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Nr. 53.

Schillers geistige Entwicklung. Von Dr. R. Strecker.

(Schluß.)

Geistig war es die Brücke der Philosophie, über die Schiller zu seinem reifsten Schaffen hinüberschritt. 1791 bekam er KantsKritik der Urteilskraft, die sich auch mit dem 9 75 des Schönen beschäftigt, in die Hand, und eine

anze Reihe philosophischer Abhandlungen(Ueber

1 5 und Würde, über das Erhabene u. a.) zeigen, wie ernst er sich vemühte, in die schwer zugängliche Gedankenwelt des pie reh Königsberger Weisen einzudringen. Die reifste Frucht dieser Studien sind dieBriefe über die ästhetische Erziehung des Menschen, neben LessingsErziehung des Menschengeschlechts, HerdersIdeen zur Phllosophie der Geschichte der Menschheit und GoethesFaust eines der Hauptdokumente für die Welt⸗ und Lebens⸗ auffassung unserer Klaffiker. Wie dieKünstler am Eingange, so stehen dieseBriefe am Aus⸗ gange der philosophischen Epoche Schillers, die gleiche Frage aufwerfend, wie jene, die gleiche Lösung, nur jetzt um so vieles tiefer und aus⸗ führlicher, begründet. Der Mensch als natür⸗ liches Geschöpf, der nur seiner Bequemlichkeit und seinem Vergnügen nachgeht, unterscheidet sich nicht allzu viel vom Tier. Erst die Tugend stellt ihn auf eine höhere Stufe. Sie besteht in der Beherrschung der natürlichen Neigungen und ihrer Regelung durch die Vernunft. Das war auch Kants Lehre. Von ihm aber weicht Schiller ab mit der Behauptung, daß die Tugend nicht an Wert verliere, wenn man ste aus Liebe übe, daß im Gegenteil derjenige Mensch der wertvollere sei, dem die Tugend keinen Kampf mehr kostet, dem sie zur Gewohnheit, zur zweiten Natur geworden ist, dieschöne Seele, der alles Böse und Häßliche zugleich unangenehm ist. Zu einer solchen Freude am Guten und Abneigung gegen das Schlechte, soll und kann die Kunst uns Menschen veredeln.

Damit ist diesittliche Freiheit als höchstes Bildungsziel der Menschheit aufgestellt, und so tritt auch hier dieIdee der Freiheit wieder hervor, von der Goethe sagt, sie sei durch alle Werke Schillers gegangen, nur daß ste andere Gestalt angenommen habe, sowie Schiller in seiner Kultur weiterging und selbst ein anderer wurde. In seiner Jugend war es die physische Freiheit, die ihm zu schaffen machte, und die in seine Dichtungen überging, in seinem späteren Leben dieide lle. Das Urteil bezeugt Goethes volles Verständnts für die in so mancher Hinsicht ganz anders geartete Natur Schillers. Das Verhältnis der beiden Dichterfürsten ist das interessanteste der Literaturgeschichte, ihr Briefwechsel gestattet den tiefsten Einblick in beider Seelen. Der Beginn ihrer Freundschaft fällt gleichfalls mit dem eben besprochenen Ab⸗ schnitt in Schillers Leben zusammen, einerseits durch dessen innere Wandlung erst ermöglicht andererseits diese Wandlungen von sich aus befördernd und beschleunigend. Keiner aber suchte dabei den andern von der ihm elgen⸗ tümlichen Bahn abzulenken. Nach wie vor fußt Goethe mehr auf den Naturwissenschaften, Schiller auf der Philosophie, zeichnen sich Goethes Schöpfungen aus durch Bilderfülle und Schöpfung, die Schillers durch Ideenreich⸗ tum und Klarheit. Dieser Gegensatz zeigt sich am deutlichsten in den Gedichten, bie bei Schiller nichts anderes sind, als die künstlerisch überaus feine Auskleidung tiefer philosophischer Gedanken, weitschauender Ueberblicke über Weltgeschichte und Menschenleben. Aber auch den Hintergrund seiner dramatischen Gestalten scheint überall die Lehre Kants aufzugeben, daß nur der Gehor⸗ sam gegen die Forderungen der Vernunft den Menschen in Wahrheit frei mache, und daß in dieser von der Vernunft begrenzten aber auch geforderten Freiheit die eigentliche Bestimmung des Menschen und der Meuschheit liege. Wie Schillers ganzes Leben ein stetes Ringen um diese Freiheit gewesen ist, in der Jugend gegen äußeren Zwang und innere Leidenschaft, im Mannesalter gegen Sorge und Krankheit bei sich, gegen Engherzigkeit und Geistlostgkeit bei seinen Mitmenschen, so atmen auch seine Meister⸗

Mitteldenische Sonntags⸗Zeuung. werke noch Kaspfesstimmung, gegen auf⸗ gedrungene Frempherrschaft in derJungfrau und imTell, gegen unfähig gewordene legitime Macht imWallenstein, gegen eigne Schuld und Schwäche in derBraut von Messina und derMaria Stuart.

Bis zum Tode, der sein dichterisches Schaffen in vollster Blüte knickte, hat Schiller so, wie er seinen Marquis Posa den Don Carlos er⸗ mahnen läßt, für die Träume seiner Jugend Achtung getragen? nur daß diese Träume sich immer verklärter emporhoben aus dem Dunst⸗ kreise persönlicher Wünsche und schließlich die höchsten Ziele der ganzen Menschheit in sonniger Klarheit hervortreten ließen. Mit den Zielen zugleich wurden freilich auch die Wege deutlicher, die zu ihnen führen, und was das jugendliche Ungestüm desRäubers Dichters vom nächsten Tage schon erhofft hatte, das erkannte der gereifte Mann als schwer zu lösende Aufgabe der Jahrhunderte. Das Leben hatte ihn ja auch hart genug in die Schule genommen bis zuletzt, hatte ihn mit nichts verschont, was einem Menschen den Idealismus sauer machen kann. Um so einsichtsloser und ungerechtfertigter würde es sein, wenn wir diesen Idealismus gleich einer unbrauchbaren Schwärmerei mit ein paar schönen Redensarten abspeisen zu können meinten, um so ernster und eindringlicher klingt die Mahnung an uns alle(wirklich alle!), nicht ganz in den engen Alltagsinteressen unseres flüchtigen Daseins geistig zu ersticken, nicht jedenErnst des Schwärmers über den viel gepriesenen, und so sehr, sehr bequemenBlick

des Weltmannes zu verlieren. 2

Mulerhaltungs-Cril.

Winter.

Das ist der bleiche Winter: Eiszapfen in der Hand

Am Wolkenwebstuhl spinnt er Elend und Liebestand.

Sein Atem überschauert Mit Frostkristall das Land, In Feuersnöten kauert Armut am Herdesrand.

Wie fein es diesmal dauert! Eisluft ist loh entbrannt. Fräulein im Pelze lauert

Auf ihren Leutenant.

Das ist der bleiche Winter: Eiszapfen in der Hand, Am Wolkenwebstuhl spinnt er Elend und Liebestand. Karl Henkell.

Gesellenfahrten.

Eine Weihnachtsgeschichte von Philipp Schei demanu 2 Nachdr. verb.

(Fortsetzung.) An der Sa ale kühlem Stra ande Stehn die Burgen stolz unn kühn. Ja, ihre Maau ern, sie sind zer fa al len, Kühler Wiind streicht durch ihre Ha allen Wolken zieahien drüber hin.

Hei, wie klang das lustig und doch wieder so unendlich traurig, so müde. Es war am Abend meines ersten Walztages. In der Her⸗ berge saßen die Kunden und ich mitten unter ihnen. Als Grünling, alsLink michel. Und ich war der Reichste unter ihnen. Der Reichste, trotzdem sie nur von dem Dreimarkstück im Portemonnaie wußten. Die beiden Zehnmark⸗ stücke hattenzmir Mutting an verschiedenen Stellen in die Weste genäht.

Ein Lied folgte dem anderen. Zwischen⸗ durch wurden Kundengeschichten erzählt. Darin 10 7 die Putzeret und Klempners Karl immer

te Hauptrolle. Und keiner war unter den Kunden, der nicht diesem oder jenem Gendar⸗ men schon einen Streich gespielt haben wollte.

Wochenlang dasselbe. Tag für Tag. Schon regte es mich gar nicht mehr auf, wenn Abends der Herbergsvater, mitunter auch die Herbergs⸗ mutter, den Zwicker auf die Nase setzte, und in den Hemdkrägen der Handwerksburschen sorg⸗ fältig nach denlschen Reichsbienen forschte. Und so ging es durch die deutschen Lande, durch Hessen, Hannover, durch den Harz über Mag⸗ deburg nach Berlin, durch Brandenburg, Pommern, Mecklenburg, über Lübeck und Ham⸗ burg, durch Schleswig ⸗Holstein über die dänische Grenze und wieder zurück durch die meerum⸗ schlungenen Lande.

Hunger brauchte ich nicht zu leiden. Aus der Verbandskasse gab es pro Tag eine Mark Reisegeld; außerdem fiel in allen Druckstädten zur damaliger 5 noch Viatikum(Reisege⸗ schenk) ab, f daß auf ein tägliches Zehrgeld von fünfzehn Groschen sicher gerechnet werden konnte. Zum Fechten war ich also nicht ge⸗ zwungen und deshalb habe ich es auch nicht erlernt; es blieb bei einem Versuch. 5

Es war in den ersten Märztagen des Jahres 1884. Die Sonne meinte es schon recht gut. Mutting hatte nach Kiel postlagernd neue Kleidung geschickt. Ein sauberer Papierkragen machte mich geradezu salonfähig. N

Wenige Tage später lagen wir auf einem kleinen Hügel in der Nähe von Brunsbüttel, da wo jetzt der Nordostseekanal Cuxhaven gegen über in die Elbe mündet. Unsere Stimmung war famos. Kein Wunder übrigens. Mein Reisegefährte, ein lustiger Katzoff(Metzger) hatte die Taschen voll Wurst und ich, stolz wie ein Spanier in der neuen Kluft, hatte noch diverse Mark von der Kieler Zahlung her.

Dazu heller Sonnenschein. Waren das nicht Gründe genug, zwei junge gesunde Burschen denen die Lebenslust aus den Augen blitzte, übermütig zu machen? 4 8

Het, wie schmetterten wir unsere schönsten Lieder in die würzige Frühlingslust! Dann wurde ein Pfeifchen angebrannt. Und nun setzte mir mein Reisekollege haarscharf ausetn⸗ ander, daß wir ein wahres Gotterleben führen könnten, wenn ich die Linkmichelet überwinden und das Fechten erlernen könne. Er hole mit Leichtigkeit die Wurst bei seinen Meistern, ich sollte das Brot beschaffen und Mittags auch mein Essen fechten, damit wir das ganze Baar⸗ geld zum Verjubeln hätten. Die Abstinenzler mögen mir verzeihen: damals hatte der Vor⸗ schlag etwas sehr Verlockendes für mich.

Raffiniert war der Katzoff zu Werke ge⸗

gangen. Er hatte durchblicken lassen, daß er

mich für einen Angstmeier halten müsse, wenn ich nicht fechten ginge. Und das ertrug ich nicht.Noch heute wird gefochten!

Je näher wir dem sauberen Städtchen Elbeck kamen, um so heftiger pochte mir das Herz und ich bemerkte wohl, wie mich der Katz⸗ off immer von der Seite beobachtete. Ich biß die Zähne aufeinander und redete mir im Stillen Mut zu: jawohl du gehst fechten, ein schlechter Kunde, der nicht gefochten hat; du gehst fechten, du mußt fechten; das ist gar keine Hexerei; du gehst unter allen Umständen fechten.

Und nun staud ich vor der Türe eines kleinen Schreibwarenladens. Ich zitterte an allen Gliedern. Ach du lieber Gott und nun hatte ich wirklich die Türklinke in der Hand und nun ging die Tür auf und es klingelte und mir kam es vor, als ob mein ganzes Knochengerüst mit geklingelt hätte. Ach wäre ich wieder draußen, dieses schreckliche Schamgefühl!

(Fortsetzung folgt.)

Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.

7(Fortsetzung.)

Ich sehe nicht ein, Vater, weshalb Ihr Euer Silber verkaufen wollt, so lang du Geld in der Tasche trägst, und während Malvine den linken Arm um ihres Vaters Hals schlang, steckte sie die rechte Hand in seine Brusttasche und legte vier Bankscheine von je zehn Gulden

auf den Tisch.

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