Ausgabe 
16.9.1906
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zzunng.

Nr. 37.

wiegend die breiten und minderbemittelten bezw. armen Volksmassen treffen; oder wie die geforderte Erhöhung der Tabaksteuer, außerdem noch den Ruin tausender kleingewerblicher und proletarischer Existenzen bedeutet haben würde. Und die Behandlung der Steuervorlagen durch den Reich sztag bewies, daß die Mehrheitsparteien für eine solche Sorte Steuerpolitik Verständnis hatte, sie auch in der Tat umsetzte.

Unser Feaktionsredner zur Generaldebatte bekämpfte aufs schärfste diese Steuerpolitik, wie die Finanzmiß⸗ wirtschaft überhaupt, ebenso auch die unerträglich ge⸗ steigerten Ausgaben für den Militarismus und Mari⸗ nismus und zerstörte dabei die demagogische Legende, die Vergrößerung der Flotte liege im Interesse der weiteren Entwickelung des Handels und der deutschen Industrie.

Beim Etat des Reichskanzlers stand die Marokkoaffäre im Vordergrund. Die einleitende Rede des Reichskanzlers speiste den Reichstag ebenso notdürftig ab wie das Weißbuch, dessen inhaltliche Kläglichkeit unser Redner treffend kennzeichnete. Während dem fran⸗ zösischen Parlament über diese A äre, die beinahe zu einem schweren Krieg geführt hat, 366 Aktenstücke vor⸗ gelegt worden sind, mußte sich das deutsche Reichs⸗ parlament mit 27 Aktenstücken begnügen und dazu noch den nichtssagendsten. Der in allen Fragen der auswärtigen Politik so unendlich bescheidene Reichstag ist ja, wie die Regierung weiß, schon zufriedengestellt, wenn ihm überhaupt ein paar armselige Mitteilungen über die äußere politische Situation gemacht werden. Und Fürst Bülow versteht es, in schön gedrechselten Sätzen nichts von Belang über die auswärtige Politik zu sagen. Das Schlimmste im Verlauf dieser Affäre, mit ihrem für die deutsche Politik so unrühmlichen Abschluß auf der Konferenz in Algeciras, war, wie unser Redner her⸗ vorhob, daß aller Welt sichtbar die isolierte Lage Deutsch⸗ lands klar vor Augen geführt worden ist. Die Politik, überall hin mit hochtönenden Worten Versprechungen zu machen, ohne sie zu halten und halten zu können, hat mit die Isolierung Deutschlands geschaffen.

Beim Etat des Auswärtigen Amtes wurde die skandalöse Behandlung des holländischen Anarchisten Domela Nieuvenhuis verurteilt, die für Deutsch⸗ land als Kulturstaat einfach eine Schmach war. Ein Geheimrat blamierte in seiner Antwort die Regierung so, daß die Blamage als eine Art Sühne für die an Nieuvenhuis begangene Unbill betrachtet werden kann.

Etat des Reichsamt des Innern. Die Beratung dieses Etats hat in den letzen Jahren zu steigend heftigeren Debatten geführt; einmal, weil das bißchen Sozialreform, mit der die Regierung und die bürgerlichen Parteien so marktschreierisch hausieren gehen, ziemlich zum Stillstand gekommen ist, dann aber auch, weil die schweren Mängel, die den bestehenden sozial⸗ politischen Gesetzen, besonders den Arbefterschutz⸗ gesetzen, anhaften, sich immer klaffender offenbaren, und Regierung und Reichstag blutwenig oder gar nichts tun, um diese Mängel zu beseitigen. Selbstverständlich muß angesichts dieser Tatsachen die sozialdemokratische Kritik eine sehr scharfe werden, wie es unsere Redner auch pflichtgemäß nie unterlassen, das Elend der deutschen Sozialreform zu zeigen und vor allem zu betonen, daß mit der von der bürgerlichen Mehrheit praktizierten sozial⸗

politischen Flickschusterei nie eine vernünftige Arbeiter⸗

schutzgesetzgebung geschaffen werden kann, als deren Fundament volles und freies Koalitionsrecht zu betrachten ist. Und das fehlt in Deutschland für die Arbeiter. Den Mehrheits parteien sind diese Tatsachen bekannt, ihre Neigung jedoch, sie im Interesse der Arbeiter zu ändern, ist noch geringer ge⸗ worden, als sie ohnehin schon war. Statt beim Etat des Reichsamt des Innern ernstgemeinte und ehrliche Beratung zu pflegen, wie die Mängel beseitigt, die sehr ungenügenden Arbeiterschutzgesetze zweckmäßig ausgebaut werden können, inszenieren die bürgerlichen Wortführer alljährlich eine Sozialistendebatte niedrigster Art, und keine Verdächtigung und keine Behauptung ist ihnen dabei zu gewagt, auch wenn ihre Unwahrhafligkeit auf der Hand liegt. Wir erinnern nur an die frivole Hetze gegen die Krankenkassenverwaltungen, die unter freisinniger Führung und dem Beifallsjubel der Mehrheitsparteien speziell im verflossenen Sessions⸗ abschnitt betrieben worden ist, in der ausgesprochenen Absicht, das Selbstverwaltungsrecht der Ortskrankenkassen zu vernichten, die Arbeiter auch bei dieser Institution zu möglichst großer Einflußlosigkeit zu verdammen. Nicht minder frivol wurde gegen die Gewerkschafts be⸗ wegung gehetzt, mit ebenso unwahren wie phantastisch ausgemalten Märchen über den angeblichen Terrorismus, den streikende Arbeiter ausüben sollen. Dagegen wurden die immer mehr sich häufenden wirklichen terroristischen Akte der Unternehmerverbände entweder mit beredtem Schweigen übergangen oder direkt lobend hervorgehoben. Man versuchte das ohnehin ungenügende Unfallver⸗ sicherungs⸗Gesetz noch zu verschlechtern, und für Beein⸗ trächtigungen der Erwerbsunfähigkeit unter 20 Proz. kleine Rente mehr zu zahlen. Diesem fanatisch⸗arbeiter⸗ seindlichen Kesseltreiben dienten unsere Redner nicht nur mit der gebührenden Antwort, sondern sie betonten und

vertraten um so kräftiger die Forderungen der Arbeiter⸗ schaft auf sozialpolitischem Gebiete durch die Wucht ein⸗ wandsfreier Argumente.

Verschiedene von unserer Fraktion gestellten Anträge, die auf besseren Arbeiterschutz besonders im Bergbetriebe abzielten, wurden abgelehnt. Dagegen hatten unsere Genossen Erfolg mit einer Resolutton, die eine Unter⸗ suchung über die Arbeitsverhältnisse in der Großeisen⸗

industrie verlangt. Schluß folgt.)

Von Nah und Fern.

Chikagoer Praktiken eines adligen Agrariers.

Der Rittergutsbesitzer Karl Maximilian Freiherr von Fritsch auf Rittergut Zschochau bei Lommatsch(Sachsen) war vom Amtsgericht zu Lommatsch wegen Betruges in drei Fällen und Uebertretung des Reichsgesetzes vom 3. Juli 1906 zu 80 Mark Geldstrafe ver⸗ urteilt worden. Der Freiherr war schuldig befunden worden, das Fleisch eines erkrankten Kalbes als vollwertig verkauft und die Käufer nicht darauf aufmerksam gemacht zu haben, daß eine Notschlachtung vorgenommen worden war. Gegen das Urteil des Amts⸗ gerichts Lommatsch hatte der Freiherr Berufung eingelegt. Das Landgericht Dresden als Be⸗ rufungsinstanz sprach ihn auf Grund der er⸗ neuten Beweisaufnahme frei und erkannte nur wegen Uebertretung des Reichsgesetzes vom 3. Juli 1906 auf eine Geldstrafe von 10 Mark. Na, also. Es war bloß dieplumpe Sprache des Amtsgerichts, die es Betrügen nannte, wenn der edle Freiherr krankes Fleisch statt gesundes verkaufte, während er doch nur dem Volke eine Wohltat erzeigen und die Fleischnot nicht noch vergrößern wollte!

Ein Graf als Streikposten.

In der Liste der streikenden Kohlenakkord⸗ arbeiter vom Görlitzer Bahnhof in Berlin berichten die Zeitungen findet sich auch der Name eines Grafen verzeichnet. Der Graf war ein flotter Offtzier, der sein Leben iu vollen Zügen genoß und es toller trieb, als alle seine Kameraden, so toll, daß schließlich die väter⸗ liche Börse und die Hilfe der Verwandten nicht ausreichten, um ihn über Wasser zu halten. Der Graf wurde schließlich aus dem Regiment ausgestoßen, er ging aber nicht, wie seine bis⸗ herigen Freunde erwartet hatten, nach Amerika, um dort Kellner zu werden, sondern verwertete seine großen Körperkräfte als Kohlenträger am Görlitzer Bahnhof. Er fühlte sich in seinem jetzigen Beruf ganz wohl. Bei seinen jetzigen Kollegen ist er wegen seines gefälligen Wesens sehr beliebt; als der Streik proklamiert wurde, machte er gleichfalls mit. Er versieht jetzt seinen Dienst als Streikposten. Der frühere Offizier beweist also, daß er sich nach stürmisch verlebter Jugend doch zu einem tüchtigen Manne entwickelt hat. Seinen Namen verschweigen jene bürgerlichen Blätter, wohl hauptsächlich aus Rücksicht auf seine Verwandten?

2

Eine alte Frau. Von A. R.

Der Weg zur Stadt war weit. Marie achtete nicht mehr auf den langen, langen Weg, der staubig und hell zwischen hohen Pappeln durch grüne und gelbe Wiesen führte. Einmal hatte der Weg ein Ende, am Mittag in dem Torbogen der kleinen Wirtschaft neben dem Rathaus und abends bei dem niedrigen Häuschen am Ausgang eines Dorfes. Die Frau besorgte

Pakete nach diesen beiden Orten und fuhr mit Der war gerade so ge⸗ Und Nero zog

einem kleinen Wagen. brechlich wie die alte Frau.

den Wagen. Der Hund war stark und gut und ging schnell auf der ebenen Straße. Die blanke Kette an seinem Halse klirrte leise. Die Frau schaute mit Liebe auf den großen, braunen Hund, und sie rief ihn beim Namen. Es war ein weicher Klang in der Stimme. So rufen Mütter in Feierstunden ihre Kinder, um ihnen ein wenig ins Sesicht zu sehen und über das Haar zu streichen und sich zu freuen. Der Hund wandte den großen Kopf nach dem Weib⸗ lein und sah mit klugen treuen Augen nach Marie und nickte. Die Frau nickte auch mit ihrem grauen Kopf und sah den Hund ereundlich an. Das tat sie oft. wieder auf die staubige Straße.

Heute war viel zu besorgen. Marie hatte noch zwei Körbe mit einem Strick hinten am Wagen festmachen müssen. Es wird wohl Nacht werden bis zu ihrer Heimkehr. Aber Marie fürchtete sich nicht. Ihre Lieben waren fern oder lagen auf dem stillen Friedhof, und blaue Schwertlilten und Immergrün wuchsen auf den eingesunkenen Gräbern. Für Marie waren die Fernen und die Toten immer nahe und auf ihren langen einsamen Wegen redete ste mit ihnen. Die Leute wunderten sich darüber, blieben stehen, wenn sie vorbei fuhr und sprachen:Die alte Frau! sie ist doch ganz lindisch geworden. Aber sie gaben der alten Frau gern ihre Be⸗ sorgungen, weil sie immer freundlich war und nie etwas vergaß. Und denn hatte Marie den Hund, der ging doch auch mit nach Hause. Da brauchte man sich nicht zu fürchten; der Hund ging ja mit.

So dachte Marie und kam in die Stadt. Die war voll Lärm; die Menschen hatten keine

Zeit, und flinke Wagen fuhren auf blanken

Schienen. Der Weg zum Rathaus wurde steil, und Marie ruhte etwas und der Hund auch. Ein Schutzmann drängte zum Weiterfahren, und das Weiblein ging zu dem Hund. Der war müde und atmete schnell, und die Zunge hing rot und lang aus seinem Maule. Marie griff mit ihren schwachen, alten Händen nach einer blanken Zugkette und zog mit Nero, und Mensch und Tier hielten die Köpfe tief. Langsam drehten sich die Räder.

Studenten fuhren auf einem Sommerwagen vorüber. Neben dem Kutscher lagen leere Fässer, und die Pferde und die jungen, frohen Menschen trugen grüne, lustige Reiser. Die Studenten sangen und lachten über das Gespann und einer, der den Takt zu dem Liede schlug, warf mit einem Tannenzapfen nach den beiden. Der Hund knurrte und schaute mit einem bösen, schiefen Blick nach der fröhlichen Gesellschaft.

Sei ruhig, Nero, ruhig; sie haben mich getroffen; dir sollen sie nichts tun; komm, zieh nur; bald sind wir oben, zieh nur. Laß ste werfen; jetzt werfen sie alle mit Tannenzapfen. Da können wir uns nicht wehren, und wie sie lachen. Das ist die Ingend, sei still, Nero.

Eine feine Röte lag über dem runzeligen Gesicht der Frau; sie blickte nicht auf, und der Wagen mit den Studenten fuhr vorüber.

Nero hielt treue Wacht bet dem Wagen im Torbogen, und die Frau ging mit eiligem, kurzem Schritt an den bunten Schcufenern entlang und machte die Besorgungen. Dann aßen sie zusammen und gingen den langen Weg zurück und kamen an das kleine Haus. Es war gerade Nacht geworden.

Die beiden ruhten von dem Wege, und der Hund hatte seinen Kopf auf die Knie der Frau gelegt. Das tat er jeden Abend.

Da ruhe dich nur, mein guter Kerl; du hast mich gern und kommst immer zu mir. Die andern sind gestorben. Und meine Tochter ist davongelaufen, nur du bleibst bei mir.

Und sie legte ihre Hände um den Hundekopf und strich leicht über die langen Ohren, und es war ganz still in dem Zimmer.

Der Hund schloß von Zeit zu Zeit die Augen. Eine Uhr meldete mit heiserem Schlag eine späte Stunde. 5

Nun müssen wir schlafen, gelt, und müde sind wir, aber nicht davon träumen, daß sie uns geworfen haben, gelt, und nun geh und E und morgen gehen wir wieder in die

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Dann schauten beide

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