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Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.
Ar. 31.
Die Architeksen wetteifern und überbieten einander in Eciichtung stil⸗ und geschmackvoller Bauwerle. Im Südviertel z. B. kann man die wunderschönsten Schweizer⸗ häuschen in den verschiedensten Ausführungen bewundern; geht man aber einmal durch„Weidenhausen“ in's Zentrum der Stadt und die Ketzerbach hinunter, so kann man Baracken sehen, daß es einem jammert, die den Eindruck machen, als wollten sie jeden Augenbllck über ihren Bewohnern zusammenbrechen. Man glaubt ein Dorf im tiefsten Rußland, der Slowakei oder einer andern schönen Gegend vor sich zu sehen. Und wie sieht's erst im Innern dieser„Paläste“ aus! Keine Tapete, sondern kahle Lehmwand, statt ordentlicher Fenster kleine Löcher, die kaum ein wenig Sonnenlicht herein lassen. Es ist daher gar nicht verwunderlich, daß die Krankheitsziffer in dieser Gegend selbst im Sommer sehr hoch ist, vom Winter ganz zu schweigen. Oft schon mußten Wohnungen polizeilich geräumt werden, weil sie den gesundheitlichen Anforderungen nicht entsprachen. Kürzlich mußte ein Schlossergeselle die Wohnung beim Kunstschlossermeister Gust. Laubscheer auf der Ketzer⸗ bach polizeilich räumen, weil dieselbe zum Bewohnen vollständig ungeeignet war. Trotzdem bei uns in Marburg die Wissenschaft auf der Straße spazieren geht, sieht es mit dem Gesundheitszustand der Bevölkerung nicht zum besten aus. Daß dies größtenteils die Wohnungsverhältnisse verschulden, sollte jedem einleuchten. An Besserungen auf diesem Gebiete mitzuarbeiten, dafür zu sorgen, daß gute Wohnungen für Arbeiter und Minderbemittelte beschafft werden, ist Pflicht für jeden unserer Genossen.
O Vandalischen Unfug trieben in der Nacht von Samstag auf Sonntag im Südviertel eine Anzahl junger Leute in solcher Weise, daß das hiesige konser— vative Blatt die Täter als„Hereros“ bezeichnete. Es wurden Laternen zerschlagen, Zweige von den Bäumen abgehauen und in der Barfüßerstraße eine Anzahl Markisen entzwei geschnitten. Herrn Stadtverordneten Berdux sei hierdurch empfohlen, sich die Radaubrüder nach deren Ermittelung einmal anzusehen, ob es Arbeiter sind, deren Frauen sich die Haare raufen, weil sie nicht wissen, woher sie Brot kaufen sollen, oder ob es Ange⸗ hörige der sog, gebildeten Stände sind. In letzterem Falle wird wohl seine Nachtruhe nicht gestört worden sein,
O Vom Schöffengericht wurde ein hiesiger Einwohner freigesprochen, welcher sein Kind wegen einer geschwollenen Backe nicht zur Schule geschickt, aber kein ärztliches Attest beigebracht und deshalb eine Polizei⸗ strafe sich zugezogen hatte. Da solche freisprechende Erkenntnisse schon mehrfach ergangen sind, sollten es sowohl der Lehrerschaft wie der Polizei eigentlich bekannt sein, daß zur vorgeschriebenen„genügenden Eatschuldigung“ kein ärztliches Zeugnis erforderlich ist. Es wäre ja duch noch schöner, wenn wegen jeden Unwohlseins, welches am Besuch der Schule hindert, der Arbeiter gezwungen wäre, einen Arzt herbeizuholen und zu be⸗ zahlen.
Sozialdemokrat als Universitätslehrer.
Aus Zürich wurde kürzlich berichtet, daß der schwetzerische Schulrat unserem Partei⸗ genossen Robert Seidel soeben die venia docendi(die Erlaubnis, Vorlesungen zu halten) erteilt. Seidel wird seine Vorlesungen schon im kommenden Semester an der dortigen Uni⸗ versität beginnen. Genosse Seidel hat sich durch sein Wirken als Lehrer nicht nur die Achtung und Anerkennung in unserer Partei, sondern auch weit hinein in die bürgerlichen Kreise zu sichern gewußt. Durch vorzügliche schriftstelle⸗ rische Leistungen als Pädagoge und Historiker hat er sich weit über das Schweizerland hinaus einen Ruf erworben. Wir nennen hier nur seine Schriften über den Arbeltsunter cet, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden und geradezu bahnbrechend auf das Erziehungswesen wirkten. Durch seine historische Arbeit über „Friedrich den Großen“ hat Seidel jene Legende, als ob Friedrich der Große das Muster eines aufgeklärten Monarchen gewesen sei, vollständig zunichte gemacht. Als Freiheitsdichter ist Seidel wohl allen Arbeitern zur Genüge bekannt. Wir gönnen ihm seine Ernennung von ganzem Herzen!
Opfer des Bergwerksbetriebes.
Die Unglücksfälle im Bergbaubetriebe im Oberbergamtsbezirk Dortmund nehmen in erschreckender Weise zu. In der vergangenen Woche wurden sechs Bergleute verschiedener Zechen getötet, besonders durch Herabfallen von Gesteinsmassen und außerdem mehrere verletzt. Das Oberbergamt hat die
Zechenverwaltungen angewiesen, auf eine schärfere Beachtung der Sicherheits- vorschriften im Bergbaubetriebe hinzuwirken. Auf dem Schacht„Anna“ des Kölnischen Berg⸗ werkvereins in Essen wurden zwei Bergleute durch einbrechende Gesteinsmassen verschüttet; der eine ist tot, der andere wurde leicht verletzt.
Priesterliche Gotteslästerung.
Bei dem Begräbnis einer Anzahl Opfer des furchtbaren Grubenunglücks auf der Borussia⸗ Grube sagte der katholische Priester in seiner Grabrede unter anderm:
„Bei diesem schweren Unglück, das da die Bergleute getroffen, müssen wir wieder sagen:„Gottes Rat⸗ schlüsse sind unerforschlich und Gottes Wege sind nicht unsere Wege. In unser en Tagen hebt der Unglaube stolz das Haupt und gewinnt immer mehr Anhänger. Die Menschheit will nur genießen und ist verfallen der Augenlust, der Flelscheslust und der Hoffart des Lebens. Der Unglaube führt Krieg gegen Gott und Kirche, und vielleicht werden wir noch schwere Zeiten erleben müssen. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn Gott das Baud zwischen sich und der Menschheit zerreißt und solche Kata⸗ strophen schickt, um die Meuschen zur Besiunung und zum Glauben zurückzuführen. Darum Ihr Bergleute, folgt nicht den Verführern, laßt Euch nicht den Glauben aus Eurem Herzen reißen“ usw.
Der Priester war jedenfalls überzeugt von dem, was er da sagte, trotzdem hört es sich wie eine schlimme Lästerung Gottes und der Religion an und muß auch so wirken. Den Grubenkapitalisten wird solche Rede allerdings gefallen. Sie sind danach nicht schuld an dem grausigen Uaglück, weil ste die Sicherheitsvor⸗ kehrungen unterließen, sondern es war eine „Strafe Gottes“.
Frömmigkeit und Sittlichkeit.
Ein trauriges Sittenbild vom Lande bot die kürzlich vor dem Schwurgertcht in Strau⸗
bing durchgeführte Verhandlung gegen die 25
Jahre alte ledige Maria Hutterer wegen Kinds⸗ tötung, sowie gegen deren Stiefvater, den ver— heirateten Bauern Joseph Reidl wegen Vergehens wider die Sittlichkeit. Reidl pflog mit seiner Stieftochter seit ihrem 16. Lebeusjahre intimen Umgang, die infolgedessen nicht weniger als sechs Kinder gebar, die mit einer einzigen Ausnahme bald nach der Geburt gestorben sind. Als die Hutterer am 12. März d. J. zum sechsten Male von einem Kuaben entbunden wurde, deckte sie es mit einer Decke so zu, daß das Kind erstickte. Sodann nahm der Sttef⸗ vater Reidl das Kind und warf es den Schweinen zum Fressen vor. Während die Hutterer den Umgang mit ihrem Stiefvater zugab, leugnete dieser. Die Hutterer wurde zu 2 Jahren 8 Monaten Gefängnis, Reidl zu 2 Jahren Gefängnts verurteilt. Die Verhand⸗ lung ergab schauderhafte Momente stttlicher Verkommenheit; die Oeffentlichkeit war ausge⸗ schlossen. Bezeichnend ist es, daß der vertierte Mensch stets den Frömmler markierte!
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Arbeitslos. Nach dem Französischen.
Seit zwei Monaten schon irrte Jacques Demain in Paris herum und suchte Arbeit. Er war Fuhrmann, hatte nach Vollendung von Dammarbeiten, die ihn mehr als ein Jahr beschäftigt hatten, seine Heimat verlassen und war nach Paris gekommen. Er wußte, daß dort mit Beginn des Frühjahrs große Bau⸗ arbeiten unternommen würden.
Aber die Plätze waren schon überall besetzt; die Unternehmer, die keine Zeit hatten, ihn an⸗ zuhören, sahen sich die zerknitterten Zeugnisse gar nicht an. Und die Kameraden, die ihn so viel um die Bauplätze herumschleichen, auf leere Stellen, Unglücksfälle oder Kündigungen lauern
sahen, zeigten sich ihm feindlich. Die Nieder⸗ lagen machten ihn schüchtern. Täglich wurde sein Aussehen weniger reinlich, seine Kleider abgetragener, sein Gesicht hagerer; müde von den langen Märschen, durchweicht von Regen, mit knurrendem Magen ging er einher. Des Nachts siegte seine Müdigkeit nicht mehr über die Schlaflosigkeit. Wenn er auf einer Bank oder unter einem Brückenbogen lag, dachte er sich oft aus, daß er krank würde und man ihn dann in ein Spital trüge, oder er träumte, daß man ihn als Vagabunden festnahm. Des Tages aber herrschte doch der Instinkt der Freiheit vor.
Das Spital mit seinen geheimnisvollen großen Mauern widerstrebte ihm, und das Gefängnis flößte ihm Schrecken ein. Er nahm seine Märsche wieder auf, begann wieder zu suchen, lief lauernden Blickes wie ein gehetztes Tier durch die Straßen, den Uniformen ängstlich
answeichend, während der Gedanke, daß er vor
Hunger bei seiner stetig abnehmenden Besund⸗ heit die Hand nach fremden Eigentum aus⸗ strecken könne, ihm den Atem benahm und die Kehle zusammenschnürte. Er hatte sich beim Wohltätigkeitsburcau vorgestellt. Kartenspielende Beamten hatten ihn angefahren. Man hatte ihm Hilfsvereine genannt; oft fand er die Adressen nicht, und die anderen Male wurde er abgewiesen.
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An jenem Morgen, da ihm vor Schwäche der Kopf schwindelte, gegenüber den weißen, sonnenbeschienenen Mauern, da seine Füße unter ihm nachzugeben schienen; an jenem Morgen sah er, daß ihn durch das Gitter eines Gartens ein Mann beobachtete. Ohne es zu wollen, kam er auf einem Umweg zum Gitter. Bei den ersten Worten, die er hervorzubringen sich bemühte, stiegen Träuen in seine Augen und schnitten ihm die Stimme ab; er mußte mit Geberden nachhelfen, die Hand auf den Magen legen, um die Qualen seines Hungers auszu⸗ drücken.
Das Gitter hatte sich indeß geöffnet, er hörte teilnahmsvolle Worte. Dann ließ ihn ein auf einen Ruf des Mannes herbeigeeilter Diener eintreten und führte ihn tu die Küche. Er ging wie im Traume. Er sah, daß man ihm Suppe auftrug, und stürzte sich darauf. Er trank em wenig Wein, und als man ihm Fleisch gegeben hatte, glaubte er vor Rührung in Ohnmacht zu fallen und brach in ein nervöses Lachen aus.
Die Diener in dem Raume sahen ihn ver⸗ ächtlich und demütigend an. Er bemerkte es nicht, eingeschüchtert durch ihr großartiges Auf⸗ treten und die Majestät ihrer Livréen. Und nach und nach durchströmte ihn ein ungekanntes Wohlbefinden, strahlte eine unvergleichliche Sattheit durch alle seine Glieder. Ein unter⸗ brochenes Leben erwachte in ihm; er fühlte sein Blut rollen; sein blutleeres Gehtrn funk⸗ tionterte wie eine verrostete, wieder in Bewegung gesetzte Maschine. Alles kam zugleich wieder, Mut, Hoffnung, Lebensfreude. Er sah, wie er wieder eine Stellung fand und munter sein Gespann führte. Er erzählte sein Elend und sprach allein in dem hochmütigen Schweigen der Diener. Er betonte seine Gewissenhaftigkeit als Arbeiter und rühmte seine Geschicklichkeit im Lenken. Er führte Kunststücke an, wie er mit einem zehnspännigen Wagen schwere Pflaster⸗ steine in einer Straße geführt hatte, wo gerade nur die Räder Platz hatten.
Nach so langem Hunger, nach so vielen Tagen des Schweigens ward er leicht betäubt von dem bißchen Nahrung und seinen eigenen Worten; ein Fieber erfaßte ihn, eine leichte Trunkenheit durchschauerte seine Glieder. Seine Stimme wurde lauter; er begann, die Szenen mit Geberden zu begleiten: die Pferde, die am Anfang gaanz gerade ausgehen; wie dann ihre Reihe zur Seite biegt und sie die Köpfe in die neue Richtung bringen und er selbst an der Deichsel mit den langen Zügeln in der Hand straffen Armes die Zügel dirigiert. Wie dann das ganze Gespann in der Richtung ist, die Deichselp ferde durch kurze Rufe in Atem ge⸗ halten sind und er gerade in dem Augenblick, wo sie den plötzlichen Stoß der Wendung spüren


