Ausgabe 
9.9.1906
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 36.

leitung mit der Leitung der Gewerkschaften in stäundiger Verbindung stehen.

Nach Davids beifällig aufgenommenem Referat erklärten sich die Genossen Vetters, Diener⸗ Mühlheim, Rink⸗Urberach und Friedrich⸗ Darmstadt mit der Resolution einverstanden, nicht aber mit allen Ausführungen Davids, der doch zu schwarz gemalt habe. Wir wollten keine Konflikte hervorrufen, dürften aber nicht davor zurückschrecken, die kärglichen Rechte mit aller Energie und allen Mitteln zu verteidigen. Ebenso dürften wir doch nicht ruhig zusehen, wenn um einer Bagatelle wegen ein Krieg vom Zaune gebrochen und die Volksgenossen zu Hunderttausenden zur Schlachtbank geführt würden, sondern da gelte es, alles einzusetzen, um den verbrecherischen Massenmord zu ver⸗ hüten. David erklärte in seinem Schlußwort, daß er niemand habe den Mut nehmen wollen, sondern will nur, daß wir uns deu Erfolg stchern. Den Krteg kritisteren wir stets, können ihn also nicht zum Vergleiche heranziehen. Politische Macht erobern heißt die Masse gewinnen, nicht bloß die Arbeiter, sondern auch die Bauern, Handwerker und geistigen Arbeiter. Und weniger große Worte, sondern unverdrossene Taten!

Ueber die Landtagswahlen und Tätigkeit des Landtags referiert Abg. Adelung⸗Mainz. Er meint, der Ausfall der Landtagswahlen habe zwar nicht voll be⸗ friedigt, doch war der Sieg Raab's in Pfung⸗ stadt und die vernichtende Niederlage Dr. Beckers im Isenburg⸗Sprendlinger Kreise sehr erfreulich. Im Landtag haben die Nationalliberalen nominell die Mehrheit, wirklich wird er beherrscht durch die Agrarier: den Bündlern sind Nationalliberale untertan. Die politische Situation hat sich ver⸗ schärft, die bürgerlichen Parteien nehmen schroffer gegen uns Stellung, wie bei der Prästdenten⸗ wahl sich zeigte: lieber gingen die Nationallibe⸗ ralen unters Bündlerjocß und nahmen das Odium eines Protestes gegen die Rechtsprechung auf sich, ehe ste unsern Ulrich wiederwählten. In der Wahlrechtsfrage hatte die alte Zweite Kammer sich rückgratfest gezeigt, die neue aber macht Miene, einen Kompromiß an⸗ bahnen zu helfen. Es ist noch nicht heraus, ob die Zweite Kammer nicht zur Verkürzung von Volksrechten bereit ist. Auch die Steuer⸗ vorlage scheiterte am Widerstand der Ersten Kammer; ste hat die Regierung eingeladen, die Vorlage umzuarbeiten, aber wie die neue Vor⸗ lage beschaffen sein soll, wird nicht gesagt. Die neuen Verwaltungsgesetze werden die wichtigste Arbeit des Landtags sein. Sehr kennzeichnend ist das Vorgehen des Abg. Köhler, der für alle nichtwiedergewählten Bürgermeister Sitz und Stimme im Gemeinderat begehrt, wodurch es glücklich kommen könne, daß die Mehrheit des Gemeinderats aus Nichtgewählten besteht! Die Fraktion hat sich bemüht, ihre Schuldigkeit voll zu tun, und ste wird auch weiter bestrebt sein, im Sinne der Parteigenossen zu handeln. Dem Referat folgte eine kurze Debatte, in der alle Redner die Tätigkeit der Fraktion billigen. Die vorliegenden Anträge werden der Fraktion als Material überwiesen.

Unsere Taktik bei Kommunal- wahlen. Zu diesem 6. Punkte der Tages- ordnung legt der Referent Ulrich folgende Resolution vor:

In Erwägung, daß die Entwicklung der wirtschaft⸗ lichen und politischen Verhältnisse des Landes im All⸗ gemeinen die soztalen Klassengegensätze steigert und diese Gegensätze sich ganz besonders im öffentlichen Leben der Gemeinden geltend machen, erklärt die Landeskonferenz,

daß es strengste Pflicht der Genossen ist, bei allen

Kommunalwahlen darauf zu sehen, daß die Interessen

der arbeitenden Klasse gewahrt zd.

Es soll dies dadurch geschehen, daß bei allen Wahlen jeder Kompromiß vermieden, und selbständig vorgegangen wird durch Aufstellung aus⸗ gesprochener und erprobter Parteigenossen als Kandi⸗ daten. Da aber die Aufstellung derartiger zuverlässiger und unentwegter Genossen zur Zeit nicht immer mög⸗ lich ist vergleiche das Bestätigungsrecht der Re⸗ gierung bei Bürgermeisterei und Beigeordnetenwahlen, die Bestimmungen über die Zusammensetzung der Ge⸗ meindevertretungen(Höchstbesteuertenrecht) und die Ent. scheidung durch relative Mehrheiten so kann in besonderen Fällen durch ausdrücklichen Beschluß der

berufenen Instanzen, von der Regel der Aufstellung

eigener erprobter Genossen als Kandidaten,

abgesehen werden.

In solchen besonderen Fällen ist aber streng darauf zu sehen, daß nur solche Kandidaten unsere Stimmen erhalten, welche Gewähr dafür bieten, daß sie sich nicht als Scharfmacher gegen die Arbeiter betätigen oder ihre Wahl die Wahl eines anderen gehässigen Gegners verhindert.

In allen Fällen haben die Lokalorganisationeu nach ordnungsgemäß einberufener gemeinschaftlicher Beratung und Beschlußfassung zu handeln. Jedem Genossen steht das Recht zu, gegen einen Beschluß der Lokal⸗ organisation an das Landes⸗Komitee zu appellieren, welches zu prüfen hat, was zur Erledigung des Streits zu tun ist.

Ferner erklärt die Landes⸗Konferenz im Hinblick auf die dem Landtag vorliegenden Gesetzent würfe über die Aenderung der Verwaltungsgesetze,

daß es Pflicht der sozialdemokratischen Gemeindever⸗ treter ist, dahin zu wirken, daß bei dieser Aenderung sowohl die in der Landgemeinde⸗ wie in der Städte-, Kreis⸗ und Provinzial⸗Ordnung vorhandenen Be⸗ stimmungen beseitigt werden, die ein Uebergewicht oder Privilegium des Besitzes darstellen; ebenso haben alle sozialdemokratischen Gemeindeverireter die Pflicht, gegen die in den Gesetz⸗Entwürfen betreffend Aenderung der Landgemeinde⸗ und Städteordnung aufrechter⸗ haltenen Bestimmungen bezüglich des Bestätigungs⸗ rechtes der Regierung bei Bürgermeister⸗ und Bei⸗ geordnetenwahlen, Stellung zu nehmen.

Hinsichtlich der Forderung der Gemeindebeamten

und Volksschullehrer das Recht, zum Gemeinderat bezw. Stadtverordneten gewählt zu werden betreffend, ist die Landes⸗Konferenz der Ansicht, daß diese Forde⸗ rung vollauf berechtigt ist, und hält es für die Pflicht der sozialdemokratischen Vertreter im Land⸗ tag, in der Richtung dieser Forderung zu wirken.

Ulrich weist zunächst auf die gesetzlichen Bestimmungen hin, wonach die Hälfte der Gemeinderäte dem höchstbesteuerten Drittel ent⸗ nommen werden müsse. Diese Ungerechtigkeit müsse bekämpft und beseitigt werden. Kom⸗ promisse bei den Wahlen müssen vermieden werden. Dabet gerade geben unsere Leute die Liste in der Regel unverändert ab, die Gegner streichen unsere Kandidaten. Wo die Partei erstarkt ist und Kandidaten stellen kann, soll sie selbständig und kompromißfrei vorgehen, das steigert ihr Ansehen. Es darf nicht wieder passteren, daß ein Kandidat auf⸗ gestellt wird, der nicht fester Genosse ist: es ist bisweilen danach gefragt worden, ob der Mann viel Anhang hat und dann stimmte er im Gemeinderat gegen uns.

Dr. David begründet einen Antrag, den er im Verein mit andern Delegierten gestellt hat und der auf Streichung des Kompromiß⸗ verbots abzielt. Die Resolution habe zwar einen Löwerkopf, unten käme aber die Stroh⸗ puppe zum Vorschein. Das Kompromißverbot könne nicht gehalten werden und darum solle man einen solchen Beschluß nicht fassen. Eißnert⸗Offenbach und Ulrich treten Davids Ansichten entgegen. Die Resolution wird gegen wenige Stimmen angenommen.

Verschiedene Anträge. Ein von Vilbel gestellter Antrag, ein Protokoll über die Konferenz herauszugeben, wird ange⸗ nommen. Ebenso ein weiterer Antrag, zukünftig die Konferenzen am Vorabend um 6 Uhr be⸗ ginnen zu lassen. Das Landeskomitee wird wiedergewählt. Die nächste Landeskonfe⸗ renz soll in Friedberg stattfinden.

Genosse Ulrich schließt hierauf die Konfe⸗ renz mit einem Rückblick auf die Verhandlungen und einem Hoch auf die Sozialdemokratie, in das die Delegierten lebhaft einstimmen.

Die Gewerkächaftsorganisatianen im Jahre 1905.

III.

Die lokalen Gewerkschaften haben heute gewerkschaftlich fast gar keine Bedeutung mehr. Für 1905 wurden in 21 Berufen 27736 Mitglieder angegeben, gegen 20 686 in 18 Be⸗ rufen im Jahre 1904.

Die Hirsch⸗Dunckerschen Gewerk⸗ vereine hatten am Schluß des Jahres 1905 in 2158 Ortsvereinen 117097 Mitglieder gegen 111889 im Jahre 1904, so daß sich eine Mit⸗ gliederzunahme von 5208 ergibt.

Die Einnahmen der Hirsch⸗Dunckerschen Ge⸗ werkvereine betrugen 1336651 Mk., die Aus⸗ gaben 1170 219 Mk., der Vermögensstand 3497069 Mk. Von diesem befinden sich jedoch in den Kranken⸗ und Begräbniskassen 1279028 Mark, in den Begräbniskassen 823045 Mk. und in den Gewerkvereinskassen nur 1394996 Mk. Nur die letztere Summe würde für den gewerk⸗ schaftlichen Kampf in Betracht kommen.

Die Christlichen Gewerkschaften, die dem Gesamtverband angehören, hatten 1905 in 2333 Ortsgruppen im Jahresdurchschnitt 188 106 Mitglieder gegen 107551 im Jahre 1904. Die Zunahme an Mitgliedern machte 80 550 aus.

Zu den christlichen Gewerkschaften stellen folgende Berufe die meisten Mitglieder: Berg⸗ arbeiter 71 500, Textilarbeiter 24735, Bauhand⸗ werker 20679, Bayerische Elsenbahner 19000, Metallarbeiter 15 563, Holzarbeiter 8386, Hilfs⸗ und Transportarbeiter 8329, Tabakarbeiter 2851, Heimarbeiterinnen 3077, Keramarbeiter 2600 2c.

Die Einnahmen dieser Gewerkschaften be⸗ trugen 2443 122 Mk., die Ausgaben 2150 511 Mark, an Kassenbestand verblieben 1249 408 Mk.

Dieunabhängigen schristlichen Gewerkschaften hatten im Jahre 1905 in 812 Ortsgruppen im Jahresdurchschnitt 76 926 Mitglieder.

Es werden dann noch dieunabhängigen

Vereine angeführt, das sind solche, die keine gewerkschaftliche Landeszentrale haben; von 1155 gab es 1905 in 21 Berufen 67675 Mit⸗ glieder. Rechnen wir die sechs vorstehend im einzelnen geschilderten Organisationsgruppen zusammen, so ergibt sich, daß im Jahre 1904 1466 625 und 1905 1822343 gewerkschaftlich orga⸗ nisterte Arbeiter vorhanden waren. Die Zahl der Organisterten hat somit um 355 718 zugenommen. Soweit nachweisbar hatten die Organisationen eine Jahres einnahme von 31823098 Mk., eine Ausgabe von 28 618 007 Mark und einen Vermögensbestand von 24 656 133 Mk. Juteressant ist, den Entwicke⸗ lungsgang der dret gewerkschaftlich allein in Betracht kommenden Organisationsgruppen, der Zentralverbände, der Hirsch⸗Dunckerschen Gewerk⸗ vereine und der christlichen Gewerkschaften, in den letzten sechs Jahren zu verfolgen. Den Christlichen Gewerkschaften sind hierbei auch die nicht dem Gesamtverband angeschlossenen Orga⸗ nisationen zugerechnet. Die Hirsch⸗Dunker⸗ schen Gewerkvereine haben ihre Werbekraft verloren, was natürlich und erfreulich ist und auch dieChristlichen bleiben weit hinter den Zentralverbänden zurück, obgleich ihnen der so vorzüglich funktionierende Agitationsapparat der Kirche zur Verfügung steht. Der diesjährige Bericht derChristlichen ist voll des Lobes und der Freude über den gewaltigen Aufschwung. Die nackten Zahlen, wie ste vorstehend gegeben, zeigen, daß die Werbekraft dieser Organisaklonen weit hinter der der Zentralverbände zurückbleibt, trotzdem man sich auf diechristliche Weltan⸗ schauung und dasNationale einschwört und sich damit bei allen Stellen, denen man Einfluß zutraut, fortgesetzt in empfehlende Erinnerung bringt. Taugt nun die als Aushängeschild dienendechristliche Weltanschauung nichts, oder sind diese Gewerkschaften nichts wert? Eines muß wohl sein, sonst könnten diese Organisationen in ihrer Werbekraft nicht so weit hinter den Zentralverbänden zurückstehen, obgleich leider nach wie vor die Arbeiterschaft es ist, die den Kirchen beider Richtungen den so mächtigen Einfluß gewährleistet.

Zusammenschluß der Bergarbeiter⸗ verbände. Aus Bochum wird berichtet:In der Bergarbeiter⸗Zeitung veröffentlicht eine An⸗ zahl Mitglieder des alten Verbandes, des christlichen Gewerkvereins, der polnischen Berufsvereinigung und des Hirsch⸗ Dunckerschen Gewerkvereins einen Aufruf

an die Bergarbeiter Deutschlands, der zur Vern⸗

schmelzung der Bergarbeiterverbände auffordert. In dem Aufruf wird gesagt, daß eine am

15. Juli cr. in Scherlebeck bei Recklinghausen stattgehabte Versammlung, an welcher Mit⸗ glieder der genannten Verbände beteiligt ge⸗