Ausgabe 
11.3.1906
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeuung.

Kr. 10.

Die Sozialdemokraten zum Mords⸗ patriotismus zu bekehren, hatte neulich ein Kriegervereins⸗Vorsitzender aus einem benachbarten Dorfe unternommen. Er geriet in eine Gesellschaft leibhaftiger Sozialdemokraten, die ihm von seinem Vereinsorgan, derParole, von sonstigen Reptilien, sowie in den Reden der diversen Kriegervereins⸗Generäle, als eine ganz nichts würdige Rotte geschildert werden. Er begab sich auch sofort an das vorschriftsmäßigeVernichten und zog über die vermaledeste Sozialdemokratie her. Und als er für seine Deklamationen Interesse zu finden glaubte, verstieg er sich zu einer gewaltigen Pauke für die Kriegervereine, erbot sich sogar, in Marburg einen Vortrag zu halten. In einer Woche hätte er sämtliche Sozialdemokratenbekehrt. Der gute Mann geriet ganz in Ekstase und paukte zur Belustigung der Partei⸗ genossen folgendermaßen:

Kameraden! Wir haben nicht nur einen äußeren Feind, sondern auch einen inneren Feind.] Dieser innere Feind, der an den Säulen unseres Vaterlandes rüttelt, hat weder Heimat, noch Glauben, noch Königs⸗ treue. Dem Vaterland ist dieser Feind ein Dorn im Auge. Darum können wir diesen inneren Feind nur entgegentreten durch einen glühenden Pa⸗a⸗a⸗triotismus. Mit offenem Visier wollen wir diesem Feind entgegen⸗ treten. Wir wollen die Lauen und Gleichgültigen für unsere Ideale gewinnen, damit sie nicht verfallen in die Hände der vaterlandslosen Gesellen. Unser Vaterland darum dreimal hurra!

So sieht's im Kopfe eines Muster⸗ und Hurra⸗ patrioten aus. Als ihm unsere Genossen nun ihrerseits ihre Meinung sagten, auf die Soldatenmißhandlungen, die militärische Rechtsprechung, die Kosten unseres herrlichen Kriegsheeres hinwiesen, und wer diese auf⸗ bringen müßte, sperrte er allerdingsMaul und Nase auf. So etwas hatte weder der Landrat bei der Fest⸗ rede gesagt, noch hatte es in der Kriegerzeitung gestanden. Es ist nur schade, daß nicht einmal einem ganzen Kriegerverein ein Licht über diese Dinge aufgesteckt werden kaun, mancher Krieger die meiften sind's ja unfreiwillig würde für unsere Bestrebungen gewonnen werden. Auch jener Vorsitzende hat manches Neue mit nach Hause genommen, was er seinen Kameraden mitteilen will. Wenn's ihm nur nicht geht, wie dem Vorsitzenden des Kriegervereins in der pfälz ischen Gemeinde Nieder⸗ auerbach, den man ausschließen will, weil er die Ver⸗ sammlung mit den Worten schloß: Für Freiheit, Gleich⸗ heit und Brüderlichkeit!

Eine Streikschlacht

sollte nach Berichten bürgerlicher Blätter sich kürzlich in AL z ey abgespielt haben. Streikende Schuhmacher hätten Monteure, die Maschinen in der Huddelmaierschen Fabrik auf⸗ stellten, mit Revolvern angegriffen und mehrere verletzt. Die Geschichte sah von vorn⸗ herein höchst verdächtig aus; jetzt hat sich her⸗

ausgestellt, daß die Sache umgekehrt liegt.

Die grauenhafte Tat eines Ordnungshelden wird möglicherweise zwei braven Arbeitern das Leben kosten. 5

In Alzey streikt seit einigen Wochen das

Personal der Schuhfabrik von Huddel⸗ maier, es fordert einige Verbesserungen im Arbeits verhältnis. Am Fastnachtsdienstag hatten sich gleich vielen anderen drei am Streik nicht beteiligte Arbeiter maskiert, davon trug einer ein Beil, ein anderer eine alte Flinte, deren Schloß mit einem Tuch zusammengebunden war. Alle drei kamen unter anderen zum Badischen Hof. Dort saß der Fabrikant Huddel mater mit seinem Schwager Rein⸗ heimer, mehreren Freunden und wohl auch Monteuren und Arbeitswilligen. Als der erste der drei über die Schwelle ins Zimmer getreten war, zog sofort einer der Huddelmater⸗Zech⸗ kumpaue die Tür zu und riegelte ab, so daß die beiden anderen maskierten Arbeiter nicht mehr hereinkonnten. Eine Anzahl Huddelmaler⸗ scher Zechkumpane fiel nun im Zimmer über den Arbeiter her und prügelte ihn fürchter⸗ lich durch. Die draußenstehenden Zwei wurden unruhig, einer, Kayser, ging nach dem Hof, der andere trat an ein Fenster. Plötzlich kam Reinheimer aus der Wirtsstube e tür her⸗ aus und gab ohne irgendwie angegriffen zu sein, auf den im Hof stehenden unbewaffneten Kayser einen Revolverschuß ab, der den Kayser in den Kopf traf. Kahser stürzte zusammen. Reinheimer rannte dann anf die Straße, hinter ihm her wurde gerufen: Der hat geschossen! Mit dem Revolver in

der Hand rannte R. die Straße entlang. Da trat ihm ein mit seiner Frau am Arm spazieren⸗ gehender Tapezierer entgegen; um weiteres Un⸗ heil zu verhüten, wollte er dem R. den Revolver aus der Hand schlagen. Reinheimer erhob den Revolver und gab noch einen Schuß a h, der den Tapezierer in die Herzgegend traf und ihn schwer verletzte.

Die Streikenden sind an der Schießerei und den ganzen Vorgängen unbeteiligt. Dem Schießhelden ist wesentlich zuzuschreiben, daß der Streik ausbrach; er hat seinen Schwager immer aufgehetzt. Aber auch Huddelmater leistete in der Provokation der Streikenden Erkleckliches; wenn diese dennoch Ordnung bewahrten, so ist das anzuerkennen.

Das Kaiserhoch der Narren.

Ueber den Fastnachtszug in Essen⸗West be⸗ richtete das Essener Zentrumsblatt:

Die Aufstellung der Wagen zum Zuge er⸗ folgte auf dem Ehrenzellerplatz. Kurz uach 2 Uhr hielt der Präsident der großen Kar ne⸗ val s gesellschaft Herr Neuburg eine zündende Ansprache, welche in ein Hoch auf den Kaiser ausklang. Die Musik intonierte das Lied Deutschland, Deutschland über alles, in das die tausendköpfige Menge einstimmte. Dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung.

Ob der Staatsanwalt nicht die ganze Ge⸗ sellschaft wegen Majestätsbeleidigung anklagt? Zwar, er wird sich sagen, daß die Hochschreier doch alle Narren sind.

EinSchweine metzger,

der diegute Gesellschaft mit Dreck gefüttert hat, wurde in Metz abgefaßt. Der Hofmetz⸗ germeister Rehmenklau, Lieferant der vornehmsten Kreise von Metz und des Schlosses Urville, hat stinkendes, madiges Fleisch zu Wurst verarbeitet und diese Würste in die Schloßküche geliefert. Er und sein Sohn wurden zu je 1 Monat Gefängnis verurteilt. Wie oft haben Leute wegen viel leichterer Missetaten viel härtere Strafen bekommen!

Ein Edelster.

Aus Ungarn wird berichtet, daß ein früherer preußischer Offizier, Graf Nyhaus wegen Giftmordes verhaftet worden ist. Er soll die 83 jährige Witwe Beniczky, deren Nichte er geheiratet hatte, mit Arsenik vergiftet haben, um sich in Besitz ihres zwei Millionen Kronen betragenden Vermögens zu setzen. Seine in Preuzen lebende Frau und Kinder habe er verlassen.

Tabakarbeiter⸗Genssseuschaft Hamburg hielt am 26. Februar ihre General⸗ Versammlung ab. Der Geschäftsführer v. Elm

Die

erstattete den Jahresbericht pro 1905. Der Absatz stieg von 12859 Mille Zigarren im Jahre 1904 auf 13 593 Mille im Jahre 1905; an dem Gesamtabsatz waren die Konsumvereine 1904 mit 56,4 Prozent, 1905 mit 58,4 Prozent beteiligt. Das Geschäftsergebnis war ein sehr günstiges, sodaß die Verwaltung wie im Vorjahr wiederum beschloß, den Konsumenten eine Waren⸗ rückbergütung von 3 Prozent auszuzahlen; der gleiche Prozentsatz wird den Arbeitern als Zu⸗ schlag zu ihrem Lohn gewährt. An Zoll! verausgabte die Genoffenschaft im letzten Jahre 82864 Mk.; die Annahme der Regterungsvor⸗ lage würde für dieselbe eine Mehrausgabe von mindestens 40000 Mk. an Zoll bedeuten. Die bisherige Belastung von einem Mille Zigarren durch den Zoll betrug bei der Genossenschaft durchschnittlich 6,10 Mk.; durch die Regierungs⸗ pläne würde diese Belastung auf 910 Mark anwachsen.

Kinder-Kultur.

K. Unzweifelhaft ist die Erziehungs⸗ frage eins der wichtigsten Probleme. Wohl sind bedeutsame Fortschritte in der Entwicklung der Menschheit im Verhältnis zu der Kultur⸗ stufe, auf der die Völker früherer Jahrhunderte standen, vor sich gegangen. Und doch hat die Menschheit noch keineswegs den Gipfel der

Kultur erklommen. Wenn auch wirkliche Rassen⸗ veredelung im Menschen selbst geboren wird, muß doch der Keim all des Edlen und Guten, der im Kinde schlummert, entwickelt und gepflegt werden, wenn er voll zur Entfaltung und Blüte kommen soll.

Soll die Menschheit an Schönheit und Kraft, an Kultur wachsen, so müssen die Individuen von einer Generation zur anderen besser und vollkommener werden. Die Kinder ererben die Eigenschaften der Eltern. Durch individuelle Erziehung lassen ste sich jedoch bis zu einem bestimmten Grade veredeln. Als Fünpesten Zeitpunkt für Veredelung muß die Kindheit angesehen werden. Wie der Gärtner jede Pflanzengattung ihrer Eigenart entsprechend behandelt, damit sie sich zur vollen Schönheit entfalten kann und Blüten und Früchte bringt, so sollen auch die jungen Menschenkinder indi⸗ viduell behandelt werden, denn in jedem Kinde schlummern verschiedene Neigungen und geistige Fähigkeiten, so daß jede allgemeine Erziehung nach Schema F volltändig ihr Ziel verfehlt. Eine ganze Summe verschiedener Gewohnheiten und Gebräuche der Erziehungspraxis haben sich von Generation zu Generation vererbt und werden auch heute noch als maßgebend betrachtet. Törichte und leichtsinnige Handlungen junger Menschen kommen nicht immer auf Rechnung derJugend und Unerfahrenheit, sondern nicht selten ist die Art der Erziehung dafür verant⸗ wortlich.

Es ist ganz falsch, wenn die Eltern den Erfolg ihrer Kindererziehung etwa nur nach dem Gehorsam ihrer Kinder beurteilen und ein aufs Wort folgendes Kind als Ideal aller Kinder betrachten, dagegen ein minder folgsames Kind, das sich auflehnt und auch einmal sagt: Ich will nicht! als böse uud störrig be⸗ zeichnen. Ein an Sklaven⸗Gehorsam gewöhntes Kind treibt es dann um so toller, wenn es sich frei und von seinen Eltern oder seinem Erzieher unbeobachtet wee ß. Statt blinden Gehorsam soll man das Kind eine gewisse Rücksicht auf andere lehren und darauf achten, daß sie auch von dem Kinde geübt wird. Die Handlungen und das Vorbild der(Erwachsenen sind dabei von großer Bedeutung für die Jugend und ihre Erziehung. Rücksicht ist aber nicht gleich⸗ bedeutend mit blindem Gehorsam. Durch allzuviel Gehorsam wird die eigene Denk⸗ kraft nicht entwickelt, sondern geschwächt, und gerade die Kindheit soll und muß dazu benutzt werden, eigene Urteils⸗ und Willenskraft zur Gewohnheit zu machen. Das Kind, das seine Wißbegierde und sein erwachendes Interesse äußert, soll man nicht stören, sondern fördern; siud doch die Fragen,warum ist dieses so und jenes so? die von unverständigen Eltern so

oft als müßig, überflüsstg und töricht, ja gar

als lästig schroff zurückgewiesen werden, die ersten Denkaufgaben des Kindes.

Mit 15 Jahren können Knaben und Mädchen bereits derart an logisches Denken und Handeln gewöhnt sein, daß sie die Grundlinien eines vernünftigen Lebens verstehen und die indivi⸗ duellen Fähigkeiten, sich der gesamten Menschheit nützlich zu erweisen, erkennen.

Glauben und blinden Gehorsam haben die weltlichen und geistlichen Machthaber aller Zeiten stets von den breiten Volksmassen ver⸗ langt, durch Drohungen und brutale Gewalt erzielt und dadurch ihre Macht befestigt.

Der Militarismus bietet ja das beste Bild, zu welchem Drillsystem blinder Gehorsum führt, und mehr noch geben uns die granenhaften Soldatenmißhandlungen Veranlassung, Gehor⸗ sam nnd Dressur solcher Art zu allen Teufeln zu wünschen. d

(Schluß folgt.) Nate üht Parteifreunde! ca uch nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!

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