—————ͤ—— eee eee
7
2 e ee n*
Nr. 31.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite
Ihr sollt an Liebe nicht erkalten
Fürs Holk, fürs Freiheitsideal,
Und bleiben ewig jung die Alten,
Trotz Hohn und Spott, trotz Not und Qual.
Das Ide al allein ist ewig Und leuchtend wie der Sonne Licht, Und der ist ein Charakterkönig, Der läßt vom Ideale nicht.“ Robert Seidel.
Der Vesuch. Von A. R.“
Zwei junge Menschen trafen sich jeden Morgen auf dem Wege zur Arbeit. Sie wußten, wie ste hießen und wo sie wohnten, das hatten sie sich gesagt; und sie wußten, daß sie sich gern hatten, und das hatten ste sich nicht gesagt. Wozu sollten ste sich das sagen? Sie gingen langsam eine Strecke weit zusammen und sahen sich zuweilen an. Wenn ihre jungen Augen sich fanden, dann blickten ste schnell auf den Weg oder in einen Laden und sprachen etwas Gleichgültiges: etwa, daß dieses oder jenes billig sei, oder daß die Seraße lang sei. Dar⸗ über redeten sie dann eifrig. Bei dem Zigarren⸗ laden an der Ecke mußten ste sich trennen und sahen zusammen noch ein Weilchen nach den Bildern, die der Händler zwischen die hellbraunen Kisten gestellt hatte, oder nach dem Mohren, der eine dicke Zigarre in den schwarzen Händen hielt; ste schauten sich in dem blanken Glas und gingen rasch auseinander. So war es jeden Tag.
Heute mußte der junge Mann den Weg allein gehen. Er trug einen Mädchenbrief in der Tasche. Sie schrieb, daß ste krank sei und in der Stube bleiben müsse. Solch ein Brief! Es war ein kurzer Brief mit Kinderbuchstaben, und die Tinte war blaß. Er konnte sich gut vorstellen, wie das Mädchen mit seinen klaren Augen der spitzen, schwarzen Feder gefolgt war, und wie es zuletzt mit seiner roten Zunge am Umschlag geleckt hatte. Gewiß hatte die Nach⸗ barin, die Nähertn, den Brief zur Post getragen. So dachte er und kam an den Eckladen und sah in das Fenster, als ob er etwas suche und griff mit den Händen in die Tasche und griff den Brief. Da ging er rasch in die Fabrik, ins Maschinenhaus. Was war das für ein merkwürdiger Weg heute. Die Vögel sangen nicht, und die Blumen hinter den starken Gittern hatten einen matten Schein, und alle Menschen machten traurige Gesichter. Der Maschinist hing seine Ueberkleider neben die Betriebsord⸗ nung an einen eisernen Haken, den hatte er einmal auf der Straße gefunden. Die Maschine lag besonders ernst und schwer da, wie ein mächtiges Raubtier. Der junge Mann lehnte nicht wie sonst an dem schmalen Fenster und sah, wie Arbeiter in schwarze, ernste Tore gingen, und wie auf dem Güterbahnhof die Wagen zu Zügen vereinigt wurden. Er stand nachdenklich vor dem Feuerloch, als ob er die Aufschrift der Feuertür auswendig lernen wollte. Die wußte er längst.
Da schlug die Uhr; die Arbeitsstunde begann, und er griff an ein kleines, blankes Rad. Die Maschine fing an zu leben, und das Schwungrad drehte sich schneller und schneller und summte und sang das heilige Lied der Arbeit. Der rote, starke Riemen lief durch eine Oeffnung in der Wand in die Fabrikräume, zog mit starker Kraft das Gold aus der Welt und führte es in das stille Haus des Fabrikbesitzers, vor dem rote, leichte Bänke unter Rosen stehen und der Springbrunnen den lauschenden Blumen Märchen erzählt. Aber von dem Schwungrad erzählt der Brunnen nichts. Das gehört zu einer anderen Welt.
Heute wollte die Arbeitszeit kein Ende nehmen. Der Maschinist ging wohl zehnmal mit der Oelkanne zu den Lagern; die Schmierbüchsen waren jedesmal noch fast voll; freilich, sonst brauchte man nur zweimal zu ölen. Oder er legte die braune Hand auf eine blanke Schutz⸗ stange und sah, wie der Kolben spielend auf und nieder ging. Er lauschte auf das regel- mäßige Pochen der Maschine und dachte: Nun ist sie krank, nun ist sie krank; was fehlt ihr denn 2 Und er nahm sich vor, ste zu besuchen.
— Endlich war Schluß der Arbeitszeit; die große Möbelfabrik mit dem hohen Schornstein pfiff zuerst, der Ton war laut und hart; dann folgten die anderen Fabriken, und die schrillen Töne hingen um die riesigen Schornsteine und riefen von den Wänden und kamen bis tief in die Kohlenkeller und riefen müden Menschen zu: „Freiheit! Ruhe, Frei- heit!“
Der junge Maschinist eilte durch die Straßen nach des Mädchens Wohnung. Er mußte mehr⸗ mals nach der Straße fragen und wurde jedes⸗ mal rot dabei. Einmal fragte er eine Zeitungs⸗ frau und dann einen kleinen Jungen, der lief ein Stück mit ihm und zeigte ihm das Haus. Dann mußte er fünf Treppen in die Höhe steigen. Es waren dunkle und schmale Treppen. An der Tür der Dachstube links stand des Mädchens Name. Er las ihn, wie man die Schrift auf inem bedeutenden Denkmal liest. Das waren dieselben Buchstaben wie in dem Brief. Sie waren auf ein Blatt aus einem Notizbuch ge⸗ schrteben, das hatte sie mit einer Stecknadel festgemacht, und es hing ein wenig schief.
Nun trat er ein. Die beiden Menschen sahen sich in die heißen, jungen Augen und vergaßen „Guten Tag“ zu sagen. Das Mädchen war gefallen, und der Fuß tat ihm weh, und es lag auf dem niedrigen Bett. Es stand auf und wurde verlegen, und Freude glänzte in seinen Augen. Das Mädchen hinkte nach dem Tisch. Dort standen zwei Stühle; einer war ein Gartenstuhl und war von Eisen. Die jungen Meuschen setzten sich und legten die harten Hände auf den Tisch und sprachen nichts. Die Nach⸗ barin rasselte mit der Nähmaschine, dann hustete ste sehr, und die Maschine stand ein Weilchen still. Das Mädchen erzählte, daß die Näherin oft bis Mitternacht arbeite, und daß sie wenig verdiene und neulich eine Mark zu Kaffee bei ihr geborgt habe. Nun redeten sie wie zwei alte, kluge Leute von ernsten Dingen und von der Arbeit und merkten nicht, daß die Zeit rasch verrann und ein letzter Abendsonnenstrahl durch die kleinen, sauberen Gardinen schimmerte.
„Du sollst noch meinen Garten sehen.“ Sie ging zum Fenster und hatte dabei Schmerzen. Er hätte ste gern mit seinen starken Armen um den Leib gefaßt und getragen; aber darf man ein so feines, gutes Mädchen aufassen? Er stand verlegen in der Stube und sah eine Träne des Schmerzes in ihren Augen, doch sie lächelte. Die Träne lief über die Wange, und ste wischte sie mit der Hand weg und lächelte. Beide sahen den Garten. Das waren Nelken auf dem Fensterbrett, weiße und rote, und Geranien und noch eine andere Blume; die kannte er nicht und fragte nach dem Namen. Sie erzählte von ihren Lieblingen und lobte sie. Und er sah glücklich in diese kleine, stille Welt und versprach dem Mädchen einen Rosenstock zum Geburtstag. Sie sah nach seinen Augen und nickte und sagte:„Da soll er stehen“, und rückte die beiden Nelkenstöcke auseinander, als ob der Rosenstock schon da sei. Dann sahen beide noch ein wenig über die Dächer; die Straße konnte man nicht sehen. Es war eine enge Straße. Die Sonne sank. Nur die Schorn⸗ steine standen noch im Licht.
„Jetzt mußt du fortgehen; jetzt wird es Nacht, gelt.“ Sie pflückte eine rote, halboffene Nelke und steckte sie ihm ins Knopfloch und nahm seine Hand in ihre Hände: 5
„Das ist lieb, daß du gekommen bist; aber nun darfst du nicht wieder kommen; ich will's nicht, und bald bin ich wieder gesund; dann gehen wir wieder zusammen zur Arbeit.“
Sie sahen sich noch ein wenig offen und lieb an und küßten sich mit den Augen und schieden. 5
Die Straßen waren voll Lärm. Aus einer Kneipe tönte ein Orchestrion. Und die vielen Wagen. Und die Menschen. Wie still war es in dem Mädchenzimmer, und wie schön waren die Blumen auf dem Fensterbrett! Wie blank alles, und wie lieb das Mädchen. So ein liebes Mädchen; daß es solch ein Mädchen
eben konnte! Der Maschinist ging in die stillen nlagen und trug den Hut in der Hand. Der Kopf war ihm heiß, und er strich leise und liebevoll über die rote Nelke.
r
große
Splitter.
Ein edles Verlangen muß in uns erglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sitt⸗ lichkeit und Freiheit, das wir von der Vor⸗ welt überkamen und reich vermehrt an die Folge⸗ welt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschen⸗ geschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen.
* **
Träges Anstaunen fremder Größe kann nie ein höheres Verdienst sein. Dem edleren Menschen fehlt es weder an Stoff zur Wirksamkeit, noch an Kräften, um sel bst in seiner Sphäre Schöpfer zu sein. Und dieser Beruf ist auch der deinige. Hast du ihn einmal erkannt, so wird es dir nie wieder einfallen, über die Schranken zu klagen, die deine Wißbegierde nicht überschreiten
kann. *
** Ein erleuchteter Verstand veredelt auch die Gesinnungen.
Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren⸗Gold⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert.
Humoristisches.
Altona⸗Iserlohn. Seht ihr wohl? Das kommt davon! Un ser ist jetzt Iserlohn! Zentrum faucht ob der Geschicht, Weil es traf in's„Schwarze“ nicht.
„Rot“ ist Trumpf und nochmals Trumpf! Zentrum, ach, kam in den Sumpf! Zentrum, ach, kam auf den Hund, Und das ist ihm ganz gesund. („Südd. Postill.“)
Arbeiter⸗Ferien. Schulze: Die Chemnitzer Handelskammer hat sich ja dahin ausgesprochen, Arbeiter brauchten keine Ferien! Müller: Recht hat sie! Wozu gibt es denn Streiks und Aussperrungen? Da können sich die Arbeiter genug erholen.
Ein ganz Schlauer. v. X.: Aeh! Gemeinheit von den Sozialdemokraten, in Hagen⸗Schwelm einen „König“ als Kandidaten aufzustellen! Wollen damit bloß königstreue Wähler einfangen!
(„Südd. Postill.“)
———— ——.
Lundes-Konferenz
der Sozialdemokraten Hessens
Samstag 25. und Sonntag 26. August
in Mühlheim im Saale„Zur schönen Aussicht“ Mainstraße. Beginn: Samstag Abend 8 Uhr. Vorläufige Tages⸗Ordnung: 1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komitees und des Landes⸗ Sekretärs. Referenten Genossen Ulrich und Dr. Dapkd. 2. Rechnungsablage. Reserent Genosse Orb. 3. Die Aenderung des Landes-Organisations⸗Statuts. Referent Genosse Orb. 4. Der Parteitag in Mannheim. Referent Genosse Dr. Da vid. 5. Die stattgehabten Landtagswahlen und die Tätigkeit des Landtags. Referent Genosse Adelung. 6. Unsere Taktik für die Kommunalwahlen. Referent Genosse Ulrich. . Einlaufende Anträge.
0 8. Wahl des Landes⸗Komitees. 9
Wahl des Ortes der nächsten Landes⸗Konferenz.
Parteigenossen! Rüstet zur Landes⸗Konferenz. Dis⸗ kutiert die Tagesordnung und sendet etwaige Anträge an den unterzeichneten Genossen Ulrich ein, damit sie veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden können. Die Delegierten haben sich von ihren Organisationen ein Mandat ausstellen zu lassen; Formulare dafür find ebenfalls durch den Genossen Ulrich zu beziehen.— Ge⸗ nossen! Auf zur Konferenz! Sorgt dafur, daß dieselbe zahlreich besucht wird. 2
Offenbach, 16. Juli 1906.
Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, J. Orb, Große Marktstraße 23. Friedrichstraße 24


