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11.2.1906
 
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Nr. 6. Gießen, den 11. Februar 1906. 13. Jahrgang. Nedaktion: 2 Nedaktionsschluß Hirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsch Donnerstag Nachmittag 4 Uhr

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Mobilmachungen gegen das eigene Voll.

Man ist im Deutschen Reichehöheren Ortes zwar sehr erbost über die Sozialdemokratte, aber dennoch unbewußt so freundlich, ihr Be⸗ weis⸗ und Agitattonsmaterial für ihre Theorie vom kapitalistischen Klassenstaat in Massen zu liefern. Wir wollen jetzt nicht, schreibt Ge⸗ nosse R. K., von den indirekten Steuern, die dem Proletarier das Geld ebenso ergiebig wie heimlich aus der Tasche holen, sprechen, auch die politische Entrechtung des Besitzlosen in Punkto Landtagswahl sei unbeachtet gelassen.

Heute interessiert uns nur die am 21. Januar erfolgte Mobilmachung der preußischen Armee gegen die prenßische Arbeiterschaft.

Die Gutgesinnten verübeln der Sozialdemo⸗ kratie ihre Haltung gegen Heer und Marine ganz besonders. Namentlich die prinzipielle Ablehnung aller Militär⸗ und Marineausgaben durch die Sozialdemokratie schmerzt die Herr⸗ schaften sehr. Der 21. Januar 1906 hat aber die Taktik desUmsturzes vollkommen

e rechtfertigt. Die Sozialdemokratie hat dret Gründe, die sie zu ihrem Verhalten auf dem Gebiete der Armee und der Marine veranlassen. Erstens ist sie eine grundsätzliche Gegnerin des Klassenstaates und des Kapftalis⸗ mus, zweitens ist sie eine ebensolche Gegnerin des jetzigen militärischen Systems, und drittens weiß sie nur zu gut, daß die Armeevermeh⸗ rungen sich in erster Linie gegen sie richten. Wie sehr letzteres der Fall ist, konnte man am 21. Jauuar 1906 in Preußen, und vor allem in Berlin, zur Genüge beobachten. Und predigt im Reichstag der Herr Reichkanzler oder ein Scharfmacher aus dem Hause der Sozialdemo⸗ kratie wieder einmal Militärfrömmigkeit, dann genügt der Zwischenruf:21. Januar, um den Redner in Sand zu strecken. Es kann doch kein Mensch von der Sozialdemokratie ver⸗ langen, daß sie Soldaten, Pferde, Gewehre und Kanonen bewilligen soll, die man sehr gern gegen sie selbst verwenden würde.

Aber die Regierung hat der Partei noch weitere Gefälligkeiten erwiesen, von denen die erste darin besteht, daß die hohe Obrigkeit selbst unbewußt in der Armee Propaganda für die Sozialdemokratie trieb. Vom Stand⸗ punkt der Verfechter desBestehen⸗ den aus wäre es nämlich das klügste, den Soldaten gegenüber überhaupt nich? von der Sozialdemokratie verlauten zu lassen. Die⸗ jenigen, die bereits Sozialdemokraten sind, werden in der Kaserne gewiß nicht bekehrt, und die polttischen indifferenten Mann⸗ schaften sollten von din Anhängern des Gegen⸗ wartsstaates möglichst in threm Dämmerzu⸗ stand erhalten, denn wenn der Soldat polittsch aufwacht, so ist meistens die Sozialdemokratie die Partei, der er seiner ganzen Lebenslage nach am nächsten steht. Dazu kommt, daß die Mann⸗ schaften nach ihrer Entlassung sehr häufig auch dann in den Städten, also in den Brutöfen der Sozialdemokratie, bleiben, wenn sie vom Lande stammen. Nun stelle man sich vor, welchen Eindruck die Maßregeln vom 21. Januar auf politisch gleichgiltige Soldaten machen mußte n. Man rief hier mit den drastischsten Mitteln das Interesse der Mannschaften an einer Sache wach, für die sie sich eigentlich nicht interessteren dürfen.

Und was haben die Genossen, die momentan in desKönigs Rock stecken, sich wohl gedacht? Sie wußten genau, daß der ganze Spektakel umsonst war. Es ist aber nicht disziplinfördernd, wenn man die Mannschaft mit Dienstleistungen belästigt, von den ste fest über⸗ zeugt sind, daß sie nicht notwendig wären. Und lehrt die Erfahrung, daß sie wirklich voll⸗ kommen überflüssig waren, und nur auf Ge⸗ spensterseheret beruhten, so kann es sehr leicht geschehen, daß die Untergebenen sich über die Herren Vorgesetzten mokteren. Die Mann⸗ schaften mit soztaldemokratischer Gesinnung mußten innerlich gewiß lachen, als ste am 21. Januar Abends ihre scharfen Patronen und die bereitgehaltenen Schrapnells ein⸗ lieferten.

Und welcheBegeisterung für das Heer und Vaterland mögen die Genossen, die der Reserve und Landwehr angehören, emp⸗ funden haben, als ste die aktibe Armee, mit der ste im Kriege gemeinsam gegen den Feind kämpfen sollen, in dieser Weise aufgeboten sahen. Merken denn die Herren am Ruder nicht, welch' sonderbares Verlangen sie mit der Forderung stellen, daß im Kriege aktive Armee, Reserve und Landwehr freudig neben⸗ einander fechten sollen, nachdem im Frieden die aktive Armee gegen einen großen Teil der Landwehr und Reserve mobil gemacht wurde?

Endlich ist es sehr fraglich, ob die jungen Genossen, die in Bälde Rekruten sein werden, der Aufmarsch der Armee gegen das Volk, das nichts als ein gerechtes Wahlrecht verlangte, sehr gefreut hat. Auf jeden Fall ist derartiges nicht dazu angetan, in ihnen Lust zum Soldatenstand zu erwecken.

Will die Regierung den Rummel vom 21. Januar wiederholen, so kann es der Sozial⸗ demokratie nur recht sein. Je mehr es offen⸗ kundig wird, daß die Armee auch die Rolle einer riesigen Poltzeitruppe zu spielen hat, und das Haupthilfsmittel der Reaktion bildet, um so leichter wird die Agitation gegen sie, umso mehr werden die politisch indifferenten Soldaten mit politischem Interesse erfüllt und auf die Sozialdemokratie aufmerksam gemacht.

Uebrigens dürften diemaßgebenden Kreise sich die Konsequenzen des Blutver⸗ gießens leichter vorstellen, als sie sind. In Bayern wurde vor ungefähr zehn Jahren nur ein einziger Zug Infanterie gegen arme Bauern geschickt, die sich das ihnen nach ihrer Meinung ustehende Holz aus dem Walde des Inhabers des Lehensgutes Fuchs mühl mit Gewalt holen wollten. Dabei wurde ein Bauer mit dem Bajonett erstochen. Wegen dieserFuchs⸗ mühlerei hatte die bayerische Regierung sehr viel zu ertragen. Will ein bayerischer Abge⸗ ordneter einem bayrischen Miuister unangenehme Gefühle bereiten, so braucht im Landtag nur das Wort Fuchsmühl auszusprechen. Es wirkt jetzt noch! Handelt es sich aber um große Konflikte zwischen Armee und Volk, so tritt auch eine bedenkliche Schwächung des Landes nach außen ein. Man kann nicht heute auf Reservisten und Landwehrleute schießen lassen und am nächsten Tage verlangen, daß ste begeistert für König und Vaterland ins Feld ziehen. Die Kleinigkeit, daß man die

verhaßten Sozialdemokraten im Kriege sehr nötig hat, scheintoben leider nur zu oft vergessen zu werden.

Der Tabakarbeiter- Kongreß

welcher vorige Woche in Berlin abgehalten wurde, nahm den seiner hohen Bedeutung ent⸗ sprechenden Verlauf. Es gab wohl kaum einen deutschen Landstrich, aus dem nicht ein Ver⸗ treter zu Worte kam, und was dann der Redner vorbrachte, waren erschütternde Anklagen gegen ein Elend, das höchstens von dem der schlestschen Weber übertroffen wird. Wie ein Lichtstrahl ging es über die Versammelten, als am zweiten Verhandlungstage Abgeordneter von Elm das Ergebnis der Kommisstonsberatungen aus dem Reichstage mitteilte(die Reichstagskommisston lehnte die Tabakssteuererhöhung ab) und da⸗ durch die Hoffnung weckte, daß der Schlag, den die Reichsregierung gegen das Gewerbe führt, wirkungslos gemacht werden kann. Es waren noch einige fünfzig Redner eingetragen, als der Kongreß am Mittwoch Nachmittag an die Be⸗ endigung seiner Arbeiten denken und die Redner⸗ liste schlteßen mußte. In einer einstimmig be⸗ schlossenen Resolution erklärte der von 93 De⸗ legierten aus 537 Ortschaften besuchte Kongreß sodann:

Die Tabakarbeiter glauben umsomehr be⸗ rechtigt zu sein zu einem Protest gegen jede weitere Steuererhöhung, 1. weil in der Tabak⸗ industrie eine große Zahl schwächlicher und verkrüppelter Arbeiter Unterschlupf gefunden haben, die in keiner anderen Industrie sich zu ernähren imstande sind und bei der durch die Steuererhöhung bewirkten Arbeitslosigkeit nur den Gemeinden zur Last fallen würden; 2. weil durch den am 1. März 1906 in Kraft tretenden Zolltarif eine weitere Herabdrückung der elen⸗ den Lebenshaltung der Tabakarbeiter bewirkt wird; 3. weil die jetzige Steuergesetzgebung für die Tabaksindustrie zur Folge hatte, daß die Tabakarbeiter, die vor dem Jahre 1879 mit zu den besser entlohnten Arbeitern gehörten, jetzt nach der Lohnstatistik der Berufsgenossen⸗ schaften mit ihrem Jahresverdienst um 404 Mark unter dem Durchschnittsverdienst der gegen Unfall versicherten Arbeiter stehen. Die all jährlichen enormen Einnahmen, die das Reich durch die im Jahre 1879 erfolgte Erhöhung des Tabakzolles und der Tabaksteuer hat, werden hauptsächlich getragen durch die in der Tabak⸗ industrie und deren Nebengewerbe beschäftigten Arbeiter, in Form der damals in großem Um⸗ fange vorgenommenen Lohnreduktioncn, die ste über sich ergehen lassen mußten auf Grund der durch das Sozialistengesetz herbeigeführten Wehr⸗ losmachung der Arbeiter und durch die in er⸗ heblichem Maße betriebene Verlegung der Fa⸗ brikation aufs flache Land.

Der Kongreß protestierte dann noch gegen den Plan der Zigarettensteuer und sprach die Erwartung aus, daß die Regierung die Steuer⸗ gesetzentwürfe zurückziehen werde und auch in Zukunft die Tabakindustrie nicht weiter bedrohe. Sollte dies nicht eintreten, so erwartete der Kongreß, daß der Reichstag ebenso einstimmig wie seine Kommission in erster Lesung das Schicksal der Vorlage durch ein ablehnendes Votum besie eln wird.