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Mitteldeutsche Senntags-⸗Zesiung.
Nr. 11. 1
Tagen Besorgnisse wegen der Ausdehnung des Brandes gehegt. Die Bergleute machen die Gesellschaft für die Katastrophe verantwortlich und beschuldigen die Ingenieure der Sorglosigketit, da man, nachdem das Feuer die Holzverschalung ergriffen hatte, die Einfahrt hätte einstellen sollen.
Ist diese Darstellung richtig, so haben wir es hier nicht mit einer urplötzlich eingetretenen Katastrophe zu tun, die weder jemand vorher⸗ sehen noch verhüten konnte, sondern es handelt
ch um ein unerhörtes Verbrechen der kapitalistischen Grubenbesitzer. Wie konnte man die Leute einfahren lassen, wo ein großer Brand in der Grube lodert, wo jeden Augenblick die Gefahr besteht, daß die massen⸗ haft aufgehäuften, leicht entzündlichen Gase (rplodieren und alles in Trümmer schlagen können! Diese Sorglostgkeit bringt das kapi⸗ tallstische System mit sich. Nur keinen Tag auf den Profit verzichten! Jeder Pfennig wird als verloren angesehen, der für Arbeiterschutz aufgewendet werden soll. Und so ist es dies⸗ seits und jenseits des Rheins. Bei dem Bo⸗ russia⸗ Unglück lag es ja ebenso, auch dieses hätte durch geeignete Vorsichtsmaßregeln ver⸗ hütet werden können. Was die Zahl der Opfer betrifft, so ist das Borussta-Unglück aller⸗ dings nicht mit dem von Courrléres zu ver⸗ gleichen; immerhin schrecklich genug; 39 Berg⸗ leute fanden damals den Tod!
Solche Ereignisse müssen die Arbeiter zum Nachdenken anregen, und die heutige Ordnung in ihrer ganzen Verwerflichkeit erkennen lassen. Die Besitzer der Méricourt⸗Grube in Courriéres haben aus dieser Mordgrube ungeheure Reich⸗ tümer herausgepreßt und werden neue Reich⸗ tümer aus ihr herauspressen. Wieder sollen Tausende von Arbeitern für elenden Lohn hin⸗ absteigen, vielleicht um eines Tages abermals drunten zu bleiben. Müssen sich nicht angesichts des Massenmordes von Courriéres die franzö⸗ fischen Arbeiter millionenweise erheben und sagen: „Dieser Grund und Boden, diese Gruben, diese Häuser, Werkzeuge und Maschinen gehören uns! Wir haben ihnen durch unserer Hände Arbeit ihren Gebrauchswert gegeben. Ihr habt unser Eigentumsrecht an ihnen nicht anerkan. t. Was uns gehörte, das haben wir aber dann nochmals und abermals mit unserm Blute bezahlt und so haben wir ein doppeltes Anrecht daran. Das, was man den Nationalreichtum dieses Landes nennt, das ist unser Schweiß, unser Blut, unsere Tränen, unser Hunger, unsere Erschöpfung und unsere Verzweiflung. Durch unsere Opfer ist Euer Vaterland Euer Paradies 1 und darum fordern wir, daß dieses
aterland unser werden soll und daß an Stelle des kapitalistischen Räuber⸗ und Mörder⸗ 1 wahre Menschenrecht des Sozialismus rete
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Fürchterlich sind die Szenen, die sich an den Gruben absptelen. Der Berichterstatter der Irkftr. Ztg. schrieb darüber: Kein Greuel der Schlachtfelder ist dem vergleichbar, der in den bon zerstückelten Leichnamen, verbrannten Körper⸗ tellen, Holz- und Steintrümmern und giftigen Gasen erfüllten Gängen der Schächte herrscht. Zusammenhängende Schilderungen sind unmög⸗ lich; nur aus den einzelnen Erscheinungen kann man sich eine Vorstellung des Entsetzens machen. Seit Sonntag Morgen fördert wan nur noch Leichen oder vielmehr blutige und verbrannte Massen zu Tage, die Reste von tatkräftigen arbeitsfrohen Männern, Rümpfe, Arme, Beine, Köpfe kommen regellos aus den Förderkörhben heraus. Man hüllt sie schleunigst in Tücher, die man wie Packete zusammenbindet. Auf einer Bahre werden dann die schaurigen Reste in eine für diesen Zweck umgestaltete Halle geführt. Diese ist schon überboll und trotzdem ist erst ein ganz kleiner Bruchteil der Verun⸗ N gefunden. Dazu die Verzweiflungs⸗ zenen: Ein Mann setzte es durch, herabgelassen zu werden, um seinen Sohn zu suchen; unten angekommen verschwand er in den Gängen, überall umherspähend und rufend, und seither hat man ihn nicht wiedergesehen. Der Berg⸗ werksdelegierte Simon d, ein wahrer Hüne,
leistet Unglaubliches, ruft aber durch seine wilde Erregung eine gewisse Nervosität hervor. Er hatte auf die Gefahr des Brandes, der in dem Bergwerke ausgebrochen war und den die Ingenieure durch Mauern abzusperren und zu ersticken gesucht hatten, hingewiesen und fortwährend darauf gedrungen, energi⸗ schere Maßregeln gegen ihn zu er⸗ greifen.(Das beweist die Schuld der Be⸗ sttzer. D. R.) Als die Katastrophe erfolgte, stürzte er sofort in den ersten Förderkorb und den ganzen Samstag und Sonntag brachte er unermüdlich mit drei Kameraden Verunglückte, viele noch lebend herauf. Man kann ihn nicht verhindern, immer aufs neue sein Leben in die Schanze zu schlagen. Aber er verlangt das Gleiche auch von den anderen, besonders von den Ingenieuren, unter Umständen, die jeden Versuch als wahnsinnig erscheinen lassen, und wenn diese ihn zu beruhigen suchen, nennt er ste Feiglinge und regt die Massen auf. Eine trockene Ziffer, die beredter ist, als die wort⸗ reichsten Schilderungen: 1280 Tote, dies ist die Schätzung des Präfekten, der außerdem vorsichtig hinzufügt, daß sie eher höher als niedriger sein dürfte, wenn alle Ermittelungen abgeschlossen sein werden.
Derselbe Korrespondent bemerkt weiter, daß gegen die Grubengesellschaft recht ernste A n⸗ klagen wegen Leichtfertigkeiten und unzu⸗ reichender, reglementswidriger Einrichtungen er⸗ hoben sind. Es wird von fachmännischer Seite erklärt, daß die Maßregeln zum Schutze der Bergleute gegen den Brand auf keinen Fall hinreichende waren. Man hätte die nächst⸗ liegenden Schächte einige Tage überhaupt liegen lassen sollen, um nur die Arbeiten zur Dämpfung des Brandes zu betreiben. Ferner werden eine ganze Reihe Verstöße gegen das Reglement auf⸗ Prout In der Arbeiterschaft, wie in der
evölkerung herrscht eine gewaltige Aufregung; es dürfte zu einem Ausstand kommen.— Ret⸗ tungskolonnen sind aus Paris und sogar aus dem rheinisch⸗westphälischen Kohlenbezirk nach Courrières abgegangen.
Politische Rundschau.
Gießen, den 15. März 1906.
Im Reichstage
wurde am Donnerstag und Freitag die Be⸗ ratung des Postetats fortgesetzt, wobei unsere Parteigenossen Veranlassung nahmen, für die Besserung der Dienstverhältnisse der Unter⸗ beamten, besonders für Verkürzung der oft sehr langen Arbeitszeit einzutreten. Beim Etat der Reichsdruckerei, der am Samstag zur Verhandlung kam, bemängelte Genosse R. Fischer, daß den in der Reichsdruckerei be⸗ schäftigten Arbeitern der Beitritt zu ihrer Organtsation untersagt sei, sie gehöre ferner der Tarifgemeinschaft nicht an und zahle schlechtere Löhne, als in den Berliner Druckereien bezahlt wird. Ferner kritisiert er verschtedene ungerechte Arbeiterentlassungen. Staatssekretär Krätke suchte Fischers Angriffe zu entkräften, was ihm aber keineswegs gelang. Darauf wird zum Etat der Reichseisenbahnamtes überge⸗ gangen, der den Reichstag noch am Montag beschäftigte. Unsere Genossen Stelle und Bock wiesen auch hier auf die ungünstige Lage der unteren Angestellten hin und kritisterten außerdem die Sparwut der preußischen Ver⸗ waltung, welche die Ursache vieler Unglücks⸗ fälle ist.— Dienstag kam der Kolonialetat an die Reihe. Bebel kennzeichnete hierbei die Art, wie die Eingeborenen zur Empörung ge⸗ trieben werden, wie die ganze Kolontalpolitik Eroberungs⸗ und Raubpolitik sei. Der Kolonial⸗ direktor Prinz Hohenlohe konnte die Anklagen Bebels nicht widerlegen.
Wobin das Geld der Steuerzahler kommt.
In der Budgetkommisston des Reichstages
wurde dieser Tage festgeftellt, daß die Admirale während ihrer Anwesenheit in den Kriegshäfen
Ausland 60 Mark Tafelgelder erhalten; andere Offlziere 1 15 155 8 Mk., früher hatten sie aber nur 3 Mk. Die Marine⸗ verwaltung verteidigte dise Sätze mit den Repräsenkationspflichten“ speziell der Admirale. Weiter teilte der Staatssekretär mit, daß in nächster Zeit vom Reichstage eine neue Kaiser⸗ hacht als Ersatz für die Hohenzollern gefordert werde. Abgordn. Genosse Hue brachte zur Sprache, daß in einer vom Werftarbeiterver⸗ bande herausgegebenen Denkschrift den Werft⸗
wird. Ein Kommissar versuchte, diese Angaben zu entkräften, versprach aber eine Prüfung der
Regiment Bülow vom deutschen Proletarier daß er auch noch Hurra für Kaiser und Reich schreien soll, während er zähneknirschend liest, daß deutsche Admirale aus seinen Steuer⸗ groschen täglich eine Summe durch die Kehle jagen dürfen, mit welcher er und seine ganze Familie bei der heutigen Teuerung einen ganzen Monat für Lebensmittel auskommen muß!
Eugen Richter,
der bekannte und vielgenannte Führer der Frei⸗ sinnigen, Reichstagsabgeordneter für Hagen, ist am Samstag früh in Groß⸗Lichterfelde bei Berlin im Alter von 68 Jahren gestorben. Er kränkelte schon seit längerer Zeit; seit mehr als einem Jahre trat er nicht mehr im Reichs⸗ tage auf, vor Monaten legte er auch bereits sein Landtagsmandat nieder.
In den Kretsen der Liberalen galt Richter als hervorragender Politiker, wurde aber wegen seines starrköpfigen und herrischen Wesens von seinen eigenen politischen Gesinnungsgenossen vielfach angegriffen. Er kannte den Etat, wie kaum ein zweiter im Reichstage, seine Etats⸗ reden waren stets interessant zu lesen und zeugten von Sachkenntnis. Es kann ihm auch nicht nachgesagt werden, daß er ein eigennütziger Streber gewesen wäre, er hat vielmehr für seine Anschauungen in selbstloser Weise gekämpft. Aber für die moderne Arbeiterbewegung und den Sozialismus fehlte ihm jedes Verständnis. Er hat diese große, gewaltige Kulturbewegung immer nur mit den giftigen Blicken des kon⸗ kurrenzneidischen Mandatsjägers angesehen; die historische Bedeutung der Sozialdemokratie hat er nie zu begreifen vermocht. Dagegen hat er unsere Partei mit den kleinlichsten und oft genug auch verächtlichsten Mitteln angefeindet und besudelt. Er hat sich aber bis in seinen letzten Tagen hinein davon überzeugen müssen, daß sich der naturnotwendige Gang der geschichtlichen Entwicklung, der auf den Sozialismus hin⸗ steuert, weder durch die polizeiliche Büttelpolitik Bismarcks, Richters intimem Gegner, noch durch die„geistigen Mittel“, die Richter anzuwenden für gut fand, aufhalten läßt. Seine gegen die Sozialdemokraten gerichteten Broschüren:„Irr⸗ lehren“ und„Zukunftsbilder“ gehören mit zu dem kindischsten Zeug, was gegen die Sozial⸗ demokratie geschrieben worden ff
Die internationale Sozialdemokratie für den Frieden.
In der großen Versammlung, die am 4. März
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internationalen sozialistischen Komitees stattfand, ergriff, wie bereits in voriger Nummer erwähnt, Genosse Jaures das Wort, um die Notwen⸗
Arbeit der internationalen Sozialdemokratie dafür hervorzuheben. In seiner Rede führte er u. a. folgendes aus: In der Wage der Ge⸗ schicke gibt oft ein kleines Gewicht den Ausschlag für Frieden und Krieg. Deshalb haben wir,
nalen Proletariats kämpfen, stets getrachtet, die Ereignisse zu überwachen, die Intrigen zu verfolgen, ste zu zerschmettern und der Oeffent⸗ lichkeit jeden neuen Versuch des Ausbruchs der Besttalttät zu verkünden, sowie die diplomatischen Kombinationen zu enthüllen, aus denen heute oder morgen Kakastrophen hervorbrechen können.
30 Mark, bei Fahrten in den heimischen Ge⸗ wässern 36 Mark und beim Geschwader ins
Man hat uns angeklagt, wir arbeiten gegen Frankreich. Was uns beruhigt, ist die Talsace,
pro Tag
verwaltungen große Verschwendunag von Materalien und mangelhafte Arbeit vorgehalten
erhobenen Anklagen. Und nun verlangt das„
in Brüssel im Anschluß an die Sitzung des
digkeit des Völkerfriedens zu betonen und die
während wir für die Befreiung des internatio-
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