Ausgabe 
24.9.1905
 
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Nr. 39.

Gießen, den 24. September 1905.

12. Jahrgang.

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Sonnt

Mitteldeutsche

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Der Jenaer Parteitag.

Fast alle unsere bisherigen fünfzehn Partei- parlamente, die seit dem Falle des Sozialisten gesetzes abgehalten wurden, tagten in Groß⸗ städten. Als diesjährigen Tagungsort wählte man das reizend an der Saale gelegene thüringische Kleinstädtchen Jena und damit ist sicher kein Mißgriff gemacht worden. Die rings bon Bergen eingeschlossene Stadt macht auf jeden Besucher an sich schon den freundlichsten Eindruck und das entgegenkommende Wesen der Bevölkerung trägt dazu nicht wenig bei, daß der Fremde sich hier sehr bald heimisch und wohl fühlt. Unsere Parteifreunde haben auch für gute Unterkunft der Abgesandten der deutschen Sozialdemokratie gesorgt, man hört in dieser Beziehung keine Klagen. Dazu kommt, daß das Lokal, in welchem der Parteitag unterge⸗ bracht ist, nichts zu wünschen übrig läßt. Noch nie stand dazu ein so schöner und geräumiger Saal zur Verfügung, als dasVolkshaus in Jena. Dieser prächtige Bau gehört der Karl Zeiß⸗Stiftung. Er wurde erst vor wenigen Jahren vollendet und das Hauptverdienst an diesem Werke gebührt dem im vorigen Jahre verstorbenen Leiter der Zeiß'schen(optischen) Fabrikwerke, dem rühmlichst bekannten Professor Abbe. Das Porträt dieses edlen und tüch⸗ tigen Mannes, dem die Arbeiterschaft des ge⸗ nannten Betriebes bedeutende Besserungen ihrer Arbeitsverhältnisse zu verdanken hat, der auch unserer Partet nahe stand und sie mit seinen reichen Mitteln unterstützte und förderte, ist auch auf der Bühne des Saales neben den Büsten von Marx, Lassalle, Engels und Lieb⸗ knecht aufgestellt. Seinem Wirken widmeten bei der Eröffnung des Parteitags sowohl der Vertreter der Jenaer Genossen, wie auch Bebel warme Worte der Anerkennung.

Am Eingange des Volkshauses sind zwei hohe Obelisken errichtet, deren Füllungen mit rotem Tuch überspannt und die durch eine Girlande verbunden sind. Von herab winkt eine rote Fahne dem EintretendenWill⸗ kommen zu. In der Nacht zum Sonntag wurde diese Dekoration mit einer Säure be⸗ gossen und zum Teil beschädigt, es war jedoch möglich, den Schaden wieder auszubessern, so daß von den Spuren des Bubenstreiches nur noch wenig sichtbar war. Im Saale selbst ist die Dekoration so maßvoll angewandt, daß das eigenartige, vornehm einfache Gepräge des mächtigen Saales vollständig erhalten blieb. Im Saale selbst stehen an den Seiten nur einige Blattpflanzen, während die Tische mit roten Blumensträußen geschmückt sind. Eine rößere Dekoration zeigt nur die Bühne. Ihre

ölbung umspannt eine Draperie, auf der die Parteitagsorte mit der Jahreszahl und das Karl Marxsche Wort:Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! mit leuchtenden Buchstaben eingezeichnet sind.

Am Sonntag Abend war der etwa 2000 Personen fassende Saal lange vor der Er⸗ öffnungsstunde dicht besetzt. Die Teilnehmer⸗ zahl ist eine weit größere als in früheren Jahren; einschließlich der Reichstagsabgeord⸗ neten sind über 300 Delegierte anwesend, außer⸗ dem viele ausländische Gäste. In Massen waren die Parteigenossen aus Jena und Um⸗ gebung herbeigeströmt. Punkt sieben Uhr be⸗

trat ein starker Sängerchor die Bühne, der ein eigens für den Parteitag gedichtetes Begrüßungs⸗ lied in exakter Weise zum Vortrag brachte. Darauf ergriff Veber⸗Jena das Wort und hieß die Delegierten herzlich willkommen. Er freue sich, den Parteitag in diesem schönen Saale begrüßen zu können. Aber obwohl dieser den Parteigenossen zur Verfügung stehe, sei in Jena der Klassenkampf nicht weniger heftig ge⸗ wesen als in anderen Orten. Wenn die Ar⸗ beiterbewegung in Jena trotzdem erfreulich vor⸗ wärts gegangen sel, so sei das die Folge stets obwaltender Einigkeit zwischen den beiden großen Armeen der Arbeiterbewegung, der politischen Partei und den Gewerkschaften.(Bravo.) Das Volkshaus verdanke Jena dem erst kürz⸗ lich verstorbenen Professor Abbe, den jetzt nach seinem Tode Viele für sich reklamieren, der aber im Leben nichts mit jenen Leuten gemein hatte, die die heutige Ordnung für richtig halten und daran nichts ändern wollen, daß auf der einen Seite der Reichtum, auf der anderen der Massenarmut stetig wächst. Abbe sei kein eingeschriebenes Mitglied der Partei gewesen, aber jedesmal habe er mit den Arbeitern gegen jedes Unrecht und jede Unterdrückung Schulter an Schulter gestanden und die Arbeiter, falls ste einmal dem Erlahmen nahe waren, zu neuem Vorgehen angespornt.

Reduer erinnert an die Kämpfe Abbes und der Jenenser Arbeiterschaft gegen das Mini⸗ sterium v. Wurmb, das jede Versammlungs⸗ freiheit unterdrückte und sogar Versammlungen mit dem harmlosen ThemaWie der Großvater die Großmutter nahm(Große Heiterkeit) un⸗ möglich machte. Er erinnerte an die letzten Wahlkämpfe und den Verrat der National- sozialen, die dem nationalliberalen Agrarter und Fleischverteuerer Lehmann zum Siege ver⸗ holfen haben, und ging dann auf die Geschichte der Partei in Jena ein. Die Gegner erhofften vom diesjährigen Parteitag ein Jena für die Sozialdemokratie. Der Parteitag werde diese Hoffnungen zu Schanden machen und, wenn auch Differenzen hier und da beständen, doch Beschlüsse fafen, die die Partei durch neue Kämpfe zu neuen Siegen führen würden.

Mit lebhaftem Beifall wurden Lebers Worte aufgenommen. Darauf erschten, stürmisch be⸗ grüßt, der greise August Bebel am Redner⸗ pult. Nachdem er den Jenaer Genossen für den freundlichen Empfang namens der Partei⸗ leitung gedankt, fährt er fort:

Allerdings hat hier die Partei erst in den letzten Jah ren an Boden gewonnen. Aber schon vor 36 Jahren habe ich hier auf Einladung einiger Freunde, vor allem des Dr. Sy und Professor Abbe, vor einer erlauchten Versammlung von lauter Professoren, Doktoren und Studenten eine Rede gehalten. Ich habe mir Mühe gegeben, sie möglichst gut zu halten, aber ich glaube nicht, daß ich uns damals hier neue Anhänger geworben habe. Auf vielen Reisen hierher habe ich dann noch den Mann näher kennen gelernt, dem mein Vorredner soeben Worte der wärmsten Anerkennung gewidmet hat. Ich habe den trefflichen Mann kennen gelernt als Mensch, als Parteimann, und vor allem auch als Mann der Wissenschaft, in der er ein erster Stern seines Faches war.

Aber wenn auch nicht auf parteihistorischem Boden, so stehen wir doch hier auf historischem Boden. Hier wurde vor fast 100 Jahren der preußische Staat, der seit der Zeit Friedrichs des Großen ganz in der Gewalt des Junkertums war, zertrümmert und zer⸗ schlagen. Als am 14. Oktober 1806 bei Jena und Auerstädt

das alte Preußen in Stücke zerschlagen war, da zeigte sich das preußische Junkertum in seiner ganzen Feigheit und Erbärmlichkeit, da übergab es widerstandslos alle Festungen, kroch in der feigsten, elendesten Weise vor Napoleon zu Kreuze. Wie schnell vergaß nach 1815 das Königtum diese Lehre! Bald war das Junkertum wieder im Besitze der vollen Macht und mißbrauchte sie nach Junkerart auf Kosten des Volkes. Das Bürgertum zeigte sich 1848/49 wie nach 1871 unfähig, die günstigsten Situationen für sich auszunutzen. Jetzt macht es selbst die Lebensmittel⸗ verteuerung, den ganzen Zollwucher mit; denn es sieht jetzt im Junkertum seinen letzten Hort, seine letzte Stütze.

Als wir auf dem letzten Parteitage zusammen waren, wütete noch im fernen Osten der Krieg. Unaufhörlich hat seitdem das russische Knutenregiment, ein Regiment, wie es schmachvoller und schandbarer nie bestanden hat, Schläge erhalten, ist das große russische Kaiserreich, vor dem die deutsche Regierung wie ein Schuhputzer auf den Knieen gerutscht, von dem kleinen Japan schmählich geschlagen worden. Das sind folgen⸗ schwere Ereignisse. Endlich ist auch der Osten der Welt der modernen Kultur erschlossen worden; er ist bereit, eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Welt zu spielen. Nun war freilich durch seine Niederlagen Ruß⸗ land das Schiedsrichteramt in Europa genommen, das es durch den Krieg von 1870/71 gewonnen hatte. Mochte es auch unseren Genossen in Rußland, den In⸗ tellektuellen und der gesamten revolutionären Bevölkerung, noch nicht gelingen, Rußland im einen halbwegs modernen Kulturstaat umzuwandeln, so war Rußland jedenfalls, wie Preußen nach Jena, gezwungen, neue Bahnen zu wandeln.

Aber diese für uns so günstige Situation ist durch das unglaubliche Ungeschick unserer Staatsmänner in ihr Gegenteil verkehrt worden. Die Kraft des alten Zweibundes war nach den füngsten Kriegsereignissen auf unabsehbare Jahre zum mindestens latent. Da hat man es verstanden, durch einen Schlag das bessere Verhältnis mit Frankreich zu vernichten und England zur Bundes⸗ genossenschaft mit Frankreich geradezu zu zwingen. Das ist die famose Folge unserer Marokkopolitik, der Reise nach Tanger, der Drohungen und Anfragen an den Generalstab, ob er gerüstet sei, die genügten, in Frank⸗ reich den Glauben an die Gefahr eines Ueberfalles all⸗ gemein zu machen, mochte auch Deutschland keineswegs ernsthaft zum Kriege entschlossen sein. Jedenfalls haben diese Vorkommnulsse gezeigt, wie das Geschick der Völker noch an Zwirnsfäden hängt, wie trotz aller Demokrati⸗ sierung der Sitten die Herrschenden noch immer glauben, despotisch über das Geschick der Völker entscheiden zu können. Dabei wird im Innern die Reaktion immer mächtiger und unverschämter. Ueber die Fleischnot, von der Millionen und Abermillionen in ihrem Lebens⸗ nerv getroffen werden, wird von der Ministerstelle aus in der schnoddrigsten und frivolsten Weise gehöhnt und gespottet.

In Hamburg und Lübeck wird den Arbeitern das Wahlrecht geraubt, die Machenschaften gegen das Reichs⸗ tagswahlrecht sind im vollen Gange. Wir sind nicht über den Berg, wir stehen erst vor ihm. Darum müssen wir immer mehr die Masse des Proletariats in unsere Reihen hineinziehen, um für alle kommenden Kämpfe gerüstet zu sein. Das wird als leitender Gedanke auch unsern Parteitag beherrschen.

Wer auf ein Jena unserer Partei gehofft hat, hat als Narr gehofft. Wohl sind unter uns Gegensatze in wichtigen Fragen vorhanden, aber wir können die Kämpfe in einer Form führen, die nicht immer größere Ver⸗ wirrung und Unruhe unter den Parteigenossen stiftet. Die Differenzen können und sollen nicht ausgeschieden werden. aber wir brauchen den Streit uicht zum Gau⸗ dium für unsere Feinde und Gegner zu führen. (Sehr wahr!)

Wir hoffen mit größter Bestimmtheit, daß dieser Parteitag der Welt zeigen wird, daß sich die deutsche Sozialdemokratie ihrer historischen Mission voll bewußt