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Mitteldeutsche Sonntags- Zeitung.
8 21 Nr. 35.
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Ueber die Lage der Bauern in der Wetterau
wird unserem Frankfurter Partei blatte von einem Kenner der Verhältnisse geschrieben: Wer in diesen Tagen einmal Gelegenheit hatte, mit der Bahn von Gießen rach Frank⸗ furt zu fahren und seine Blicke über die Felder der fruchtbaren Wetterau schweifen ließ, der mußte unwillkürlich Betrachtungen anstellen, wie Vieles sich doch in der Praxis ganz anders ausnimmt, als in der agrarischen Theorie. Auf den ersten Blick fällt die riesige Zahl der Fruchthaufen auf, die man sieht. Noch vor wenigen Jahren sahen diese Fruchtäcker ganz anders aus. Damals hatte jeder Fruchthaufen etwa 8 schwere Garben, so schwer, daß ein erwachsener Mensch daran zu heben hatte. Heute bestehen die Haufen aus einer Menge kleiner Garben, die statt mit dem von altersher ge⸗ bräuchlichen Strohseile mit Hanfgarnbindfaden, sogenannter Kordel, zusammengebunden sind. Woher der Umschwung? Solange der Bauer mit der Sense und dem sogenannten Reff die Frucht abmachen und mit Bindstecken und Stroh- seil binden mußte, solange der Ertrag des Ackers nach Fuder berechnet wurde(1 Fuder= 60 Garben) und auch das Dreschen nach Fuder berechnet wurde, solange wurden die Garben so groß wie möglich gemacht. Heute dagegen spielt ein anderer Faktor mit, die Maschine. So früher die sogenannten Sachsengänger des Morgens, wenn der Tag graute, in Scharen ausrückten, um bis zur Dunkelheit Frucht abzu⸗ machen, da rückt heute die Maschine aus, die zugleich mit Selbstbinder versehen ist. Diese Maschine ist es, welche die kleinen Garben bindet. Jeder einigermaßen gut situirte Bauer hat heute seine Maschinen für alle möglichen Zwecke. In jedem größeren Ort sitzen heute Vertreter von Fabriken landwirtschaftlicher Maschinen. Und die größeren unter ihnen unterhalten zugleich Monteure, welche auf den Dörfern herumgehen und Maschinen repariren. Hier hat stch ein vollständig neuer Erwerbszweig gebildet. Und woher kommt es, daß heute die Maschine so sehr zur Anwendung in unserer Gegend ge⸗ kommen ist? Innerhalb der letzten 15 bis 20 Jahre sind die Felder fast aller Gemeinden der Wetterau bereinigt worden, das heißt: die Felder wurden entwässert(drainirt), die oft in den einzelnen Gemarkungsteilen weit zerstreut liegenden Aecker wurden jedem einzelnen Bauer zusammengelegt, sodaß er statt früher 20, 30 oder mehr Flächen jetzt nur 5, 6, 7 hat, die aber desto größer sind. Manchmal allerdings zum Schaden des Kleinen. Die Raine wurden geschleift, die Hecken und Buschkaden beseitigt und mit ihnen oft auch die nützlichen, Insekten fressenden Singvögel. Die Hohlwege wurden zugeschüttet, und durch diese Arbeiten brach⸗ liegendes, bisher unbenutztes Gelände benutzbar gemacht. Es wurde alles getan, was Vorbe⸗ dingung zu einer rationellen Bodenwirtschaft ist, Damit war aber auch die Vorbedingung erfüllt, die den Gebrauch der Maschine und
deren gewinnbringende Benutzung möglich macht.
Und so sehen wir aber auch, daß die Maschine eine ganz bedeutende Ausbreitung erlangt hat. Nicht zum wenigsten ist dieser Umschwung ge⸗ kommen durch die Förderung, welche die hesstsche Regierung im Vereine mit der Volks⸗ vertretung der Landwirtschaft hat angedeihen Uissen. Aber nicht allein das. Auch vom Staate unterstützte landwirtschaftliche Winter⸗ und Obstbau⸗Schulen in Friedberg und Alsfeld stehen den Landwirten zur Verfügung, andere sind in der Bildung begriffen. Diese werden stark frequentirt, und jeder nur einigermaßen vermögende Bauer schickt seinen Sohn dorthin. Staatlich besoldete Wanderlehrer gehen hinaus, um den Landwirten Vorträge zu halten über Obstbau, Viehzucht, Düngeversuche usw. Oft werden mit diesen Vorträgen Grattsver⸗ loosungen von Obstbäumen verbunden, um ste anregender zu machen und die Bauern zu ver⸗ anlassen, recht viele zu pflanzen. Dadurch ist es soweit gekommen, daß heute fast kein Fleckchen Erde unbenutzbar daltegt. Und trotzdem sehen wir, daß der Preis des Obstes nicht
niedriger, sondern mi: jedem Jahre höher wird, obwohl die Erträgnisse aus dem Obstbau für die Landwirtschaft größer werden.
Hand in Hand mit diesen Fortschritten gingen die Fortschritten in der Viehzucht. Dieser ist die größtmögliche Unterstützung zu Teil geworden. In der ganzen Wetterau wird heute fast nur noch Simmentaler Rindvieh ge⸗ züchtet. Demgemäß sind auch die Erträgnisse ganz bedeutend größere geworden. Diese werden noch vergrößert durch eine Reihe Molkereige⸗ nossenschaften. Noch vor 10 Jahren konnte man in jedem Dorfe von jedem Bauern einen sogenannten Handkäse, der in jedem landwirt⸗ schaftlichen Betrieb selbst hergestellt wurde, kaufen, desgleichen Eier und Butter. Heute dagegen müssen die Bauern dergleichen, wenn sie es brauchen, in vielen Fällen selbst kaufen. Die kleinen Händler, welche früher wöchentlich zweimal mit ihrem Hundewagen auf die Dörfer kamen und Eier, Butter, Käse usw. abholten, um sie in den Städten wieder abzu⸗ setzen, gehören heute der Vergangenheit an. Heute bringen die Bauern ihre Produkte in für sie viel vorteilhafterer Weise auf den Markt. Der Preis der Butter ist dadurch innerhalb der letzten 10 Jahre um mindestens 20 Pro⸗ zent gestiegen. Desgleichen der Preis für Eier um 50 Prozent.
Auch die Schweinezucht hat in der Wetterau ganz bedeutende Fortschritte zu ver⸗ zeichnen, und durch den⸗dauernd hohen Preis erzielen die Züchter eine ganz bedeutenden Nutzen. Mit einem Wort: unsere Wetterauer Landwirtschaft hat innerhalb der Periode der niedrigen Zölle ganz bedeutende Fortschritte zu verzeichnen gehabt und die Einnahmen der Bauern haben sich entsprechend gesteigert. Das kommt auch in der Lebensweise unserer Bauern zum Ausdruck. Jeder, der es nur halbwegs kann, hat heute seinen Federwagen, um Sonn⸗ tags ausfahren. Die größeren Bauern fahren alle mit Landauern, und die Fälle, wo ein Wetterauer Bauer seine Hochzeit im größten Friedberger Hotel feiert unter Mitwirkung von Militärmustk, sind durchaus nicht selten. Eben⸗ so haben die größeren Bauern der Wetterau ein landwirtschaftliches Kasino gebildet. In kurzen Zwischenräumen kommen sie in demselben Hotel zusammen und arrangiren dort bei Wein und Mustk frohe Zechgelage mit Tanz.
Der steigende Wohlstand dieser Bauern dokumentirt sich aber auch darin, daß die Ar⸗ beiter, die auf den Dörfer wohnen und sich dort ein Häuschen bauen wollen, in den weitaus meisten Fällen ihre Kapitalien von den Bauern entnehmen. Diese Bauern erreichen damit zweierlei: einmal haben sie einen immer bereiten Arbeiter resp. Arbeiterin, wenn ste einen solchen brauchen, und zweitens sichern stie sich oder ihresgleichen bet Gemeindewahlen ein festen Stamm von Stimmen. Und so kann man es auch begreifen, daß bei solchen Wahlen oft die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben, wie das Sprichwort sagt, das heißt, daß die dümmsten, aber reichsten und oft verhaßtesten Bauern die meisten Stimmen bekommen. Daß
dieses Abhängigkeitsverhältnis auch bei Reichs⸗
und Landtagswahlen mißbraucht wird, läßt sich denken. Die Fälle, wo derartig von einem Bauer beliehene Leute nach Wahlen von ihrem Eigentum kamen, weil man sie im Verdacht hatte, daß ste anders gewählt hätten, als ihr Kapitalist verlangte, sind durchaus nicht selten. Typisch für diesen Fall ist das durch den Wahlkrawall bekannt gewordene Dorf Burg⸗ gräfenrode, dessen Bürgermeister eine Reihe von Einwohnern beliehen hat und der nach der letzten Wahl gleich zwei Einwohner auf Rück⸗ zahlung der geliehenen Kapitalien verklagt hat.
Nun soll nicht behauptet werden, daß das vorhin Gesagte in Bezug auf Lebenshaltung, Einkommen usw. auf alle Bauern der Wetterau zutrifft. Das ist keineswegs des Fall. Ihre Zahl ist größer im Zentrum und Südwesten und nimmt gegen deu Vogelsberg und die Aus⸗ läufer vom Taunus mehr und mehr ab. Aber auch dort, wo sie in größerer Zahl vorhanden sind, trifft man Dörfer, in denen die Hälfte und oft noch mehr so wenig Grund und Boden
besitzen, daß sie absolut nicht mitkonkurriren könnnen. In demselben Maße, wie sich die besser gestellten Bauern die Fortschritte der Technik, der Viehzucht und des Schulwesens usw. zu Nutzen gemacht haben und dadurch Vorteile erzielen, in demselben Maße geht der kleine Bauer mehr und mehr zurück. Er kann keine großen Flächen bei der Bereinigung der Felder zusammenbekommen, da sein Bestitz nicht ausreicht; er kann sich keine große Vieh⸗ haltung anlegen, da ihm das Futter nicht aus⸗ reicht. Er kann seinen Sohn weder auf die Real⸗ schule noch auf die landwirtschaftliche Schule schicken. Bei jedem, auch dem kleinsten Anlaß merkt er die Ueberlegenheit seines besser gestellten besitzenderen Konkurrenten. Während bei den jetzigen teueren Fletschpreisen der besser situirte Bauer die Mehraus gabe beim Einkauf von Fleisch immerhin noch durch gelegentlichen Ver⸗ kauf eines Stückes Vieh ausgleichen kann, ist der kleine Bauer in dieser Zeit zur vollständigen Enthaltsamkeit verdammt. Wohl hat auch er jetzt nach und in der Ernte seine größten Ein⸗ nahmen; aber eine Reihe von Lieferanten, Hypothekengläubigern usw. warten schon auf den Tag, an dem das bißchen Frucht auf den Wagen des Händlers kommt. Da bleibt in der Regel nichts mehr übrig und er wartet weiter auf die Rüben⸗ und Kartoffelernte. Dtese Bauern sind in den meisten Fällen schlechter gestellt, als die in diesem Orte wohnenden Arbeiter. Auch der Mehrertrag durch Zölle kann da nicht mehr helfen. Teuere Frucht⸗ und Brodpreise üben auf die Lebenshaltung dieser Bauern genau dieselbe Wirkung aus, wie auf die besitzlosen Arbeiter. Sie dienen nur dazu, das Heer derer, die sich von der Landwirtschaft ab⸗ und der industriellen Tätigkeit zuwenden, zu ver⸗ mehren. Auch die am 1. September d. J. in Aussicht genommene Erhöhung der Milch- preise bleibt für die kleinen Bauern ohne jede Bedeutung, da sie nicht die geringste Mehrein⸗ nahme dadurch bekommen. Nur die größeren Bauern haben den Vorteil davon. Die Uner⸗ sättlichkeit dieser mittleren und großen Bauern wird mit jedem Tage größer.
Hier muß mit der Agitation und Aufklärung eingesetzt werden. Das ist um so leichter mög⸗ lich, als eine Reihe von Dörfern in der Wetterau ausschließlich oder in der Mehrzahl von kleinen Bauern bewohnt werden. Nur auf diese Dörfer müssen wir in erster Linie gehen. Zwei Fliegen können wir da mit einer Klappe schlagen. Erstens können wir diese Bevölkerung für uns ge⸗ winnen und zweitens die Jugend derselben, die in den meisten Fällen gezwungen ist, als Lohn⸗ arbeiter, Maurer, Weißbinder usw. in die um⸗ liegenden Städte zu gehen. Diesen kleinen Bauern müssen wir zeigen, welche Hülfsmittel ihren besitzenden Brüdern zur Verfügung stehen, wie nur deren Söhne die höheren Schulen be⸗ suchen, wie diese die Maschinen ausnutzen können, wie diese bei den Prämtirungen in der Regel Diejenigen sind, deren Ochsen die schönsten Hörner haben, wie nur diese an teueren Fleisch⸗ und Fruchtpreisen Nutzen haben, während sie jetzt schon darben müssen, obwohl der Zolltarif noch nicht Gesetz ist. a 5
Die Zahl jener kleinen Bauern, die in jenen Dörfern für uns zu gewinnen sind, im Verein mit den Arbeitern, wird genügen, um auch die reiche und fruchtbare Wetterau für die Sozital⸗ demokratie zu erobern. Dafür bürgt uns das Inktafttreien des neuen Zolltarifes und seine Wirkung auf die kleinen Bauern.
2 Auf dem Holzweg. Humoreske von Viktor Lenz. 3) Forstobung.
Dieselbe Post, mit welcher das landrätliche
Schreiben nach Dingsdahausen gekommen war,


