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Nr. 18.
Gießen, den 6. Mai 1906.
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13. Jahrgang.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Sonnt
Mitteldeutsche
gs⸗Jeitung
Redaktionsschluß: Donnevstag Nachmittag 4 Uhr
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Die Mitteldeutsche
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Vorwärts!
Die Maidemonstration der Arbeiter⸗ klasse ist in diesem Jahre imposanter und all⸗ gemeiner gewesen als je vorher. Alle Nach⸗ richten über die Feier, mögen sie aus Deutsch⸗ land oder dem Auslande kommen, beweisen, daß die Arbeiter an ihrem selbstgeschaffenen 5 105 festhalten, durch den sie alle großen
edanken der Menschheitsbefreiung zum Aus⸗ druck bringen. Der Maigedanle bricht sich immer mehr Bahn in dem arbeitenden und besttzlosen Volke; die Maiforderung, die Idee des Sozialismus, begegnen immer größerem und wachsendem Verständnisse und erobern immer neue Scharen begeisterter Anhänger. Das beweist besonders die Maifeier in Berlin. Seit Jahren reden die kapitalistischen Sold⸗ schreiber ihren Lesern vor, daß es mit der Maifeier bergab gehe, daß die Beteiligung daran abnehme und konnten ste nicht genug verhöhnen und verspolten. Nicht bloß die Maifeter wird verhöhnt, sondern auch die Arbeiter selber. Höhnte doch das Gießener Amtsblatt: Ihr armen Schlucker, die ihr bloß Käse und Bier habt!— Jetzt müssen aber alle Ordnungsblätter zugestehen, daß die Maifeler überall größeren Umfang angenommen, Arbeits⸗ ruhe viel allgemeiner gewesen sei als je vorher.
Die Zahl der Arbeiter, die in Berlin am 1. Mat gefeiert haben, wird mit 120000 für Berlin allein, ohne die weitgedehnten Vororte, angegeben. Die Vormittagsversammlung der Holzarbeiter allein, die in der„Neuen Welt“ tagte, war von 15—20 000 Personen besucht, dabei war sie bloß eine von zweiundvierzig! Massenhaft besucht waren auch die Versamm⸗ lungen der Bauarbeiter, die am 1. Mai immer fast vollzählig fetern, die der Maurer, Zimmerer und Mekallarbeiter, der Konfektionsarbeiter und der Schuhmacher. Fast alle Säle waren eine Stunde vor Beginn polizeilich abgesperrt. Am Morgen, der in voller Matenpracht heraufgezogen war, lagen die Straßen des betriebsamen Nordens wie verödet da. Alle Räder standenstill. Die Stadtbahn⸗ und Hochbahnzüge fuhren in den Stunden vor Arbeitsanfang leer, die Om⸗ nibusse waren kaum besetzt. Bald aber machte sich eine lebhafte Bewegung sonntäglich geklei⸗ deter Scharen nach den Versammlungslokalttäten bemerkbar, die natürlich sämtlich überfüllt waren. In Berlin und den Vororten wurden weit über 100 Versammlungen abgehalten. Die Polizei war natürlich wiederum aufgeboten, um die „Ordnung“ aufrecht zu erhalten, die selbstver⸗ ständlich nirgends gestört wurde. Der Nach⸗ mittag gehörte wie seit je den festlichen Veran⸗ staltungen der Partet, die in 21 der größten Lokale Berlins und in 43 Lokalen der Umgebung, massenhaft besucht, einen ungestörten Verlauf nahmen. Kurz, die diesjährige Malfeier war in Berlin eine Riesendemonstration, wie ste die Hauptstabt noch nicht gesehen hat. Und in den großen deutschen Industrie⸗ und Handels⸗ städten zeigte sich dasselbe Bild wie in Berlin. Durch die Straßen Hamburgs bewegte sich, wie alljährlich, ein riestger Demonstrationszug, der diesmal viel größer war als früher. Sechzehn Musikkapellen marschierten im Zuge! Die Arbeit ruhte im Baugewerbe und vielen anderen Berufen vollständig.— In Breslau zeigte die Polizet dem Volke die Schönheiten
der heutigen Oronung und der deutschen Frei⸗ heit dadurch, daß ste eine Versammlung auflöste, den Redner, Genossen Albert, verhaftete und auch dessen Kollegen von unserm dortigen Parteiblatte wegen Veröffentlichung eines Mai⸗ gedichts, das schon im vorigen Jahre mehrere Parteiblätter brachten! Man macht in Breslau den lächerlichen Versuch, auf Kosakenart die größte Kulturbewegung der Welt aufzuhalten! — Großartig war die Demonstration auch in Dresden, Magdeburg, Leipzig, Nürnberg, München, Stuttgart, Mannheim, Köln, Hannober, Bremen, Lübeck— kurz, im Süden wie im Norden haben die Arbeiter die Bedeutung des Weltfeiertages erkannt und würdig gefeiert.
Selbstverständlich bleibt auch Hessen nicht zurück. In Offenbach, Darmstadt, Mainz wiesen die Veranstaltungen größere Beteiligungs⸗ ziffern als früher auf; in Offenbach herrschte fast vollständige Arbeitsruhe. Auch in den kleineren Orten und selbst auf dem Lande feiert man den ersten Mai.— Frankfurt hatte sieben Ver⸗ sammlungen am Vormittag, im Baugewerbe war die Arbeitsruhe vollständig.
Aus dem Auslande wird ebenfalls von großer Beteiligung an der Maidemonstration und ihrem guten Verlauf berichtet. In Paris hatte die„bessere“ Gesellschaft diesmal eine ge⸗ waltige Angst vor„der Revolution“ ergriffen, die angeblich am 1. Mai eintreten sollte. Diese grundlose Furcht zeigt nur das böse Gewissen der Herrschenden! Wo in Paris die Polizei die Arbeiter nicht provozierte, ist nichts vorge— kommen. Ein Zöwischenfall ereignete sich in Paris allerdings, der erwähnt zu werden ver⸗ dient: In einer großen Versammlung Strei⸗ kender am Vorabend der Maifeier hat ein Offizier in Uniform eine Rede gehalten, in der er beteuert, daß er den Befehl zum Schießen auf das Volk nicht weitergeben würde, wenn er an ihn gelangen sollte. Die Versamm⸗ lung der Arbeiter hat dem Redner zugejubelt; die Presse des Bürgertums zerfleischt den„Ver⸗ räter“ und der französische Kriegsminister hat vorläufig über den jungen Mann, der nicht das Blut seiner Volksgenossen vergießen will, strengen Arrest verhängt. Diesen Offtzier wird das Kriegsgericht sicher nicht freisprechen, wie seine klerikalen Kameraden, die ihren Vorgesetzten bet den Pfaffenrebellionen den Gehorsam verweigerten!
Alles in allem beweist der diesjährige Welt⸗ feiertag, daß der welterlösende, völkerbefreiende Sozialismus auf der ganzen Linte im Vor⸗ marsch begriffen und in seinem Siegeslauf nicht mehr aufzuhalten ist. Darum hoch die inter⸗ nationale Sozialdemokratte!
„Armut schändet nicht“.
Die Armut als sozialer Faktor ist von alters her eine Begleiterscheinung der Standes⸗ und Klassenherrschaft. Ihrem ganzen Wesen nach läßt diese Herrschaft sich nur begreifen in der Unterdrückung und Ausbeutung arbeitender Massen, womit das Los dieser Massen, der Armut und dem Elend überantwortet zu werden, notwendig gegeben ist. Immer war die Armut der Unterbrückten die unerläßliche Voraussetzung für den Reichtum der Herrschenden. Die christliche Moral hat es zwar an Trost⸗
sprüchen für die leidende Armut nicht fehlen
lassen; ja, sie hat die Armut verherrlicht und einen förmlichen Kultus mit ihr getrieben. Nach kirchlicher Lehre ist die Armut ein den Menschen„von Gott auferlegtes“ Los, das geduldig, mit Ergebung in den Willen der göttlichen Allmacht und in der Hoffnung auf die Vergeltung im besseren Jenseits ertragen werden muß. Die kirchliche Armenpflege geht von der Annahme einer Notwendigkeit des Almosengebens, der Unterstützung der Armut, als einem Gott wohlgefälligen Werke aus; den Armen„wohlzutun“ gilt ihr als Bedingung für Erwerb und Vermehrung der göttlichen Gnade. Freiwillig in Armut zu leben, gilt dem religiösen Fanatismus als eines der besten Mittel, diese Gnade und damit Anspruch auf einen Platz im Himmel zu erlangen.
Nichts destoweniger hat die christliche Gesell⸗ schaft sich nicht fret zu machen vermocht von grundsätzlicher Verachtung der Armut. Auch in ihr, wie in der früheren heidnischen Gesell⸗ schaft, verbindet sich mit Armut der Begriff der „Niedrigkeit“. Zwar sagt die christliche Moral: „Armut schändet nicht.“ Aber sie schändet doch. Wie Reiche und Mächtige hochmütig und ver⸗ achtungsvoll auf die Arbeit, die sie ihrem Herrschaftsinteresse unterworfen haben, herab⸗ sehen, so auch auf den Menschen, der arm und leidend, allem möglichen Mangel preisgegeben, ihnen fronden muß. Immer noch ist es eine traurige Wahrheit, daß Armut schändet. Daran hat die„Religion“, die„christliche Moral“ und auch der moderne Rechtsstaat nichts geändert. Dieser Staat hat zwar die Theorie von der „Gleichheit im Recht und vor dem Recht“ an⸗ erkannt. Aber an der praktischen Erfüllung dieser Theorie fehlt noch viel. Das kapttalistische Wirtschaftssystem, die klassenstaatliche Ordnung erzeugt eine Unsumme von Armut und Elend, der gegenüber die öffentliche Armenpflege und die Privatwohltätigkeit sich wie eine grausame Satire ausnehmen. Der Charakter der öffent⸗ lichen Armenpflege als einer Art polizeilicher Notwehr gegen Bettelet und Vagabundage hat einen, für Unglückliche, die Unterstützung in Au⸗ spruch zu nehmen gezwungen sind, stark ent⸗ würdigenden Zug. Abgesehen von den orga⸗ nischen Fehlern, die ihr anhaften und sich be⸗ sonders in einem geradezu monströsen Schema⸗ tismus und Bureaukratismus offenbaren, fehlt in den zur Ausführung der betreffenden Gesetze und Verordnungen berufenen Kreisen nur zu häufig der rechte Geist. Irrtum, Vorurteil, JInhumanität machen sich da oft in erschrecklichem Maße geltend. Es werden nicht selten gerade⸗ zu brutale Exzesse gegen die Armut begangen. Mißachtung und Verachtung der Armut treten hervor. Oft trifft man da, auch bei Behörden, auf die Ansicht, daß die Verarmung und Hilfs⸗ bedürftigkeit hauptsächlich aus dem„wachsenden Hange zur Arbeitsscheu“, aus Leicht sinn usw resultieren, was dazu verleitet, dem Armen ungerecht zu begegnen, ihn hart zu behandeln, in rigoroser Weise gegen ihn auf Grund der §§ 361, Ziffer 5, 7 und 8 und 362 des Straf⸗ gesetzbuches vorzugehen. Solche Fälle kommen täglich vor. Auch die empörende Praxis, daß Behörden Uuterstützungsbedürftige, selbst erkrankte „Ritter der Landstraße“— wie blöder Hohn die Armen, die hungernd und arbeitsuchend im Lande umhergehen, nennt— einander zuschteben, um Kosten zu ersparen, kommt immer noch vor.


