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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
— Nr. 32.
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Dienstbotensehlaf.
O, weckt sie nicht, ihr kommt vom Trinkgelage, Sie haben sich gemüht für euch bei Tage; Ihr leertet aus den Becher süßer Lust,
Sie stellten hin den bittern Kelch der Plage.
Legt Sanftmut auf die ungerechte Wage,
Daß euch nicht einst ihr blasses stummes Aug' Und ihrer Wangen Blässe furchtbar frage: Wer gab in eure Hand das Recht der Plage d Für euch nur raffen sie die Kraft so eilig
Im kurzen Schlaf zusammen— stört sie nicht! Auf ihren Stirnen steht es hundertzeilig: Dienstbotenschlaf ist heilig, dreimal heilig!
So heilig wie das Schwert des müden Kriegers, So heilig wie das Selt ruhmvollen Siegers Und wie der Stab, daran zusammenbricht Vom letzten Kampf die Kraft des Unterliegers.
Legt Sanftmut auf die ungerechte Wage!
O, weckt sie nicht— ihr kommt vom Trinkgelage,
Geht leisen Schritts, reißt an der Glocke nicht—
Wer gab in eure Hand das Recht der Plage d Moritz Hartmann.
Die verarmten.
Blühend und duftend, prangend in ihrer ganzen Maienpracht lagen die Gärten am Kur⸗ fürstendamm; Goldlack, Narzissen, Stiefmütter⸗ chen und Vergißmeinnicht leuchteten wie funkelnde Edelsteine aus dem Smaragdgrün des jungen Rasens, der Faulbaum hing voll weißer Trauben, an den Fliederbüschen sprangen die ersten Blüten, und über allem warmer, lachender Sonnenschein.
Ja es war wundervoll!
Marie blieb einen Augenblick stehen, ließ das Auge entzückt über all die Pracht schweifen und atmete die frische, reine Luft in vollen Zügen ein. Das war hier ein anderes Wandern als drinn in der Markusstraße. Wer hier wohnen konnte! Wer überhaupt so hinaus konnte in den Frühling, aufs Land!
Na, vielleicht können sie es nun auch einmal. Sie seufzte schwer, und über ihr Gesicht ging ein sorgenvoller Zug, verschwand aber auch so⸗ fort wieder. Ach gewiß können ste! Tante Wanda würde das Geld schon geben; wenn sie hörte, daß Max so krank war und daß er unbedingt hinaus müßte, um die schwachen Lungen wieder zu kräftigen, konnte sie doch nicht nein sagen, sie konnte doch den Sohn ihrer einzigen Schwester nicht verlassen! Nein, nein, ste war ja immer gut gewesen. Und Marie beflügelte ihren Schritt, schon nach wenigen Minuten hatte stie das elegante Haus an der Uhlandstraße erreicht. a
Eine Zofe mit koketter weißer Schürze und ebensolchem Häubchen öffnete.
„Ja, die gnädige Frau war zu Hause— aber ob auch zu sprechen?...“
Etwas herablassend maß das Mädchen die 9 55 gekleidete junge Frau: Na, sie wollte ehen.
Eine Flucht eleganter Salons, Teppiche, in denen der Fuß versank; schwellende Polster, geschnitzte Möbel, Gemälde erster Meister. Marte hielt unwillkürlich den Fuß an, es überkam sie wie eine geheime Scheu, aber sie schüttelte sie rasch ab. Ach was! Es war doch ihre Tante, und wenn sie zehnmal hier in Prunk und Reichtum saß. Gut, daß sie da saß, nun konnte sie wenigstens helfen, daß ihr armer kranker Mann wieder gesund wurde.
„Na Mariechen, wirklich? Was führt Dich denn hierher?“ 5
Eine Stimme schreckte sie aus ihren Träumen auf. Tante Wanda stand vor ihr und streckte ihr die Hand entgegen:„Setze Dich, Du warst ja so lange nicht hier?“
„Ja, Du weißt ja, Tante, Max war krank, er hat beinah sieben Wochen gelegen. Lungen⸗ entzündung und anderes dazu...“
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„Ja eben, Du schriebst davon.“ Frau Wanda nickte...„Ich wär' ganz gern mal hinge⸗ kommen, aber Du weißt ja, meine Verpflichtungen, alle Tage muß man wo anders hin, und Ihr wohnt ja auch zu entfernt, in einer geradezu unmöglichen Gegend.“
„Schön ist sie nicht,“ sagte Marie.
„Mehr als das, scheußlich ist sie! Und die Luft da bei Euch— ekelhatt! Ich hab' noch von meinem einzigen Besuch bei Euch genug. Da muß der Mensch ja krank werden.“
„Davon ist es bei Max nicht gekommen.“ Marie schüttelte den Kopf.„Ueberanstrengung; er hat Ueberstunden gemacht im Kontor, um ein paar Taler mehr zu verdienen. Aber frei⸗ lich, die Luft kommt noch dazu.— Der Doktor hat auch gesagt, er müßte aus der Luft raus...“
„Da hat Euer Doktor auch sehr recht,“ stimmte Tante Wanda zu.„Und obenein nach solcher schweren Krankheit! Und jetzt im Sommer. Geht nur aufs Land! Urlaub bekommt er ja doch?“
„Gewiß, den bekommt er.“ Marie sah vor sich hin.„Seine Chefs haben mir gleich Vor⸗ schuß gegeben, der wird nur mit zehn Mark abgerechnet, weil Max schon so lange da und so tüchtig ist. Aber Tante, das ist ja so teuer! Und was die Krankheit alles gekostet hat! Da ist das Geld draufgegangen. Das ist unmöglich.“
„Das muß einfach möglich gemacht werden. Hör' mal, Maxens Leben steht ja dabei auf dem Spiel.“
„Ja, das steht es.“ In Maries Augen glänzten Tränen.„Wir haben auch schon hin und her überlegt, aber wissen keinen Rat. Und ja Tante, darum komme ich ja eben, da dacht' ich, Du könntest... Du würdest.“
„Ich... Euch helfen?... Lieber Himmel!“ Die Tante schlug die Hände zusammen.
„Vielleicht mit zweihundert Mark,“ sagte Marie flehend.„Wir würden uns ja so ein⸗ Lichten
„Aber ich kann doch nicht, Mariechen!“ Frau Wandas Stimme klang wirklich kläglick. „Ja, wenn ichs könnte! Nicht mehr wie gern! Du weißt doch, ich bin nicht so. Ich hab' Dir die halbe Aussteuer gekauft, damit Max Dich heiraten konnte, obwohl Du'n armes Mädchen warst. Und mein Mann wollte, er follte die Tochter von seinem Kompagnon nehmen, dann konnte er heute auch Bankier sein. Aber Miez⸗ chen, die Zeiten sind gewesen, wir haben ja beim letzten Börsenkrach so viel Geld verloren, wir sind ja mehr als unser halbes Vermögen los!“
„Aber Tante... nein... das ist ja schrecklich, Tante!“ Marie vergaß ihr eigenes Leid und streckte der alten Dame die Hände entgegen. 1
„Ob es schrecklich ist!“ Frau Wanda führte das Taschentuch an die Augen.„Und Du brauchst nicht etwa zu denken, daß ich bloß so sage. Wir müssen uns ja jetzt furchtbar ein⸗ richten, wir geben ja auch hier zum Oktober die teure Wohnung auf.“
„Nein, Tante, wie mir das leid tut, wo Du hier bald zehn Jahre wohnst.“
„Ja, damit hat es jetzt ein Ende.“ Die alte Dame seufzte.„Dreitausend Mark Miete können wir nicht mehr zahlen. Wir haben in der Eisenacher Straße gemietet, für zweitaufend einhundert Mark. Sieben Zimmer werden wir bloß haben, und der Kurfürstendamm ist es auch nicht.“
„Na aber, immer noch ganz annehmbar.“ Der teilnehmende Zug in Maries Gesicht verflog plötzlich. Sie wiederholte:„zweitausend ein⸗ hundert Mark— nur für Miete. Dann ist es ja noch nicht ganz so schlimm, Tante.“
„Ja, das sagst Du so, Mariechen.“ Frau Wanda schluckzte wieder ein bißchen.„Es ist nicht das bloß allein. Ueberall heißt es sparen. Sonst sind wir nach Italien gereist oder nach der Schweiz und nachher nach Ostende. Dies Jahr müssen wir uns mit Heringsdorf begnügen, wo jeder kleine Kaufmann hinfahren kann.“
„Wenn wir nur könnten,“ sagte Marie ton⸗ los. Frau Wanda überhörte den Einwurf: „Den Diener haben wir auch entlassen. Von Oktober ab nehme ich nur ein Mädchen. Und denkst Du etwa, wir trinken noch Wein? Nein, jetzt heißt es, schön sich mit Bier begnügen.
Und wie ich mich erst mit meiner Toilette ein⸗ richten muß.“
„Ja, ja.“ Marie sah starr und wie geistes⸗ abwesend vor sich hin.
„Ja, ja!“ wiederholte die Tante.„Nicht wahr, wer hätte gedacht, daß wir noch mal verarmen, und daß es uns so schlecht gehen würde? Ja, Miezchen, ich hülfe Euch ja gern, aber Du stehst doch ein, es geht doch nicht, wo wir uns selbst so furchtbar einschränken müssen.“
Allerlei.
Wie Hessen Großherzogtum wurde.
Am 13. August werden 100 Jahre verflossen sein, seit aus der Landgrafschaft Hessen⸗Darm⸗ stadt ein Großherzogtum wurde. Die Großh. Hessische Landeszeitung v. 19. August 1806 enthielt an der Spitze ihrer Nummer den fol⸗ genden Erlaß, den die Frankfurter Zeitung wiedergibt:
Wir Ludwig, von Gottes Gnaden Groß⸗ herzog von Hessen, Herzog in Westfalen pp.
Tun kund und fügen hiemit zu wissen: Zu⸗ folge des am 12ten Juli dieses Jahres zu Paris zwischen seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen, Könige von Italien und Uns, in Vereinigung mit mehreren bisherigen höchsten und hohen Deutschen Reichs⸗Ständen, abgeschlossenen Bundes ⸗ Vertrags, ist Uns die völlige Souverainetät, sowohl über Unsre angestammte und durch den letzten Reich⸗Deputations⸗Schluß erworbene, als auch nachbenannte Lande und Besitzungen beigelegt worden: Ueber das Burggraftum Friedberg mit allen Zubehörungen, die Herrschaften Breu⸗ berg, Heubach und Habtzheim, die Grafschaft Erbach, die Herrschaft Ilbenstadt, den Stoll⸗ berg⸗Gederischen Anteil an der Grafschaft König⸗ stein, die Besitzungen der Fürst⸗ und Gräflich Solmsischen Häuser in der Wetterau mit Aus⸗ schluß der Aemter Hohensolms, Braunfels und Greifenstein, über die Grafschaften Wittgenstein und Wittgenstein⸗Berleburg, das Amt Homberg vor der Höhe, die bisherigen unmittelbaren von Riedeselischen, nebst mehreren Reichsritterschaft⸗ lichen Besitzungen pp. Die Oberhoheit über letztgedachte Lande und Besitzungen begreift die Gesetzgebung, die Ober⸗ Gerichtsbarkeit, die Ober⸗ Polizei, die Militär⸗Hoheit und das Recht der Auflagen.
Vermöge desfelben Staats⸗Vertrags, und nach der nun förmlich erfolgten Auflösung des Deutschen Reichs⸗Verbands, haben wir den Großherzoglichen Titel mit allen von der Königlichen Würde abhängenden Rechten, Ehren und Vorzügen, für Uns und Unsere Nachkommen angenommen und Unsere sämtlichen Herzogtümer, Fürstentümer, Grafschaften und Herrschaften pp. zu einem souverainen Großherzogtum erklärt, und machen solches, kraft dieses, zu Jedermanns Nachachtung kund.
In der Ueberzeugung, daß alle Unsere An⸗ gehörigen, Diener und Untertanen an diesem für Uns und Unser Großherzogliches Haus so wie für Unsere gesammten Lande höchst wich⸗ tigen und erfreulichen Ereignisse, den lebhaftesten Anteil nehmen werden, gereicht es zu Unserer größten Zufriedenheit, ihnen zugleich die Verstcherung zu erteilen, daß Wir der mit der neuen Würde erlangten unumschränkten Gewalt auch insofern einen ganz vorzüglichen Wert beilegen, als sie Uns die frohe Aussicht eröffnet, das Unserem Landes väterlichen Herzen so teure Glück Unserer Angehörigen, Diener und Untertanen, so wie die allgemeine Wohl⸗ fahrt des Staats, noch wirksamer, wie bisher, erhöhen und befestigen zu können.
Urkundlich Unserer eigenhändigen Unterschrift und beigedruckten Staatssiegeln.— Gegeben in 8 Residenz Darmstadt den 13. August
(L. S.) LU DEW JG.
Interessant ist dabei, daß sich der beroßeßeg gar nicht genierte, seine Würde aus den Händen des„Erbfeindes“ entgegen zu nehmen. Heute wäre er ein„vaterlandsloser Geselle“.
Ein amerikanischer Millionär als
Sozialist. 8
J. Phelps Stockes, ein junger Millionär,
der vor einiger Zeit durch seine Heirat mit


