Ausgabe 
28.5.1905
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

emer großen Anzahl, welche 14 tägige Kündi⸗ gung haben, wurde gekündigt. In Wies⸗ baden wurden gegen 200 Schneider ausgesperrt. In Mainz nimmt der Schnesderstreik immer größeren Umfang an. Dort stehen etwa 300 Maßarbeiter im Streik. Den Mitgliedern des Arbeitgeberverbandes droht aber ein böser Geist: Die größten Firmen am Ort erklärten schriftlich, mit dem Arbeitgeberverband nichts gemein zu haben. Sie räumen den Streikenden jede gewünschte Kontrolle ein darüber, ob bei ihnen auswärtige Streikarbeit angefertigt werde. Infolgedessen wird die Arbeit in den sich so verpflichtenden Geschäften wieder aufgenommen, wodurch sich die Zahl der Ausständigen auf 200 verringert. Dadurch geht der Löwenanteil der Saison mitsamt den besten Arbeitern den Mitgliedern des Arbeitgeberverbandes verloren, und die irregeführten Kleinmeister haben das Nachsehen. Bereits verlautet, daß die Unter⸗ nehmer uneinig seien. Interessant ist, daß ein guter Zentrums mann, der Metzger meister Both in der Löwenhofstraße, jetzt der G eneral⸗ vermittler der Streikarbeit ist!! Ein ultramontaner Metzgermeister! Was werden die christlich⸗organisierten Schneidergesellen, die sich im Ausstand befinden, hierzu sagen? Die Unternehmer bekommen jetzt nicht mehr ihre eigene Arbeit, geschweige die Gießener Streikarbeit gemacht. Die Streikenden können es aushalten, die Kunden gehen zu den Firmen, die sich nicht dazu herbeiließen, aus⸗ wärtige Streikarbeit zu machen und die von den Scharfmachern dupterten Kleinmeister können die Zeche bezahlen. Die Differenzen im Kölner Schneidergewerbe sind erledigt. Eine Schneiderversammlung in Nürnberg beschloß, den bekannten Revers nicht zu unter⸗ schreiben, worauf die Aussperrung erfolgte. Alle Schneider in Erlangen, die bei den Meistern des Arbeitgeberverbandes beschäftigt waren, wurden vorige Woche ausgesperrt, da sie gleichfalls den Revers nicht unterschrieben. Zur Sanneider⸗Aussperrung schreibt der Vor⸗ stand des Schneiderverbandes demVorwärts: Es wurden Aussperrungen gemeldet aus Dres⸗ den, Erlangen und Fürth. Da der Streik in Gießen die Ursache bieser Aussperrungen ist, so hat der Vorstand des Verbandes der Schneider, Schneiderinnen und verwandter Berufsgenossen heute folgende telegraphische Anfrage an den Vorstand des Arbeitgeberverbandes in München gerichtet:

Ist der Vorstand des Arbeitgeber verbandes bereit, seine Ortsgruppe in Gießen anzuweisen, mit den Arbeitern zwecks Beendigung des Streiks in Verhandlungen zu treten, wenn wir unserer Ortsgruppe dieselbe Anweisung geben?

Darauf erfolgte folgende telegraphische Rück⸗ antwort:

Zentralausschuß ist bereit, die bis jetzt erfolgten sowie für nächste Woche bestimmten Sperren aufzuheben, wenn die Streiks Gießen, Nürnberg, Hamburg, Straßburg, Mainz und Wiesbaben von Ihrer Seite offiziell vermittelst eingeschriebenen Briefes als beendet erklärt werden.

Auf dieses Telegramm wurde dan: unserer⸗ seits ebenfalls wieder telegraphisch geantwortet:

Das an uns gestellte Verlangen ist uner⸗ füllbar.

Wir gingen von der Voraussetzung aus, wenn der Streik in Gießen beendet ist, dann sind die anderen Streiks und Aussperrungen, welche nur eine Folgeerscheinung darstellen, so⸗ fort erledigt und können von beiden Parteien als beendet oder aufgehoben erklärt werden. Der Ansicht ist der Vorstand des Arbeitgeber- verbandes allerdings auch, aber er will weder vermitteln, noch verhandeln, sondern verlangt bedingungslose Arbeitsaufnahme bezw. Auf⸗ hebung des Streiks in Gießen, was gleich⸗ bedeutend wäre mit der Unterwerfung der Ar⸗ beiterorganisation unter die Organisation der Arbeitgeber.

Mit der Verbreitung von Volksbildung beschästigte sich am Samstag Nachmittag eine Versamm⸗ lung im Café Ebel, an der auch mehrere höhere Beamte teilnahmen. Die Beratungen drehten sich hauptsächlich

Müller die Bildung eines Ausschusses übertragen wurde. i (Erst kürzlich wurde ein Ausschuß zu diesem Zwecke

gegründet, zu dem auch das Gewerkschaftskartell Mit⸗ glieder entsandte. Aber die Herren aus den Gelehr ten⸗ kreisen, welche die Sache in die Hand genommen hatten, ließen nichts mehr hören.)

Im Holzarbeiterverband spricht diesen Samstag der Kollege Fromann aus Höchst a. M. über:Die Entwickelung der deutschen Gewerkschafts⸗ bewegung. Die Versammlung findet, wie immer, im Wiener Hof, abends 9 Uhr statt. Alle Holzarbeiter wollen erscheinen, auch Angehörige anderer Berufe sind willkommen. f

Die Angehörigen der graphischen Berufe im Großherzogtum Hessen haben an die beiden hessischen Kammern eine 1 gerichtet, die sich gegen das hesstsch⸗preußische Lotterieabkommen wendet. Ob die Eingabe Aussicht auf Erfolg hat, dürfte einigermaßen zweifelhaft sein. g

Die für das Theaterbauprojekt eingereichten Pläne sollen im Laufe der nüchsten Woche öffentlich ausgestellt werden Bei der Preis⸗Konkurrenz für die Entwürfe entschied das Preisgericht, daß der erste Preis von 1500 Mk. nicht vergeben werden solle, sondern es wurde der 1. u. 2. Preis zusammen⸗ gelegt und an Proffessor Dülfer in München, Hans Meyer in Gießen und Fellmer und Helmer in Wien verteilt. Den 3. Preis 500 Mk. erhielt Dittrich in München.

Die Verhandlung gegen Hudde findet, wie man demGieß. Anz. berichtet, am 5. Juni statt. Im Interesse der Aufrecht⸗ erhaltung der Ordnung sowohl im Sitzungssaal wie Gerichtsgebäude ist der Zutritt nur gegen persönlich giltige Eintrittskarten gestattet. Wegen Bezugs dieser Karten hat man sich vom 29. Mat ab an den Vorsitzenden des Schwurgerichts oder an die Großherzogliche Staatsanwaltschaft zu wenden.

Brillantendiebstahl. Die Staats- anwaltschaft Gießen erläßt einen Steckbrief gegen den Diener Schudring, der in Hirzen⸗ hain, wo er in Stellung war, seiner Herrschaft Brillanten und Wertsachen im Betrage von 12000 Mark gestohlen hat.

Aus dem Rreise gießen.

Kriegervereinlicher Kampf gegen die Sozialdemokratie. Aus Steinberg schrelbt man uns: r. Wie viele Arbeiter und selbst Genossen gibt es noch, die, als sie ihre Militärzeit überstanden hatten, in einen Kriegerverein gingen. Wohl die wenigsten aus sogenanntem Patriotismus; vielmehr wegen etwaiger Unterstützung, die sie im Krankheitsfalle erhalten. Uebrigens werden ja die Reservisten in den letzten Tagen ihres Aufenthaltes in der Ferienkolonie von oben her⸗ unter für den Beitritt zu den Kriegervereinen bearbeitet. Wer aber nicht mit in das mordspatriotische Horn tutet, der wird hinausgeworfen und hat seine Beiträge umsonst bezahlt. So bekamen am Sonntag vor acht Tagen vier Mitglieder des hiesigen Kriegervereins vom Bezirks⸗ präsidenten Vogt in Butzbach eröffnet, daß sie nach den Satzungen des Vereins ihren Ausschluß verwirkt hätten. Warum? Weil man höre! sie bei unserm vor⸗ jährigen Kreisfeste durchTragen von roten Abzeichen eine voterlandslose Gesinnung bekundet hätten! Der Fall sollte jeden verständigen Arbeiter zum Exempel dienen, diesen arbeiterfeindlichen Gebilden fern zu bleiben. Heraus deshalb aus den Kriegervereinen, und hinein in die gewerkschaftlichen und politischen Arbeitervereine. Denn nur diese können eine Verbesserung unserer Lage herbeiführen. Niemals wegen ein paar Bettelpfennigen Unterstützung seine Gesinnung verleugnet und die Inter⸗ essen der Arbeiterklasse mit Füßen getreten!

Bei dieser Gelegenheit sei ein jüngst in Weisenau bei Mainz vorgekommener Fall erwähnt, der für das Vorgehen der Kriegerbereine bezeichnend ist. Dort starb der St⸗uermann Schiebel an einem Schlaganfalle. Der Verblichene war Inhaber des eisernen Kreuzes erster Klasse. Trotzdem mußten die mili⸗ tärischen Ehrenbezeugungen unterbleiben, weil der im Felde so tapfere keinem Militärvereine angehört hatte. Diese Mitteilung stammt aus einem Mainzer bürgerlichen Blatte. Wie wird dadurch der Krieger vereinsrummel verurteilt! Der Verstorbene hat sich im Felde die höchste Auszeichnung für Tapferkeit errungen; aber alle Tapferkeit vor dem Feind kann nicht die Sünde sühnen, keinem Kriegerverein anzugehören. Der Held des Schlachtfeldes ist militärisch ehrlos, weil er nicht Mitglied eines Kriegervereins war. Der Leiche des Inhabers des eisernen Kreuzes werden keine

um die Förderung der Volksbildung auf dem Lande und sie führten zu dem Ergebnis, daß Herrn Lehrer

militärischenEhrenbezeugungen erwiesen! Darum

r. Alten⸗Buseck. Die am Samstag durch de hiesige Tal ziehenden Gewitter waren von wolken⸗ bruchartigem Regen begleitet, wie ihn selbst ältere Leute nicht viel gesehen haben. Die Ortsstraßen standen te weise unter Wasser. Auch der Blitz schlug mehrmals in Wohngebäude, jedoch glücklicherwese ohne zu zünden, richtete aber erheblichen Materialschaden an. Zwischen Wieseck und Alten⸗Buseck zerstörte er die Telephonleitung und zersplitterte mehrere Leitungsstangen. Nächsten Donnerstag(Himmelfahrtstag) feiern die hiesigen Partei⸗ genossen ein Frühling sfest, verbunden mit Fah nen⸗ weihe. In dankenswerter Weise haben der Gesang⸗ verein Germania und der Turnverein ihre Mitwirtung zugesagt. Hoffentlich gelingt es alle Teilnehmer zufrieden⸗ zustellen. Auch an dieser Stelle laden wir alle Freunde und Gönner unserer Sache herzlich ein. Näheres siehe Inserat. Not der Land wirtschaft. Kürzlich brachte derGießener Anzeiger folgende Mitteilung aus Wallernhausen bei Nidda: 5

Daß die oberhessischen Landbewohner verstehen, eine Hochzeitsfeier in reichster Weise zu begehen, zeigte sich bei einer vor wenigen Tagen vollzogenen Vermählung. Das junge Paar, die ein⸗ zigen Kinder ihrer Eltern, sind in der Lage, das was sie zusammenbringen, mit einer sechsstelligen Zahl zu schreiben. Dem entsprechend waren etwa 400 Gäste geladen, drei Schweine waren geschlachtet, 5 6 Braten hergestellt, 200 flache Kuchen und 40

Plumpkuchen gebacken worden. Wer am Erscheinen

verhindert war, bekam seinen Teil ins Haus geschickt.

Ein zweispänniger Wagen mit Bier lieferte

die nötige Befeuchtung. a

Da kann also von Notstand gewiß nicht die Rede sein. Wir sind natürlich weit davon entfernt, dies ver⸗ allgemeinern zu wollen, wir wissen sehr wohl, daß die klein bäuerliche Bevölkerung eine kärgliche Lebenshaltung führt. Aber gerade die Bauern, die ihr Vermögen nur mit einer sechsstelligen Zahl ausdrücken, sind die lautesten Schreier über die Not der Landwirtschaft und wollen durch Zölle die Lebensmittel verteuern. Sie sind es aber auch, welche den Arbeitern Ueppigkeit und Genußsucht vorwerfen. Vor längerer Zeit brachte ja das Friedberger Bündlerblatt einen Leitartikel, in dem das angebliche verschwenderische Leben der städtischen Arbeiter geschildert war. Ein verständiger Mensch weiß ja, wie es mit der Lebenshaltung in Wirklichkeit aus⸗ sieht, aber von den Lesern des Hirschelblattes mag es ja immerhin noch einige geben, die solchen Blödsinn glauben. Kurz vor der letzten Wahl ging eine Notiz durch die Presse, in der ebenfalls von einem ungeheueren Aufwand bei einer Bauernhochzeit im Oldenburgischen die Rede war. Als wir damals diese Notiz auch brachten, versuchte Herr Köhler-Langsdorf die Tat⸗ sachen zu bestreiten. Hier hat er's jetzt sehr nahe und kann feststellen, ob die Angaben des Gießener Amts⸗ blattes richtig sind.

Aus dem Rreise Jriedherg⸗Hüdingen.

K. Aus dem echristlichen Staate. In Butz bach wohnte eine Frau Oberholzer, eine österreichische Staatsangehörige. Ihr Mann war vor längerer Zeit hier in Butzbach gestorben und sie war daher mit ihren fünf Kindern auf sich selbst angewiesen. Sie arbeitete jedoch tüchtig und so schlug sie sich leidlich durch. Eine Zeit lang erhielt sie eine Unterstützung von der Gemeinde, die ihr jedoch wieder entzogen worde, sie sollte sogar die erhaltenen Beträge wieder zurückzahlen. Vor Kurzem wurde sie nun von der Behörde anfgefordert, den Ort zu verlassen; vom österr. Generalkonsulat in Frant⸗ furt erhielt sie jedoch Nachricht, daß sie bleiben könne. Am 14. Mai erhielt die Frau trotzdem vom Kreisamte 0 Friedberg den Ausweisungsbefehl und schon am nächsten Morgen wurde die Familie von zwei Gendarmen und einem Polizeidiener förmlich aus dem Bette gejagt und auf die Straße gesetzt. Dann wurde sie per Schub fortgebracht, wohin, ist uns nicht bekannt. Es war eine Szene des Jammers und der Verzweiflung; und erklär⸗ licherweise ruft der Vorfall lebhafte Entrüstung hervor.

Das geringe Mobiliar der Ausgestoßenen soll versteigert werden, um die Kosten des Schubs zu decken! Ein solcher Vorfall ist doch geradezu unerhört. Wenn immerhin das Kreisamt den gesetzlichen Bestimmungen gemäß vor⸗ gegangen sein mag, so wäre es doch wahrhaftig ange⸗ bracht gewesen, auch etwas christliche Barmherzigkeit walten zu lassen. Und wenn schlteßlich die Familie unterstützt werden mußte, so wäre Hessen und Butzbach wohl auch nicht dabei bankrott gegangen. 1 Uns ging vorstehender Bericht bereits Ende voriger Woche zu, jedoch zu spät, um noch in letzter Nummer Aufnahme finden zu können. Am Montag berichtete auch der Gießener Anzeiger über den Fall und sei Mitteilungen stimmen, soweit die Tatsachen in Betra kommen, mit den unseren überein. Also hat die Sache ihre Richtigkeit. Hoffentlich greift die Regierung sofort ein und duldet nicht, daß die arme Frau mit ihren Kindern dem Elende preisgegeben wird. Denn ein

nochmals: Heraus aus den Kriegervereinen!

solches Vorgehen schlägt doch aller Menschlichkeit in Gesicht. a