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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitumg.
Nr. 24.
in den Newyorker Wurstfabriken herrschten un⸗
sagbar scheußliche Zustände. Viele Arbeits⸗ stätten haben keine Kanalisations verbindungen, sondern nur große Senkgruben mit stinkendem, verfaulenden Abfall gefüllt. In einer Fabrik laufen Ratten auf den Tischen umher, auf welche das Fleisch zum Zerkleinern geworfen wird, und niemand denkt daran, den von den Ratten hinterlassenen Schmutz wegzuschaffen. Geraten einmal ein Dutzend Ratten in die Hack⸗ maschine, so werden fte mit dem Fleische zer⸗ kleinert. Abfall wird aus Hotels und Restau- rants in großen Massen bezogen und mit dem Wurstfleisch vermischt. Kein Wurstfabrikant würde sich soweit überwinden, seine Erzeugnisse selber zu essen. Der frühere Schlachtdirektor Thomas Dolan, der Leiter eines der größten Chicagoer Packhäuser war, sagt, Tausende Stück Vieh mit Tuberkulose, Brand und anderen Krankheiten behaftet, würden von der Aufsicht durchgelassen. Zum Hundefutter ungeeignetes Fleisch wird eingekocht und die Bouillon wird zu Suppen⸗ und Fleischextrakten verwandt, während das trockene wertlose Fleisch, mit Gelatine vermischt, in Büchsen gefüllt und als Sülzfleisch verkauft wird. Kranles Fleisch, das von den Inspektoren zur Vernichtung bestimmt wurde, wird zurückgeschmuggelt und mitverwandt.
Aus Chlikago gingen der„Frkftr. Ztg.“ von ihrem dortigen Korrespondenten Schilderungen über die ekelhaften Zustände in den dortigen Schlächtereien zu, deren Einzelheiten dem oben Mitgeteilten nichts nachgeben.„Die Gebäude, heißt es da, in denen die Konserven hergestellt werden, sind seit Menschengedenken nicht ge⸗ reinigt worden. Die Pfeiler in den Anlagen eines großen Etablifsements sind mit einer dicken Blut- und Fleischschicht bedeckt und der Boden mit sestgetretenem Schmutz. Große Fleischstücke werden über den Boden heschleift, gelegentlich steigt ein Arbeiter darauf, und es kommt ihm auch darauf nicht an, daß er mal darauf ausspuckt. Obgleich Büchsen mit„Potted Chicken“(feingeschnittenem Hühnerfleisch) zu Tausenden versandt werden, kommt doch kein einziges Huhn in die Schlachthäuser, außer denjenigen, die für die Kühlwagen zum Trans- port anderswohin bestimmt sind.„Potted Chicken“ in Büchsen besteht u. a. aus dem Fleisch„ungeborener Kälber“ und Kuh⸗Eutern“.
Die deutschen Agrarier jubeln über die Schweinereien und erzählen in ihren Blättern Dinge, die offenbar übertrieben sind. So 3. B., daß Mensschen in die Stedekessel der Chikagoer Fleischversandthäuser gefallen und mit zerkocht worden seien. Natürlich habens unsere Agrarier immer gewußt, daß es im Aus⸗ lande und speziell in Amerika unsauber zugeht und deswegen traten sie für die Grenzsperren ein, beileibe nicht etwa deshalb, damit sie Wucherpreise für ihr Vieh erzielten. Nur gemach! Man hat in Deutschland in der Lebensmittel⸗ branche Dinge entdeckt, welche dem ameri⸗ kanischen auch nicht viel nachgeben. Und das Organ der Agrarier, die Deutsche Tageszeitung riet selbst einmal einem Landwirte, der anfragte, was er mit seiner tuberkulösen Kuh anfangen solle, er solle sie nur möglichst bald zum Schlachten verkaufen! Deutschland ist übrigens an der ganzen 05 nur wenig be⸗ teiligt, denn der§ 12 des F eischbeschaugesetzes verbietet bekanntlich die Einfuhr von Fleisch in luftdicht verschlossenen Büchsen oder ähnlichen Gefäßen(Büchsenfleisch) sowie von Würsten und sonstigen Gemengen aus zerkleinertem Fleisch. Dle Einfuhr von Pöckelfleisch ist nur in Stücken gestattet, die mehr als acht Pfund wiegen. In Betracht könnte also nur die Einfuhr von Schmalz kommen. Es soll aber in der d eutschen Kriegs⸗Marine noch immer amerikanisches Büchsenfleisch verwendet werden!
Ein sozialdemokratisches Mustergut.
Ueber eine Mitteilung des„Vorwärts“, die auch unser Blatt brachte, daß auf dem Gute des Genossen Eberhardt⸗Kommorowen der 1. Mai seit Jahren durch Arbeitsruhe gefeiert wird, hatte das Bündlerorgan, die„Deutsche Tageszeitung“ dumme und boshafte Bemerk⸗ ungen gemacht und am Schlusse derselben ironisch das Mustergut in Gänsefüßchen allen
intelligenten Landleuten dringend empfohlen. Genosse Eberhardt hat darauf im„Vorwärts“ in seiner Bescheidenheit erwidert:„Ob mein Gut ein Mustergut ist, kann ich nicht beurteilen, jedenfalls bemühe ich mich, es dazu zu machen, so weit es in meinen Kräften steht und so weit meine Mittel reichen.“ Der Zufall hat es nun gewollt, so schreibt unser Königsberger Partei⸗ blatt, daß ein paar Tage nach dieser Zuschrift von einer, selbst der„Deutschen Tageszeitung“ doch wohl kompetent genug erscheinenden Stelle ein Urteil darüber abgegeben wurde, ob das Gut des Genossen Eberhardt als Mustergut zu betrachten ist oder nicht. Am 26. Mat d. J. veranstaltete nämlich der landwirtschaftliche Zentralverein für Litauen und Masuren, für die Kreise Johannisburg, Lyck und Oletzko seine diesjährige Bezirksschau. Dort wurden dem Parteigenossen Gutsbesttzer Eberhardt⸗Kommo⸗ rowen folgende Preise zuerkannt: 1. Für Rind⸗ vieh, Repräsentation ganzer Zuchten: der silbern? Ehrenpreis. 2. Für Bullen über 36 Monate alt: erster Preis 120 Mk. 3. Für Sterken: zweiter Preis 40 Mk., zweimal derselbe, 4. Kühe in Milch: zweiter Preis 50 Mk., viermal derselbe.— Dieses Urteil der Preis⸗ richter in Verbindung mit den durchaus sehens⸗ werten mustergiltigen Einrichtungen dieses Gutes, rechtfertigen wohl die Bezeichnung Mustergut. Und das alles trotz Arbeitsruhe am 1. Mai, trotz guter Löhne und menschen⸗ würdiger Behandlung der Arbeiter, sowie gesunder Wohnungen für dieselben. Bei dieser Gelegenheit möchten wir übrigens noch mitteilen, daß es in Ostpreußen auch noch ein 4000 Morgen großes Gut gibt, auf dem der 1. Mai seit einer Reihe von Jahren durch vollständige Arbeitsruhe gefeiert wird. Das Gut gehört dem Gutsbesttzer Genossen A. Hofer, Gr.⸗Skaisgirren. Es ist eine der größten und einträglichsten Besitzungen im Kreise Ragnit.—
Unternehmer- Gewissenlosigkeit.
In der Kohlengrube der Zeche Hansa⸗ Huckerode bei Dortmund brennen schon seit Pfingsten zwei Flöze. Die Abdämmungsarbeiten sind zwar versucht worden, so schreibt man der Leipz. Volksztg., doch war es durch Einsturz des Hangenden und Ueberhandnehmen tickiger Brandgase bisher nicht möglich, dem Brand⸗ herde nahe zu kommen. Nichtsdestoweniger geht der Betrieb in der bisherigen Weise wetter, die Belegschaft muß anfahren und die Kohlenproduktion geht ungehindert weiter. Durch die bürgerliche Presse wird ver⸗ kündet, Gefahr sei für die Belegschaft nicht vor⸗ handen, weil die brennenden Flöze von den Hauptbetriebspunkten isoliert seien. Jeder Fach⸗ mann weiß aber, daß Gefahr immer vorhanden ist, wenn es in der Grube brennt. Man weiß aus Erfahrung, wie leicht Komplikationen entstehen können, treten sie ein, dann ist die Katastrophe unvermeidlich! Auch in Courrieres brannten Flöze wochenlang vorher, ehe es zu der furchtbaren Katastrophe kam! Narrheit ist es, daß die Bergbehörde das Weiter⸗ arbeiten gestattet. War doch Borussta eine Nachbargrube von Hansa! Es muß verlangt werden, daß der Betrieb auf der Stelle einge⸗ stellt wird, bis der Brand gelöscht ist.
Gegen den Betriebsführer Rüter von der Zeche„Borussta“ ist übrigens jetzt Anklage auf fahrlässige Körperverletzung und Uebertretung mehrerer Bergpoltzeiverordnungen erhoben. Vierzig Menschen wurden umge racht, und die Anklage lautet auf fahrlässige Körper⸗ verletzung! Das schlägt dem Rechtsbewußtsein des Volkes ius Gesicht! Was kann denn dem Herrn Betriebsführer Schlimmes passteren? Vielleicht trägt ihm die Geschichte drei Monate Gefängnis ein, möglich ist sogar die Freisprechung. Diese Anklage ist wirklich nicht geeignet, den übrigen Betriebsleitern mehr Respekt vor Ar⸗ beiterleben beizubringen!
Mordkultur.
Im russisch-japanischen Kriege sind allein auf der Seite Japans nach den nunmehr ab⸗ geschlossenen Feststellungen nicht weniger als 135169 Tote zu verzeichnen. Die Russen
dürften noch bedeutend höhere Verluste gehabt
haben, sodaß man die Gesamtzahl der Toten
auf mindestens 300000 beziffern kann. Welch elne ungeheure Zahl! Wie viel vernichtetes Menschenglück stellen ihre bleichenden Knochen⸗ reste dar! Eine Pyramide von 300000 Menschen⸗ schädeln— das graustge Wahrzeichen der „Kultur“ des gegenwärtigen Zeitalters!
Hetze gegen die Sozialdemokratie.
In den letzten Tagen sind wieder eine ganze Anzahl sozialdemokratischer Redakteure der Justiz in die Krallen geraten. Genosse Perner von der Märkischen Volksstimme in Forst mußte zwei Prozesse über sich ergehen lassen. Im ersten, der schon mehreremal das Reichsgericht beschäftigt hatte, wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil sich durch den Aus⸗ druck„Siegeslümmel“, der in der Zeitung mit Bezug auf die Sedanfeternden gebraucht war, eine Anzahl Kriegervereinler beleidigt fühlten. Perner wurde bestraft, obgleich Genosse Witt⸗ rich⸗Offenbach, der damals noch in Forst war, als Zeuge erklärte, daß er, nicht Perner den Artikel verfaßt habe!— Eine zweite Anklage war gegen Perner wegen„Aufreizung“ erhoben, die in dem Artikel vom roten Sonntag (21. Januar) enthalten sein soll. Hter bean⸗ tragle der Staatsanwalt 1 Jahr Gefängnis! Das Urteil lautete auf 400 Mk. Geldstrafe.— Genosse Albert von der Breslauer„Volks⸗ wacht“ erhielt ebenfalls 300 Mk. Geldstrafe wegen seiner Rede am 1. Mat, in der er auch „aufgereizt“ haben soll.— Im Monat Mal allein wurden 2 Jahre 10% Monate Gefängnis über Sozialdemokraten verhängt!
Ein sächsisches Polizeistück.
Einen unerhörten Eingriff in das Streikrecht der Arbeiter hat sich wieder einmal die Zwickauer Polizei erlaubt. Dort stehen die Maurer seit einigen Wochen im Ausstande. Sie kämpfen um menschenwürdigen Lohn und kürzere Arbeitszeit. Bis in die letzten Tage stand die Sache der Streikenden sehr gut. Jetzt versucht plötzlich die Zwickauer Poltzei, den bedrängten Baumeistern in einer Weise zu Hilfe zu kommen, die zu dem schär sten Protest herausfordert. Sie hat den Streik für erloschen erklärt und gleichzeitig die Streikleitung auf⸗ gelöst und begründet diese unglaubliche Maß⸗ nahme damit: Nach ihren Erhebungen seien die meisten der Streikenden abgereist und andere Maurer seien an deren Stellen eingetreten, so daß eigentlich nur noch„die für die Agitation tätigen Maurer“ sich im Streik befänden. Dar⸗ aus habe die Polizei die Ueberzeugung gewonnen, daß der„Streik erloschen“ und eine Streikleitung nicht mehr nötig sei. Letztere wird daher aufgelöst unter Androhung einer Haft von 14 Tagen für den einzelnen Fall einer versuchten weileren Betätigung. Eine ähnliche Verfügung ist auch dem Parteiwirt des Belvedere, Genossen Seifert, zugegangen, worin ihm verboten wird, sein Lokal der Streik⸗ leitung weiter zu überlassen..
Die Zwickauer Maurer streiken natürlich unbekümmert um die polizeiliche Verfügung weiter. Inzwischen hat die Zwickauer Arbeiter⸗ schaft bereits am vorigen Samstag(9. Juni) u dieser neuesten Arbeiterentrechtung in einer Protestversammlung Stellung genommen, um der Polizeibehörde zu zeigen, daß die Arbeiterschaft sich dagegen zu wehren versteht.
Offliziersehre.
Welche merkwürdigen, für andere Menschen unverständlichen Ehrbegriffe in Offizierskreisen herrschen, das zeigt die Aussage eines militä⸗ rischen Sachverständigen, des Oberstleutnants Wick, in dem Prozesse, der dieser Tage in Herne gegen den Oberst Hüger geführt wird. Am Samgtag sagte der genannte Offtzier wört⸗ lich:„Man unterscheidet in der preußischen Armee zwischen einer äußerlichen und einer innerlichen Ehre. Wenn z. B. ein Offizier die Frau eines Kameraden verführt, so hat er noch seine Ehre und es steht ihm fret, diesen zu fordern.“
In der vielverlästerten Sozialdemokratie herrschen darüber ganz andere Anschauungen, da hält man die Verführer für ehrlose Kerle. Mag sein, daß dies plebejtsche Ehrbegriffe sind.
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