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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 30.
Von Nah und Fern.
Hungerlöhne im Reichsdienst.
Vor dem Schwurgericht in Osnabrück hatte sich vor kurzem ein Landbriefträger wegen Unterschlagung zu verantworten. Der Glück⸗ liche bezog den horrenden Tagelohn von 1.80 Mk., wovon noch 20. Pfg. an jedem Tage für die Kleiderkasse abgezogen wurden. Als er mit diesen 1.60 Mk. nicht auskam, vergriff er sich an amtlichen Geldern und wurde jetzt vom Schwurgericht zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Der Verteidiger bemerkte in seinem Plaidoyer:„Man solle es kaum glauben, daß das Deutsche Reich seine vereidigten Angestellten so kümmerlich besoldet, daß sie mehr an den Schuhsohlen ablaufen, als ihnen übrig bleibt, wenn sie ihr Essen bezahlt haben!“ Diese Kritik ist noch viel zu milde.
Der Gemaßregelte beim Rettungswerke.
Zum Unglück auf der Zeche„Borussia“ wird unserm Frankfurter Parteiorgan folgende Episode mitgeteilt:„Als am Montag nachmittag die totbringenden Dämpfe dicht aus dem Un⸗ glücksschacht„Borussia“ emporstiegen, und die eigne Belegschaft meist erschöpft von der Ret⸗ tungsarbeit ausfuhr, erging an die Umher⸗ stehenden der Ruf:„Freiwillige Rettungs⸗ mannschaften vor!“ Da trat als einer der ersten der Bergmann Hansmann aus Eichlinghofen aus der Reihe und fuhr in den Schacht ein, um die noch vermißten 40 Kame⸗ raden bergen zu helfen. Hansmann beteiligte sich hervorragend von 1 Uhr nachmittags bis fast 11 Uhr nachts an dem kameradschaftlichen Liebeswerk, drang bis wenige Meter zu der Brandstelle vor, leider versperrten aber nun die Brandgase den todesmutigen Rettungs⸗ mannschaften ganz den Weg. Sie mußten um⸗ kehren und kamen total erschöpft, teilweise halb bewußtlos, zum Tage zurück. Hier stand ein Beamter und notierte die Namen. Es entspann sich folgendes Gespräch:„Wie heißen Sie?“ „Heinrich Hansmann!“„Auf welcher Zeche arbeiten Sie?“„Auf keiner Zeche, ich bin wegen des Streiks gemaßregelt!“ Verlegene Gesichter. Hansmann ist nämlich das Mitglied der Siebener⸗Kommission, Vor⸗ standsmitglied, einer der bekauntesten Führer des Bergarbeiterverbandes und ein führender Parteigenosse. Er lief vergeblich von einer Zeche zur andern; überall steht er auf der schwarzen Liste! Und dieser Mann, gehetzt vom humanen“ Kapital, setzt sein Leben aufs Spiel, fährt zur Rettung der„Borussta“- Opfer ein— und steht hernach wieder als Opfer des kapita⸗ listischen Terrorismus auf der Straße!—
Christliche„Erziebung“.
Unglaubliche Zustände in der städti⸗ schen Kinderbesserungsanstalt in Dres⸗ den bringt eine Eingabe des dortigen„Vereins der Kinderfreunde“ der Stadtverwaltung zur Kenntnis. Es heißt in diesem Schriftstück:
„Der Direktor faßte die Anstalt als strenge Strafanstalt auf und machte aus dieser Auf⸗ fassung kein Hehl. Es waren nicht allein die ihre Vergehen abbüßenden, in Einzelhaft unter⸗ gebrachten, bereits strafmündigen Gefangenen, denen er jedes Recht auf Erbarmen absprach, sondern auch Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren, die sich zur Erziehung und Besserung dort befanden, denen er jede Freude, ja, die geringste Zerstreuung auch in den Freiviertel⸗ stunden verwehrte.„Der Direktor zeigte uns die kleinen offenstehenden Schränkchen der Knaben und tadelte den Aufseher, weil er kleine aufgelesene Holzstückchen nicht fortgenommen, mit denen die Kinder spielten, wobei er aus⸗ drücklich hervorhob, daß der Aufenthalt in der Anstalt durchaus nichts Erfreuliches haben bürfe.“ Von empörender Härte und Unbarm⸗ herzigkeit zeugten dabei die Strafen: bis zu preißig Stockschlägen vor versammelter Klasse bei Knaben und Mädchen.“
Soll das etwa„christliche Liebe“ sein? Man denke: Kindern von 7—14 Jahren wird jede kleine Freude verwehrt! Jedem fühlenden
Menschen krampft sich das Herz zusammen, wenn er von einer derartigen lieblosen Behand⸗ lung hört. Auf diese Art erzieht man doch keine freien, lebensfrohen Menschen, sondern heimtückische Verbrecher. So wird aber in den Muckeranstalten meistens verfahren.
Entgleiste Diener Gottes.
Die Strafkammer in Stettin verurteilte den evangelischen Pfarrer Stempel aus Tempelburg wegen Sittlichkeitsverbrechen zu 9 Monaten Gefängnis.— Der Untersuchungs⸗ richter bei dem Landgericht Koblenz erläßt gegen den 45 jährigen katholischen Pfarrer Rudolf Riesen einen Steckbrief wegen Sittlichkeits⸗ verbrechens mit dem Exsuchen, ihn zu verhaften und in das nächste Gefängnis abzultefern.— Ferner wird der Kasseler Allg. Ztg. aus Fulda berichtet, daß der in einem Nachbarorte statio⸗ nierte katholische Pfarrer Klüppel seine Haus⸗ hälterin Fräulein Faust verleitet habe, einen Meineid zu schwören. Die Haushälterin wurde deshalb verhaftet. Den Anlaß zu der Angelegenheit, um derentwillen der Pfarrer die Haushälterin zum Meineid verleitete, gab ein Pferdekauf mit einem Fuldaer Pferdemetzger. In der frommen Fuldaer Dizzese brannte erst kürzlich der„Seelsorger“ Goldbach von Hans⸗ wurz mit 24000 Mk. Kirchengeldern und sciner Haushälterin durch.
* Teures Hoch. Die Strafkammer in Sieg⸗ burg verurteilte kürzlich den Bergmann Wilh. Janzen zu 3 Monaten Gefängnis, weil er in der katho⸗ lischen Kirche„Hoch Bebel“ gerufen hatte. Hätte er lieber ein Kaiserhoch gebrüllt, das hätte ihn vielleicht das allgemeine Ehrenzeichen eingebracht!
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8 Cril.
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2 Der Pfarrer als Wettermacher.
In einem ungarischen Dorfe war vor zwei Monaten der alte Pfarrer gestorben; zahlreiche Kandidaten hatten schon ihre Probepredigten ge⸗ halten, aber die Gemeinde hatte keinen angestellt, da keiner die von ihr gestellten Bedingungen zu erfüllen sich bereit erklären konnte. Die Bauern hatten nämlich verlangt, daß der Pfarrer sich dafür verbürgen sollte, daß seine Gebete um Sonnenschein oder Regen, je nachdem die Ge⸗ meinde ersteres oder letzteres verlange, vom lieben Herrgott auch erhört würden, denn sagten sie, was nützt uns ein Pfarrer, dessen Gebete nicht erhört werden!.
Endlich meldete sich eines Tages ein neuer Probekandidat. Die Probepredigt war zu all⸗ gemeiner Zufriedenheit ausgefallen. Die etwas in freier Richtung gehaltene Rede des jungen Geistlichen war ganz nach dem Sinne der Dorf⸗ bewohner. Nichtsdestoweniger befragte man ihn bei dem darauffolgenden Festmahle, das beim größten Gutsbesitzer des Dorfes, Paksy, abge⸗ halten wurde, ob er auch um die Bedingungen der Wähler wüßte.
Zu allgemeiner Ueberraschung erklärte der Kandidat, daß, wenn die geehrten Wähler sonst kein Bedenken hegten, er für diese eine leichte Bedingung einzustehen sich verpflichte. So wurde er denn gewählt.
Es war zu Anfang des Sommers an einem Sonntag, gerade eine Woche nach der Installation, als man schon in aller Frühe an der Tür des neugebackenen Pfarrers anklopfte.
Es stellte sich eine kleine Deputation, mit dem Gutsbesitzer Herrn Paksy an der Spitze, ein, und ersuchte den Pfarrer, da doch die ganze Woche hindurch die Sonne geschie en, für den nächstfolgenden Tag einen erfrischenden Regen beim himmlischen Vater gütigst bewirken zu wollen. Dabei wurde der Angeredete scharf ins Auge gefaßt, ob sich doch nicht eine kleine Verlegenheit in seinem Gesicht zeigen würde.
Dieser jedoch zeigte die allerunbefangenste Miene der Welt. Er fragte nur im gelassenen Tone, ob, da es, wie bekannt, verschiedene Arten
von Regen gabe, man ein anhaltendes Gewiller
wünsche, ob es in Strömen gießen solle oder
ob den Herrschaften mit einem stillen Regen
mehr gedient wäre..
Herr Paksy und seine Begleiter starrten einen Augenblick sprachlos auf den Sprecher. Es wurde ihnen etwas unheimlich zu Mute und ste stellten sich im Stillen die Frage, ob ste am Ende ihre Kanzel— statt dieselbe, wie es sich ziemt, mit einem gottesfürchtigen Geistlichen zu besetzen— nicht etwa an einen modernen Hexen⸗ meister vergeben hätten.
Laut aber entschieden sie sich für einen stillen a Regen und verabschiedeten sich eiligst.
Der junge Pfarrer begleitete seine Gäste bis in den Hausflur. Dann rief er ihnen plötzlich nach:
„Pardon, meine Herren! Gestatten Ste mir noch eine Frage!“
Und als sich diese unwillig umgewendet:
„Es ist ja nur der lieben Ordnung halber. Ich bin nämlich nicht sicher, daß Sie mit dem stillen Regen auch den Wunsch meiner gesamten Wähler— wee ich weiß, sind es ihrer 654— ausgesprochen haben.“
Die löbliche Deputation riß die Augen weit auf. Nein, das hatten sie nicht getan. Man hatte es auch garnicht für nötig erachtet, sie nach ihrem Wunsche zu befragen, und es für genügend befunden, wenn der Geistliche mit seinem Gebet dem Willen der Ersten des Dorfes eutspräche. 5
Der junge Pfarrer aber war einer anderen Ansicht. Er meinte, da er doch sein Gehalt von allen Wählern bezöge, so wäre es auch seine Pflicht, den Wünschen aller gerecht zu werden, um so mehr, weil es vor dem himm⸗ lichen Vater keinen Größeren und keinen Ge⸗ ringeren gäbe. Dann aber fügte er sofort in beschwichtigendem Tone hinzu, er hege keinen Zweifel, daß diese„Kleinigkeit“ in kürzester Zeit geordnet sein würde und daß er hoffe— da es noch bis zum Gottesdienste ein paar Stunden währe—, den nötigen Bescheid noch zur rechten Zeit zu erhalten.
Die Herxen müssen jedoch wahrscheinlich einer anderen Ansicht gewesen sein, denn ste verließen nun mit hängenden Köpfen und langen Ge⸗ sichtern die Pfarre.
Der erwartete Bescheid aber war dem jungen Pfarrer nicht zugeschickt worden und als er zur üblichen Zeit die Kirche betreten wollte, fand er dieselbe vollständig leer. Bald aber klärte sich die Sache auf.
Das ganze Dorf war nämlich in dem der Kirche gegenüberliegenden geräumigen Hofe des Paksy versammelt, und die Laute der in hohem Ton geführten Diskussion klangen bis zu ihm herüber. 5
Eine kräftige Tenorstimme rief gerade:
„Was, morgen soll's regnen, wo mein Heu zerstreut auf dem Felde liegt? Das würde ich mir aber ernstlich verbeten haben!“
Ein anderer Opponierender schrie:
„Ich fordere die ganze Woche hindurch an⸗ halteude Dürre!“
Und in dem Tone ging es weiter fort.
Der Geistliche kehrte mit einem eigentüm⸗ lichen Lächeln in sein Haus zurück.
Nach einer Weile hielt er es aber doch für angezeigt, sich nach seiner christlichen Heerde umzusehen.
Am Himmel schien die klare Sonne, im Hofe des Paksy war aber mittlerweile das Gewitter losgebrochen. Die lieben Leute be⸗ fanden sich nämlich in einer regelrechten Prügelei. Es regnete von allen Seiten tüchtige Hiebe und die Blitze dazu lieferten die blau geschlagenen Augen.
Es hatten sich drei Parteien gebildet.
Die eine war für stillen Regen, die zweite für Ströme und die dritte für anhaltende Dürre.
Nicht ohne Belustigung hatte der junge Pfarrer eine Weile stumm der in ihrer Art urkomischen Szene zugesehen, dann aber schwang er sich auf einen in der Mitte des Hofes stehenden Felsblock und bat mit dröhnender Stimme um ein paar Augenblicke der Ruhe, die ihm nach kurzem Widerstreben auch gewährt wurden.
Hierauf hielt der junge Pfarrer— dem es
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