Ausgabe 
28.5.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 22.

Von Nah und Fern.

Durch eine Brandkatastrophe wurden vorige Woche in dem Dorfe Weimar bei Kassel mehrere Menschenleben vernichtet. In dem Hause des Metzgermeisters Fröhlich brach Feuer aus. Von den acht Kindern des Fröhlich retteten sich die drei ältesten, indem sie aus dem Fenster sprangen, das jüngste ein⸗ jährige Kind wurde von der Mutter aus dem brennenden Hause getragen. Die übrigen vier Kinder im Alter von 9, 7, 5 und 2 Jahren kamen in den Flammen um.

Schwindelkrankenkassen.

In Hannover ist kürzlich ein Prozeß gegen die Macher der Schwindelkrankenkasse Union zu Ende geführt worden. Der Prozeß ist für unsere Gegend insofern von Interesse, als die Verurteilten in vielen Dörfern der Umgebung von Gießen Mitglieder für ihre Schwindelkasse geworben hatten. Das Gericht verurteilte Schomburg, Kurre und Zicken⸗ rodt wegen Betruges und Vergehens gegen das Krankenversicherungsgesetz. Schomburg er⸗ hielt sechs Monate Gefaͤngnis und 300 Mk. Geldstrafe, Kurre fünf Monate und 300 Mk. und Zickenrodt ein Monat und 200 Mk. Geld⸗

strafe. Kurre und Schomburg werden sich dem⸗

nächst noch wegen gleicher Schwindeleien, be⸗ gangen bei der KrankenkasseThalia, die die Fortsetzung der, Union bildete, zu verantworten haben und befinden sich deshalb schon seit Monaten in Haft.

Wir warnen unsere Leser wiederholt vor solchen Schwindelkassen; man sehe sich auch bei Abschlüssen von Lebens⸗ und anderen Versiche⸗ rungen vor.

Kriegervereinsfahne iversteigert.

Böse hereingefallen sind die Kriegervereinler von Zanioch in der Neumark. Der alte Kriegerverein von Zanioch war im vorigen Jahre aufgelöst worden, weil die Mehrheit der Mitglieder nicht für den Ausschluß der orga⸗ nisierten Flößer zu haben war.(Die Krieger⸗ vereine dulden bekanntlich weder Sozialdemo⸗ kraten noch Gewerkschaftler in ihren Reihen.) Das Vereinsvermögen wurde geteilt, wobei auf den Mann 50 Pfg. kamen. Es blieb aber noch die Fahne übrig, die 800 Mk. gekostet hatte. Um diese kam es zur Klage zwischen dem neu⸗ gegründeten Kriegerverein und den Flößern. Das Landgericht in Landsberg an der Warthe hat dahin entschieden, daß die Fahne durch den Gerichtsvollzieher zum öffentlichen Verkauf ge⸗ bracht und der Erlös unter die ehemaligen

Mitglieder verteilt werden soll. 19 C 7

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2 Sehleehter Trost.

Du wirst ein schöner Leben schauen, Und ewig, ewig bleibt es dein;

Man wird dir goldne Schlösser bauen, Nur mußt du erst gestorben sein!

Du wirst bis zu den Sternen dringen, Und stellen dich in ihre Reihn,

Von Welten dich zu Welten schwingen Nur mußt du erst gestorben sein.

Du wirst, ein freier Brutus, wallen Mit Brutussen noch im Verein, All deine Ketten werden fallen, Nur mußt du erst gestorben sein.

Wenn Sünder in der Hölle braten, So gehest du zum Himmel ein;

Du wirst geküßt und nicht verraten, Nur mußt du erst gestorben sein.

Ob ihm der Ost die Segel blähe, Was hilft's dem morschen, lecken Hahn d Was hilft dem Fink die Sonnennähe, Den tot ein Adler trägt hinan d Georg Herwegh. (AusGedichte eines Lebendigen von Herwegh; Max Hesses Volksbücherei, Leipzig.)

Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller.

2.(Fortsetzung.)

Ich setzte mich auf einen Zimmerplatz, der Kirche gegenüber; was ich eigentlich wollte, weiß ich nicht; doch ich weiß noch, daß ich mit Er⸗ Oitterung aufstand, als von allen meinen vorüber⸗ gehenden Bekannten keiner mich nur eines Grußes gewürdigt hatte, auch nicht einer. Un⸗ willig verließ ich meinen Standort, eine Herberge aufzusuchen: als ich an der Ecke einer Gasse umlenkte, rannte ich gegen meine Johanne. Sonnenwirt! schrie sie laut auf, und machte eine Bewegung, mich zu umarmen.Du wieder da, lieber Sonnenwirt! Gott sei Dank, daß du wieder kömmst! Hunger und Elend sprach aus ihrer Bedeckung, eine schändliche Krankheit aus ihrem Gesichte; ihr Anblick verkündigte die verworfenste Kreatur, zu der sie erniedrigt war. Ich ahnete schnell, was hier geschehen sein möchte; einige fürstliche Dragoner, die mir eben begegnet waren, ließen mich erraten, daß Garnison in dem Städtchen lag.Soldatendirne! rief ich und drehte ihr lachend den Rücken zu. Es tat mir wohl, daß noch ein Geschöpf unter mir war im Rang der Lebendigen. Ich hatte sie niemals geliebt.

Meine Mutter war tot. Mit meinem kleinen Hause hatten sich meine Kreditoren be⸗ zahlt gemacht. Ich hatte niemand und nichts mehr. Alle Welt floh mich, wie einen Giftigen, aber ich hatte endlich verlernt, mich zu schämen. Vorher hatte ich mich dem Anblick der Menschen entzogen, weil Verachtung mir unerträglich war. Jetzt drang ich mich auf und ergötzte mich, ste zu verscheuchen. Es war mir wohl, weil ich nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu hüten hatte. Ich brauchte keine gute Eigen⸗ schaft mehr, weil man keine mehr bei mir ver⸗ mutete.

Die ganze Welt stand mir offen, ich hätte vielleicht in einer anderen Provinz für einen ehrlichen Mann gegolten, aber ich hatte den Mut verloren, es auch nur zu scheinen. Ver⸗ zweiflung und Schande hatten mir endlich die Sinnesart aufgezwungen. Es mar die letzte Ausflucht, die mir übrig war, die Ehre ent⸗ behren zu lernen, weil ich an keine mehr An⸗ spruch machen durfte. Hätten meine Eitelkeit und mein Stolz meine Erniedrigung erlebt, so hätte ich mich selber entleiben müssen.

Was ich nunmehr eigentlich beschlossen

hatte, war mir selber noch unbekannt. Ich

wollte Böses tun, so viel erinnere ich mich noch dunkel. Ich wollte mein Schicksal verdienen. Die Gesetze, meinte ich, wären Wohltaten für die Welt, also faßte ich den Vorsatz, ste zu ver letzen; ehmals hatte ich aus Notwendigkeit und Leichtsinn gesündigt, jetzt tat ichs aus freier Wahl zu meinem Vergnügen.

Mein erstes war, daß ich mein Wildschießen fortsetzte. Die Jagd überhaupt war mir nach und nach zur Leidenschaft geworden, und außer⸗ dem mußte ich ja leben. Aber dies war es nicht allein; es kitzelte mich, das fürstliche Edikt zu verhöhnen und meinem Landesherrn nach allen Kräften zu schaden. Ergriffen zu werden, besorgte ich nicht mehr, denn jetzt hatte ich eine Kugel für meinen Entdecker bereit, und das wußte ich, daß mein Schuß seinen Mo nn nicht fehlte. Ich erlegte alles Wild, das mir aufstieß; nur weniges machte ich auf der Grenze zu Gelde, das meiste ließ ich berweseg. Ich lebte kümmerlich, um nur den Aufnu and an Blei und Pulver zu bestreiten. Men e Ver⸗ heerungen in der großen Jagd wurden ruchbar, aber mich drückte kein Verdacht mehr. Mein g f löschte ihn aus. Mein Name war ver⸗ gessen.

Diese Lebensart trieb ich mehrere Monate. Eines Morgens hatte ich nach meiner Gew ohn⸗ heit das Holz durchstrichen, die Fährte ei ies Hirsches zu verfolgen. Zwei Stunden halte ich mich vergeblich ermüdet, und schon fing i an, meine Beute verloren zu geben, als ich sie auf einmal in schußgerechter Entfernung ent⸗ deckte. Ich will anschlagen und abdrücken aber plötzlich erschreckt mich der Anblick eines Hutes, der wenige Schritte vor mir auf der

Erde liegt. Ich forsche genauer und erkenne den Jäger Robert, der hinter dem dicken Stamm einer Eiche auf eben das Wild an⸗ schlägt, dem ich den Schuß bestimmt hatte. Eine tödliche Kälte fährt bei diesem Anblick durch meine Gebeine. Just das war der Mensch, den ich unter allen lebendigen Dingen am gräß⸗ lichsten haßte, und dieser Mensch war in die Gewalt meiner Kugel gegeben. In diesem Augenblick dünkte michs, als ob die ganze Welt in meinem Flintenschuß läge und der Haß meines ganzen Lebens in die einzige Finger⸗ spitze sich zusammendrängte, womit ich den mörderischen Druck tun sollte. Eine unsichtbare, fürchterliche Hand schwebte über mir, der Stunden⸗ weiser meines Schicksals zeigte unwiderruflich auf die schwarze Minute. Der Arm zitterte mir, als ich meiner Flinte die schreckliche Wahl erlaubte meine Zähne schlugen zusammen, wie im Fieberfrost, und der Odem sperrte sich erstickend in meiner Lunge. Eine Minute lang blieb der Lauf meiner Flinte ungewiß zwischen dem Menschen und dem Hirsch mitten inne schwanken eine Minute und noch eine und wieder eine. Rache und Gewissen rangen hartnäckig und zweifelhaft, aber die Rache ge⸗ wanns, und der Jager lag tot am Boden.

Mein Gewehr fiel mit dem Schüsse Mörder.... stammelte ich langsam der Wald war still, wie ein Kirchhof ich hörte deutlich, daß ich Mörder sagte. Als ich näher schlich, starb der Mann. Lange stand ich sprachlos vor dem Toten, ein helles Gelächter endlich machte mir Luft.Wirst du jetzt reinen Mund halten, guter Freund! sagte ich und trat keck hin, indem ich zugleich das Gesicht des Er⸗ mordeten auswärts kehrte. Die Augen standen ihm weit auf. Ich wurde ernsthaft und schwieg klötzlich wieder stille. Es fing mir an, seltsam zu werden.

Bis hierher hatte ich auf Rechnung meiner Schande gefrevelt; jetzt war etwas geschehen, wefür ich noch nicht gebüßt hatte. Eine Stunde vorher, glaubte ich, hätte mich kein Mensch überredet, daß es noch etwas Schlechteres, als mich, unter dem Himmel gebe; jetzt fing ich an zu mutmaßen, daß ich vor einer Stunde wohl gar zu beneiden war.

Gottes Gerichte fielen mir nicht ein wohl aber eine, ich weiß nicht welche, verwirrte Erinnerung an Strang und Schwert, und vie Exekution einer Kindermörderin, die ich als Schuljunge mit angesehen hatte. Etwas ganz besonders Schreckbares lag für mich in dem Gedanken, daß von jetzt an mein Leben verwirkt sei. Auf Mehreres besinne ich mich nicht mehr. Ich wünschte gleich darauf, daß er noch lebte. Ich tat mir Gewalt an, mich lebhaft an alles Böse zu erinnern, das mir der Tote im Leben zugefügt hatte, aber sonderbar! mein Gedächtnis war wie ausgestorben. Ich konnte nichts mehr von alle dem hervorrufen, was mich vor einer Viertelstunde zum Rasen gebracht hatte. Ich begriff gar nicht, wie ich zu dieser Mordtat ge⸗ kommen war.

Noch stand ich vor der Leiche, noch immer. Das Knallen einiger Peitschen und das Geknarre von Frachtwagen, die durchs Holz fuhren, brachte mich zu mir selbst. Es war kaum eine Viertelmeile abseits der Heerstraße, wo die Tat geschehen war. Ich mußte auf meine Sicher⸗ heit denken.

Unwillkürlich verlor ich mich tiefer in den Wald. Auf dem Wege fiel mir ein, daß der Entleibte sonst eine Taschenuhr besessen hätte. Ich brauchte Geld, um die Grenze zu erreichen und doch fehlte mir der Mut, nach dem Platz umzuwenden, wo der Tote lag. Hier erschreckte mich ein Gedanke an den Teufel und eine Allgegenwart Gottes. Ich raffte meine ganze Kühnheit zusammen; entschlossen, es mit der ganzen Hölle aufzunehmen, ging ich nach der Stelle zurück. Ich fand, was ich erwartet hatte, und in einer grünen Börse noch etwas Weniges über einen Taler an Gelde. Eben, da ich Beides zu mir stecken wollte, hielt ich plötzlich ein und überlegte. Es war keine An⸗ wandlung von Scham, auch nicht Furcht, mein Berbrechen durch Plünderung zu vergrößern Trotz, glaube ich, war es, daß ich die Uhr

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