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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung.
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— Eine Landtagsersatzwahl ist in Darmstadt an Stelle des ausscheidenden Nationalliberalen Buff vorzunehmen. Vor⸗ aussichtlich wird der zweite Bürgermeister in Darmstadt, Dr. Glässing, gewählt.
— Wegen Streikbrecher-Belei⸗ digung wurde der Gewerkschaftssekretär Genosse Engelmann in Worms zu einer Woche Gefängnis verurteilt, obwohl der angeblich Belästigte erklärte, nicht beleidigt worden zu sein. Engelmann hat natürlich Berufung ergriffen. g
— Die Affäre Chelius hat durch den Selbstmord des Verurteilten einen tragischen Abschluß gefunden. Am Freitag früh fand ihn der Gefangenen⸗Aufseher in seiner Zelle er⸗ hängt vor. Außerdem hatte sich Chelius mit einer in seinem Besttze befindlichen Scheere die Pulsadern zu öffnen versucht. Da das Urteil noch nicht rechtskräftig war, ist seiner Frau die Penston gestchert.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Gewerbegerichtswahlen in Gießen finden laut Bekanntmachung der Bürger⸗ meisterei am Samstag, 3. Februar von 12 Uhr mittags bis 8 Uhr abends für Arbeit⸗ geber und Arbeitnehmer statt. Von jeder Seite sind bekanntlich 12 Beisitzer auf 3 Jahre zu wählen. Die Wahl wird nach den Grund⸗ sätzen der Verhältniswahl vorgenommen. Es müssen daher bis spätestens Freitag, den 19. Januar Wahlvorschlagslisten, getrennt für Arbeitgeber und Arbeiter eingereicht werden. Jede Vorschlagsliste muß 12 Namen enthalten und muß von 20 Wahlberechtigten unterschrieben sein. Wahlberechtigt sind die Arbeitgeber und Arbeiter, die zur Zeit der Wahl das 25. Lebens⸗ jahr vollendet und im Gemeindebezirk der Stadt Gießen Wohnung oder Beschäftigung haben; wer zum Amt eines Schöffen unfähig ist, ist nicht wahlberechtigt. Wahlberechtigt als Ar⸗ beiter sind auch Werkmeister und mit höheren technischen Dienstleistungen betraute Angestellte, deren Jahresarbeitsverdlenst an Lohn oder Ge⸗ halt 2000 Mk. nicht übersteigt. Die der Zuständigkeit des Gewerbegerichts unterstellten Hausgewerbetreibenden sind, sofern sie selbst mindestens 2 Arbeiter regelmäßig das Jahr hindurch oder zu gewissen Zeiten des Jahres beschäftigen, als Arbeitgeber, andern⸗ falls als Arbeiter wahlberechtigt.
Wählbar sind solche Wahlberechtigte, die das 30. Lebensjahr vollendet haben.—
Bis zur Wahl ist also nicht mehr viel Zeit übrig; unsere Gewerkschaften müssen sich daher mit der Aufstellung von Kandidatenlisten beeilen. — Vor drei Jahren wurden auf Seite der Arbeiter für die Liste der Freien Gewerkschaften 763 Stimmen für die der Christlichen 69 ab⸗ gegeben.
Auch diesmal werden sich allem Anschein nach die Christlichen mit einer selbständigen Liste beteiligen, denn von einem Wahlkomite werden alle„nationalen“ Arbeiter auf Sonntag bei Sauer am Oswaldsgarten zu einer Ver⸗ sammlung eingeladen.
— Antisemitische Großmäulich⸗ keit. Das Friedberger Hirschelblatt druckt ein albernes Machwerk des„Kladderadatsch“ nach, in dem in Form eines Briefes des rus⸗ sischen Priesters Gapon— für den wir neben⸗ bei bemerkt sehr 2 Sympathie haben— an unsere Genossin Luxemburg, dieser und Stadthagen der Vorwurf der Feigheit gemacht wird. Nun, beide, Frau Luxemburg und Stadt⸗ hagen haben schon viel mehr Mut bewiesen als eine ganze Anzahl Antisemitenhäuptlinge, die fast sämtlich lächerliche Figuren sind. Wie viele Sozialdemokraten haben sie beide für ihre Ueberzeugung lange Gefängnisstrafen ahgebüßt und kein solches Geschrei erhoben ols es z. B. wegen Köhlers lumpige drei Monate in der antisemitischen Presse geschah. Und wie rissen ste aus, die judenfresserischen Helden! Die Pückler, Böckler und viele andere bestätigten, daß bet den Antisemiten⸗Häuptlingen stets das Maul größer ist als der Mut.
— Patriotischer Schwindel. Der „Gießener Anz.“ druckt, wie alle„Ordnungs⸗“ blätter einen Erguß der„Nordd. Allg. Ztg.“ nach, worin in bekannter Weise behauptet wird, daß die französische Sozialdemokratie viel patrio⸗ tischer, beileibe nicht so vaterlandslos set, als die deutsche. Jaurès habe die Armee im Gegen⸗ satz zu Bebel für notwendig erklärt ꝛc. Das ist, wie gesagt, eine alte Geschichte: in Deutschland werden den Sozialdemokraten immer ihre fran⸗ zöstschen Genossen als die patriotischen Muster⸗ knaben vorgeführt und in Frankreich machens die Ordnungsleute umgekehrt. Die deutsche und französtsche Sozialdemokratie sind in Be⸗ zug auf den Krieg vollkommen einer Meinung über dessen Verderblichkeit. Sie werden tun, was in ihren Kräften steht, zur Erhaltung des Friedens. Sie werden sich auch durch das Kriegsgeschrei, das verschiedene Ueberpatrioten jetzt erheben, nicht beirren lassen. Wir sind der Meinung, derjenige ist ein besserer Patriot, der den Krieg verhütet, als der dazu hetzt. Und wenn sogenannte Diplomaten ein Völkerblut⸗ bad anrichten wollen, so haben die Völker recht, wenn sie nicht mittun. Schwindel ist nur, wenn behauptet wird, Bebel habe die Soldaten zur„Fahnenflucht“ verleiten wollen.
— Die Freiheitskämpfe in Ruß⸗ land werden von unseren Parteigenossen mit lebhaftem Interesse verfolgt. Es war daher ein ganz guter Gedanke von dem Gewerkschafts⸗ kartell, einen Lichtbilder⸗Vortrag über die Er⸗ eignisse zu veranstalten. Wie bekannt, findet dieser Vortrag, gehalten von Herrn Ingenieur Grempe⸗Berlin, nächsten Donnerstag abends 9 Uhr im Café Leib statt und es darf wohl ein starker Besuch von Seiten der Gewerk⸗ schaften und Parteigenossen erwartet werden.
— Die Volksvorlesungen in Gießen beginnen Montag Abend in der Turnhalle der, Realschule(Eingang Ludwig⸗ straße) pünktlich ½ 9 Uhr. Herr Dr. Klein wird über:„Der alte Staat im 18. Jahr⸗ hundert“ sprechen. Eintritt ist frei für jeder⸗ mann; selbstverständlich sind auch Frauen als 8 erwünscht. Wir empfehlen unseren
esern den Besuch der Vorlesungen aufs Wärmste. Im Laufe der Wintermonate soll noch ein musikalischer Unterhaltungsabend veranstaltet werden.
— Gewerkschaftsversammlung. Die allgemeine Versammlung der Gewerkschaften Gießens ist auf Sonntag, den 14. Januar festgesetzt worden. Die einzelnen Gewerkschaften werden ersucht, von anderen Veranstaltungen an diesem Tage abzusehen.
— Das Fest der Freien Turner⸗ schaft am Samstag war sehr gut besucht und nahm den besten Verlauf. Es muß anerkannt werden, daß das reichhaltige Programm exakt durchgeführt wurde, die einzelnen Darbietungen wurden sehr beifällig aufgenommen. Nur sollte sich das Publikum daran gewöhnen, bei Ge⸗ sangs⸗ und Musikvorträgen mehr Ruhe zu be⸗ Aren und nicht durch laute Gespräche zu
ren.
— Selbstmor d. Am Dienstag fand man den Straßenkehrer Zinn erhängt in seiner Wohnung vor. Man vermutet, daß Kränklich⸗ keit den alleinstehenden Mann zu diesem Schritte veranlaßt hat.
Aus dem Rreise gießen.
—. Protestversammlungen gegen die Erhöhung der Tabaksteuer fanden dieser Tage in Leihgestern am Mittwoch, in Alten buseck am Donnerstag und in Heuchel⸗ heim am Samstag statt. In allen Versamm⸗ lungen hatte der Gauleiter des Tabakarbeiter⸗
verbandes Schnell aus Hanau das Referat.
Sehr gut war die Versammlung in Heuchel⸗ heim besucht, in den beiden ersten Orten ließ jedoch der Besuch zu wünschen übrig. Der Redner legte dar, wie schwer gerade die Aermsten wieder durch die neuen Steuern im Falle ihrer Annahme belastet würden. Nicht blos daß
man den Arbeitern die Lebens⸗ und Genuß⸗ mittel empfindlich verteuerte, es würden auch Tausende von Arbeitern arbeitslos, falls die Tabaksteuervorlage Gesetz würde.
Deshalb
müsse sich die Arbeiterschaft energisch wehren und sich vor allem der gewerkschaftlichen Or⸗ ganisation anschließen. Das set besonders in Unserer Gegend nötig, wo man in der Tabakin⸗ dustrie die jämmerlichsten Löhne bezahlt. Es wurde in allen Versammlungen eine Resolutton ange⸗ nommen, in der entschieden gegen die Erhöhung der Tabaksteuer protestiert wird.— Ju Heuchel⸗ heim folgten der Aufforderung des Referenten
dem Verbande beizutreten 21 Kollegen und
Kolleginnen. Mögen alle in der Tabakbranche beschäftigten Arbeiter endlich zur Erkenntnis kommen und die Sache der Organisation fördern helfen! Denjenigen, die noch nicht organistert sind, rufen wir zu: Schließt Euch an, denn 5 sind wir nichts, vereinigt aber eine
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* Watzenborn⸗Steinberg. Ein Familienzwist in der Familie Happel in Steinberg artete am dritten Weihnachtsfeiertag zu Tätlichkeiten aus. Die zwei Brüder Georg und Ludwig Happel drangen in das Zimmer ihres Vaters ein und verletzten ihn durch einen Schuß. Die Brüder wurden infolgedessen ver⸗ haftet und sitzen noch in Untersuchung. Am Montag nahm das Gericht den Tatort in Augen⸗ schein. Wie gesagt und auch im Anzeiger ge⸗ schrieben wurde, sollen die Beiden wegen Mord⸗ bersuch vor das Schwurgericht kommen. Nach⸗ dem, was wir darüber hörten, stellt sich die Geschichte nicht so schlimm dar. Der Vater soll den Strafantrag gegen seine Söhne zurück⸗ gezogen haben.
— Der Herr Pfarrer von Watzenborn⸗ Steinberg benutzte den Vorfall, den gewiß kein Mensch beschönigen wird und wir am aller⸗ wenigsten, im Konfirmandenunterricht dazu, gegen die Steinberger Einwohnerschaft gehörig zu wettern. Nach Bekundungen der Schüler soll er gesagt haben, früher sei Wieseck das roheste Dorf gewesen, jetzt sei es Steinberg. In Steinberg säßen Tag und Nacht die Wirts⸗ häuser voll, es würde dann über die Maßen getrunken, dann gings nach Haus und würde Streit gemacht. Wenn der Herr Pfarrer gegen den Alkoholismus und die Trinkeret sich wendet — ob's in Steinberg wirklich so ist, ist eine andere Frage— findet er unsere Zustimmung. Es geht aber doch nicht an, wegen des einen Falles über die Steinberger so zu urteilen. Er wird zugegeben, daß auch viele seiner Amts⸗ kollegen sich als sündhaft erweisen— wie viele sind schon wegen aller möglichen Verbrechen verurteilt worden!— trotzdem wird es keinem verständigen Menschen einfallen, alle Geistliche dafür verantwortlich zu machen.
— Holzhauer⸗Streikbrecher werden von der Forstbehörde in Oberhessen angeworben, um in Offen⸗ thal und Götzenhain im Kreise Offenbach den streikenden Holzhauern in den Rücken zu fallen. Es wird ihnen 1.20 Mk. pr. Meter bei freier Station versprochen, während die Streikenden nur 1.30 verlangen ohne Kost und Logis! Die Leute seien gewarnt!
aus dem Mxeise qriedberg⸗Püdingen.
v. Die Fortschrits⸗ und Lichtfeinde in Vilbel haben eine Niederlage erlitten. Der Kreisaus⸗ schuß in Friedberg wies den Pro test einer Anzahl Vilbeler Einwohner und auch Gemeindeväter gegen Er⸗ richtung eines Gaswerks in Gemeinde⸗Regie zurück. Begründet war der Protest mit der Motivierung, daß die Beschlüsse des Gemeinderats die Substanz des Ge⸗ meindevermögens schmälerten, indem die Hausanschlüsse umsonst gemacht werden sollen. Ferner wurde behauptet, das Produkt„Gas“ sei ein Konsumartikel wie Holz. Steinkohle usw. und könne nur auf gemeinsame Rechnung der Konsumenten errichtet und verwaltet werden. Im Laufe der Beratung wurde festgestellt, daß das Gaswerk 160000 Mk. kosten soll und der Voranschlag in Ein⸗ nahme und Ausgabe mit 24000 Mk. balanziere, und weiter, daß Vilbel jetzt durch 60 Petroleumlaternen er⸗ leuchtet wird, was 27 000 Mk. Ausgabe pro Jahr ver⸗ ursacht und daß 120 Gaslaternen projektiert selen, die 3000 Mk. Ausgabe erfordern werden. Das Urteil lautet: Die Beschwerde von Hinkel und Genossen, soweit sie sich gegen den Bau und Betrieb eines Gas werks durch die Gemeinde richtet, ist unzulässig. Der Ge⸗ meinde wird hiermit die Genehmigung erteilt, die Haus⸗ anschlüsse gratis auszuführen.— Damit ist eine Ange⸗ legenheit erledigt, die unseren Genossen zur größten Ehre gereicht. Hat man doch das sichere Empfinden, daß es 9 gekränkter Ehrgeiz war, der die Reklamanten beseelte.


