nicht geeignet, vollwertige Menschen zu erziehen.
Die Prügel, die dem Kinde körperliche Schmerzen verursachen, gelten als Abschreckungs⸗ mittel gegen Unarten und Ungezogenheiten; gar bald lernt das Kind begreifen, daß es nur dann geschlagen wird, wenn man es bei Un⸗ arten erwischt. Das Kind überlegt, wann und wofür es Prügel bekommt, und schnell lernt es solche Handlungen in Gegenwart der Eltern und Erzieher meiden, um unbeaufsichtigt desto unartiger zu sein. Aus Furcht vor Strafe sucht das Kind oft alle Unarten, die es selbst beging, auf Geschwister und Spielgefährten abzuwälzen. Dadurch wird das Kind nur zu leicht an Heucheln und Lügen gewöhnt, so daß das Erzieherische, das in jenen Strafen liegen soll, recht oft in das Entgegengesetzte umschlägt.
Um sein Kind zur Wahrheitsliebe zu erziehen, muß es Grundsatz der Eltern sein, dem Kinde nie eine Unwahrheit zu sagen, denn der klare, nimmer rastende Verstand des Kindes macht vor allem seine Beobachtungen an dem Betragen der Eltern und verwendet sie gegebenenfalls auch für seine eigene kleine Person. Durch das Einsperren in eine dunkle Kammer wird ebenfalls kein erzieherischer Einfluß erzielt, wohl aber wird dadurch die Furchtsamkeit in dem Kinde geweckt, die zu Störungen aller Art führt.
Auch die N Entziehung der Nahrung ist kein praktisches Mittel, Kinder gut zu er⸗ ztehen. Längst ist bekannt, daß man wilde Tiere nur durch gute Behandlung und reich⸗ liches Futter zähmt; aber in der Kinder⸗ erziehung sollten Hunger und Prügel prak⸗ tische Mittel sein, um brauchbare Menschen heranzubilden?
Statt der Anwendung barbarischer Mittel benutze man den frühzeitig im Kinde entwickelten Gerechtigkeitsfinn, um es an ein gutes Betragen zu gewöhnen. Man lehre das Kind Rücksicht auf andere, ferner lehre man es die Natur⸗ geles: verstehen und danach zu han⸗
eln; und vor allem präge man dem Kinde den Grundsatz ein:„Was du nicht willst, das man dir tu, füge auch keinem andern zu.“ Daß eine solche Art der Er⸗ ziehung. ist als die heute meist beliebte Erziehungspraxis, sei ohne weiteres zu⸗ gegeben, aber— auf dem Kinde beruht die Hoffnung für die Zukunft!
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4 Anterhalfungs-Teil. i
*
Michel nach dem März.
So lang ich den deutschen Michel gekannt War er ein Bärenhäuter;
Ich dachte im März, er hat sich ermannt Und handelte fürder gescheuter.
Wie stolz erhob er das blonde Haupt Vor seinen Landes vätern!
Wie sprach er— was doch unerlaubt— Von hohen Landesverrätern.
Das klang so süß zu meinem Ghr Wie märchenhafte Sagen
Ich fühlte, wie ein junger Tor, Das Herz mir wieder schlagen.
Doch als die schwarz rot ⸗ goldene Fahn', Der altgermanische Plunder,
Auf's neu erschien, da schwand mein Wahn Und die süßen Märchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem Panier Und ihre Vorbedeutung;
Von deutscher Freiheit brachten sie mir Die schlimmste Hiobszeitung.
Schon sah ich Arndt, den Vater Jahn— Die Helden aus andern Seiten
Aus ihren Gräbern wieder nah'n
Und für den Kaiser streiten.
Die Burschenschaftler allesammt Aus meinen Jünglingsjahren, Die für den Haiser sich entflammt, Wenn sie betrunken waren.
Ich sah das sündenergraute Geschlecht Der Diplomaten und Pfaffen,
Die alten Knappen vom römischen Recht Am Einheitstempel schaffen.—
Derweil der Michel geduldig und gut Begann zu schlafen und schnarchen, Und wieder erwaceste unter der Nut Von vierunddreißig Monarchen. Heinrich Heine.
Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. (Schluß.) Wieder war jener heiße Julitag heran⸗ ebrochen, an welchem Frau Taubermann ge⸗
oren war, wieder war die Familie zur Gratu⸗ lation gekommen, aber dies Mal in geringerer
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Anzahl. Die Taubermanns waren so ganz andere Menschen geworden! Der Krämer war zwar noch derselbe gutherzige, joviale Mann, wie früher, obgleich er in der letzten Zeit zu viel durchschimmern ließ, daß er gegenwärtig mit den ersten Leuten der Stadt in Berührung kam, und daß die Beschützer der Industrie öfter zu ihm kamen, um die Dampfmühle zu sehen, welche außerordentliche Resultate lieferte. Aber besonders war seine Frau so selbstbewußt und vornehm geworden, sie war gar nicht mehr so ausgelassen fröhlich, wie in früheren Jahren und überdies sah man sie fast nie ohne ihre Töchter. Diese Töchter aber gaben das meiste Aergernis; wenn ste sich auch das Ansehen doch als seien ste nicht stolz, sie waren es och und dabei so altklug! Es war einmal nicht mehr wie früher und man fühlte sich unbehaglich. Auch fand man so ganz andere Menschen dort, einen gewissen Morsen, einen Beamten, der sich immer so vornehm anstellte, obgleich er doch nur mit einer gewesenen Gou⸗ vernante verheiratet war, dann die Werners, eine armselige Familie, die sich was darauf zu Gute tat, daß der Mann ein Beamter ist; der Sohn schien immer im Taubermann'schen Hause zu sein; es hieß wegen einer Versicherungs⸗ gesellschaft, von welcher Taubermann Direkkor und er das Faktotum sei, aber man konnte sehr wohl bemerken, daß es den Werners nur darum zu tun war, ihrem Franz eine von den Prinzeß⸗ chen zu verschaffen. Wer hätte sich das denken können, als er noch auf der Straße umherging


