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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung;
Nr. 36.
als kefner der bestehenden Reltglonsgenossen⸗ macht ihren Gegnern das Vergnügen nicht, auseinander
schaften Angehöriger betätigen, der Volksschul⸗ lehrer aber muß unbedingt christlich religiös sein, damit„dem Volke die Religion erhalten bleibt“.
— Gegen den Abg. Berthold hatte der Darmstädter„Tägl. Anz.“ vor einigen Monaten eine verleumderische Notiz gebracht, des Inhalts, daß Berthold spät nachts aus einer Wirtschaft wegen Trunkenheit hinaus⸗ gewiesen worden sei. Nunmehr hat die Staats⸗ anwaltschaft gegen den verantwortlichen Redak⸗ teur jenes Blattes und einen Darmstädter Zeitungskorrespondenten öffentliche Anklage er⸗ hoben. Termin zur Hauptverhandlung ist auf den 20. September festgesetzt.
— Die Bürgermeisterei Kostheim bei Mainz hat den Unwillen der„Patrioten“ erregt. Warum? Weil sie eine sozialdemokra⸗ tische Petition um Abschaffung des Brückengeldes bei der Zweiten Kammer befürwortet. Dieser unterbreitete nämlich die genannte Bürgermeisterei folgende Vorstellung:
„In der Anlage überreichen wir ein Gesuch
der sozialdemokratischen Partei Kostheims zur geneigten weiteren Veran⸗ lassung. Den gemachten Ausführungen können wir uns in allen Teilen anschließen. Die Gesamtbevölkerung würde es freudig begrüßen, wenn die nicht mehr in den Rahmen unserer Zeit passende Brückengelderhebung bald zur Aufhebung käme. Kostheim, den 10. August 1906. Großh. Bürger meisteret Kost⸗ heim. Lessel“.
Das geht dem Heyl⸗Organ in Worms stark wider den Strich. Es murrt, die Kostheimer Bürgermeisterei hätte selbst einen entsprechenden Antrag an die Zweite Kammer richten sollen, statt erst die Initiative der„Genossen“ abzu⸗ warten.„Es erweckt gerade kein erhebendes Empfinden, zu beobachten, wie sich eine groß⸗ herzogliche Behörde zur Weitergabe von An⸗ trägen hergibt, die im staats⸗ und gesell⸗ schaftsfeindlichen Lager der Sozialdemo⸗ kratie ihren Ursprung haben“.— Und wenn ein Vorschlag oder Autrag noch so gut ist: weg damit!— wenn er von Sozialdemokraten kommt! Hier zeigt sich der fanatisch⸗bornterte Patriot im grellsten Lichte.
Gießener Angelegenheiten.
— Ueber die hohen Marktpreise herrschte am Samstag unter den Hausfrauen gewaltige Erregung. Und dazu war wirklich aller Grund vorhanden. Für das Pfund Butter wurde 1.40 Mk. verlangt! Ein solcher Preis war zu dieser Jahreszeit noch nicht da. Dabei eine ausgezeichnete Futterernte! Diese geradezu gemeingefährliche Preistreiberei muß natürlich die schwersten Schäden für die ganze Bevölkerung im Gefolge haben. Denn welche Arbeiterfamilie kann sich bei derartigen Preisen noch Butter leisten? Auf Fleisch muß sie auch fast ganz verzichten und auf Eier erst recht. Es liegt klar auk der Hand, daß unter solchen Umständen bei einem großen Teile der Bevölke⸗ rung Unterernährung herrscht, die die schlimmsten Folgen für das ganze Volk nach stch ziehen muß. Eine umsichtige Stadtverwaltung sollte erwägen, ob es sich nicht empfiehlt, dieser Preistreiberei entgegen zu wirken vielleicht dadurch, daß sie von sich selbst landwirtschaftliche Anlagen errichtet.
— Die alte Geschichte. Regelmäßig vor unserem Parteitag bringt die bürgerliche Presse Artikel, in denen„heftige Kämpfe“ auf dem Parteitag voraus⸗ gesagt werden. Mit wichtiger Miene wird da erzählt, daß unversöhnliche Gegensätze schon längst innerhalb der Sozialdemokratie vorhanden wären, daß die vor⸗ handene Spannung zur Explosion führen und die Meinungen auf dem Parteitage scharf aufeinander platzen würden. Im Gießener Amtsblatt verkündete diese Woche ein ganz Kluger, daß in Mannheim die Partei womöglich auseinander fallen werde.„Die Partei ist heute in sich selber uneins, sie marschiert heute ohne ersichtliches Ziel“. So orakelt der Biedere und er„vermutet“, daß in Mannheim viel geschimpft werden würde.— Nun, unsere Partei kann noch Auseinandersetzungen vertragen, an denen die„Liberalen“ und andere rettungslos zu Grunde gehen würden. Wie alljährlich, so werden sich auch dieses Mal wieder die Wüunsche unserer guten Freunde, der
Feiube, nicht erfüllen. Die deutsche Sozialdemokratie
zu laufen, sondern wird ihnen noch oft Beweise ihres Daseins nicht blos, sondern auch ihrer Schlagfertigkeit geben.
— Der Bierkrieg in Frankfurt, Hanau, Offenbach und Umgebung hat eine äußerst scharfe Form angenommen. Ueberall wird der Boykott streng durchgeführt und man muß die Disziplin der Bierkonsumenten bewundern. Es find keines⸗ wegs bloß Arbeiter, die den Biergenuß voll⸗ ständig eingestellt haben, sondern Angehörige aller Bevölkerungsschichten. Und man hört sehr oft aus dem Munde von Bürgersleuten scharfe Verurteilungen der Steuerpolitik sowohl als auch der Brauereibesitzer. Selbst zum alten Preise wird kein Bier mehr getrunken. Am Freitag fanden 13 stark besuchte Versammlungen statt, in welchen beschlossen wurde, den Bier⸗ genuß überhaupt einzustellen. Nur in zwei von diesen Versammlungen wurde die Boykott⸗Reso⸗ lution nicht angenommen. Diese beiden waren von den Brauereiarbeitern stark besucht und
diese stimmten gegen den Boykott, weil die
Brauereibesitzer Maßregelung der organisterten Brauer angekündigt hatten.— Die Brauereien selbst haben ein Flugblatt verbreitet, in dem vorgerechnet wird, daß die Neubelastung der 6 Frankfurter Aktien⸗Brauereien 2608 146 Mk. betrage, während im Vorjahre nur 1775827 Mk. Dividende ausbezahlt worden sei. Ohne Bier⸗ preiserhöhung hätten sie also in Zukunft einen Fehlbetrag von 832 369 Mk. Natürlich nimmt diese Rechnung kein Mensch ernst. Soviel steht fest, daß die Brauereien auch ohne Bterver⸗ teuerung recht erkleckliche Gewinne einheimsen würden. Am Montag beschloß eine stark be⸗ suchte Versammlung der Wirte, gemäß dem Beschlusse der Volksversammlungen während des Boykotts kein Bier mehr zum Ausschank zu bringen und dies durch Plakate, die in den Wirtschaften sichtbar auszuhängen sind, anzu⸗ kündigen.— Wenn die Bierkonsumenten weiter fest bleiben, so müssen die Brauereien nach⸗ geben. In verschiedenen Lokalen wird das Bier bereits wieder zum alten Preise angeboten, trotz- dem wird aber keins getrunken.
r. Maßregelung. Bei dem Bauunter⸗ nehmer Pfaff war ein junger Weißbinder⸗ handlanger aus Steinberg beschäftigt. Neulich wurde dieser auf das Bureau zitiert und ihm dort vorgehalten, daß er die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ austrage und außerdem habe er für den Weißbinderverband von Haus zu Haus agittert. Herr Pfaff meinte, er könne einen solchen Arbeiter nicht gebrauchen, doch versprach er ihm mehr Lohn, wenn er diese Tätigkeit einstellte, er sei ja sonst mit ihm sehr zufrieden. Doch der Arbeiter lehnte das An⸗ stunen des Herrn Pfaff ab und erhielt infolge dessen seine Entlassung.— Was hat sich denn Herr Pfaff darum zu kümmern, was der Ar⸗ beiter außerhalb des Geschäfts und in seiner freien Zeit tut? Und glaubt er etwa die „Sonntags⸗Zeitung“ schädigen zu können? Die wird doch verbreitet, wenn's auch Herr Pfaff nicht erlaubt! Es ist auch ein starkes Stück, wenn er dem Arbeiter verbieten will, sich dem Verbande anzuschließen, während Herr Pfaff ganz sicher seinem Arbeitgeberverbande angehört. Leider gibt es noch charakterlose Arbeiter, die thre Kollegen bei dem Arbeitgeber verkleinern und sie wegen ihrer Verbandstätigkeit denun⸗ zieren.— Bemerken wollen wir noch, daß der Weißbinder und frühere„Arbeitervertreter“ im Gemeinderat und Exgenosse, Johs. Schäfer XI. von Steinberg, Parlier bei Pfaff ist.
— Referentenkur sus. Wie in voriger Nr. bekannt gegeben, wird Gen. Dr. David an beiden nächsten Sonntagen— 9. und 16. Sep⸗ tember— einen sogenannten Referentenkursus abhalten, d. h. Unterricht in Redekunst erteilen. Diejenigen Parteigenossen, welche daran teil⸗ nehmen wollen, müssen sich pünktlich um 9 Uhr vormittags im Orbig'schen Lokale einfinden.
Aus dem Nreise gießen.
r. Bezirkskouferenz in Trohe. Am Sonntag nahmen die Parteigenossen des Bezirks Buseckertal den Bericht von der Landeskonferenz entgegen. Geu. Muhl, der den Bericht erstattete, entledigte sich seiner Aufgabe in vorzäglicher Weise. An die nahezu dreiviertelstündigen
Ausführungen desselben knüpfte sich eine ausgedehnte, rege Debatte, die sich im Wesentlichen um die Presse drehte. In einer Resolution erklärten sich die Partei⸗ genossen mit den Beschlüssen der Landeskonferenz ein⸗ verstanden, bedauern aber den Beschluß, daß die Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung weiterbestehen soll, daß man hierin eine Konkurrenz für die Tageszeitung erblickt. (Hier hat wohl ein Irrtum obgewaltet. Die Landes⸗ konferenz hat nicht beschlossen, daß die Mitt eld. S.⸗Ztg. weiter bestehen soll, sondern nur diese Frage dem Landes⸗ komitee zur Prüfung anheimgestellt. Anm. d. Red.) Nach Erledigung dieses Punktes wurden noch interne Bezirksangelegenheiten erledigt; unter anderem wurde beschlossen, jährlich drei ordentliche Bezirksversammlungen abzuhalten, jedoch kann auf Antrag einer Mitgliedschaft bei besonderer Veranlassung eine außerordentliche Ver⸗ sammlung stattfinden. Nach einem Appel des Vor⸗ sitzenden, an allen Orten und zu jeder Zeit des Preß⸗ fonds zu gedenken und den ganzen Monat September ununterbrochen für die Verbreitung des neuen Organs Sorge zu tragen, wurde die Versammlung, die in Anbetracht der schwebenden Fragen besser hätte besucht sein müssen, geschlossen.
— Altenbuseck. Die Mitglieder des Volks⸗ vereins Altenbuseck werden freundlichst ersucht, Sonntag nachmittags punkt 2 Uhr im Vereinslokal bei Wirt Becker sich zur Aufstellung zum Festzug und Teilnahme an dem Turnerfest einzufinden. Es wird um recht zahl⸗ reiches Erscheinen gebeten.
— Opfer des Militarismus. Am vorigen Donnerstag kam der Kanonier Wagen bach aus Burkhardsfelden, der bei der 1. Batterie des Darmstädter Artillerie⸗Regiments dient, auf gräßliche Weise ums Leben. Die Batterie befand sich bei Groß⸗ Umstadt im Manöver. Der Feldwebel Wiener wollte ein Geschütz kontrollieren, ob es vorschriftsmäßig mit Manöverkartusche geladen sei. Dabei ging der Schuß los und traf den hinter der Rohrmündung stehenden Wagenbach mit voller Kraft, daß dieser sofort getötet wurde. Die Leiche wurde nach Burkhardsfelden gebracht, wo die Beerdigung unter großer Beteiligung stattfand. — Feldwebel Wiener wurde bereits kriegsgerichtlich ab⸗ geurteilt und mit 3 Monat Gefängnis bestraft.
Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach.
sp. Ein strenggläubiger Hausbesitzer. Am Hause Mainzergasse Nr. 3 in Alsfeld war dieser Tage folgendes merkwürdige Plakat zu lesen: Nur 2 Nur einem sitten⸗, ehrenhaften und reellen Protestanten vermlete Laden mit Wohnung.
Während sonst bei den Hausagrariern Bezahlen die
Hauptsache ist, scheint dieser davon eine Ausnahme zu machen und das Hauptgewicht auf die Kirchenzugehörigkeit des Ladenmieters zu legen. In unserer„materialistischen“ Zeit ist das immerhin ein„idealer“ Standpunkt.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Wieder Fleischaufschlag! Die Wetzlarer Metzger⸗Innung hat die Preise für Ochsen⸗ und Rind⸗ fleisch wiederum heraufgesetzt und zwar gleich um 8 Pfg. das Pfund. Ochsenfleisch kostet jetzt 88, Rindfleisch⸗ 80 Pfg.— ungefähr das Doppelte dessen, was es vor wenig Jahren galt! Allerdings sind daran nicht die Metzger schuld, sondern die agrarische Zollpolitik und die dadurch bewirkte künstliche Verteuerung aller Lebens⸗ mittel. Wohin soll das noch führen! Es ist wahrhaftig noch schlimmer geworden, als damals bei den Zoll⸗ debatten es von unserer Seite befürchtet wurde. Das Volk wird tatsächlich systematisch ausgehungert; man stelle sich nur vor, wie ein Arbeiter, der etwa 4—5 Kinder hat und vielleicht die Woche 18—20 Mk. ver⸗ dient, seine Familie ernähren soll!— Nutzlos und zwecklos werden viele Hundert Millionen für die afrika⸗ nischen Sandwüsten hinausgepulvert; Industrielle und Großgrundbesitzer häufen ungeheuere Reichtümer auf— das arbeitende Volk aber hungert! Und angesichts dieser Zustände unternehmen es sogenannte„Patrioten“ bei jeder Gelegenheit Loblieder auf das„herrliche deutsche Reich“ anzustimmen und jeden als„vaterlandslos“ zu beschimpfen, der auf die Mängel hinweist und Besserung verlangt.
h. Sedankoller. Obwohl schon 36 Jahre seit dem„glorreichen“ Tage von Sedan verstrichen sind, wird noch jedes Jahr am 2. September großer Tam⸗ tam von den„Patrioten“ geschlagen. Was bei solchen Gelegenheiten in Kriegervereinen oft verzapft wird, muß bei jedem verständigen Menschen teils Zorn, teis Gl lächter erregen. Man sollte es doch mit der Sieges⸗ trommelei endlich genug sein lassen. Wir werden uns in der nächsten Nr. mal die Rede des Lehrers Petri im Kriegerverein etwas näher ansehen.
w. Recht ungünstige Werkstattsverhält⸗ nisse bestehen zum Teil noch in Wetzlar. Die Arbeits- räume lassen in Bezug auf Sauberkeit, Wascheinrich⸗
tungen zc. noch vielfach zu wünschen übrig. Bei der⸗


