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Nr. 9.

Gießen, den 4. März 1906.

13. Jahrgang.

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Der Hungertarif

ist nunmehr in Kraft getreten und wird mit seinen teilweise enormen Zollerhöhungen die Lebenslage der breiten Masse des Volkes in ungeheuerlicher Weise erschweren. Die Preise der wichtigsten Lebensmittel werden außer⸗ ordentlich in die Höhe schnellen; die schon monatelang währende Fleischteuerung bedeutet bereits einen bitteren Vorgeschmack von dem Kommenden.

Wenn es wirklich der Arbeiterschaft hier und da möglich war, mit großer Anstrengung ein paar Pfennige mehr Lohn zu erkämpfen, so wird dies und noch weit mehr durch die Verteuerung aller Lebensmittel wieder aufge⸗ zehrt. Es steht eine Zeit eruster und schwerer Kämpfe zu erwarten. Mehr als je gilt es für die Arbeiterklasse, sich darauf zu rüsten und ihre Waffen zu schärfen.

Um aber diese Kämpfe nachhaltig führen zu können, ist fester Zusammenschluß der Arbeiter unbedingt notwendig. Und zwar gewerkschaftlich und politisch! Jeder denkende Arbeiter, jeder Minderbemittelte muß sich der Soztaldemokratte anschließen, die sich jederzeit als Verfechterin der Inieressen und Rechte der arbeitenden und besitzlosen Klasse bewährt hat. Schließt Euch deshalb dem soztaldemokratischen Verein an! Vor allem aber lest und unterstützt die Arbeiter- presse, unsere Parteipresse! Wie viele Arbeiter lesen noch in törichter Verblendung die volks⸗ feindlichen Zeitungen, die jederzeit nur ihren eigenen Profit im Auge haben, die Bestrebungen der Arbeiterschaft verhöhnten und ihr in Zeiten des Kampfes in den Rücken fallen. Darum sorge jeder für weiteste Ausbreitung der Ar⸗ beiterpresse, werbe Abonnenten für dieMittel⸗ deutsche Sountags⸗Zeitung.

Patriotismus.

Einer der beliebtesten Vorwürfe gegen die Sozialdemokratie ist derjenige der Inter⸗ nationalität. Das Wort bedeutet für viele so viel wieVaterlandslosigkeit; es wird der Anschein zu erwecken gesucht, als diene unsere Partet antinationalen, gegen die Nation oder das Vaterland gerichteten Bestre⸗ bungen. Daher beschimpfen auch alle Mords⸗ und Prozentpatrioten die Sozialdemokraten als vaterlandslose Gesellen, was übrigens auch schon anderen Leuten gegenüber geschah.

Unsere Feinde, ganz einerlei, ob sie auf die Religion der Bibel oder die des Kapitals schwören, würden in große Verlegenheit kommen, wenn sie in den vielen soztaldemokratischen Schriften auch nur eine Stelle nachweisen sollten, wo geschrieben steht, daß die Sozialdemokratie das Vaterland verleugne. Sie ist inter⸗ nattonal, gewiß, aber das heißt, sie will die Völker nicht innerhalb ihrer Landesgrenzen abschließen, sondern sie will in stetem Verkehr in Frieden und Freundschaft mit allen anderen Ländern leben. Sie will, daß die Bewohner eines Landes mit den Nachbarbölkern durch dieselben Rechtsgrundsätze verbunden sind, wie unter sich selbst. Und ste will das nicht allein, weil ihr das so hübsch gefällt,

sondern sie ist fest davon überzeugt, daß der Fortschritt der Menschheit ganz von selbst darauf hintreibt.

Sind denn die Sozialdemokraten allein international? Bewahre! Die Fabrikanten und Kaufleute, die Kapitalisten waren es schon, bevor es eine Sozialdemokratie gab. Der Unterschied ist nur der, daß die Kapitalisten nur für ihre Person oder ihre Firma keine Vaterlandsgrenze kennen und mit demErb⸗ feind zusammen ganz gerne Profit machen, während die Sozialdemokratie stets und immer⸗ dar bei allem, was ste tut, im Interesse der Gesamtheit handelt. Und da die französische, die englische, die österreichische Sozialdemokratie ebenso denkt und handelt, gibt es für sie keine Erbfeinde; ihre gemeinsamen Feinde, das sind die Rückwärtser, welche aus lauter Profitsucht die Völker in ihrem Kultur⸗ fortschritt hemmen und ihnen die freie Bewegung rauben.

Die Rothschilds sind überall zu Hause: in Frankfurt sind sie deutsche, in Paris französtsche, tn Wien österreichische und in London englische Patrioten. Aber auch die Kirche, vor allen Dingen die katholische Kirche, ist sie denn nicht streng internatsonal? Ja, selbst die Fürsten hängen ihr Nationalgefühl an den Nagel, wenn ihnen in einem anderen Lande Vorteil, ein Fürstenstuhl oder gar eine Krone winkt. Eine ganze Anzahl Beispiele ließe sich hierfür gerade aus deutschen Fürstenhäusern aufführen.

Also die Sozialdemokratie ist international . das geben wir mit Stolz und Freude zu. Aber international bedeutet doch nicht zugleich antinattonal, d. h. mit anderen Worten: wenn ich mit den Nachbarvölkern friedlich und ge⸗ meinschaftlich leben will, so sage ich doch damit nicht, daß ich das Volk des Landes, in dem ich geboren bin und lebe, bekämpfe oder gar verachte.

Hier ein Beispiel: Jemand lebt mit den Familien, die mit ihm zusammen ein Haus be⸗ wohnen, in friedlichster Gemeinsamkeit. Wenn nun ein anderer käme und behauptete allen Ernstes: weil er das tue, mißachtet und schädigt er seine eigene Familie, was würde man diesem Menschen sagen? Doch sicher, geh, du bist reif fürs Irrenhaus.

Es ist zweifellos, daß bei den meisten Men⸗ schen wohl eine unauslöschbare Anhänglichkeit an ihr Vaterland besteht. Es sind die vber⸗ schiedensten Eindrücke und Erinnerungen, welche sich da geltend machen, und dazu gehört in erster Linie wohl die Muttersprache.

Unter Patriotismus verstehen wir die Liebe zum Volke, das das Vaterland bildet, nicht die Liebe zu Einrichtungen, die dem Volke nur schaden und ihm die Gut- und Blutsteuern bringen, wie z. B. das Militär. Wenn die Reichen und alle, die für die Herrsch⸗ Einrichtungen der Reichen eintreten, bestreiten, daß sie nur aus Habgier Patrioten sind, wenn ste sagen, sie seien es auch aus Liebe zum Volke, so kommt das daher, weil sie das wirkliche Volk, das werktätige, schaffende Volk in polttischer Hinsicht für eine Null halten und der Meinung sind, daß das Volk, welches man beachten müsse, erst mit dem Reserveleutnant beginne.

Wir Sozialdemokraten müssen also den Vor⸗ wurf, wir seien Feinde oder gar Verräter des Vaterlandes, als eine arge Verleumdung zurück⸗

weisen. Wenn wir Staatseinrichtungen bekämpfen, die 900%ĩ der Bevölkerung zu m Scha den sind, so haben wir dazu nicht allein das Recht, sondern auch die Pflicht, als Staatsbürger, als Mensch. Und wenn wir Einrichtungen nebst den Personen die diese Einrichtungen schaffen, nicht lieben können, Einrichtungen, wonach diejenigen, welche für die Verbesserung der Lage der Arbeiter eintreten, auf Schritt und Tritt geschuhriegelt oder ins Gefängnis geworfen werden, so ist das doch zu begreifen. Eine solche Liebe wäre un⸗ natürlich, wäre Heuchelei und nichts ist uns Sozialdemokraten verhaßter als Heuchelei. Wer also Patriotismus, Vaterlandsliebe, nicht so versteht, daß der Mensch seine ehrliche Ueberzeugung mit Füßen treten soll, sobald es von oben herunter verlangt wird, wer auf Charakter und Menschen wür de auch bei den Arbeitern hält, der wird uns Soztal⸗ demokraten recht geben müssen, wenn wir sagen: den von der herrschenden Klasse treibhausmäßig gezüchteten und auf der Straße und bei Fest⸗ lichkeiten öffentlich zur Schau getragenen Pa⸗ triotismus machen wir nicht mit, denn er dient nicht zum Wohl, sondern zum Schaden des Volkes. Wer solchen Patriotismus, der nur im Interesse einer kleinen Minderheit liegt, vertritt, der ist nicht national gesinnt. Wir bestreiten also ganz entschieden, daß die Sozialdemokratie gegen das Wohl des Volkes handelt, weil ste die Völkerverbrüderung erstrebt. Die höchste Hingebung an das eigene Volk schließt doch nicht aus, daß man auch den anderen Völkern denselben Wohlstand wünscht, den man für das eigene Volk erstrebt. Die Internationalität, die Gemeinschaft der Völker, ist für die Sozialdemokratie nicht die Aufhebung, sondern die Ergänzung und Be⸗ kräftigung der Nationalltät, die Sorge für das Wohl des eigenen Volkes. Wenn eine Partei national ist, das heißt den Kampf für den Wohlstaud, für die geistige Hebung und für das Selbstbestimmungsrecht der Masse des Volkes führt, so ist es die Sozialdemo⸗ kratie. Aber sie hat erkannt, daß dieser Kampf aussichtslos ist, wenn er in einem Volk allein geführt wird, indeß seine Nachbarn in Barbarei und Knechtschaft verstnken. Deshalb freuen wir uns auch, daß das in der Kultur so zurück⸗ gebliebene Rußland endlich einmal um einen mächtigen Ruck nach vorwärts bewegt worden ist. Kein Volk kaun für sich allein frei werden, keins für sich allein die Ausbeutung vieder⸗ werfen. In dtesem Sinne international ist die Soztaldemokratie.

Aus dem Reichstage.

Der Wahlrechtsantrag unserer Pactei⸗ genossen kam am Mittwoch zur zweiten Lesung. r. Herzfeld wies nochmals die gegen das allgemeine Wahlrecht von den Gegnern vorge⸗ brachten Einwände zurück. Stöcker hielt seine gewohnte Schimpfrede. Natürlich wurde der Antrag abgelehnt.

Nachdem am Freitag das Handelsprovi⸗ sorlum mit Amerika genehmigt war, für das auch die sozialdemokratische Fraktion stimmt e, wurde die zweite Lesung des Justizetats fortgesetzt. Unser Genosse Kunert, der erst kürzlich aus dem Gefängnisse zurückgekehrt ist

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