Ausgabe 
11.2.1906
 
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Nr. 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung.

Seite 7.

ihren großen Strohhut in den Händen, genau

so, wie ich meinen Filzhut bei dem Fechtver⸗ such auf dem Hausgang dereinst gedreht hatte.

Ich nahm ihre Hand, die ste mir ohne Sträuben überließ.

Sind Sie mir böse, Liesbeth?

Nein.

Ich danke Ihnen! Haben Sie nicht längst bemerkt, wie lieb ich Sie habe? O, Liesbeth, wenn Sie mich auch so recht lieb haben könnten

Sie sprach kein Wort, aber der eine Blick hatte mir genügt. Fest hielt ich stie in den Armen und küßte ihr den Mund, die Stirn, die Ohren, die Nase, ich hätte sie am liebsten aufgefressen.

Ach, wir waren so überglücklich. Je näher wir dann nach Elbeck kamen, um so mehr schlug uns dann das Gewissen. Was würde der Alte sagen?

Der durfte zunächst nichts wissen von unserer jungen Liebe. a

Vater vergißt Dir den Streich in der Nacht auf dem Steindamm nicht. Der hat schon damals, nachdem Betty, die die Einladung zum Konzert brachte, fortgegangen war, gesagt: ein Mensch, der solche Streiche macht, sei zu allen Schandtaten fähig.

Uns schauderte ob meiner Schlechtigkeit. Zum Troste gaben wir uns zwei Küsse.

(Fortsetzung folgt.)

Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.

(Fortsetzung.)

Drittes Kapitel. 1 Wieder waren einige Monate verstrichen. Die hungrigen Jungen des Herrn Werner, das kleine Fräulein mit inbegriffen, waren noch etwas mehr aus ihren Kleidern gewachsen und Franz hatte große Ursache zur Unzufriedenheit über die ganze Welt und Herrn Morsen im besonderen, der ihn noch immer auf eine Stellung warten ließ.

Es war düster und kalt. Die ersten No⸗ vembertage waren bereits vorüber, aber ste hatten in diesem Jahre die Oefen noch nicht gut zur Geltung kommen lassen. Das kleine Dienstmädchen, deren Auge so schlimm geworden, daß sie den Dienst hatte verlassen müssen, war durch keine andere ersetzt worden und über der Haustüre hing ein Zettel, durch welchen den Vorübergehenden mitgeteilt wurde, daß die Wohnung der Familie Werner demnächst durch andere bezogen werden könnte. Wo sie selbst bleiben sollte, war noch unbestimmt, denn die Besitzer von Häusern hatten die Familie Wer⸗ ner unter die Kategorie derjenigen versetzt, die ein Vierteljahr vorausbezahlen mußten, und da Herr Werner die rückständigen Quartale nicht einmal berichtigen konnte, war wenig Aussicht vorhanden, daß jener weisen Maßregel ent⸗ sprochen werde.

Die Hausbesitzer werden immer reicher, sagte Frau Werner, die gegen ihren Willen fortwährend die Anzeige vor Augen sah, welche ihr bevorstehendes Schicksal verkündigte.Alle Menschen werden reich, wir ausgenommen, brummte auch Franz entrüstet.

Die Beamten ausgenommen, entgegnete sein Vater, der in allem also auch in dieser Schicksalsgenossenschaft einen Trost erkannte.

Es ist eine Schande, entgegnete Franz, wenn das Land ihrer Dienste bedarf, muß es sie auch in den Stand setzen, zu leben.

Solch eine Meinung war viel zu kindisch, um darauf zu antworken. Werner zuckte die Achseln.Ich begreife nicht, Franz daß du dennoch ein Beamter werden willst, sagt er nach einer Weile. i

Bis ich etwas besseres finde, antwortete der Jüngling,und überdies werde ich schon sorgen, daß ich besser als andere vorwärts komme, ich habe Ehrgeiz.

Werner schien den Verweis, den ihm sein Sohn erteilte, nicht zu fühlen, oder vielleicht glaubte er auch weise genug zu sein, um nicht darauf antworten zu müssen. Es hatten sich ja so viele in ihren jungen Jahren der Täu⸗

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schung hingegeben und waren später auf die Seite geschoben oder übersprungen worden.

Vater, du mußt heute mit Morsen noch einmal über mich sprechen, sagte Franz.

Lieber Junge, dein Vater hat so viele Sorgen; falle ihm nicht noch damit zu Last.

Aber Mutter, ich will euch ja die Sorgen erleichtern; wenn ich nur etwas tun könnte, aber ich warte und warte, meine besten Jahre gehen vorüber und wir werden jeden Tag ärmer.

Ach es war kein Geheimnis mehr für die Kinder, daß der Vater schwere Geldsorgen hatte; ste hatten es nicht nur fühlen müssen, es war ihnen auch oft genug gesagt worden und es ist keine leichte Aufgabe für Eltern, die Sorg⸗ losigkeit der Jugend durch solch eine Mitteilung zu stören. Die Kleinsten bildeten sich bereits ein, daß sie nächstens zerlumpte Kleider be⸗ kommen würden, um daxin zu betteln, und das Töchterchen war eines Morgens in einer Jacke und dem Rocke des schlimmäugigen Laufmäd⸗ chens heruntergekommen, um zu erklären, daß es einen Dienst annehmen wolle.

Das Gesicht der Mutter widersprach der Wahrheit in den Worten ihres Sohnes nicht 1 auch Herr Werner hat nichts dagegen zu agen.

Run ich werde einmal sehen, ob sich die Gelegenheit dazu bietet, sagte er, indem er seinen Hut aufsetzte, um nach dem Bureau zu gehen, aber zuvor noch bei Malvine vorzu⸗ sprechen.

Guten Morgen, Herr Werner, Guten Morgen, Herr Werner! rief Taubermann, als der Beamte in den Laden trat.Es ist frisch draußen! Herr Gott, laufen Sie noch ohne Ueberrock?

Freilich, sonst fühlt man ja den Unter⸗ schied nicht, antwortete Werner, um doch etwas zu sagen und Taubermann, der diese Art von Erklärung zwar nicht begriff, aber doch von ihrer Richtigkeit überzeugt war, entgegnete nun, daß er anders darüber dächte. Für ihn, der zwei Winterröcke und einen Pelz besaß, war dies ebeufalls bequemer, als für Werner, dessen Ueberzieher nur nur noch des Abends getragen werden konnte.

Sie wollen ausziehen? fuhr Taubermann fort;vorhin als ich nach Kanal ging, um eine Ladung Kaffee zu sehen, die für mich an⸗ gekommen war, kam ich bei Ihnen vorbei und sah die Ankündigung. Sapperlot, dachte ich, ich habe gerade eine Wohnung für Werner, allerliebst gelegen mit einem kleinen Garten, das Haus wird gerade neu angestrichen. Das müssen Sie sich einmal ansehen, Werner! Sie können morgen bereits einziehen.

(Fortsetzung folgt.)

Allerlei.

Alter Speisezettel.

Im Jahre 1497 bestimmte der Bischof von Mainz Folgendes:Jedweder Tagwerker, er arbeite auf dem Felde oder sunst, erhält morgens eyne Suppe, gut fleisch und gemüse und einen halben Krausen(Krug) gemaynen weins, abends fleisch und brodt oder eine starke suppe und brodt. Aus Sachsen ist vom Jahre 1482 folgender Speisezettel bekannt:Die Werkleute und Mäher sollen zufrieden sein, wenn sie außer ihrem Lohn täglich Mittags und Abends vier Speisen Suppe, zwei Fleischgerichte und ein Gemüse erhalten. O schöne Zeit, o selige Zeit, wie bist Du fern, wie bist Du weit! Wo ist der Arbeiter, der heute sich solche Nahrung bieten kann? Heute wirft die antisemitische Presse den Arbeitern schon Genuß⸗ sucht und Schlemmerei vor, wenn sie sich zum Vesper ein Stück schlechte Wurst oder Käse leisten.

Die Fleischpreise vor hundert Jabren.

Bei der jetzigen anhaltenden Fleischteuerung dürfte es interessant sein, einmal die Preise zu erfahren, die unsere Altvorderen für dieses wichtige Nahrungsmittel vor hundert Jahren anlegen mußten. In der Nummer vom 16. Januar 1806 der Hanauer Privllegierten Wochen⸗ Nachricht befindet sich eine von der kurfürstl. Hess. Polizeikommission zu Hanau aufgestellte

Liste über die zu fordernden Preise für die haup tsächlichsten Fleisch⸗ und Wurstwaren. Da⸗ nach sollte gelten: ein Pfund gutes Ochsenfleisch 9 Kreuzer 3 Heller, nach heutiger Währung ungefähr 30 Pfennige, ein Pfd. Stier⸗ oder Kalbinfleisch ungefähr 25 Pfg.,(2 Pfd. Sülzen wurden für ein Pfund Fleisch gerechnet), ein Pfd. gutes Kalbfleisch, ein Kalbskopf sowie ein Kalbsgelünge mit dem Netz je ungefähr 25 Pfg., ein Kalbsgekröse 21 Pfg., vier Kalbsfüße 17 Pfg., ein Pfd. gutes Hammelfleisch, ein Hammelskopf und ein Hammelsgelünge je 30 Pfg., ein Pfd. gutes Schweinefleisch 33 Pfg., eine halbpfündige Bratwurst 25 Pfg., ein Pfd. gute pure Schweine⸗ Leber- und Blutwurst mit Grieben 38 Pfg., ein Pfd. gemischte Wurst, worin Lunge und Leber von anderem Vieh ist, ungefähr 23 Pfg. immer nach der heutigen Währung umgerechnet.

umorislisches

Wandlung. In Bayern werden nach alter Sitte an Wallfahrtsorten Votivtafeln aufgehängt; die frommen Pilger sprechen darauf öffentlich dem Heiligen ihr en Dank aus. Seit mehreren Jahren liest man häufig folgende Widmungen:Der heilige Josef hat ge⸗ holfen, ich bin Staatsanwalt geworden!Heiß en Dank dem heiligen Sebastian; durch seine Fürbitte bin ich nach München versetzt worden.Ich hatte einen Dreier im Examen; alle menschliche Kunst war ver⸗ gebens, da habe ich mich in den Schutz des heiligen Liborius begeben; jetzt bin ich Amtsrichter.(Simpl.)

Offerte. Zur prompten und gründlichen Reinigung der während der bangen Stunden des roten Sonntags unbrauchbar gewordenen Hosen empfiehlt sich einem hohen Adel und verehrlichen Bürgerpublikum

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5 Literarisches.

Kommunale Schulpolitik. Unter diesem Titel ist soeben als drittes Heft der von Paul Hirsch herausgegebenen kommunalpolit'schen Abhandlungen im Verlag der Buchhandlung Vorwärts ein Führer durch die Gemeindetätigkeit auf dem Gebiete der Volksschule erschienen. Der Verfasser, behandelt in sechs Kapiteln die Volksschulgesetzgebung und Schulverwaltung die Volksschullasten der Ge⸗ meinden die innere Schulorganisation die Schul⸗ gesundheitspflege den Mißbrauch der Volksschule zu kirchlichen und politischen Zwecken und die Wege und Ziele einer volkstümlichen Schulpolitik. Treffend hebt der Verfasser auf jeder Seite die Mängel unserer heutigen Volksschule hervor und beweist die Berechtigung der soztaldemokratischen Forderungen. Durch die Zeitum⸗ stände ist die Broschüre, in der die unendlich mannig⸗ faltigen deutschen Einrichtungen bürgerlicher und die Forderungen soztalistischer Gemeindepolitik zum ersten Male zusammenhängend und kritisch dargestellt find, zu einer wahren Gegenschrift gegen das preußische Ver⸗ faffungsattentat, den Volksschulgesetz entwurf geworden. Im Kampfe gegen das Attentat, das die Reaktlon gegen die preußische und damit auch gegen die ganze deutsche Volksschule plant, bildet das Heft eine gute Waffe, und auch in dem Kampfe gegen das Dreiklassen⸗Wahlunrecht in Preußen wird es treffliche Dlenste leisten.

Die Broschüre kestet 1 Mark; eine Agitationsaus⸗ gabe 50 Pfennig.

Ethik und materlalistische Geschichtsauf⸗ fassung. Diesen Gegenstand behandelt Karl Kautzky in einem Buche, das kurzlich bei Dietz in Stuttgart er⸗ schienen ist. In seiner Vorrede sagt der Verfasser unter anderem:Wie so manche andere Schrift des Marxtmus ist auch diese eine Gelegenheitsarbeit, aus einer Polemik herausgewachsen. Die Kontroverse, die ich im September des vergangenen Jahres mit der damaligen Mehrheit der Redaktion desVorwärts führte, veranlaßte mich, auch derenethische Tendenzen zu streifen. Meine Ausführ⸗ ungen darüber wurden aber auf der einen Seite so viel⸗ fach mißverstanden, sie trugen mir auf der anderen Seite so zahlreiche Aufforderungen ein, meine Auffassung der Ethik eingehender und systematischer darzulegen, daß ich mich veranlaßt sah, eine Entwicklung der Ethik auf der Grundlage der matertalistischen Geschichtsauffassung wenig⸗ stens kurz zu skizzieren. Ich fuße dabei auf jener mate⸗ rialistischen Philosophie, wie sie einerseits Marx und Engels, und in einer anderen Weise, aber in gleichem Sinne, Josef Dietzgen begründet haben Für die Resul⸗ tate, zu deneu ich gelange, bin ich jedoch allein veraut⸗ wortlich. Das Buch kostet broschtert 1 Mk. und ist in unserer Expedition zu haben.

Genosse Max Qu ark,