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3.6.1906
 
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Nr. 22. Gießen, den 3. Juni 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: 2 Nedaktionsschluß: Rurchenplat, Schloßgaste Mitteld eutsche Went deg Nachmitteg Ubhhe 3

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Pfingstruf.

Durch die bunten Blütenflocken, Die der Lenz verstreut in Fülle, Klingen hell die Pfingstenglocken In die morgendliche Stille, Klingen fromme Orgelklänge, Wie ein heilig Geisterbrausen, Klingt der Hochgesang der Menge, Wie ein andachtsvolles Grausen.

Flammend, wie mit Feuerzungen, Zieh'n ins Land hinaus die Jünger, Von dem heil'gen Geist durchdrungen, Sind sie frohe Opferbringer,

Neu Bekenner zu erwecken,

Zieh'n sie in den Kampf, den herben, Trotzend der Vernichtung Schrecken, Trotzend Untergang und Sterben!

Wir auch künden neue Lehre, Wir auch woll'n die Welt erlösen Von der Ketten eh'rner Schwere, Von der Allgewalt des Bösen, Wir auch schüren neue Gluten, Daß die Herzen lodernd brennen, Daß die Ehrlichen und Guten Neu das Heil der Welt erkennen.

Mächtig ist die Schar der Feinde,

Eisern klirren ihre Waffen,

Unbewehrt steht die Gemeinde,

Die der neue Geist erschaffen,

Aber ehern ist ihr Glaube,

Und wie Felsen ist ihr Hoffen Jenseits von des Schlachtfelds Staube Seh'n wir hell die Zukunft offen.

Geist der Pfingsten, steig' hernieder, Mache unsere Zungen lodern,

Daß wir wecken uns're Brüder, Frei ihr Menschenrecht zu fordern, Senke dich in alle Herzen,

Wecke sie aus Qual und Wehe, Daß aus dieser Welt der Schmerzen Eine bess're Welt erstehe!

Ernst Klaar.

Geist der Pfingsten.

Als drittes und schönstes der drei großen Feste im Kreislauf des Jahres feiern wir wieder Pfingsten. Zu dem herrlichen Sommer⸗ feste erglänzt die Natur im prächtigsten Feier⸗ kleide und aus dem grünenden Wald und blühendem Felde könt uns munterer und freu⸗ diger Jubelgesang der Vogelwelt entgegen. Diesem Jubellaut aus der Natur lauscht auch der Bedrückte gern und läßt den Geist auf sich wirken, in dem die erwachende Natur zu ihm spricht. Er nimmt, wenn auch ein paar Stunden nur und mit den durch die Verhält⸗

Feste, das die Völker schon vor Tausenden von Jahren dem Frühling weihten.

In der Christenheit soll das Fest erinnern an dieAusgießung des heiligen Geistes auf die Jünger des als Hochverräter hingerichteten und angeblich zum Himmel gefahrenen Naza⸗ reners, der den Armen und Elenden das Evan⸗ gelium der Gleichheit, der Freiheit und des Brudertums verkündet hatte. Unter gewaltigem Brausen und in Gestalt feuriger Zungen soll er herabgekommen sein, derheilige Geist, auf die zu gemeinsamer Feier versammelten Christus⸗ Bekenner, daß sie redeten in fremden Sprachen. Das ist nun allerdings nicht wörtlich zu nehmen. Nicht in verschiedenen Sprachen redeten die einfachen Leute, sondern in einem Geiste, der alle Menschen eint und zusammenführt, im Geiste der Völkersolidarität. Sie predigten zum ersten Male die Idee der Einheit des Menschengeschlechts, der Verbrüderung aller Nationen. Zum ersten Mal trat der Gedanke auf, daß die Menschen ohne Unterschied der Nation und der Rasse in Eintracht und Liebe miteinander leben sollen, lebendig und mit siegender Macht in die Erscheinung.

Das offizielle Christentum, die Kirche, hat, obwohl ste zur Herrschaft im Staate ge⸗ langte, diese Idee nicht durchgeführt, sie hat ihr vielmehr entgegen gehandelt. Im Namen derselben Religion, welche die Menschen auf dem weiten Erdenrunde zu gegenseitiger Liebe verpflichtet, sind ungezählteKetzer Menschen, die, geleitet vom rechten Geist, sich gegen die theologische Knechtung der Vernunft erhoben hingemordet, sind fürchterliche Kriege geführt, ganze Völker ausgerottet worden. Kirchliche Macht versuchte den lebendigen Geist zu ver⸗ nichten.

Vergeblich. Der Geist und mit ihm der Fortschritt ist Sieger geblieben. Und allzeit fand er seine Bekenner, die für ihn, dem blinden Vorurteil, der Unwissenheit und rohen Gewalt gegenüber, in den opferschweren Kampf zogen, bis er sich durchsetzte.

Ueber die vomheiligen eist begeisterten Apostel spottete die herbeigeeilte geistig blinde Menge:Sie sind des süßen Weines voll. So haben die geistig Blinden, die Superklugen und die fanatischen Verteidiger der bestehenden Ordnung auch in der Folgezeit stets die Ver⸗ künder neuer Ideen verspottet. Wer seinen festen Glauben an den Fortschritt bekundete und die Erkenntnis offenbarte, daß die Mensch⸗ heit zu höheren und gerechteren Zuständen sich entwickeln müsse, den haben jene Elemente stets alsUtopist verlästert oder gar alsVer⸗ brecher verfolgt. Aber noch niemals ist Einer als ein falscher Prophet befunden worden, der solcheUtopie verkündete und für sie stritt und litt. Was der Geist des Menschentums, der nimmer rasteude, verheißt, das muß nach dem Gebote der entwicklungsgesetzlichen Not⸗ wendigkeit seine Erfüllung finden.

Das lehrt uns die Geschichte. Und in der Gewißheit des Sieges des Menschheitsideals stellen wir uns in den Kampf, zu dem wir alle Unterdrückten aufrufen. Heute tobt dieser Kampf mehr als je; zahllos ist unserer Feinde Schar, gewaltig ist ihre Macht. And sie setzen diese auch gegen uns in Bewegung, wie die Riesenkämpfe der letzten Tage zeigen. Hundert⸗

nisse gebotenen Einschränkungen, Teil an de mtausende Arbeiter werden ihrer Existenzmittel

beraubt! Aber keinem Volke wird Freiheit und Wohlfahrt von oben herunter geschenkt, es muß sie sich erkämpfen. Sagt doch auch der große Goethe:

Nur Der verdient die Freiheit,

wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

Das gilt auch für uns, für die deutsche Nation. Auch hier haben wir eine nach Millionen zählende feste Gemeinschaft Gleich⸗ gesinnter, die Sozialdemokratie, die unentwegt und opferfreudig den Kampf führt gegen Alles, was dem wahren Kulturfortschritt widerstrebt, und für Alles, was das Leben erst lebenswert macht. Wider ungerechte Ge. walt undAutorität, wider den die Volkskraft verwüstenden Kapitalismus und Militarismus, wider Nationaldünkel, Völkerunterdrückung und Völkerhaß, wider Klassenherrschaft und pfäffi⸗ sches Regiment, richtet sie ihr unbezwinglichen Waffen mit stetig wachsender Zuversicht auf den endgültigen Sieg des wahrhaft heiligen Geistes, der sie erfüllt.

Möge dieser Geist in Allen, Männern und Fr uen des Volkes, neue Stärkung finden, wenn wir, dem Druck und Leid des Alltagslebens uns entwindend, hinauseilen in die lichte Frühlings⸗ herrlichkeit, die neuen Lebens⸗Odem spendet. Diesem Geiste wollen wir dienen bis zum Tode mit befreiendem Wort und erlösender Tat!

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Aus dem Reichstage.

Die dritte Lesung des Etats begaun am Mittwoch. Man eilte sich, bis Samstag fertig zu werden, an welchem Tage man die Bude bis auf weiteres schließen wollte. Das gelang nun allerdings nicht; aber doch beherrschte die Ferlenstimmung die Reichsboten und sie brachten daher der Beratung nur wenig Interesse ent⸗ gegen. Trotzdem erzwang sich unser Genosse Bebel mit einer großzügigen Rede, in der er die herrschende Politik im Iunern und Aeußern einer vernichtenden Kritik unterzog, die allgemeine Aufmerksamkeit. Vorher hatte der Nationalliberale Bassermann der Drätenvorlage ein Loblied gesangen; sie soll nach seiner Ansicht der staatserhaltenden Mehrheit schnelle und schlechte Akkordarbeit er⸗ möglichen. Wie bei den Zollkämpfen wird man der bösen Opposition das Wort abschneiden, wenn ste die Mehrheit impositiven Arbeiten, d. h. im Bewilligen von neuen Steuern, Panzer⸗ schiffen, Kanonen und ähnlichen nützlichen Dingen durch zu vieles Reden stört. Der Junker Limburg⸗Stirum gab seinem Schmerze über die Diätenvorkage ohne Wahlrechtsver⸗ schlechterung und über die Erbschafts⸗ und Fahrkartensteuer Ausdruck.

Genosse Bebel wandte sich hierauf zunächst gegen den Grafen Limburg, der wieder einmal dem Widerwillen der Rechten gegen Diäten Ausdruck gegeben habe. Die Herren von der rechten Seite, meinte er weiter, können ja am ersten ohne Diäten auskommen. Ich erinnere daran, daß Herr v. Kardorff seine Ver⸗ mögensverluste infolge parlamentarischer Tätig⸗ keit durch Teilnahme an in dustriellen Unternehmungen deckte, wie er selbst erklärt hat. Ich schätze diese Entschädigung auf etwa 20 bis 30000 Mk. jährlich. Davon läßt steh

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