Ausgabe 
26.3.1905
 
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Nr. 13.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeuung.

Seite 7.

Ach, das ist prächtig. Das wünsch' ich schon längst. Ja, der Papa muß mir ein Rad an⸗ schaffen.

Und ich lehre Dich fahren, warf sich Leb⸗ recht in die Brust,und halte meine Hand schützend über Dir auf unseren Ausflügen.

Kannst Du denn radeln und hast Du ein Rad? fragte die Kousine mit erstaunten Augen.

Ein Rad? ja, auf Teilzahlung, versteht sich.

Und das erzählst Du erst jetzt? O, Du hinterlistiger Mensch!

Meine liebe Rosalie, begann er pathetisch und deklamierte:Es bildet ein Talent sich in der Stille. ö

Sie klatschte jubelnd in die Hände und ihre blauen Augen strahlten. Otto umfaßte sie und tanzte mit ihr in der Stube umher.

O, ihr Kindsköpfe! Ihr Kindsköpfe! lachte Frau Karoline.

Nanu, seid ihr verrückt? So rief mit seiner Fettstimme Meister Adersen, der, aus der Kneipe heimgekehrt, in der Stubentür stand.

Ich unterricht' die Rosa im Walzen, das gehört ja zur Bildung, antwortete Otto un⸗ verfroren, indem er das Mädchen losließ.

Und das Radeln erst recht, fiel die Koustne heiter ein.Ja, Vater, Du mußt mir ein Rad schenken, bitte, bitte! Rücksichtslos stürzte sie sich in die Atmosphäre von Tabaks⸗ und Bier⸗ geruch, die der Vater um sich verbreitete, um⸗ armte ihn von der Seite, da sein Bauch einen Frontangriff nicht gut möglich machte, und küßte ihm die aufgepolsterte Wange.Ach, bitte, bitte, Papa! Wie sie schmeicheln konnte!

Der Vater schob sie bei Seite, indem er einen mißtrauischen Blick auf seinen Neffen warf. Er war nie sicher, ob dieser es mit dem, was er sagte, ernst meinte oder ihn foppen wollte.Gelbschnabel! gurgelte er.

Danke, Onkel! Aber das Verdienst wird immer verkannt; das ist eine alte Geschichte. Dir ergeht es auch nicht besser, Onkel. Warum sonst bist Du nicht längst Stadtverordneter und 1755 im Reichstag? Na, gute Nacht alle⸗ amt.

Meister Adersen machte ein verblüfftes Gesicht, und erst als die Tür hinter dem Neffen in's Schloß fiel, erhob er gewohnheitsmäßig den kurzen plumpen Zeigenfinger, an dem ein mächtiger Siegelring stak, um ihn Otto zum Abschiede hinzuhalten.

III.

Hut, wie die beiden Fahrräder, welche von Otto Lebrecht und seiner Kousine gelenkt wurden, an dem herrlichen Frühlingssonntag über den Kurfürstendamm dem Grunewald entgegen⸗ zischten. Wie ein Jockey bei dem Wettrennen auf dem Hals des Pferdes, so lag Otto gebückt auf der Lenkstange seines Rades und zappelte mit den Füßen. Rosalie saß aufrecht und wie triumphierend auf ihrem Fahrzeug, und ihr rundes Gesicht lachte und blühte wie der junge Frühlingstag selbst. Feierte sie doch auch einen Sieg über den Widerstand der Mutter und hatte mit deren Beistand den Vater bewogen, ihr zum Weihnachtsfeste ein Rad zu schenken. In Bezug auf die 0 war es fest geblieben, und das Töchterchen erholte sich auf dem Rade von ihren Studien. Zu dem Geldschrank in der Wohnstube hatte sich ein Pianino gesellt, auf dem ein älteres Fräulein sie unterrichtete. Freilich nur mit kümmerlichem Erfolge; denn es gebrach Rosa an musikalischem Gehör und das fleißige Ueben machte nur ihre Finger gelenkiger. Den geistigen Acker pflügte ein Hausgenosse, ein Privatlehrer, der schon seit mehreren Jahren in dem dritten Stock des Bäckerhauses wohnte. Der Mann war ein Witwer und hörte auf den Namen Häsekin. Er war schon lange kein Jüngling mehr, und wenn nicht etwas Anderes, so hatten Stuben⸗ luft und Gelehrtheit seinen Schädel derart poltert, daß man selbst mit einem Mikroskop kein Härchen zu entdecken vermochte. Einige Unterrichtsstunden und Korrekturen für einen Buchdrucker fristeten sein Dasein. Wie es mit seinem Wissen stand, darüber zu urteilen war Meister Adersen sicherlich der Letzte. Das Herz seiner Schülerin gewann er aber im Fluge durch seine unermüdliche Geduld und seine himmlische

Sanftmut. Dte Letztere, gepaart mit einem Zuge von Traurigkeit, die sich in dem Gesichte ausprägten, hatten schon lange Rosalien's Teil⸗ nahme mit dem alten Herrn erregt, bevor er es unternahm, das Mädchen in die Geheimnisse der Geographie, Geschichte, Literatur und franzö⸗ sischen Sprache einzuführen. Nun, an gesundem Menschenverstande und auch an Mutterwitz gebrach es ihr nicht; ihre Neigungen aber waren von frühauf auf das Praktische gerichtet. Wenn sie trotzdem einige Fortschritte machte, so geschah es aus Liebe zu dem alten Herrn Häsekin und weil sie aus Pflichtgefühl fleißig war. Ihr Vater ging unterdessen umher, als brütete er wie ein Hamlet über Sein oder Nicht⸗ sein. Als königstreuer Mann, als den er sich fühlte, hatte bisher wohl in seiner verschwiegenen Brust die Erwartung geschlummert, daß er eines Morgens als Hofbäcker aufwachen könnte. Nun hatte die Aeußerung seines Neffen in ihm gleich dem Gruße der Hexen in Macbeth einen un⸗ gemessenen Ehrgeiz entzündet. Ja, warum sollte er zunächst nicht wenigstens Stadtverordneter werden? Fühlte er doch das Zeug in sich, für alles Alte, wenn es auch schlecht war, fest zu stehen wie eine Säule, das Bessere nieder⸗ zustimmen und auf jeden Wink von Oben zum Kotau geschickt! Und er begann sich auf seine höhere Laufbahn vorzubereiten, indem er seinem Stammtisch im Prinzregenten allmälig untreu wurde und dafür zum Frühschoppen in ein Weinhaus ging. Wann irgend wo, so mußte er hier im Verkehr mit den feineren Gästen feine Manieren und feine Sprache lernen. Seinen breiten ostpreußischen Dialekt, an dem ihn zu seinem geheimen Aerger Jeder erkannte, sowie er den Mund auftat, wurde er freilich nicht los. Dafür stopfte er sich den Kopf mit Fremdworten voll und die Beharrlichkeit, mit der er dieselben falsch anwendete, hatte fast etwas Rührendes, da er von den Schnitzern keine blasse Ahnung hatte. Er war darin groß, wie in Allem. Und dann zu Hause sein Bericht über das, was er bet dem Frühschoppen gehört hatte, die feinen und vornehmen Leute, mit denen er dort ver⸗ kehrte, die er alle bei Namen nannte, die Alle seine Freunden waren und ihn nie anders an⸗ redeten alslieber Adersen. Er selbst war aber auch ungeheuer nobel gegen sie und in seinem Geldschrank lagen etliche Scheine, welche die Unterschriften seiner vornehmen Freunde trugen. Davon sprach er jedoch nie. (Fortsetzung folgt.)

Allerlei. Die Mutter als Erzieherin.

Du sollst nicht prügeln! Küte dich, proletarische Mutter, vor der Freundschaft mit Stock und Rute! Sie sind keine echten Freunde; sie gaukeln dir im Augenblick des Zornes und der Aufregung einen Erfolg vor, der sich später als ein schlimmer Schaden erweist. Wohl kann ich es begreifen, wenn eine abgehetzte, müde Arbeiterfrau im Stocke das letzte Mittel sieht, um ihre fünf, sechs Kinder in Zucht zu halten. Ste weiß es nicht besser, sie selbst ist nicht anders erzogen worden. In ihren Bekannten kreisen wird es ebenso gemacht. Und eine gehörige Portion Prügel schafft vorübergehend Ruhe in der kleinen unruhigen Oppositionsgarde der Kinder. Aber nur vorübergehend! Der Stock überzeugt nicht das Kind, er bezwingt es nur, er vergewaltigt es. Im Kinde steckt viel Freiheitsdrang. Wir sollen uns dessen freuen, wir sollen darauf bedacht sein, dieses Freiheits⸗ und Oppositionsgefühl richtig zu leiten. Das heißt nicht, daß dem Kinde alles und jedes erlaubt sein soll. Das Kind soll sich schon in der Familie daran gewöhnen, die im Interesse aller Familienmitglieder aufge⸗ stellten Hausgesetze zu achten und zu beachten. Aber nicht durch barbarische Prügel gewöhnen wir das Kind an den Respekt vor dem Allge⸗ meinwohl. Es gibt andere Mittel, die für die Dauer wirksamer sind als die Prügelstrafe, und die nicht die gefährlichen Nebenwirkungen der Prügelstrafe haben. Durch die Prügel erziehen wir unsere Kinder zur Knechtseligkeit. Wer als Kind den Stock fürchten gelernt hat,

wird auch als Erwachsener den Stock fürchten,

sei es der Büttel der Polizei oder der Korporal⸗ stock oder die Hungerpeitsche des Kapitalisten. Wem als Kind die Würde vor sich selbst her⸗ ausgeprügelt worden ist, der dient später der herrschenden Klasse als würdeloses Objekt, der schändet sich selbst, indem er sich zu Arbeits⸗ willigendiensten und ähnlichen Unwürdigkeiten hergibt. Wir aber wollen aus unseren Kindern selbstbewußte, aufrechte Charaktere machen. Wir wolleu, daß sie keine Furcht vor Menschen haben. Wir wollen, daß sie kämpfen für Frei⸗ heit und Menschenwürde. Darum fort mit Rute und Stock.

(h. sch. in der Frauen-Beilage derGleichheit.)

Splitter.

Wen das Wort nicht schlägt, den schlägt auch der Stock nicht.

Socrates. *

* *

Eins doch weiß ich, und dies Eine Gibt mir Kraft und Zubversicht: Keine Nacht war noch so dunkel, Der nicht obgestegt das Licht, Keines Winters Eis so feste, Daß der Lenz es nicht durchhieb, Keines Kerkers Wand so ewig, Daß die Zeit ste nicht zerrieb.

Anastastus Grün.

Humoristisches

In der Religionsstunde. Schulinspektor: Warum versteckte sich Saul, als man ihn zum Könige gewählt hatte? Lange sitzt die kleine Schaar stumm da, bis endlich der Sohn eines Gastwirts antwortet: Er war bange, er sollte wat utgeben.

Ein Ausnahmefall. Gegen einen freireli⸗ giösen Geistlichen war die Anklage wegen Gottes⸗ lästerung erhoben worden. Bei dem ersten Verhör, das er zu bestehen hatte, wurde seine Verhaftung verfügt, und ein alter Gerichtsdiener hatte den Auftrag, den Verbrecher vom Gerichtsgebäude nach dem Gefängnis zu bringen. Dem alten Manne mochte der junge an⸗ ständige Mensch leid tun, er sagte daher zu ihm:Hier habe ich zwar Schließzeug und könnte Ste fesseln, aber ich will Sie ungeschlossen durch die Stadt transportieren. Hoffentlich machen Sie keinen Fluchtversuch! Der Verhaftete erklärte darauf, daß er die Folgen für sein Tun auf sich nehme, denn er habe nur die Wahrheit verkündet und denke gar nicht daran, jetzt feige zu fliehen. Darauf fragte der Beamte erstaunt:Ja, weshalb sind Sie denn eigentlich angeklagt?Wegen sogenannter Gotteslästerung, erwiderte der Geistliche.Sooo, wegen Gotteslästerung? sagte der Gerichtsdiener gedehnt und fügte dann noch hinzu:Wie ich hörte, daß Sie Prediger seien, habe ich selbstverständlich geglaubt, daß Sie wegen Sittlichkeitsverbrechens angeklagt sind.

(Aus dem Simplizissimus.)

Litterarisches.

Die Schiller Märznummer ist soeben im Verlage der Buchhandlung Vorwärts erschienen, Sie umfaßt 16 Seiten und ist auf Illustrationsdruckpapier hergestellt. Das Titelbild ist eine Reproduktion von Danneckers Schillerbüste. Außerdem enthält die Nummer Bilder von Personen und Oertlichkeiten, mit denen Schiller in Berührung gekommen ist, Handschriftsproben, zwei Porträts Schillers, seine Totenmaske und Titel⸗ blätter. Ferner findet sich in ihr der von den Bilder⸗ büchern der bürgerlichen Literaturgeschichte vielfach unter⸗ schlagene Bürgerbrief der französischeu Revolution in Facsimilewiedergabe. Textlich beginnt das Heft mit einem Lebensabriß des Dichters aus der Feder Friedrich Stampfers. Lilly Braun entwirft eine Charak⸗ teristik der bedeutendsten Frau, die in Schillers Schicksal eine Rolle spielt, der Charlotte von Kalb, und zeichnet in dieser Charakteristik zugleich das Verhältnis Schillers zu den Frauen. Ueber Schillers Ideal smus schreibt Kurt Eisner, Schillers Mission auf dem Theater stellt John Schikowski dar. Was Schiller in der Schule ist und was er für sie bedeuten könnte, erörtert Edu ar d David. Endlich gibt Molkenbuhr als alter Lassal⸗ leaner eine lebendige Schilderung von dem Einfluß, den Schiller in den Entstehungsjahren der deutschen Sozial⸗ demokratie als Prophet der Freiheit und des Idealismus auf das Erwachen der Arbeiterschaft ausgeübt hat.

Diese Schillernummer ist für 20 Pfg. in der Expedition derMitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung zu haben.

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