Ausgabe 
15.4.1906
 
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eeite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zenung.

Von Uah und Fern.

30 Menschen unter Trümmern.

Eine schreckliche Katastrophe, die einem halben Hundert Menschen das Leben kostete, ereignete sich Donnerstag voriger Woche in dem württem⸗ bergischen Städtchen Nagold. Dort stürzte das Gasthauszum Hirsch, worin sich weit über 200 Menschen befanden, zusammen, alles unter seinen Trümmern begrabend. Das Haus wurde von einem Bauunternehmer, namens Rückgauer um ein Stockwerk gehoben, weil man Raum zu einem Saale gewinnen wollte. Solche Haushebungen hat der Unternehmer schon mehrfach ausgeführt und er scheint seinem Sy stem allzuviel Vertrauen geschenkt zu haben. er unterließ die einsachsten und selbstverständ lichsten Vorsichtsmaßregeln; anstatt daß während der Arbeit das Betreten des Gebäudes unter⸗ sagt worden wäre, lud man eine große Anzahl von Personen ein, zur Feier, daß die Hebung vollendet war. Als das Unglück geschah, war die Wirtschaft in vollem Betriebe. Die Hebungs⸗ arbeiten waren noch im Gange, als man einen Riß bemerkte, worauf das Kommando Halt! ertönte. In demselben Augenblick stürzte das Haus in sich zusammen. Es sind 50 Tote ge⸗ zählt, mehr als 100 schwer und leicht Verletzte. Die Leichen sind gräßlich verstümmelt und ihr Aussehen läßt auf fürchtbare Todesqualen schließen. Die Ursache des Unglücks wird von den Beteiligten in der Weise angegeben, daß beim Heben des Baues von den 80 Schrauben nicht alle gleichmäßig angetrieben worden seien und der hintere Teil des Hauses etwas lang⸗ samer in die Höhe ging als der übrige Teil. Als man an dieser Stelle die Schrauben etwas stärker antreiben ließ, bekam das Haus das Uebergewicht nach vorne und stürzte nach der Vorderseite hinüber. Etwa eine bis zwei Se⸗ kunden lang schwankte der Giebel des Hauses, und alsdann stürzte es unter einer furchtbaren Wolke Staubes, die jedes Sehen unmöglich machte, mit dumpfem Krachen ein. Gegen den Unternehmer ist eine Untersuchung eingeleitet.

Geborstene Zentrums ⸗Ordnungssäule.

Gegen den Münchener Stadtverordneten Peter Stadlmaier hat der Münchener Staatsanwalt ein Verfahren wegen Mein eids⸗ Verleitung, Notzucht und Wucher ein⸗ geleitet. Dieser Wackere zeichnete sich im Ge meindekollegium durch große Schweigsamkeit, dann aber auch durch einen besonderen Haß gegen dieSozi und gelegentlich durch mucke⸗ lische Redeanwandlungen für die Sittlichkeit und Moral aus. Herr Stadlmaier soll schon seinen Koffer gepackt haben, um den Staub des schönen Bayerlandes von seinen Pantoffeln zu schütteln. Hoffentlich läßt er dem Staatsan⸗ walt seine neue Adresse zukommen.

Bestechlicher Richter.

Der vor einigen Wochen vom Landgericht in Beuthen(Oberschlesten) wegen Betrugs verurteilte Landgerichtsnrat Blumenberg wird sich noch kor dem Schwurgericht wegen schwerer Amts verbrechen zu verantworten haben. In seiner früheren Eigenschaft als Vorsitzender einer Zivilkammer ist Blumenberg, wie sich nun ergeben hat, der Bestechlichkeit zugänglich gewesen. Er hat von Parteien, zu deren Gunsten er eine Urteilssprechung herbeigeführt hatte, mehrfach größere Geldbeträge entgegen⸗ genommen.

Paläste für Katzen!

Zum besseren Verständnis unserer heutigen Welkordnung, die unzählige Proletarier zwingt, bei Wind und Wetter im Freien zu schlafen, diene folgende Notiz, die bürgerliche Blätter bringen: Das Heim, das die 26 Katzen der Prinzessin Viktoria von Schleswig⸗Holstein im Windsor⸗Park bewohnen, ist ein schöner zwei⸗ stöckiger Bau, der keinem besseren Wohnhaus an Komfort nachsteht. Er hat zwei Fenster im n und zwei im ersten Stock; beide Stockwerke sind durch eine Leiter verbunden, und wenn die Katzen zu Bett gehen wollen, steigen ste die Leiter empor und finden oben

ein bequem eingerichtetes Schlafzimmer, in dem jede Katze ihre Bettstelle und ihre Betten hat.

Alle die Bewohner dieses Katzenhauses sind

preisgekrönte Chinchilla- und Perser-Katzen. Die schönste unter allen Katzen der Prinzessin, die Chinchilla⸗KatzePuck, wohnt in einem besonderen Hause, und ein genaues Verzeichnis über alle bei Ausstellungen von ihr gewonnenen Preise ist als stolzeste Zier darin angeschlagen. Bei zaltem Wetter werden die Betten der Katzen mit Wärmflaschen angewärmt, damit sie sich nicht erkälten, und ist überhaupt in jeder Be⸗ ziehung für ihre Bequemlichkeit gesorgt.

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2 U. . Anterhaltungs Teil. Rͤ 4 Enfant perdu.

Verlorner Posten in dem Freiheitskriege, Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege, Ich wußte, nie komm' ich gesund nach Haus.

Ich wachte Tag und Nacht ich konnt' nicht

schlafen,

Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar (Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war.)

In jenen Nächten hat Langweil' ergriffen

Mich oft, auch Furcht(nur Narren fürchten nichts)

Sie zu verscheuchen, hab' ich dann gepfiffen

Die frechen Reime eines Spottgedichts.

Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme, Und nahte irgend ein verdächt'ger Gauch,

So schoß ich gut und jagt' ihm eine warme, Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch.

Mitunter freilich möcht' es sich ereignen,

Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut Zu schießen wußte ach, ich kann's nicht leugnen, Die Wunden klaffen es verströmt mein Blut. Ein Posten ist vakant! Die Wunden klaffen Der eine fällt, die andern rücken nach

Doch fall' ich unbesiegt, und meine Waffen

Sind nicht gebrochen Nur mein Herze brach.

*) Verlorenes Kind. Heinrich Heine.

Der Bräutigam. Episode aus der Zeit der großen Revolution. Nacherzählt von H. Devidee.

Das schöne Fräulein Celine von Keriac war einer Ohnmacht nahe, als ste erfuhr, daß ihr Bräutigam, der Vicomte von Brussac, gefäng⸗ lich eingezogen und zum Tode verurteilt worden

war. Aber tapfer kämpfte ste den Schwäche⸗ aufall nieder, bedurfte sie doch ihrer ganzen Geisteskraft, um ihren Verlobten zu retten, denn das wünschte, wollte sie. Und sie sann. Was tun? Sollte sie versuchen die Wachen zu bestechen, in seinen Kerker zu dringen? Ach sie wußte, daß das unmöglich war. Sollte sie zu ihm, dem Machthaber, gehen und ihn kniefällig um Gnade anuflehen? Ach, Robespierre war als unerbittlich, unzugänglich bekannt.

Da kam ihr plötzlich eine Eingebung; Paul, ihr Jugendgenosse und Spielgefährte, der Sohn ihrer Amme, war jetzt der Freund Robespierres, seine rechte Hand, und was ihr, dem adeligen Fräulein, nicht gelingen würde, das kounte er, das Kind aus dem Volke, vollbringen; ja, Paul mußte helfen! Ob er aber auch wollte?

Kein Zweifel! Ste waren zusammen auf⸗ gewachsen, hatten als Kinder miteinander ge⸗ spielt und immer gute Kameradschaft gehalten. O, sie erinnerte sich, er war stets ihr Ritter ge⸗ wesen, der ihre Farben trug und jeden ihrer oft recht kindischen Wünsche erfüllte. Nein, Paul wird sich nicht geändert haben, er war ihr ge⸗ wiß noch treu ergeben, wenn sie auch längst durch die Umstände getrennt und Jahre über ihre Kinderspliele dahingegangen waren.

Rasch entschlosfen machte sich das Fräulein von Keriac auf den Weg. Ein freudiger Schreck durchfuhr den Freund Robespierres, als ihm gemeldet wurde, daß ihn dieBürgerin Keriac zu sprechen wünsche.

Celine! jubelte sein Herz, und froh be⸗ wegt eilte er ihre entgegen. Aber ihr Aussehen erschreckte ihn.

Celine, was ist geschehen? Was führt Sie zu mir? i

Paul, entgegnete ste,erinnern Sie sich noch unserer Kinderjahre?

Ob ich daran denke! Meine liebste, schönste Erinnerung ist die kleine Celine, die ich gegen Drachen und Räuber verteidigte!

Erinnern Sie sich auch, daß Sie mir schwuren, alle meine Wünsche zu erfüllen?!

Gewiß, und Celinchen begehrte nichts Ge⸗ ringes; bald sollte ich Löwen und Bären be⸗ zwingen, bald goldene und silberne Aepfel ee

1 215 Fräulein von Keriac mußte unwillkürlich

ächeln.

gO, sagte sie,ich verlangte auch erreichbare nge.

Das wohl, aber die schwierigen Aufgaben reizten mich; denn für die Erfüllung wollte Celine meine Frau werden.

Das Fräulein von Keriac errötete, doch erwiderte sie nichts, sie sagte nur:

Ich komme heute als Bittende zu Ihnen, Paul. Im Namen unsrer gemeinsamen Jugend⸗ erinnerungen bitte, beschwöre ich Sie...

O, Celine, Sie wissen, daß Sie über mich verfügen können.

Retten Sie meinen Bräutigam!

Pauls Gesicht verfinsterte sich.

O, ich vergaß ganz, daß das Fräulein von Keriac verlobt ist, sagte er bitter, und leiser fügte er hinzu:Das trieb mich ja aus der Heimat fort... Celine, fragte er nach einer kurzen Pause,lieben Sie denn den Vicomte von Brussac? a

Das Fräulein von Keriac warf den Kopf zurück und sagte hochfahrenden Tones:

Er ist mein Bräutigan-!

Paul verneigte sich.

Ich will mein möglichstes tun, sagte er einfach. Celine streckte ihm die Hand entgegen.

Dank, tausend Dank, ich wußte es ja, daß mein Ritter mir beistehen, mir helfen würde!

Paul hatte sich abgewendet und tat, als bemerke er die dargereichte Hand nicht.

Ich will mich sogleich zu Robesplerre be⸗ geben, sagte er und verneigte sich förmlich, zum Zeichen, daß Celine entlassen war.

Das schöne Fräulein von Keriac war über Pauls verändertes Wesen genz bestürzt und mit einem leise geflüstertenDank entfernte ste fich. Als Paul allein war, fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, als wollte er böse Gedanken verscheuchen.

Sie liebt ihn, sagte er sich seufzend,es sei!

Und er begab sich zu Robespierre.

Freund, ich komme als Bittender: Gib mir einen Gefangenen frei.

Du bittest, Paul? entgegnete der Gewaltige. Du hast noch nie einen Wunsch geäußert. Einen Gefangenen willst Du? Zehn für einen 90 vorausgesetzt, daß sie nichts zu bedeuten aben.

O, er ist höchst unbedeutend: der ehemalige Vicomte von Brussac.

Brussac! rief Robespierre,dieser Schurke, der seine Bauern bis zur Erschöpfung aus⸗ beutete, die Weiber verführte, die Kinder miß. handelte diesen Elenden willst Du losbitten! Aber er hat ja den Tod hundertfach verdient!

Celine liebt ihn, sagte Paul leise, fast unhörbar. l

Aber Robespierre hatte ihn doch gehört. Er sah Paul halb bewundernd, halb mitleidig an, zuckte die Achseln und dachte:

Sonderbarer Kauz; statt froh zu sein, daß man ihn des Nebenbuhlers entledigt. Laut aber sagte er: 1

Es tut mir leid, Paul, verlange von mir, was Du willst, aber Brussac kann, darf ich nicht freigeben. 15