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Nr. 33. Gießen, den 2. September 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: 9 7 6 Nedaktionsschliaß 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche— Nachn 12555 1
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Zeitun
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Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Ludw die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.
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An unsere Parteifreunde und Leser!
Ein seit langem gehegter und vielfach von Versammlungen und Parteikonferenzen ausgesprochener Wunsch naht sich seiner Erfüllung: Ein tägliches Varteiblatt in Gießen ist gesichert! Nachdem die Landes⸗ konferenz den diesbezüglichen Vorschlägen des Landeskomitees zugestimmt hat, erscheint es vom 1. Oktober ab unter dem Titel:
Oberhessische Volkszeitung in Gießen. Die Mitteldeutsche
Sonntags-Zeitung wird— voraus⸗ sichtlich— gleichzeitig ihr Erscheinen ein⸗ stellen.
Alle unsere Parteifreunde, Gewerkschafts⸗ mitglieder und Arbeiter allerorts müssen nun nach ihren besten Kräften für die nach⸗ drücklichste Unterstützung des Unternehmens sorgen. Das geschieht in erster Linie durch Gewinnung von Abonnenten. Nach dieser Richtung hin müssen besonders die örtlichen Parteivereine eine umfangreiche Tätigkeit entfalten und auch die nötigen Vorbereitungen für gründliche Verteilung der Probenummern treffen, die in der letzten Septemberwoche herausgegeben werden.
Parteigenossen! Ihr alle kennt die Bedeutung der Presse. Sie ist unser bestes Mittel zur politischen und wirtschaftlichen Aufklärung, die schärfste Waffe im Kampfe gegen Unterdrückung und Ausbeutung! Eure Interessen, die Interessen des arbeitenden Volkes sind es, für die das neue tägliche Blatt eintreten und die es verteidigen wird! Es wird seine Pflicht tun; tut Ihr die Eure!
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Die deutsche Reichsschulden⸗ wirtschaft.
Als das Deutsche Reich ins Leben trat, herrschte nicht nur Jubel über die erfolgte politische Gründung. Auch auf finanzpolitischem Gebiet hing der Himmel voller Geigen. Wir hatten„heidenmäßig viel Geld“. Mit Hilfe der französischen Milliarden konnten die wenigen Schulden des Norddeutschen Bundes leicht ab⸗ gestoßen und allerhand Gelder für kommende Ausgaben beiseite gelegt werden. Das Ver⸗ gnügen dauerte aber nicht lange.
In noch nicht 30 Jahren hat es Deutschland auf dreiundeinehalbe Milliarde Schulden gebracht, d. h. es ist ein jährlicher Zuwachs der Schulden⸗ last von rund 120 Millionen Mark zu ver⸗ zeichnen— kann es für die Finanzwirtschaft eines Landes ein beschämenderes Bild geben? Um seine Wirkung abzuschwächen, verweist man 50 auf die noch höheren Schulden anderer
roßstaaten, und Bülow ließ sie denn auch im Reichstage Revue passieren. Indes gibt es da
einen bedeutsamen Unterschted. Die Riesen⸗ schulden anderer Großstaaten sind meist in großen Kriegen aufgenommen worden, d. h. in Ausnahmezeiten. So rührt die ungeheure Nattonalschuld Englands hauptsächlich aus den Jahren des Sezesstonskrieges mit den Ver⸗ einigten Staaten, der Epoche der Napoleonischen Kriege und dem Krimkriege her.— Die ge⸗ schilderte Anhäufung der Schuldenlast des Deutschen Reiches aber vollzog sich in einer Epoche, wo dieses keinerlei Krieg zu führen hatte. Es ist ein fast regelmäßiges Anwachsen, welches wir da vor uns sehen, wobei aber das Geschwindmaß von Jahrzehnt zu Jahr⸗ zehnt sich beschleunigt. Von 188788, in welchem Jahr Wilhelm II. an die Regierung kam, bis 1897/98 stieg die Reichsschuld von 721 Millionen auf 2182 Millionen, d. h. um jährlich rund 146 Millionen Mark! Und von da bis zum Jahre 1905 war sie auf 3543 ½ Millionen Mark, also um mehr als 160 Millionen Mark pro Jahr gestiegen. Das ist eine Steige⸗ rung in der Vermehrung der Schuldenlast, die auf die Dauer selbst das reichste Volk nicht ertragen könnte, und die sich kein Volk, das wirtschaftlich denkt, gefallen lassen darf. Denn was bedeutet sie? Einfach nur eine ebenso steigende Belastung der Volks wirtschaft mit Ausgaben für Zinsen, d. h. mit Tributzahlungen an das nichtstuende Kapital, die zuletzt doch immer von der schaffenden Arbeit getragen werden müssen. Zinsen heißen faktisch nur, daß der Preis für eine Anschaffung oder Leistung nicht einmal, sondern mehrere Male be⸗ zahlt werden muß; wo vernunftgemäß gewirt⸗ schaftet wird, dürfen sie nicht vorkommen. Müssen Zinseu gezahlt werden, so ist das eben ein Zeichen, daß etwas faul ist im Staate Dänemark. Das gilt für das Deutsche Reich, dessen Zinsenlast sich jetzt auf 127 Millionen im Jahre beläuft, umsomehr, als die durch die Reichsanleihen aufgebrachten Mittel nur zum allergeringsten Teil für sogenannte werbende Anlagen, d. h. für Anlagen, die selbst wieder jährliche Erträge abwerfen, ausgegeben wurden. Der weitaus größte Teil der Reichsschuld ist durch Ausgaben veranlaßt, die in keinem Ein⸗ nahmeposten durch Zinserträge und dergleichen wieder erscheinen.
Für welche Zwecke die große Mehrheit dieser Ausgaben notwendig wurde, ist bekannt. Auch hier können wir wiederum den Reichs- kanzler selbst sprechen lassen.„1873,“ so er⸗ zählt er,„verlangten Reichs heer und Marine an fortdauernden Ausgaben 267 Millionen Mark, an einmaligen Ausgaben 66 Millionen Mark, im Etatsjahr 1891/2 an fortdauernden Ausgaben 456 Millionen Mark, an einmaligen Ausgaben 105 ¼ Millionen Mark. Hier hat der Bedarf für Reichsheer und Marine sich in 18 Jahren verdoppelt. Das Jahr 1902 erforderte bereits für Militär⸗ und Marine⸗ zwecke rund eine Milliarde Mark. Die Verdoppelung ist also annähernd schon nach 10 Jahren wieder erreicht.“ So weit Fürst Bülow. Man sieht, dieselbe Steigerung um 100 Prozent, die unter der Herrschaft Wil⸗ helms I., wo doch auch nicht an Heer und Marine gespart wurde, achtzehn Jahre brauchte, vollzieht sich unter dem jetzigen Regime in zehn Jahren. Eine so ungeheure, so reißend schuell steigende Vermehrung seiner unproduktiven Aus⸗
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gaben verträgt kein Voll, sie übersteigt die gleichzeitige Steigerung des Nationalreichtums um ein Vielfaches. So belief sich das Ein⸗ kommen der Steuerzensiten Preußens, des größten deutschen Staates, 1892 auf 5961 Millionen, 1901 aber auf 8854 Millionea Mark. Eine Steigerung in 9 Jahren von noch nicht 49 Prozent. Würde die Erhöhung der Ausgaben für Heer und Marine sich jedesmal in eine entsprechende Erhöhung der direkten Steuern umgesetzt haben, so würde ein Schrei der Ent⸗ rüstung und des Entsetzens durch die kapita⸗ listische Welt gegangen sein, wie wir ihn noch nie zu hören bekommen haben. Aber man deckte ste, wie wir gesehen haben, aus den wachsenden Erträgen der indirekten Steuern, und so⸗ weit diese nicht hinreichten, durch Anlekhen. Die wachsende Verschuldung des Deutschen Reiches ist die unmittelbare Folge der unablässig wach⸗ senden Unterhaltungskosten des Molochs Mili⸗ tarismus und Marinismus, zu dem in neuerer Zeit auch der Posten Kolonialpolitik sich als Vielfraß hinzugestellt hat. Beansprucht doch er allein im Etat für 1906, alles in allem, die unerhörte Summe von über 120 Millionen Mark. Der Reichshaushalt für 1906 bilanziert in Einnahmen und Ausgaben mit über Zwei⸗ undeindrittel Millarden Mark und von dieser ungeheueren Summe siad zwei Drittel, näm⸗ lich rund 1400 Millionen Mark, Ausgaben, die auf Konto von Heer, Marine und Kolonialzwecke entfallen.
Aber braucht nicht das Deutsche Reich Mittel der Verteidigung, der Sicherung des Friedens, des Schutzes für seinen auswärtigen Handel? Und ist die Sicherheit in Handel und Verkehr nicht auch ein ökonomischer Faktor von großer Bedeutung? Zweifelsohne. Es wäre lächerlich dies leugnen zu wollen. Aber niemand wird uns einreden können, daß bei dem heutigen Stande der Zivilisation die Güter des Friedens nur um diesen hohen Preis zu haben seien, daß der Frieden nur erhalten werden könne, wenn die Steuerschraube für Heer und Marine von Jahr zu Jahr stärker angezogen wird. An der Erhaltung des Friedens, am Schutz ihres auswärtigen Handels, sind al le Kultur⸗ nationen gleichmäßig interessiert. Und nie war dies Interesse so groß, wie heute.
Trotz aller Schutzzollreaktion steigert sich der internationale Verkehr von Jahr zu Jahr. Ein immer dichteres, immer vielseitiger ver⸗ schlungenes Netz von Verbindungen aller Art — industriell, kommerziell, wissenschaftlich usw. — breitet sich über die zivilisterte Welt aus. Immer näher treten sich die Völker, immer solidarischer werden ihre großen Juteressen. Da ist es der reine Hohn, zu sagen, daß der Friede nur um das Opfer immer größerer, immer furchtbarerer Rüstungen erkauft werden könne. Es ist das Festhalten der herrschenden Klassen an einer innerlich schon längst überlebten Poli⸗ tik, welches diese unerhörte Vergeudung von Arbeitskraft in Form von Rüstungen unent⸗ behrlich macht. Diese Politik hat sich heute ein neues Gewand angezogen, sie nennt sich Weltpolitik und hat in Deutschland gerade unter der Regierung Wilhelms II. eine immer schärfere Zuspitzung erfahren. Das sprung⸗ mäßige Anwachsen des Heer⸗ und Marineetats, das rasche Anschwellen der Nationalschuld, das
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