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Nr. 35.
Mitteldentsche Sonntags⸗ genung.
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hatte noch eine zweite nicht minder wichtige Bot⸗ schaft in's Städtchen gebracht: ein kleines rosa Briefchen an Fräulein Walli Wansterl, die jüngste Tochter des Herrn Bürgermeisters. Die Familie des Herrn Wansterl bestand aus Gattin Und drei Töchtern, Nelli, Polli und Walli, die mit körperlichen Reizen nicht gerade allzu reich ausgestattet waren, aber doch immerhin noch Anziehungskraft genug besaßen, um auf Neu⸗ linge im Liebesspiele oder Spekulanten auf die bürgermeisterliche Gunst des Herrn Papas einen gewissen Eindruck zu machen.
Seit etwa sechs Jahren erschien das holde Kleeblatt bei allen Sedanfeiern, Erntefesten und sonstigen öffentlichen Lustbarkeiten der Umgegend, bei denen man die Anwesenheit heiratsfähiger junger Männer im Alter von zwanzig bis stebzig Jahren erwarten konnte. Aber obwohl die jungen Damen in ihrem Geschmack durchaus nicht heikel waren, hatte sich doch für sie bisher nichts„Ernsthaftes“ finden wollen. Da waren sie aber neulichst bei einem Waldfest in Flins⸗ dorf gewesen, und hier hatte sich ihnen das Glück ganz besonders günstig erwiesen.
Ihre Freundin Clara Müller, die Tochter des Gutspächters von Flinsdorf, welche die Einladung an sie hatte ergehen lassen, besaß einen Bruder, der Theologie studierte, und dieser wiederum hatte zwei Freunde, einen Bahnassistenten und einen jungen Feldmesser,
die sich in Gemeinschaft mit den Studenten,
bei dem Waldfeste eingefunden hatten. Und da hatte es sich denn ganz von selbst gemacht, daß aus den drei jungen Leuten und den drei Bürgermeisterstöchtern sich drei Pärchen bildeten, zu denen sich Clara Müller mit ihrem Bräutigam, einem Tierarzt, als viertes Pärchen gesellte. Es war der glücklichste Tag, den Nellt, Polli und Wallti in ihrem jungfräulichen Dasein ver⸗ lebt hatten, und voll der süßesten Hoffnungen waren sie damals mit der Bahn von Flinsdorf über Dummenfelde nach Dingsdahausen zurück⸗ gekehrt. Der Umstand, daß die Frau Mama sich an dem Ausfluge nicht beteiligt hatte, war noch ganz besonders geeignet gewesen, den Reiz des herrlichen Tages zu erhöhen, und die drei Grazien hatten sich denn auch das Wort gegeben, über die wichtigsten Ereignisse des Tages den Eltern gegenüber vorläufig unberbrüchliches Stillschweigen zu bewahren.
„Wird er schreiben?“ fragte sich im Laufe der nächsten vierzehn Tage so manches Mal die blonde Nelli und dachte dabei in bangen Zweifeln an ihren kleinen Assistenten.
„Wird er schreiben?“ fragte sie auch die braunzöpfige Polli, die es auf den Feldmesser mit den schönen gelben Glacehandschuhen und 50 echt modernen spitzen Lackstiefel abgesehen atte.
„Wird er schreiben?“ fragte sich ebenso die schwarzlocktge Walli, die ihr Herz an den jungen Studiosus mit dem flotten Schnurrbärtchen verloren hatte.
Und siehe da, er schrieb, der Studiosus nämlich— und was schrieb er!
„Triumph! Triumph!“ rief Walli den vor Neid und Aufregung zitternden Schwestern zu, nachdem sie den Briefträger glücklich auf der Treppe abgefangen hatte—„ste kommen!“
Ja, sie kamen wirklich— am nächsten Sonntag, gegen neun Uhr des Morgens, wollten sie sich in der etwa zehn Minuten von Dings⸗ dahausen entfernten„Waldschenke“ einfinden, und sie baten die Damen, ihnen wenn möglich, auf halbem Wege zur Waldschenke entgegenzu⸗ kommen, damit sie, wie es höchst poetisch in dem Briefchen hieß,„gemeinsam die letzten Blümchen des scheidenden Sommers pflücken und zum uuvergänglichen Kranze der Freundschaft winden könnten.“ Dann wollten sie sich dem geehrten Elterupaare vorstellen, dann die Predigt hören, dann... doch das würde sich ja Alles finden. Die Reise wollten sie bis Dummenfelde mit dem Frühzug, von da zu Fuß auf der Landstraße zurücklegen. Am Nachmittag sollte dann auch noch Clara Müller und der Tierarzt nach⸗ kommen.
War das ein Jauchzen und Lachen, ein Um⸗ armen und Küssen unter den drei glücklichen Mädchen! Bald hatten sie einen Plan aus- geheckt, wie sie es anstellen wollten, um so früh
ohne Aufsehen in die Waldschenke hinauszuge⸗ langen, denn für die Eltern sollte die Ange⸗ legenheit bis zum letzten Augeblick ein Ge⸗ heimnis sein.
„Selbstverständlich bleiben sie zu Tisch,“ ent⸗ schied Nelli, welche die Küche unter sich hatte, „ich werde für alle Fälle ein halbes Dutzend Rebhühner bestellen.“ 188
Die beiden Schwestern waren natürlich der⸗ selben Meinung, ste wollten sogar noch einen Rehrücken hinzufügen. Jede von ihnen suchte sich mit dem Aufgebot ihrer ganzen Phantaste die Ereignisse des Sonntags im Voraus aus⸗ zumalen, und die glückliche Walli mußte den Brief des Studenten für je eine Nacht an die beiden Schwestern ausleihen, doch erlaubte sie nur, daß sie unter's Kopfkissen und nicht etwa gar auf's Herz tene
Herr Wansterl hatte alle Vorbereitungen getroffen, um die„Feinde der Gesellschaft“ am nächsten Sonntag dem verabredeten Plane ge⸗ mäß nach Gebühr zu empfangen. Schon am nächsten Sonnabend Abend hatte man den schlaueren der beiden Stadtsergeanten, Biskup mit Namen in Zivilkleider gesteckt und als Kundschafter nach Dummenfelde gesandt. Man erwartete nämlich, daß die Männner der roten Fahne entweder am Sonnabend mit dem letzten oder am Sonntag mit dem ersten Zuge von Leuchtenburg ankommen würden, und Biskup sollte nun auf dem Bahnhofe zu Dummenfelde, auf welchem nach Dingsdahausen umgestiegen wurde, alle verdächtigen Persönlichkeiten be⸗ obachteten und die für ein erfolgreiches Vor⸗ gehen erforderlichen Schritte tun.
Auch in Dingsdahausen war ein wohl⸗ organisirter Kundschafterdienst eingerichtet worden. Kandidat Weißkohl hatte sich für den Sonntag vom Kirchendienst freigemacht, nur ein paar Armentaufen hatte er am Nachmittag vorzunehmen. Die nötigen„Kerntruppen“ hatten der Apotheker und der Kandidat mit Leichtigkeit zusammengetrommelt; man brauchte nicht einmal auf das liebenswürdige Anerbieten des Gutsbesitzers zurückzugreifen. Der Kirchen⸗ vorstand, der Kriegerverein, der Kegelklub, sie alle hatten Freiwillige gestellt. Die Bewaff⸗ nung bestand aus Knüppeln, alten Säbeln, Stockdegen, sogar einen Revolver hatte man aufgetrieben, und der Apotheker hatte„für alle Fälle“ ein Viertelpfund Arsenik in die Tasche gesteckt. Man glaubte es getrost mit einem Dutzend von Feinden aufnehmen zu können.
Am Sonntag Morgen erschienen der Bürger⸗ meister, der Apotheker und der Kandidat Weiß⸗ kohl bereits um 6¼ Uhr, zum ersten ankom⸗ menden Zuge, auf dem Bahnhof des Städtchens. Fünf Minuten später war auch der Doktor da — die übrigen Stützen der Gesellschaft zogen es vor, sich die Entwicklung der Dinge aus der Ferne anzusehen. Das Gros der Angriffs- truppe wartete im Hinterhalt. Niemand stieg aus als ein paar alte Weiber, welche Butter und Eier zur Stadt brachten. Dagegen über⸗ gab der Zugführer dem Herrn Bürgermeister ein in aller Eile mit Bleistift geschriebenes Bulletin fred Inhalts:
„Sind eben angekommen. Nur drei Mann. Gehen von Dummfelde zu Fuß auf der Chaussee bis Waldschenke, wollen dort um 9 Uhr Je⸗ manden treffen. Tragen jeder etwas Rundes, in weißes Papier gepackt, sehen sonst ganz fein aus. Ich gehe ihnen zu Fuß nach. Gehorsamst Biskup, Stadtsergant.“ 5
„Tragen etwas Rundes in weißes Papier gepackt,“ wiederholte mechanisch der Bürger⸗ meister, nachdem er den Zettel mit Mühe ent⸗ ziffert hatte. 8
„Dynamit!“ riefen wie aus einem Munde der Doktor, der Kandidat und der Apotheker, und ihre Gesichter wurden so weiß wie das Blatt Papier, das der Bürgermeister in der. Hand hielt.
Dynamit! Schrecklicher Gedanke!
„Ja, was machen wir da?“ fragte der Bürgermeister, der ganz entsetzt und ratlos war wie die Anderen. 5
Die Kehlen waren ihnen wie zugeschnürt. Sie traten in die Bahnhofsrestaurafion und tranken Jeder ein paar Kognaks. Endlich lösten
sich ihre Zungen ein wenig, und der Doktor wagte zuerst zu reden.
(Schluß folgt.)
Allerlei. Der Wert des Kommas.
Ein Schulinspektor erschien bei dem Bürger⸗ meister einer kleinen Stadt und bat diesen, ihn auf einer Inspektionstour durch die Schulen zu begleiten. Der Bürgermeister war schlechter Laune, und, während er in das andere Zimmer trat, um sich zum Ausgehen bereit zu machen, hörte der Schulinspektor ihn vor sich hinbrum⸗ men:„Möchte wissen, was der Esel schon wieder will!“ Der Inspektor sagte nichts, sondern wartete den geeigneten Moment ab und begab sich mit dem Bürgermeister auf die Tour. In der ersten Schule wünschte er die Fortschritte der Schüler in der Interpunktion zu sehen. „Wir fragen nicht viel nach dem Komma und sonstigen Kleinigkeiten,“ brummte der Bürger— meister. Der Schulinspektor schickte einen Knaben an die Wandtafel und befahl ihm zu schreiben: „Der Bürgermeiste von Ritzebüttel sagt, der Inspektor ist ein Esel.“ Dann befahl er dem Schüler, das Komma zu versetzen, indem er es hinter das Ritzebüttel setzen solle und ein zweites nach dem Wort Inspektor, worauf der Knabe schrieb:„Der Bürgermeister von Ritzebüttel, sagt der Inspektor, ist ein Esel.“ Wahrschein⸗ lich änderte der Bürgermeister hierauf seine Ansicht über den Wert des Kommas und solcher Kleinigkeiten.
Der Priester im Sprichwort.
Ein italienisches Parteiblatt veröffentlicht eine Blütenlese von italienischen Sprichwörtern über die Geistlichen. Einige mögen hier Platz finden. Die Sizilianer sagen: Der Pfarrer hat einen langen Arm zum Nehmen und einen kurzen zum Geben. Die Toskaner: Priester, Mönche, Nonnen und Hühner sind nie satt. Ein genuesisches Sprichwort lautet: Vater Nimm ist in der Sakristei, Vater Gieb ist nirgends zu finden. Die Piemontesen: Wer tut, was der Priester sagt, kommt in den Himmel, wer tut, was der Priester tut, fährt in die Hölle.— Wenn der Priester sagt: lasset uns beten, hat er schon drei Lire im Sack, heißt es bei den Venezianern. In Verona sagt man: Von Pfaffenhaß, Mönchsdummheit und Nonnen⸗ klatsch— bewahre uns, o Herr! Am schärfsten und beißendsten ist ein Sprichwort der Man⸗ tuaner: Die Priester kochen ihre Suppe mit den Flammen des Fegfeuers.
Splitter. Je mehr sich unsere Bekanntschaft mit guten Büchern vergrößert, desto geringer wird der Kreis von Menschen, an deren Umgang wir
Geschmack haben. A. Fauerbach.
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Sprich nie Böses von einen Menschen, wenn du es nicht gewiß weißt, und wenn du es gewiß weißt, so frage dich: warum erzähle ich es.
Lavater.
Humoristisches.
Er kann Deutsch. Ein Pole, der in der Fremde gewesen, kam wieder heim zu seinen Landsleuten. Er verfügte über einen nach seiner Meinung reichen deutschen Wortschatz, den er unausgesetzt zum besten gibt. In der Hauptsache bestand er aus: Schweinekerl, Drecksau, Horn⸗ ochs, Mistvieh usw.
Ein zufällig anwesender Deutscher fragte den Polen, wo er Deutsch gelernt habe, worauf dieser stolz erwidert: „Bei die deutsche Militär.“(Wahr. Jak.)
St. Bureaukratius bei Spremberg. Stimme aus den Trümmern:„Mann! Erbarmen Sie sich! Hilfe! Hilfe!“— Bahnbeamter:„Ich muß erst nach Hause, meine vorschriftsmäßige Dienstmütze auf⸗ setzen, sonst komme ich selbst unter die Räder!“(Jand.)
Tröstung. Ein ausgesperter Arbeiter klagte dem Herrn Pfarrer seine Not. Keinen Verdienst und dabei sechs Kinder.„Murren Sie nicht über die starke Familie“ erwiderte der Seelsorger,„es ist ein Trost, Genossen im Unglück zu haben.“(Wahr. Jat.)


