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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 35.
durchgebracht werden, um ev. das„kleinere Uebel“ zum Mandat gelangen zu lassen. Der einzige wirklich ge⸗ fährliche Feind ist die indifferente Masse, sie mobil zu machen für uns, das ist die Hauptaufgabe. Wenn alle Genossen aktiv an der Wahlarbeit teilnehmen, dann schreiten wir voran. Mit uns das Volk, mit uns der Sieg!(Lebh. Beifall.)
In der Diskussion wurden von verschiedenen Rednern zahlreiche Wünsche der Landtagsfraktion zur Berücksich⸗ tigung empfohlen. Ein Redner klagt, daß die Lehrer, für deren Besserstellung unsere Partei stets eingetreten sei, uns oft in wenig schöner Weise bekämpfen. Sollen wir uns angesichts dieser Tatsache fernerhin für die Lehrer besonders ins Zeug legen? Von Häuser⸗Stein⸗ berg wird betont, daß in der Schulfrage Besserung ge⸗ schaffen werden müsse. In Steinberg kommen 95 Schüler auf einen Lehrer. Dem Lehrermangel sollte durch Verbilligung der Lehrerausbildung abgeholfen werden. Auch den Arbeiterkindern müsse ermöglicht wer⸗ den, sich diesem Beruf zu widmen. Ferner wird eine entschiedene Stellungnahme gegen das indirekte Steuer⸗ system gefordert. Für die Beseitigung des Stempelge⸗ setzes, das besonders die kleinen Leute belastet, muß eingetreten werden. Allseitig wird für frühzeitige Auf⸗ nahme der Wahlagitation eingetreten.
Genosse David geht in seinem Schlußwort auf die in der Diskussion angeschnittenen Fragen ein. Die Entscheidung bei der Wahl, für welchen der bürgerlichen Vertreter einzutreten sei, müsse von Fall zu Fall, jedoch immer im Einverständnis mit dem Landeskomitee getroffen werden. Möglich ist, daß sich das Beispiel Offenbachs
wiederholt und eine Koalition der bürgerlichen Parteien
gegen uns zu stande kommt. Auf diese Tgeise werden die Anhänger bürgerlicher kultureller Ideale zu uns gelrieben. Gegen die Stempelgebühren haben wir immer Front gemacht, gegenwärtig liegt die Frage noch im Finanzausschuß. Die Feindschaft der Lehrer gegen uns darf und wird uns nicht hindern, für die Besserung der Lehrergehälter einzutreten; übrigens ist es unrichtig, daß wir die Lehrer gegen uns haben. Viele Lehrer zählen zu unseren Anhängern. Die Aufwendungen, die für Industrie und Landwirtschaft gem acht werden, sind im Verhältnis zu dem, was für die Arbeiter geschieht, sehr ungleich. Das Verhältnis zu ändern, mehr Ein⸗ fluß auf die Landesgesetzgebung zu erhalten, das ist unsere Anfgabe. Zeige jeder bei den bevorstehenden Landtagswahlen, durch aktive Teilnahme, daß es ihm ernst ist mit der Beseitigung der bestehenden Ungleichheit.
Durch einstimmige Annahme eines Antrags drückt die Konferenz ihr Einverständnis mit der Tätigkeit der Landtagsfraktion aus.
Sonstige Anträge und Wahlen.
Im„Verschiedenen“ wird zunächst ein von Rüssels⸗ heim gestellter Antrag angenommen, nach welchem das Landeskomitee ein Flugblatt über die Bedeutung der Maifeier herausgeben und in allen Orten mit starker Industriebevölkerung am Morgen des 1. Mai zur Verteilung bringen soll..
Ferner wird noch über die Bestimmung des vorgelegten Organisationsstatuts gesprochen, wonach 25 Prozent der Einnahmen an die Zentralkasse abgeführt werden sollen. Es wird die Frage aufgeworfen, ob diese 25 Prozent von den reinen Einnahmen des Kreises oder von den Mitgliederbeiträgen zu rechnen sind. Beschlüsse wurden dazu nicht gefaßt.
Als Sitz des Landeskomitees wird wiederum mit großer Mehrheit Offenbach bestimmt und ein⸗ stimmig wird das Komitee in der bisherigen Zusammen⸗ setzung wiedergewählt.— Die nächste Landes⸗ konferenz findet in Mühlheim a. M. statt.
Ulrich schließt die Konferenz mit dem Wunsche, das im nächsten Jahre von siegreichen Landtagswahlkämpfen berichtet werden kann und mit einem begeistert auf⸗ genommenen„Hoch“ auf die Sozialdemokratie.
Pon Nah und Fern.
Gießener Angelegenheiten.
— Der Konsum verein Gießen und Umgegend veröffentlicht seinen Geschäftsbericht über das 4. Geschäftsjahr. Danach hat der Verein, wie wir schon früher kurz mitteilen konnten, auch in diesem Jahre gute Fortschritte gemacht. Bis zum Schluß des Geschäftsjahres (30. Juni) war die Mitgliederzahl auf 365 ge⸗ stiegen, gegen 272 am Ende des vorhergehenden Jahres. Im Juli und August sind weitere Mitglieder beigetreten, so daß deren jetzt etwa 400 zu verzeichnen sind. Dementsprechend wuchs auch der Umsatz, der sich ohne das Rabattmarken⸗ geschäft auf 43000 Mk. beläuft. Der Reingewinn beträgt 4827 Mk., wovon— nach Abzug der
statutenmäßigen Rücklagen zum Reservefonds
— 3298 Mk. oder 5 Prozent als Rückvergütung auf die entnommenen Waren an die Mitglieder
zur Verteilung gelangen sollen.— Sonntag, den 3. September findet im Restaurant Albold die Beneralversammlung statt, deren Tagesordnung ebenfalls aus dem Inserat er⸗ sichtlich ist. 5
— Das Pücklerblatt in Friedberg rempelt in seiner letzten Nummer unsern Genossen Krumm in recht einfältiger Weise an. Es kommt auf die Rede Krumm's zurück, die K. vor zwei Monaten auf dem Staufenberger Kreisfest ge⸗ halten hat— lange genug hat es also den Schmerz mit sich herumgetragen, den ihm K. durch den Satz bereitet hat:„Antisemitische und jüdische Kapitalisten kämpfen vereint gegen die Arbeiter.“ Dazu sagt das Blättlein: „Erstens kann man antisemitische Kapitalisten mit dem Scheinwerfer suchen, zweitens ist die Behauptung direkt aus der Luft gegriffen. Drittens: Was machen denn die roten Millionenjuden Singer, Bamberger, Arons, Baumann und Genossen, die an der Spitze der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung stehen?“ Die Tatsache, daß es sehr viele antisemitische Kapitalisten gibt, die genau wie ihre jüdischen Kollegen gegen die Arbeiter verfahren, ist höchstens den Pücklerleuten in Friedberg un⸗ bekannt. Und die sozialdemokratischen Millionen⸗ juden zetteln Ritualmordprozesse an und lassen die Pückler⸗Reden drucken, um die Antisemiten zu blamieren.
— Hündische Schweifwedelet. Das Hirschelblatt in Friedberg macht Reklame für die Kaiserparade bei Homburg, als hinge davon das Wohl der Menschheit ab und kein Mensch ruhig sterben könnte, wenn er den Rummel nicht gesehen hat.
An diesem Tage sollte schon um die Mafestät und das uns zum erstenmal besuchende Kron⸗ prinzenpaar zu ehren, Niemand aus der Gesellschaft und kein guter Patriot fehlen. Wem schlägt nicht das Herz höher, wenn unsere Söhne an diesem Ehrentag im strammen Paradeschritt oder als schmucke Reiter ihrem geliepten Kaiser ins Auge sehen dürfen— dem Kaiser, u m den uns die Völker beneiden, dem es wohl ums Herz ist, wenn er grade in der Jetztzeit steht, wie sein Volk sich um ihn schart und Ihm und dem schlagfertigen Heer zujubelt!
Es fehlt dem Deutschen zum Hunde nur
Ein richtiger Schwanz zum Wedeln——
r. Wieder ein Opfer der Bergarbeit! Im Gießener Braunsteinbergwerk verunglückte am Dienstag der Arbeiter Philipp Schäfer aus Annerod. An der neuen Verladestelle mit Rangieren der Wagen beschäftigt, geriet er unter die Räder eines Wagens, wobei ihm die Brust förmlich eingedrückt wurde, so daß der Tod sofort eintrat. Schäfer hinterläßt eine Frau nebst drei unmündigen Kindern. Dies ist inner⸗ halb dreier Jahre schon der vierte, der in diesem Betriebe sein Leben einbüßt, ohne die Pee Zahl derjenigen, die zum Teil schwere
erletzungen bei Unfällen erlitten. Neulich, bei dem letzten Unglück schrieb der„Gieß. Anz.“, daß seit 25 Jahren kein Unglück mit tödlichem Ausgange vorgekommen sei. Das Blatt meinte jedenfalls, daß so lange kein Aufseher verun⸗ glückte, aber man muß Arbeiter doch auch mit rechnen. Die Betriebssicherheit scheint durch die neuen Anlagen geringer geworden zu sein und sie wird offenbar noch gefährdet, durch die Hast, mit welcher gearbeitet werden muß. Es wäre auch längst an der Zeit, daß sich die Arbeiter dieses Betriebes etwas mehr um die Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse bemühten, und das kann nur geschehen, wenn ste ihrer Organisation beitreten.
— Huddes Ende. Am Dienstag früh 6 Uhr ist nun der Raubmörder Hudde im Hofe des Gießener Justizgebäudes durch den säch⸗ sischen Scharfrichter Brandt mittels Fallbeil hingerichtet worden. Hudde hat kein weiteres
Geständnis gemacht, insbesondere blieb er dabei,
daß nicht er, sondern sein Komplize„Willi“ 50 Pfarrer Thöbes in Heldenbergen ermordet abe. f
— Die Differenzen bei der Firma Schaff⸗ staedt sind noch nicht beigelegt und es ist nicht aus⸗ geschlossen, daß es zum teilweisen Aus stand kommt.
— Die„Freie Turnerschaft“ hält Mittwoch Abend im„Pfau“ ihre Mitglieder⸗
Versammlung ab. Auf der Tagesordnung steht: Geschäftliches; Bericht des Turnvereins Fichte⸗ Berlin; Ersatzwahl des Vorstandes; Stiftungs⸗ fest. Es wird gewünscht, daß die Mitglieder recht zahlreich erscheinen.
Aus dem Rreise gießen.
— Die Kreiskonferenz für den Wahl⸗ kreis Gießen findet diesen Sonntag, von vormit⸗ tags 10 Uhr ab im Orbig'schen Lokale in Gießen statt. Ihre Tagesordnung ist unseren Genossen bekannt. Sie weist besonders interessante Punkte nicht auf; jeder Genosse weiß aber, daß es auf der Kreiskonferenz gilt, die für unsere Bewohner so wichtige Kleinarbeit zu erledigen und daß deshalb den Kreis⸗Kon⸗ ferenzen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung innewohnt. Sie sollen mit in erster Linie da⸗ zu beitragen, daß unsere Organisation ausge⸗ baut und vervollkommnet, die Agitation für unsere gerechte Sache bis in die entlegensten Orte unseres Wahlkreises getragen wird. Jeder Genosse weiß, wieviel Arbeit in dieser Richtung noch geleistet werden muß und wie mühevoll sie ist. Hier mitzuhelfen, muß jeder für seine heilige Pflicht erachten! Denn wenn wir auch sagen können, daß unsere Or⸗ ganisation leidlich eingerichtet ist, so sind wir Uns doch alle darüber klar, daß sie in bezug auf ihre Stärke im Verhältnis zu der im Kreise für unsere Partei abgegebenen Stimmen⸗ zahl ganz anders dastehen müßte. Auch die Parteipresse müßte viel stärker verbreitet sein. In dieser Beziehung soll die Konferenz an⸗ regend und fördernd wirken.— Die Tagesordnung siteht, wie gesagt, nüchtern und geschäftsmäßig aus. Aber bei dem Punkt: „Parteitag“ wird vieles Wichtige und In⸗ teressante zu erörtern sein, wir erinnern nur an das neue Organisationsstatut, worüber der Parteitag zu beschließen hat, ferner die Mai⸗ feierfrage, Fraktionsbericht und verschiedenes andere. Ferner wird zur Landtagswahl mancher Genosse verschiedenes zu sagen haben, was für die übrigen von Interesse ist.— Daß die Wahl des Parteitagsdelegierten in der Kreiskonferenz vorgenommen wird, halten wir eigentlich nicht für richtig. Es sollte diese Wahl— wir haben schon früher einmal eine derartige Anregung gegeben— durch Urab⸗ stimmung von den Genossen des ganzen Kreises vorgenommen werden. Auf diese Weise wurde kürzlich die Wahl im Offenbacher Kreise vor⸗ genommen und die Sache machte sich ganz gut. Auf alle Fälle wird das Parteileben angeregt, wenn alle Genossen zur Abstimmung herange- zogen werden.— Nun, wir hoffen, daß die Konferenz ihre Arbeiten glatt erledigt und wünschen ihr herzlich Glück dazu!
e. In Leihgestern soll die Kirche um⸗ gebaut werden. Um das Projekt durchzudrücken, waren in der Gemeinderatssitzung am Samstag der Kreisamtmann Kranzbühler mit noch einem Hofbaurat und einem Professor aus Darmstadt erschienen. Zwei Pläne wurden vorgelegt, der eine sieht den völligen Abbruch des alten Kirchen⸗ schiffes und Aufbau eines neuen vor, der zweite nur Erweiterung desselben. im ersten Falle auf 75000, im zweiten auf 60 000 Mk. veranschlagt. Herr Dekan Strack und der Amtmann begründeten den Neubau mit dem Hinweis darauf, daß die jetzige Kirche zu klein sei und die Einwohner nicht in der Lage wären, ihre religiösen Bedürfnisse zu be⸗ friedigen. Aus dem Gemeinderat wurde dem Plane entgegengetreten und betont, daß die Gemeinde ohnehin schwer belastet sei und das Geld für andere, notwendigere Dinge als einen kostspieligen Kirchenbau gebraucht würde. Wasser⸗ leitung und e seien viel wich⸗
tiger und wäre höchstens 5—6 mal im Jahre
die Kirche voll besetzt, sonst predige der Dekan immer vor leeren Bänken.
noch zu einer lebhaften Debatte. Schließlich
beantragte ein Gemeinderat, die Sache zu ver⸗ tagen, weil man über eine so hohe Ausgabe nicht so im Galopp beschließen könne. Trotzdem suchte der Kreisamtmann eine Abstimmung herbei⸗ zuführen, indem er die Mitglieder des Gemeinde⸗ Damit sollte der Ver⸗
rats einzeln abfragte.
Die Kosten sind
—— ͤ ͤ—
Es kam darüber


